Viktor Eduard Prieb - Literatur
- Prosa

Die Beichte eines kranken Menschen
oder darüber, wodurch die Schizophrenie kommt




(Aus dem Buch "Der Zug fährt ab"

www.literatur-viktor-prieb.de



Wie Vernunft zu einer Berufskrankheit wird
oder darüber, was eigentlich zu beichten ist


Bei mir hat sich während fünfzehn Jahre meines wissenschaftlichen Arbeitslebens eine grassierende Berufskrankheit entwickelt. Unter dem einfachen Volk wird sie als Vernunft bezeichnet und erfolgreich bekämpft. Umso erfolgreicher, dass sie nicht ansteckend ist. Bei mir offenbart sie sich daran, dass jedes exbeliebiges Objekt, dem mein Augenmerk auch gelegentlich und sogar zufällig gilt, automatisch und sofort einer logischen Analyse und Synthese in meinem Kopf unterworfen wird.

Dieses Instrumentarium wurde in einem langjährigen Ausbildungsverfahren bei mir installiert, ich habe es geeignet und verdiene sogar mein tägliches Brot damit, wenn ich es in der Wissenschaft anwende.

Wenn ich dieses aber im alltäglichen Leben anwende, dann ist es schon eine Krankheit. Davon überzeuge ich mich in jedem Lebensmittelladen, in jedem Amt und sogar in jeder Nichtforschungsabteilung unseres Forschungsinstituts. Sie sagen mir auch so direkt: "Bist du krank oder was?", wenn ich zum Beispiel in einen leeren Fleischladen hineinmarschiere und mit meiner kranken Logik nach Fleisch frage.

Dies alles hatte aber mit mir noch in meinen jungen Wissenschaftlerzeiten begonnen, durch die Kondukteure im öffentlichen Verkehr verursacht. Diese hatten es sich zur Hauptaufgabe gemacht jeden Fahrgast auseinander zu nehmen, zu beschimpfen und zu erniedrigen, eher er noch im ewig herrschenden Gedränge hätte dazu kommen können seine Münzen aus der Hosentasche, und zwar aus der Eigenen, zu holen und ein Ticket bei ihnen zu kaufen.

Nach einpaar sinnlosen, dafür aber sehr schmerzhaften Versuche mich bei den Kondukteuren nach der Logik ihres Verhaltens zu erkundigen und ihnen meine grundlegende Unschuldklausel aufzutischen, wollte ich schon damals im Eifer mit der Wissenschaft aufhören und zur Hauswartschaft wechseln.

Zum Glück wurden bald überall im öffentlichen Verkehr Kassen und Entwerter eingeführt, die diese Kondukteure ersetzt haben. Seitdem - ich gebe es zu - streichele ich, von anderen Fahrgästen ungemerkt, das eiserne Maul dieser unterschätzten menschlichen Erfindung immer dann, wenn ich meinen Fahrschein zum Entwerten hineinstecke. - Nur so, zum Andenken an meinen damaligen eifrigen jugendlichen Impuls.

Ermuntert durch dieses Lächeln des Schicksals, war ich doch bei der Wissenschaft geblieben. Seitdem entwickelte ich aber auch ein strategisches Abwehrsystem: Alle Ämter hatte ich zu einem Minimum reduziert, das ihr Maximum ohne Verlust der allgemeinen Lebensfähigkeit nur ermöglicht.

Weil es sehr schwierig war, den Konsum von Waren unter das Minimum zu bringen, das in Läden ohnehin angeboten wird, konzentrierte ich nunmehr darauf meine Kraft und meine - inzwischen mittleren Alters - Gesundheit, die ich bis heute noch aus Überlegungen ihrer Bewahrung in medizinischen Institutionen nicht aufzutanken wage.

Am einfachsten war es mit dem Pressekonsum. Ich hatte die Presse durch meine Willenskraft aus meinem Aufmerksamkeitsfeld ausgeschaltet und das Syndrom der Bewusstseinsspaltung - das Hauptsyndrom meiner Berufskrankheit - nahm schnell ab.

So ging es einigermaßen, wenn man von internen Problemen absieht, wo meine Frau durch meine Berufskrankheit mehr als ich leidet, aber dann passierte es.

In die letzte Zeit versuchen alle über meine Berufskrankheit Bescheid wissenden Freunde mich zu überzeugen, dass die Presse heutzutage ganz anders geworden sei! Dass diese jetzt Menschen sogar zu ganzen Persönlichkeiten zu verhelfen versuche, statt ihr Menschenbewusstsein wie früher zu spalten.

Ich - ein in komplexen Lebenssachen erfahrener und mit meinem Abwehrsystem ausgerüsteter Mensch, auch noch ein Schlaumann in Sachen "Analyse-Synthese" - habe es mir hin und her überlegt und entschieden keinem etwas aufs Wort zu glauben, die ganze Presse von mir nach wie vor fernzuhalten und nur unsere heimische Regionalzeitung zu testen.

Ich muss zugeben, ohne sie besonders gelitten zu haben, denn dort drin wird doch das Fernsehprogramm für die ganze Woche veröffentlicht. Und ohne dieses Programm ist es bei meinem Abwehrsystem ganz schlimm: Ich hatte mich ja damals entschlossen auch im Fernseher nur Thriller und Krimis zu konsumieren, was sich ohne das Fernsehprogramm als fast unmöglich erwies. Du schaltest den Fernseher zur falschen Zeit ein, erwischst das falsche Programm und schon bist du gespalten. Es ist noch schlimmer, wenn du versuchst das Fernsehprogramm aus dem Radio abzuhören: Gleich bist du wieder gespalten und sogar total zersplittert.

Langer Rede - kurzen Sinn: Ich habe mich entschieden mein Instrumentarium auf irgendeine Frage von nebenan anzuwenden, und die Ergebnisse meiner Analyse unserer Zeitung zuzuschieben. Weiter wäre mein Plan klar: Höre ich wieder "Bist du krank oder was?" - bleibt alles bei mir weiter wie gehabt.

O weh! O weh! Das Leben hat mir gezeigt, wie sich meine Vorstellungen während der langen Nutzung meines Abwehrsystems vereinfacht haben. Eine Zeitung ist kein Lebensmittelladen: Die ist eine riesige Futterfabrik, wo man appetitliche Brötchen und Kuchen auftischt, die im Rausch und im stickigen Qualm der Küchenatmosphäre von Drecksbäckern daraus gebacken werden, was ihnen aus dem gesamten gesellschaftlichen Müllhaufen raufend rauszuholen gelingt.

