Viktor Eduard Prieb
Die Schließbarkeit des Kreises
oder
die zweihundertjährige Reise
Roman
in zwei Teilen
Teil I
Der Zug fährt ab
Meinen Vorfahren in aller Achtung,
meinen Nachkommen in aller Liebe
gewidmet
Der treue Freund und der beste Partner - der Hund Arap
Die dröhnende Stille der Ferne
Die letzte Abfahrt oder über den Begriff "Zuhause"
Die
Gerechtigkeitsarithmetik oder darüber, wie man vierzig Jahre seines Lebens in
einen Koffer packt
Die ersten Überraschungen oder über Zolldeklarationen und die Verantwortung fürs
Schmuggeln
Die Ausreiseentscheidung oder über "die Kuhprobleme" von schweigsamen
Menschen
Die Nationalfrage über die Bewegungsfreiheit oder über den Weltchauvinismus und
seine Folgen
Sonstige Umstände aus der Bundesrepublik Deutschland oder über die Bedeutung von
Fragebögen
"Die Schlangenkunst" oder darüber, was Geld kostet und wie man zu rauchen aufhört
Naivität als die Basis zum Wagemut oder darüber, wie man den richtigen Weg in einem
Irrenhaus findet
Auserwählte Völker, Städte und Menschen oder über Moskau und Moskauer
Das Kalymenlied oder über die Wissenschaftsurlauber und Multikulti-Gesellschaften
Die Klauenpolitik oder über den Idealismus des Kommunismus und den Pragmatismus
der Menschen
Die Männerwürde oder über die Saufkunst und das Halten des gegebenen Wortes
Wie man Menschen fürs Kommunenleben auswählt oder über die Eroberung von Moskau
Die neue Finanzpolitik oder über den Eifer von oben und die Kühle von unten
Das Maß der Arbeitsleistungen oder über die Effektivität der scharfsinnigen
Perestrojkaideen vor Ort
Worin besteht die Freiheit oder über eingebildete Ängste und Leidenschaften
Woher kommt Demokratie oder über die
Rolle der Polizei dabei und über die Liebe zur Menschheit
Die verlorenen Wahlen oder darüber, wozu vier Demokratiearten gut sind
"Die Beichte eines kranken Menschen oder
darüber, wodurch Schizophrenie kommt
Die Fortsetzung der Beichte eines kranken Menschen oder über die Massenmedien und
die Hauswartschaft
Ein schicksalsträchtiger Ratschlag oder darüber, wozu ein Deutscher in Russland
Geld braucht
Die deutsche Nabelschnur oder über das verlorene Paradies und den Weg aus dem
Dreck
Die Familie und der Erste deutsch-russische Krieg oder über das Ende zwei
glorioser Reiche
Die erste Abfahrt oder darüber, wohin eine erfolgreiche Verteidigung führt
Die letzte Bastion oder wiederum über große Gesellschaften und kleine Freuden
Die zweite Abfahrt oder über die rote Plage, schwache Menschen und starke
Entscheidungen
Das Nachgrübeln über die Heimat und das Vaterland oder darüber, wohin und warum
man fliehen soll
Die Brüder-Gegner oder darüber, warum man Geschichte lernen soll, bevor man in den Krieg zieht
Die dritte Abfahrt oder über die Zeit zum Philosophieren, zum Siegen und zum
Verlieren
Die Folgen von Panzerschlachten oder darüber, wie rettend das Unpassendste sein
kann
An zwei Fronten oder darüber, wann es ungünstig ist gleichzeitig zu zwei Völkern zu
gehören
Die menschlichen Instinkte oder über die Impfungen gegen Bomben und über die
Vernunft des Überlebens
Zwischen Scylla und Charybdis oder über die letzte Aufgabe eines Deutschen
Die Bajonettattacke oder über die deutsch-deutschen Verhältnisse
Die Kriegshandlungen des Vaters oder über seine vergeblichen Versuche,
Deutschland zu retten
Die Filtrierung und Repatriierung oder darüber, was die Kriegszeit kostet
Die Gefangenschaft oder über die Relativität aller KZs und
menschlicher Belastungsgrenzen
Die Rückkehr oder über den neuen Anfang und das Ende von allem
Die Pflege des Familientums oder über die Familienforen und über andere Dinge
Die Besinnung auf die Wurzeln oder darüber, wodurch man kränken und
womit man trösten kann
Der Generationenkrieg oder darüber, wie man Kriege stiftet und den Frieden
schafft
Der Kalymunterricht oder über die großen Sünden des kleinen Meisters
Die Genügsamkeit oder darüber, was und wieviel einem Menschen reicht, um reich zu sein
Der Tod des Vaters oder darüber, wie alles sein Ende nimmt
Das Gespräch "unter einem Auge" oder darüber, wozu Wodka noch gut ist
Die End- und Bodenlosigkeit oder über den Abschied vom Osten und den Drang nach
Westen
Das Grinsen des Schicksals oder über die Jäger und die Gejagten
"Das Schlangenglück" oder darüber, wie unpassend Feiertage manchmal sind
Der Tag des Sieges über Deutschland oder über die Feierlichkeit mancher
Feierlichkeiten
Das Wissenschaftskalym oder darüber, wie man Geld anschafft, welches Deutschland
beschafft
Die letzten Stunden oder darüber, wie man Probleme in der Hosentasche
verschwinden lässt
Der Begriff "Grenze" oder darüber, wo die Macht von Tyrannen endet und wo
schwarze Löcher beginnen