Die Frage zur Analyse ist prompt da, ein von der Akademie der Wissenschaften gegebener Demokratieunterricht in unserem Institut. Wir - als Demokratieschüler - sollten einen ganzen Arbeitstag lang zusammensitzen und von allen Seiten über fünf Kandidaten diskutieren, welche den Wunsch geäußert hatten, zu unserem Direktor zu werden. Die Akademiemitglieder - als Demokratielehrer - sollten sich dann irgendwann zusammensetzen und unseren Direktor eigenhändig für uns wählen, damit wir es besser begreifen können, wie man so etwas überhaupt richtig macht.

Gerade diese Nuance habe ich jedoch nicht analysieren wollen, weil ich unter dieser Behörde arbeite, und es passt mir nicht, auch dort noch als ein Kranker zu gelten. Sie lassen mich dann weder eine Berufsunfähigkeitsrente kriegen - so eine Berufskrankheit wie meine steht unerklärlicherweise nicht auf ihrer Liste -, noch überhaupt weiter in der Wissenschaft tätig sein.

Es hat für meine Analyse schon das gereicht, was wir so alles während dieses Arbeitstages im Institut ausdiskutiert hatten. Als ich jedoch nach unserer Versammlung erfahren habe, dass ein Korrespondent dieser Zeitung dabei gewesen sein sollte, habe ich mir gedacht:

"Jetzt ist es aus! Freilich muss ich mir eine andere Frage für meinen Versuch aussuchen."

Dann habe ich doch die Redaktion angerufen und nach dem Artikel des Korrespondenten über unsere Versammlung gefragt. Die Antwort lautete:

- Ihn gibt es noch nicht, und es ist noch ungewiss, ob es ihn geben wird.

Daraufhin habe ich ihnen meine Testvariante angeboten. Dort - ohne mein hinterhältiges Vorhaben zu erkennen - sagte mir man:

- Warum nicht! Bring' deinen Artikel her. Werden mal gucken.

Dadurch beflügelt habe ich mich hingesetzt und folgenden Artikel geschrieben:

*


Wahlen-nicht-Wahlen
oder über die Politik der ruhigen Hand, die Futtertrognutzer,
den Viehbestand und die Mechanisatoren vom Radweg


Dynamische Entwicklung der Akademiewissenschaft in unserer Stadt passiert vor dem Hintergrund eines noch dynamischeren Prozesses von sozialen, ökonomischen und politischen Veränderungen im ganzen Lande - vor dem Hintergrund der Perestrojka.

Ich hätte gerne gesagt "vor dem Hintergrund und im Fahrwasser der Perestrojka", aber das ist eine prinzipielle Frage, und es bedarf einer ernsthaften Analyse so etwas sagen zu dürfen. Nach so einer Analyse muss man auch noch den Zeitpunkt angeben, zu dem diese Analyse gemacht wurde, wie es sich beim Vergleich zweier dynamischer Prozesse gehürt.

So eine Analyse kann man am Beispiel der in unserem Forschungsinstitut gerade stattgefundenen Wahlen von "auf den Direktorposten des Instituts zu empfehlenden Kandidaten" durchführen. So eine komplizierte Definition der zu analysierenden Situation bedeutet einfach, dass das Kollektiv des Instituts seine Kandidaten nur empfiehlt, indem dieses denen seine Vertrauensquoten ausspricht, während die Hauptversammlung der Akademiemitglieder dann das eigentliche Wählen tut - "Wahlen-nicht-Wahlen" sozusagen.

Das Institut ist hier in der Region durch die skandal?sen, in der Presse veröffentlichten Geschichten traurig bekannt geworden. Man kann sagen, ohne ins Detail zu gehen: Dies spricht dafür, dass es viele interne Probleme gibt, die zu lösen wären, aber nicht gelüst werden und sich dadurch immer weiter vertiefen und verschärfen. Mit dieser Vorgeschichte ist das Kollektiv des Instituts zu diesen Wahlen-nicht-Wahlen gegangen, die über zehn Stunden angedauert haben. Es ist ein Plebiszit gewesen. Eine Vollversammlung aller Mitarbeiter, die wie ein guter Roman ohne eindeutiges Finale geendet hat.

Nur eins ist doch erreicht worden: Die Versammlung hat allen Beteiligten zu verstehen gegeben, dass die Institutsprobleme nicht an einzelnen Intrigen und nicht an der naturgemäßen Inkompatibilität von Wissenschaftlern untereinander liegen. Dass diese viel komplizierter, viel tiefer und von viel größerem Ausmaß sind. Diese Probleme spiegeln auch die Probleme unserer ganzen Wissenschaft und sogar die Probleme unserer Gesellschaft wider, deren Lösungsnotwendigkeit schließlich die Perestrojka ins Leben gerufen hatte.

Diese Versammlung hat ein prozentuales Verhältnis zwischen zwei Kräften gezeigt. Eine wird von denjenigen vertreten, die eine Problemlösung vor allem in der Veränderung von wirtschaftlichen Verhältnissen im Institut sehen und konkrete Konzepte und Programme dafür vorschlagen. Zum Beispiel: Die Konsolidierung von vielfältigen, aber kaum miteinander zusammenwirkenden Forschungsthemen und Förderung der Kreativität von Wissenschaftlern durch Gewährung ihrer Unabhängigkeit und Selbstständigkeit, durch Entadministrierung ihrer Forschungsarbeit, durch Finanzierung auf der Wettbewerbsbasis nur von erfolgsversprechenden Themen und so weiter.

Die andere Kraft ist dadurch zu charakterisieren, dass sich ihre Vertreter in einer dichten Abwehrstellung verbarrikadiert haben und die wachsenden Probleme hinter den aufgeblasenen Erfolgen nicht sehen wollen, oder diese Probleme zu einzelnen Intrigen herabzusetzen eifern - die Politik der ruhigen Hand also. Nach dem Motto: Es gibt nichts zu lösen, wenn keine Probleme zu erkennen sind. Für so eine Position ist es nun zu gut bekannt und natürlich viele rosige und globale Perspektiven auszumahlen sowie laute Aufrufe und Parolen, statt konkreter Problemlösungskonzepte und Entwicklungsprogramme anzubieten.

Also, diese Wahlen-nicht-Wahlen sind doch zu Wahlen geworden. Für die Perestrojka, Demokratisierung, Belebung von wirtschaftlichen und sozial-politischen Verhältnissen, einerseits, und gegen dies alles, andererseits: Für die Bewahrung der alten, abgelebten stalinistisch-administrativ-befehlenden Verwaltungsmethode mit ihrem Akzent nicht auf die Fähigkeit ökonomisch zu denken und zu entscheiden, sondern auf die Durchsetzungskraft eines Administrators. Das Resultat zeigt, dass die zweite Kraft mit einem Stimmenverhältnis von sechzig zu vierzig Prozent gesiegt hat.

Versuchen wir zu verstehen, wer und was hinter diesen Prozentzahlen stehen, und was die demokratischen Kandidaten in ihren Wahlkämpfen zu berücksichtigen hätten.

In fünf seit der Institutsgründung vergangenen Jahren hat sich ein Kern von Mitarbeitern gebildet, welche vom Staat und von der Akademie einen "Futtertrog" erhielten, mit Wohnungen, Laborflächen, Themenfinanzierungen und beträchtlichen Gehältern gefüllt. Trotz der verständlichen und objektiven Ursachen derartiger Bescherung wird diese immer als das Resultat der Durchsetzungskraft des Direktors von der Administration verkauft und von diesem Kern angenommen.

Vielleicht spielte diese Kraft dabei auch eine Rolle, allerdings muss man dem dann auch ein "Leider" hinzufügen, denn es demoralisiert Menschen nur und stimuliert keineswegs Effektivität ihrer Arbeit und ökonomisch vernünftige Verhältnisse im Betrieb, wenn ihr Wohl nicht von ihrer Leistung, sondern von irgendwelcher übernatürlichen Durchsetzungskraft des Betriebsleiters und der Großzügigkeit des Staates abhängig ist.

Der Hauptverdienst des durchsetzungskräftigen Direktors besteht dabei nur darin, dass er diese niemandem persönlich, sondern dem ganzen Institut zu seiner schnelleren Entwicklung zustehenden Güter in den Futtertrog für diesen Kern verwandelt hatte, welcher sich unter der Ögide und Führung des Direktors befand und befindet. Darüber habe ich vor der Versammlung gesprochen und die Frage eines Leiters vom Kern an mich, woran ihre Privilegien konkret bestehen würden, ist offensichtlich eher von einer rhetorischen Bedeutung gewesen.

Die Größe jedes Futtertrogs ist jedoch begrenzt, die Institutsgröße stieg dagegen, dessen unbedacht, weiter an. Das Wachstum war und bleibt immer noch schnell und mehr quantitativ als qualitativ, ohne jede Auswahl von Spezialisten für eine konkrete, sich bereits etablierte oder auch vorgeplante Thematik, was an sich ganz vernünftig gewesen wäre, und eine kontinuierliche Effektivitätssteigerung der wissenschaftlichen Arbeit gewährleisten könnte. Dies entspr?che auch den Staatsinteressen und den dem Institut bevorstehenden Aufgaben.

Dies hätte jedoch gewisse Anstrengungen und viel Zeit gebraucht, was das formelle Gestaltungsstadium des Instituts in die Länge gezogen hätte und gar nicht im Interesse des Direktors läge. Er beansprucht ja unter den sich ergebenen Umständen die Rolle eines großen Wissenschaftsorganisators.

Diese Rolle wird in unserem Staat - leider muss ich freilich wieder mal hinzufügen - durch die Mitgliedschaft in der Akademie der Wissenschaften belohnt und ersetzt deswegen des öfteren die Rolle eines einfach großen Wissenschaftlers, hinter dem keine großen Kollektive, sondern eine, wenn auch kleine, aber sich auf höchstem Niveau etablierte Schule von guten Wissenschaftlern steht.

In dieser Situation hat der Direktor den neuangeworbenen Mitarbeitern die seinem Vorhaben passende Rolle eines primitiven, pro Kopf gezählten "Viehbestandes" zugeteilt. Es reichen ihnen weder Wohnungen noch Arbeitsflächen und Forschungsausrüstung mehr. - Kein Platz am Futtertrog also! Nichts außer ihrer nackten und meistens notdürftigen Gehälter, dafür aber viele großzügige Versprechungen des Direktors.

Von ihnen wird auch nicht viel verlangt. Sie haben weder wissenschaftliche noch irgendeine andere Leistung zu bringen. Nichts, außer der auf die Wissenschaftler seit eh und je von der Partei angesichts der Kolchosenmisere auferlegten Pflicht, die landwirtschaftliche Saisonzwangsarbeit zu leisten. Es wird von denen nur ihre Loyalität zur Administration stillschweigend erwartet. Das heißt, still zu sitzen, den "Viehbestand" darzustellen und auf die notwendigen Lebensgüter nun in regulären Warteschlangen zu warten. Die Zeit vergeht ja sowieso!

Wie der Kern, so auch der "Viehbestand" - obschon natürlich nicht alle von ihnen - stellen diejenigen "Mechanisatoren von der Wissenschaft" dar, welche nicht für ihre Leistungen, sondern für ihren "Radweg" entgolten werden und dementsprechend jeglichen sozialen und ökonomischen Reformen genauso wie die alten Parteifunktionäre und Administratoren heftigen Widerstand leisten.

Diese Widerstandskräfte hat Gorbatschow den Medienfunktionären klar und deutlich bei ihrem Treffen definiert. Eine sehr rechtzeitige und angebrachte Definition! Denn wir ziehen zu Felde gegen die Führungskräfte und vergessen dabei, dass der Administrationskader der beginnenden Demokratisierung keinen ernsthaften Widerstand ohne diese demoralisierte und ideologisch misshandelte Masse hätte organisieren können. Nicht nur der Kader auf der Seite des Direktors, sondern auch sechzig Prozent von Wahlbeteiligten sind gegen x-beliebige Veränderungen in unserem Institut.

Wer bestimmt aber die vierzig Prozent Stimmen für die demokratischen Kandidaten? Hier kann man zunächst auf Denkschlüsse verzichten, denn diese Mitarbeiter haben offen sowohl im Wahlkampf als auch vor der Versammlung aufgetreten, während die sechzig Prozent stumm da gesessen haben.

Nur ein Mal hat sich ein lautes Murren unter diesen Stummen im Saal verbreitet, als der Versammlungsvorsitzende nebenbei bemerkte, dass sich ein hochrangiges Akademiemitglied für einen unserer demokratischen Kandidaten ausgesprochen hatte. Sicherlich hat der Vorsitzende mit dieser Bemerkung eine Wahlprozedur-Fahrlässigkeit zugelassen, aber nun wirklich keine dieses Murren verdienende und die Wahl so grundlegend beeinflussende Fahrlässigkeit.

Es hat bestimmt keinen von Wählern mit Grundsätzen irritiert. Es hat nämlich nur diejenigen irritiert, welche - sich um die Meinung ihres "Futtertrogsleiters" herum versammelt - eine Alternativmeinung eines höher gestellten Leiters desselben Futtertrogs plötzlich erfuhren. Von welchen Grundsätzen kann hier die Rede sein! Dieses Murren ähnelt dem Klappern eines Windhahnes, welcher einem plötzlichen und scharfen Seitenwindstoss ausgesetzt wurde.

Zu diesen vierzig Prozent gehören bestimmt Physiker-Theoretiker, welche man angesichts der Gründungsgeschichte eher zum Kern zählen kann, deren professionelle Spezifik sie dann aber doch zu mehr Courage gebracht hat. Diese Spezifik lässt eine Arbeit ohne Kreativität und unter den Bedingungen nicht dulden, bei denen Grundlagenforschungen vernachlässigt und kaputtadministriert werden.

Vom Viehbestand zählen dazu eindeutig diejenigen "Wilden", die ins Institut als reife Wissenschaftler mit eigenen wissenschaftlichen Forschungsthemen und Forschungserfahrungen sowie mit einem zu ihrer Realisierung ausreichenden Potential gekommen sind und sich nicht ruhigstellen lassen. Natürlich sind diese mit der ihnen zugeteilten Rolle von Viehbestand nicht einverstanden und versuchen ihr Potential zu nutzen und ihre Themen in die Forschungsthematik des Instituts zu integrieren, deren Breite dies, von dem wissenschaftlichen Gesichtspunkt aus betrachtet, hätte leicht machen lassen.

Das ist aber von dem wissenschaftlichen Gesichtspunkt aus gesehen! Von dem alltäglich-pragmatischen Standpunkt aus hätte es aber bedeutet den wilden Neulingen dadurch den Zugang zum Futtertrog zu gewähren, das Ergreifen der Initiative und das Vertreiben von früheren Futtertrogsnutzern zu ermöglichen, was in Augen des Kerns schon gar nicht zulässig gewesen wäre.

Diesen nicht nur in der Wissenschaft herrschenden Verhältnissen und dieser Logik zufolge sind keine wissenschaftlichen Seminare, keine Wissenschaftlerräte fähig - und sie streben es auch nicht so sehr an - die persönliche Meinung eines Zepterträgers am Futtertrog in einer oder in der anderen Forschungsrichtung zu bestreiten, durch die produktive Diskussion zu widerlegen und womöglich eine neue und effektivere Richtung einzuschlagen. Tschernobyl ist die weltweite traurige Folge derartiger autoritären Verhältnisse, wenn man sich an die wissenschaftliche Vorgeschichte dieses Super-GAUs erinnert.

Die Theoretiker und die "Wilden" machen jedoch diese vierzig Prozent noch nicht aus. Die Mehrheit gehört hier ebenfalls einem Teil der Masse. Diese Tatsache tröstet und macht etwas Hoffnung vor dem traurigen Hintergrund des im großen und ganzen trostlosen Resultats dieser merkwürdigen Wahlen-nicht-Wahlen.

Man will hoffen, dass sich unsere wissenschaftliche Jugend in diesem Massenanteil befindet, welche zur Zeit keine Chance zum wissenschaftlichen Aufstieg hat, die sich aber ihre kreative Kraft, Neugier und Forschungswut weder durch einen Futtertrog, noch durch die ihnen vom Direktor zugeteilte Rolle vom Viehbestand wegnehmen l?sst.

Manche demokratische Alternativprogramme haben vor der Versammlung dafür plädiert diese kreative Kraft auszunutzen und sind nicht gehört worden. Wenn schon das ganze Land - Gorbatschows Aufrufen nach - vor der Notwendigkeit steht die Kreativität der Masse zu benutzen, ist es absurd und ein Irrenhaus schlechthin für oder gegen die Verwendung der Kreativität und Initiative von Wissenschaftlern in einem Akademieinstitut abzustimmen.

Jetzt freuen sich wahrscheinlich diese vierzig Prozent von Wählern darüber, dass es doch Wahlen-nicht-Wahlen und keine richtigen Wahlen gewesen sind, und die Hoffnung auf eine vernünftige Entscheidung in der Akademie der Wissenschaften immer noch besteht. Die Hoffnung auf eine Entscheidung "von oben" - toll irre Demokratie!

Gott bewahre uns davor, richtige Wahlen in unserer ganzen Gesellschaft durchzuführen, in der dieselben Futtertrogsverhältnisse sowohl für den ganzen Administrationskader als auch für die vom Radweg verdienenden Mechanisatoren gelten.

Wenn das neue Wahlgesetz kommt, von dem Gorbatschow bei demselben Treffen mit den Medienfunktionären geredet hat, und welches uns die im Unterschied zu unseren Wahlen-nicht-Wahlen freien und demokratischen Wahlen verspricht, bleibt mir nach dem bei den Wissenschaftlern erlebten Demokratieversuch die Sorge, ob wir dann aus Dummheit und eigener Habsucht vielleicht doch eine reaktionäre Regierung nun freiwillig wählen, wie es vor kurzem in Chili passierte.

Damit das nicht passiert, und damit es durch die Demokratisierung doch zum Fortschritt kommt, muss diese Demokratie sogar von Gelehrten-Wissenschaftlern noch gelernt werden, wie diese Erfahrung zeigt. Die Vorteile der Demokratie müssen von der Masse verstanden werden und für sie überzeugend sein. Die Demokratie bedarf eines Kampfes für Gehirne und Gemüte von Menschen der Masse, jedoch eines fairen und prinzipiellen Kampfes.

Dieser Kampf hat in unserem Institut weder vor noch während der Versammlung stattgefunden. Umso mehr soll die Erfahrung dieser Wahlen und ihre Analyse den künftigen demokratischen Kämpfen nicht nur in unserem Institut, sondern auch im ganzen Lande dazu verhelfen, mit der Demokratie behutsam und weise umzugehen und sie immer weiter zu lernen. Dafür muss jede auch die kleinste und auch negative Demokratieerfahrung als ein Demokratiegut fürs breite Publikum verallgemeinert und zugänglich gemacht werden.

*


Die Fortsetzung der Beichte eines kranken Menschen
oder über die Massenmedien und die Hauswartschaft


Ich lese den fertig gewordenen Artikel und denke mir:

"Ach du dickes Ei! Es riecht hier nicht mehr nach einfachem Testen einer Zeitung. Es stinkt hier nach etwas viel Schlimmeres. Es kann sogar so kommen, dass sowohl die sechzigprozentige Mehrheit als auch die vierzigprozentige Minderheit von meinen Kollegen, welche ich eigentlich alle mag, - von der Administration selbst ganz zu schweigen - mir sagen können: 'Bist du krank oder was?'. Obendrein nehmen sie mir noch mein täglich Brot weg, und zwar aus Gründen, aus denen sie es mir früher gaben - wegen meiner professionellen Fähigkeit Dinge zu analysieren!"

Zwei Nächte und einen Tag dazwischen schlafe ich nicht. Ich diskutiere mit meiner Frau über verschiedene Varianten der Hauswartsbeschäftigung. Meine verzweifelte Gattin und mein begründeter Zweifel gewinnen manchmal die Oberhand, und dann will ich nicht mehr den Artikel in die Redaktion schleppen. Aber es kommt alles zusammen und wie immer alles auf einmal. Ich habe ja angefangen hin und wieder in die Zeitungen oder ins Fernsehprogramm reinzuschauen und erfahre dort plötzlich etwas über dieselben Probleme.

Mal schaue ich in eine Zeitung: Gorbatschow analysiert die politische Lage im Lande bei dem Treffen mit den Funktionären von Massenmedien (ich wusste damals noch nicht, dass der Chefredakteur unserer Regionalzeitung, von all dem abgeschirmt, zu jener Zeit irgendwo im Urlaub saß und von diesem Treffen nichts mitbekam). Dabei sind meine Schlussfolgerungen denen von Gorbatschow sehr ähnlich, insbesondere was die Mechanisatoren vom Radweg betrifft.

Lese weiter und merke besorgt: Gorbatschow bereitet ein neues Gesetz über die richtigen freien Wahlen vor, um uns dadurch das Recht zu geben, ihn mit unserer Stimmmehrheit neu und frei zu wühlen! Gorbatschow ist für mich zur Zeit wie das Licht in einem fernen Fenster für einen erschöpften Wanderer und die letzte Hoffnung bei meiner Krankheit irgendwann ohne Bewusstseinsspaltung zu leben.

Aber wenn ich zu unserer Mehrheit all diese Mechanisatoren vom Radweg, all die vom Futtertrog und auch noch die sich seit langem immer mehr vermehrenden, sogenannten "Diebe im Gesetz" in ganzem Lande schätzungsweise dazu rechne, sehe ich, dass man dieser Sache keinen freien Lauf lassen darf. Ich sehe mich angesichts dessen stark verpflichtet meinen Artikel - wenn auch als mein eigenes Kreuz - doch zur Redaktion zu tragen, und das ehrliche, unschuldige Volk zu warnen.

Ich gucke ein anderes Mal in die Zeitung: Schon wieder dasselbe! Als ob alle mich extra verstimmen, zerspalten und bekümmern wollen: In Chili ist Plebiszit durchgeführt worden, und das Volk hat nun selbst und frei seinen blutigen Diktator mit Stimmverhältnis etwa "fifty-fifty" gewählt! Jetzt fuchteln die beiden "Fifties" aufeneinander mit geballten Fäusten. Bei uns gilt ja überhaupt eine Regel: "Nach einer Schlagerei fuchtelt man nicht mehr mit den Fäusten? (genau mit diesem Spruch versucht mich später auch der Chefredakteur zur Raison bringen).

Dieser chilenische Diktator hatte mir selbst das ganze Leben verdorben: Ich heiratete - er kam durch seinen Putsch an die Macht. Ich dachte damals:

"Nun gut! Ich muss wohl diese dunkle Schicksalsnachbarschaft dulden, es kann ja sowieso nicht lange dauern."

Es dauerte dann noch fünfzehn Jahre, und ich habe mich daran gewöhnen müssen. Man gewöhnt sich ja an alles! Aber ihn danach auch noch frei zu wählen! Das Überschreitet nach meinem Geschmack alle menschlichen Gewohnheiten.

Ich korrigiere etwas meinen Artikel, indem ich mich auf diese Ereignisse im Lande und auswärts beziehe (diese Stellen werden dann in der Redaktion wahrscheinlich für einen Anspruch auf Ähnlichkeit meiner Sicht der Probleme mit der des Parteiführers und somit für nicht diskret genug gehalten und gestrichen) und bringe diesen in die Redaktion. Meine Telefonnummer hinterlasse ich auch.

Am nächsten Tag ruft mich die Korrespondentin an - die Leiterin der Propagandaabteilung, wie es sich herausstellt, die bei unserer Versammlung dabei gewesen sein sollte. Sie erzählt mir, dass sie gerade dabei sei meinen Artikel zu lesen, und finde ihn an manchen Stellen ihrem eigenen Korrespondentenbericht über unsere Versammlung sehr ähnlich. Ich antworte lautfreudig darauf:

- Na klar! Es handelt sich ja schließlich um denselben Stoff - und denke dabei leise: "Zum Teufel! Der Artikel wird doch veröffentlicht, wenn sogar die Propagandaleiterin fast so eine Begeisterung in ihrer Stimme aufweist!".

Denn ich habe heimlich doch gehofft, als ich den Artikel zur Redaktion getragen habe, dass dieser - aus welchen Gründen auch immer - nicht veröffentlicht wird, und ich nicht zum Hauswart werden und auch nicht noch für die Zeitungen mein Geld ausgeben muss, wie es am Anfang der Geschichte vorgesehen worden war.

Daraufhin frage ich sie direkt:

- Verstehe ich Sie richtig, dass mein Artikel in der Zeitung erscheint?

Sie antwortet darauf:

- Die Redaktionsbesprechung hat bereits stattgefunden, und es ist entschieden worden ihren Artikel durchgehen zu lassen. Außerdem gibt es noch einen noch vor der Versammlung geschriebenen Artikel von einem Doktor aus Ihrem Institut, in dem einige Fragen gestellt werden, die in Ihrem Artikel irgendwie ihre Antworten finden, sodass die beiden Artikel miteinander irgendwie übereinstimmen und zusammen mit meinem Bericht über ihre Versammlung dem von der Partei angesagten Pluralismus dienen. So ein Material aus drei Stücken auf einer ganzen Seite wird voraussichtlich in die Zeitung gehen.

Wir einigen uns darüber, dass sie meinen Artikel etwas kürzt, ich, morgen, komme und mir die gekürzte Version sowie den Artikel von dem Doktor anschaue.

Am nächsten Morgen komme ich hin und schaue mir den Artikel von diesem Doktor an. Er ist im traditionellen Sinne und Geiste aller bisherigen Auftritte dieses Doktors gegen unseren Direktor geschrieben. In seinem Artikel scheinen sogar alle Fakten zu stimmen - früher passierte es schon mal, dass er auch Fakten manipulierte, - aber man spürt irgendwie deutlich seine Begeisterung, dass unser Institut vor Problemen aus allen Nähten platzt.

Ich empfände zum Beispiel tiefe Trauer und Besorgnis, wenn mein Haus brennen oder zusammenbrechen würde. So etwas hätte vielleicht manchem Nachbarn eine Schadensfreude bereiten können. Wenn jemand hier eine Übereinstimmung mit meinem Artikel erkennt, wäre es für mich besser, meinen aus so einer zwielichtigen Nachbarschaft zu befreien.

Währenddessen erzählt mir die Propagandaleiterin verschiedene Sachen. Wie sie nach unserer Versammlung von Institutsmitarbeitern telefonisch bearbeitet wurde. Von denen um die Zukunft unseres Instituts besorgten Mitarbeitern, welche an der Versammlung so zurückhaltend ihre Klappen gehalten oder gar nicht so genau gewusst hatten, was sie sagen wollten. Besonders einer von ihnen, der auf der Rednerbühne so indifferent vor den Versammelten aufgetreten hattte, als ob er auf dem Weg zur Bühne eine Meinung und auf dem Rückweg eine andere Meinung hätte. Manche stellten sich ihr dabei vor, manche nicht. Sie alle offenbarten der Korrespondentin mit großem Eifer ihre prinzipiellen Positionen. Besonders diejenigen, die sich vorzustellen vergaßen oder ausdrücklich anonym bleiben wollten. - "Der Seitenwindsto" schien auch weiter auf die "Windhähne" zu wirken.

Sie fügt auch hinzu, dass diese Anrufe sie so irritiert haben, dass sie den Vorsitzenden unserer Versammlung und des künftigen Akademiezentrums der Republik hat anrufen und fragen müssen, was passiert, wenn in der Zeitung ein Material erscheinen würde, das im Grunde genommen gegen unseren heutigen Institutsdirektor gerichtet wäre. In dem Sinne gefragt, wie "Er" und die Anderen von "Dortoben" das fänden. Zu unserer Freude - meint sie - "Er" und die Anderen von "Dortoben" hätten es als normal und sogar wohlbilligend betrachtet.

An dieser Stelle habe ich persönlich schon wieder gar keine Freude verspürt! Es ist mir sogar ganz übel geworden. Ich lasse mich so leidenschaftlich auf diese bürgerliche Heldentat ein, sehe mich schon als ein Märtyrer-Hauswart mit einem Straßenbesen in meiner Hand und einem Lorbeerkranz auf meinem Haupt, welcher unsere Demokratie in letzter Sekunde doch noch gerettet hat. Nun sieht dies alles in meinen Augen ganz verkehrt aus. Es sieht so aus, als ob unser Direktor, ein alter Mann, von "Dem" und von den Anderen von "Dortoben" so gut wie bereits begraben gewesen wäre, und ich - natürlich meinen Prinzipien und höheren Gedanken folgend - mit einer Handvoll Erde, nicht viel besser als die berühmte "Sancta simplicitas" von Jan Hus mit ihrem Brennholzstückchen, auch noch zu dessen Begräbnis eilen würde.

Der Direktor, den ich als Menschen - wärde er sich blos nur mit den Rosen in seinem Gemüsegarten beschäftigen! - und einen Flurdemokraten sogar mag. Jetzt, wissen sie, sind viele Parteifunktionäre und Bürokraten zu solchen Flurdemokraten geworden. Sie reichen ihre Hand jedem Passanten im Flur noch von weitem her und begrüßen ihn dabei ganz herzlich, obwohl der passierende Bürger deutlich spürt, dass sie von ihm und von seinen Problemen nichts wissen und nichts wissen wollen. Unser Direktor macht es dagegen einfach aus seiner menschlichen Gutmütigkeit, obwohl auch er heute nicht mehr weiß, womit du bei ihm gestern gewesen warst und was er dir so alles - ebenfalls aus menschlicher Gutmütigkeit - versprach.

"Jetzt aber Schluss damit!" - denke ich mir - "Ich nehme meinen Artikel zurück."

Dann erinnere ich mich aber wieder an das meines Analyseinstrumentariums nicht mächtige Volk und entscheide:

"Nein, spuck drauf! Auch wenn ein noch so viel schlimmeres Schicksal auf dich wartet als du dachtest, lass dich von allen für einen Schuft halten, lass sie alle dir ins Gesicht spucken, aber rette das Volk, damit dieses versteht, dass man Wahlen nicht auf die leichte Schulter nehmen und mit Begriffen von Mehrheit nicht spielen darf!"

Währenddessen gießt die Propagandaleiterin wieder etwas "Nicht-Veröffentlichungs-Hoffnungs-Balsam" auf meine Seelenwunden: Sie erzählt mir, dass ihr Chefredakteur - dessen Tochter und noch ein Verwandter in unserem Institut arbeiten - sich zur Zeit im Urlaub befinde und dass er, wenn er aus dem Urlaub komme, das Material bis zur Unkenntlichkeit verdrehen oder es einfach zurücknehmen würde. Er sei zwar noch eine Woche im Urlaub, aber sie gehe jetzt auch in ihren Urlaub, und das Material solle ein verantwortlicher Sekretär weiter vorbereiten. Schon wieder für mich eine Situation mit Kopf und Zahl! Damit bin ich dann auch weggegangen.

Es wurde erwartet, dass das Material in drei bis vier Tagen erscheint, also schon zehn Tage nach unserer Versammlung. Ich dachte früher eigentlich, dass in den Zeitungen ihrer Natur nach fast nur morgige Ereignisse gedruckt werden. Meine ewige Naivitüt!

Aber das macht ja nichts! In meinem Falle ist es sogar günstig - immerhin noch eine Verschnaufpause vor dem Beginn meiner Märtyrerei. Einerseits - eine Verschnaufpause, andererseits schlafe ich wieder drei Nächte und Tage dazwischen nicht. Mal sehe ich in schlaflosen Alpträumen einen vor mir wie vor einer Hexe vor wilder Freude tanzenden Besen, mal erscheinen mir Alpbilder, wie alle Passanten auf der Straße mir ins Gesicht spucken.

Am vierten Tag rufe ich den verantwortlichen Sekretär an - sie alle fragten mich jedes Mal unerklärlicherweise nach meinem Namen und nannten mir niemals ihren eigenen. Deswegen kenne ich bis heute weder ihre Vornamen noch Nachnamen. Außer denen, die ich später aus der Zeitung erfahren werde - und frage ihn:

- Na, wie läuft denn so mit unserem Material?.

- Ach wissen Sie, das Material ist doch nicht so gut vorbereitet worden, und ich habe es weiter in die Abteilung "Parteileben" geleitet. - antwortet er

Es wundert mich etwas, denn ich habe doch das fertige Material gesehen, aber dann denke ich mir:

"Wahrscheinlich hat die Propagandaleiterin doch noch nicht überall angerufen, wenigstens nach Ansichten dieses Sekretärs. Vielleicht brauchen sie in "Parteileben" meine Hilfe: Ich habe ja auch Telefon zu Hause und könnte diese Telefonate für sie übernehmen und erledigen. Sie sind beschäftigte Leute, das Material ist auch nicht ihres. Verzögern noch die Sache durch diese Telefonate bis zur Rückkehr des Chefredakteurs zu meinem, zu Materials und zu ihrem eigenen Pech."

Ich rufe "Parteileben" an und schlage meine Dienstleistungen vor.

- Es ist alles in Ordnung! - antwortet "Parteileben" - Keine Hilfe nötig, wir feilen noch daran. In drei oder vier Tagen geht das Material auf die Seite.

Ich frage mit einer schlecht verdeckten Andeutung:

- Und wann kehrt ihr Chefredakteur aus seinem Urlaub zurück?

- In drei oder vier Tagen - antwortet "Parteileben", eindeutig meine Andeutung nicht verstehend.

- Und trotzdem kommt das Material in drei oder vier Tagen in die Zeitung? - bestehe ich auf "Parteilebens" Verständnis.

- Warum nicht? - behauptet "Parteileben" - Das Material ist gut, beinhaltet nichts besonderes davon, was seine Veröffentlichung in drei oder vier Tagen hindern könnte.?

Also, gut! Ich schlafe noch drei oder vier Nüchte nicht. Sogar meine Krankheit scheint geheilt zu sein: Nichts mehr fällt mir in meinen platzenden Kopf ein, und nichts wird dort mehr analysiert und synthesiert.

In drei oder vier Tagen ruft mich meine Gattin an:

- Ich habe von meiner Kollegin gehört, dass in der Zeitung etwas über unser Institut geschrieben steht. Dein Artikel ist also doch erschienen. Renn' zum Kiosk und kauf' gleich einen Stapel dieser Zeitungen!

Ich war ja derjenige, der meine Gattin tröstete und ihr erzählte, dass wir viele Zeitungen kaufen und meinen Artikel allen schenken werden. Besonders gut würde es auf meine neuen Kollegen-Hauswarte wirken. Sie würden dann mich als einen Hauswart-Schriftsteller sofort respektieren. Es ist ja sehr wichtig auf einer neuen Arbeitsstelle gleich Respekt und Autorität zu gewinnen. Sie - als Frau des Hauswarts-Schriftstellers - werden die neuen Kollegen dann auch zu verehren wissen.

Laufe zum Kiosk, kaufe fünfzig für einen ganzen Rubel. Komme nach Hause zurück, gucke - totale Scheiße! Meinen Rubel umsonst verbraten. Statt des ganzen geplanten Materials ist nur der Bericht der Propagandakorrespondentin in nicht wieder erkennbarer Form gedruckt worden. In dem von mir gelesenen Original ist es ein einigermaßen unparteiischer und deswegen für unsere Administration nicht besonders günstiger Bericht über unsere Versammlung gewesen. In der Zeitungsverfassung ist er zu einem Panegyrikus unserem Direktor gegenüber geworden.

Ein Bericht darüber, dass es ja nur einen dem Posten würdigen Kandidaten unter allen fünf gäbe - unseren Direktor nämlich. Dieser Gedanke klingt gleich in der Überschrift an. Wir haben doch allen fünf unsere Vertrauensquoten in Prozentsätzen erteilt, und unsere Demokratielehrer haben ihre Wahl noch nicht getroffen, aber die Zeitung hat bereits diese Wahl entschieden, wie es in der Überschrift steht: "Einer von Fünf" und basta! Unser Direktor! Sein Programm ist der Meinung von vielen Redner an der Versammlung nach das Beste, und er selbst ist der Beste und der Würdigste, und wenn er schon Fehler zugelassen hatte, sollte er sie auch selbst - wer sonst! - am besten kennen und korrigieren. Diese Meinung - gerade unter den Rednern - hatte ich nicht gehürt, aber das, was ich gehört und geschrieben hatte, stand ja sowieso nicht hier drin!

"Na!" - denke ich - "Zum Hauswart werde ich jetzt bestimmt, aber den Lorbeerkranz eines Bürgerhelden kann ich vergessen!"

Renne zur Redaktion und direkt ins "Parteileben":

- Wo - frage ich - ist mein Artikel?

- Verstehen Sie, - antwortet ein Vertreter des "Parteilebens" - er hat den bereits umbrochenen Satz von der Seite geholt.

Ich will die Sprache dieser Küche nicht verstehen und rege mich noch mehr auf:

- Dass er diesen von der Seite holt, deutete ich euch schon an. Ich frage jetzt, wo hat er meinen Artikel hingesteckt?

- Ach nein, nirgendwohin. Hier ist der. - sagt er und reicht mir mein überall kreuz und quer durchgestrichenes und vollgekritzeltes Original rüber.

- Ich würde gerne auch alle abgetippten Korrekturen der Redaktion mitnehmen, damit eine davon nicht in meinem Kontor landet! Denn ich habe hiermit jedes Vertrauen in eure Redaktion verloren!

Hier habe ich natürlich gelogen. Alles begann ja damit, dass ich dieses Vertrauen erst durch diesen Artikel gewinnen wollte. Der Vertreter des "Parteilebens" erklärt mir, dass der ganze Kram schon das Eigentum der Redaktion sei. Und was das Vertrauen betrifft, müsse ich zum Chefredakteur.

Ich stürme auf den Chefredakteur ein, zwei Mädchen-Sekretärinnen in seinem Vorzimmer übertrampelt:

- Setzen Sie mir hier, auf dem Original, ihren eigenhändigen Vermerk, - schreie ich zu ihm - warum Sie mir den Auftritt auf unserer Volkstribüne verweigert haben.

- Schriftliche Vermerke setzen wir nicht. - antwortet der Kerl, durch meine schnell zur Frechheit steigende Entschlossenheit unbeeindruckt - Mündlich kann ich aber versuchen, ihnen dies zu erklären, wenn Sie mir auch sagen, wer Sie eigentlich sind.

Ich mache ihm klar, dass ich der Autor bin, und stelle mich vor. Er verzichtet - wie gewöhnlich in dieser Scheißküche - rauf dasselbe und beginnt zu erzählen, so kokett und nur etwas mit Mundwinkeln lächelnd, dass er erst gestern aus seinem Urlaub zurückgekehrt sei und das umbrochene Material wirklich direkt von der bereits fertigen Seite geholt habe:

- Weil - erklärt er mir weiter - das Programm des Direktors das Beste ist, und wenn er so viele Probleme angeschafft hat, soll er sie auch lösen. Außerdem ist die Sache durch die Stimmmehrheit sowieso bereits entschieden, wozu jetzt noch mit Fäusten fuchteln?.

Zwischendurch hat er mir verschiedene Fragen gestellt. Über die zwielichtige Nachbarschaft meines Artikels in dem vorbereiteten Material mit dem Artikel von dem Doktor aus unserem Institut. Darüber, wessen Vorgabe oder vielleicht sogar Auftrag es für meinen Artikel gewesen sei und, nicht wortwörtlich gesagt, auf wessen Wassermühle was ich gieße...

Ich würde jedoch nicht unter Eid behaupten, dass er die letztere Frage - die eigentlich vor fünfzig oder vierzig Jahren typisch war und für die verhafteten sowjetischen Bürger eine lebensentscheidende Rolle spielte - wirklich gestellt hat. Vielleicht schien es mir nur so, weil ich - zwei Wochen kaum geschlafen - durch seine in diese Richtung gehenden autoritären Erklärungen wie vor den Kopf gestoßen war.

Über den Pluralismus - wie es sich heutzutage gehört - hat er auch gesprochen. Nur hat er es irgendwie umgekehrt gesagt. So verdreht gesagt, dass ich auf dem trockenen Fußboden fast ausgerutscht bin. Als ob das Material so einseitig sei, nur gegen den Direktor und nichts für ihn sprechend:

- Was für einen Pluralismus haben sie alle hier veranstaltet. - versuchte er es mir maximal verständlich zu erklären - Pluralismus ist es dann, wenn in einem Artikel verschiedene Meinungen vertreten sind. Keine verschiedenen Meinungen - kein Artikel. Es ist doch klar!

Ich habe da mein Gleichgewicht auf diesem scheißschmierig-rutschigen Funktionärsboden wieder gewonnen und ihm eins ausgewischt: Ich erklärte ihm meinerseits, dass er keins der Programme gelesen hat, und ich ihm deswegen hier nicht zuhören muss. Dass er über unsere Versammlung keinen blassen Schimmer hat, weil er auch meinen Artikel nicht gelesen hat, während ich - als unmittelbarer und aktiver Teilnehmer derselben - alles darüber perfekt kenne. Dann erzähle ich ihm über mein Instrumentarium des Wissenschaftlers, damit er die Qualität meiner unbefangenen, objektiven Analyse nicht weiter anzweifelt. Dabei vergehen ihm etwas sein Hochmut und seine Koketterie.

Des Weiteren erzähle ich ihm die Geschichte über meine Verzweifelung - insbesondere in Anbetracht der von seinem Propagandachef telefonisch geklärten, höheren Meinung von "Dortoben". An dieser Stelle ist er auf einmal fast zu einem normalen Menschen geworden - wenigstens vom Gesichtausdruck her.

Ich gebe auch ehrlich zu, dass die Vorgabe eigentlich direkt von Gorbatschow kommt, denn ich habe das Wesentliche für meine Analyse eben in seinen politischen Auftritten gefunden. Schließlich sage ich noch:

- Ehrlich gesagt, wusste ich gleich, dass mein Artikel nicht durchkommen wird.

Danach hat er angefangen, über seine Verwandten im Institut zu reden. Dass diese dort auch keinen Zucker zu schlecken haben. Über die unterstützende Linie des Parteigebietskomitees bezüglich unseres Direktors hat er auch etwas geredet. Aber nun irgendwie nicht mehr so sicher geredet. Dann erklärt er plötzlich, dass diese Wahlen sowieso vorbei seien, und mein Artikel diesbezüglich kein Interesse mehr darstelle. Sonst aber - nicht auf dieses Thema bezogen - hätte man ihn veröffentlichen können, davor entsprechend umgearbeitet.

Mit einem Wort habe ich gleich verstanden, dass dieser Kerl noch ganz frisch ist, und es noch lange nicht geschafft hat sich von seinem Meeresurlaub und Strandhitze abzukühlen und überall zu telefonieren, was in diesen - wie ich es auch in meinem Artikel geschrieben hatte - sehr dynamischen Zeiten fast lebensgefährlich sein kann.

Da ist mir es eingefallen, dass seine Kollegen mit allerlei Verzögerungen wahrscheinlich gerade darauf gesetzt hatten, dass er eben dies nicht mehr schafft und - ohne überall telefoniert zu haben - den Artikel nicht mehr zurückzunehmen wagt. Das Material käme dann aber unter seiner Verantwortung als Chefredakteur raus, sodass sie selbst dann nichts zu verantworten hätten.

Als ich danach nach Hause gekommen bin und wieder in die Zeitung geschaut habe, habe ich entdeckt, dass die Ausgabe vom Dienstag - für die das Material vorgesehen worden war - von diesem Chefredakteur unterschrieben worden ist, während unter der Sonntagsausgabe noch die Signatur seines Vertreters stand. Und der Montag dazwischen war wie immer der herausgabefreie Tag. Ich habe mir nach dieser Bestätigung gedacht, dass ich diesen Vertreter des Chefredakteurs nie als meinen Hauswart-Kollegen haben werde, und mich für ihn sogar gefreut habe.

Danach habe ich mich hingesetzt und diese Beichte geschrieben, denn ich werde offensichtlich früher oder später zum Hauswart und muss außerdem das Land sowieso allein retten, denn ich kann ja nicht die Verantwortung für das Land auf den Chefredakteur und seinen Vertreter schieben: Sie sind keine dafür geeigneten Leute, und - wenn ich das doch tue - kriege ich diese Sünde nie vergeben.

* * *

Internetbesucher, denen mein Roman, meine Prosa, Publizistik und Poesie gefallen sowie meine anderen Seiten: Stammbaum-Familie-Prieb und Materialforschungsservice informativ und von Nutzen sind, unterstützen bitte diese Seiten und diese Arbeit durch eine freiwillige, auf mein Konto überwiesene kleine Spende.

Ich würde mich über Ihren Kontakt mit mir ebenfalls sehr freuen.

Danke für Ihren Besuch und für Ihre Unterstützung!

The Internet visitors, whom my novel, my prose, journalism and poetry) were interesting and enjoying, as well as my scientific informations on material research service ( projects, patents, articles etc.) and my sites with the family tree are informatively and useful, support please these sites and this work by transfering a voluntary donation to my account.

I would also appreciate your contact with me very well

Thanks for your visit and your supporting!

zur Hauptseite