Zwischen den Grenzen oder darüber, wozu Windmühlen den Wind brauchen, wenn kein Korn
da ist
Die nächste Abfahrt oder darüber, was ein Platz unter der Sonne kostet
Der Kleine (als Prolog)An Rändern der WeltDie Sonne schlich um die Ecke der Holzhütte, schaute in ein kleines Fensterchen über die um die Hüttenaußl;enwände herum hoch geschüttete und verdichtete Erde, schnüffelte etwas über das aufgewühlte Bett, fand das weiße K?pfchen des Kleinen und blieb auf ihm stehen. Der Kleine wachte mit einem Glücksgefühl auf, und ein grundloses Lächeln regte Sommersprossen auf seinem verschlafenen Gesicht. Eine Milchkanne aus Ton mit frischer Milch erwartete ihn auf dem Tisch. Der Kleine stürzte aus der Hütte hinaus, pflückte heftig gleich hier auf der Hügellehne, auf der die Hütte stand, eine Handvoll wilder Erdbeeren und lief wieder in die Hütte zurück. Er schüttete die gepflückten Erdbeeren in eine Schüssel hinein, gab Milch aus der Tonkanne dazu und löffelte dann schnell und schmackhaft sein Frühstück aus. Den Kleinen wirbelte in die Luft der Wunsch nach Leben und Aktion! Heute musste er unbedingt den Rand der Welt erforschen. Der Kleine und seine ganze Familie lebten auf einem "Landgut". Kein anderer wusste etwas davon, denn nur der Vater sagte es so, welcher dieses Wort aus seiner Kindheit mitgebracht hatte, die er auf dem Landgut seines Vaters in einer der deutschen Kolonien in Südrussland - irgendwo weit weg vom "Gut" des Kleinen in Sibirien - verbracht hatte. Dieses Wort bildete unter mehreren anderen die spezifische Familiensprache. Diese Sprache stellte ein Kauderwelsch dar: Diesem lag Russisch zugrunde, aber mit vielen Wörtern, Sprüchen und Redewendungen aus dem Deutschen, Ukrainischen und Polnischen gemischt - die Spracen, welche der Vater sprach, und mit Smolensker von der Mutter herbeigeführtem, volkstümlichem Dialekt gewürzt. Das Ganze wurde noch obendrein durch geflügelte Wörter und Redewendungen bereichert, die aus den gelesenen Büchern stammten und in der Familie - meistens durch Vaters leichte Hand - eine Gattungsbedeutung gewannen. Dieses Kauderwelsch hatte die ganze geographische und ethnische Geschichte der Familie eingesaugt und spiegelte diese wider. Das "Gut" war einst eine kleine Siedlung gewesen, zwei Kilometer von einem größeren Dorf entfernt, und hatte mit der Zeit bis auf diese letzte Hütte geschrumpft, in welcher die siebenköpfige Familie des Kleinen hauste. Das große Dorf selbst hatte nicht einmal einen vernünftigen Namen. Es hieß "Zentralabteilung des Tschebulinsker sowjetischen Landwirtschafts- und Schweinebetriebs", während das "Gut" mit der mittlerweile ausgedienten Rinderfarm und dieser verlorenen Hütte als "Die 2. Abteilung" dieses Betriebes bezeichnet wurde. Dieser Schweinebetrieb mit allen seinen Abteilungen war ein kleines Babylon, welcher durch vertriebenen, verurteilten und diesem Betrieb zugeteilten Deutschen, Tschetschenen, Kalmyken und sonstigen "Verbrechernationen" des sowjetischen Staates nebst Russen selbst besiedelt worden war und von denen bedient wurde. Die Hütte bestand aus einem einzelnen Raum mit dem russischen Ofen in der Mitte, auf dessen warmen Rücken viel Platz zum Spielen und zum Schlafen war. Sie stand auf einer breiten und offenen, nicht besonders steilen Hügellehne, die durch das starre Steppengras bewachsen und am oberen Rande durch weißes Federgras umrahmt wurde. Dieses Grasfeld begann direkt vor der Hüttentür des Kleinen. Eben dieses Feld lieferte ihm die Erdbeeren zum Frühstück. Der Hütte gegenüber, so etwa fünfzig Meter nach oben von ihr entfernt, stand eine Gruppe alter, unberührter Birken, zwischen denen man einen Haufen Kreuze sehen konnte. Das war der Friedhof. An dem vorbei und weiter über das Ackerfeld, welches in verschiedenen Jahren mal mit Weizen, mal mit Roggen besät wurde, führte ein Pfad, den der Vater immer benutzte, wenn er zur Arbeit im großen Dorf ging. Von der Hütte nach unten führte der Pfad zu einem Ziehbrunnen und weiter hinunter - schon kaum noch zu sehen - zu einem kleinen, im Frühling zum See werdenden und im Sommer völlig austrocknenden Torfmoor, welches kleine Grashügel, Weiden und Johannisbeersträucher reichlich bedeckten. Links vom "Gut", einen halben Kilometer von ihm entfernt, dort, wo die Sonne aufging, öffnete sich dem Auge ein Stück Landstraße, welche auf die gegenüberliegende Lehne hoch und nach links kletterte. Und rechts von der Hütte ging die Sonne hinter einem kleinen und hellen Birkenwald unter. Der Wald lief links mit dem Moor und rechts oben mit dem Ackerfeld zusammen. In diesem Wald versteckte sich eine alte, neben dem Friedhof an der Hütte vorbei führende und sich an der Hütte mit dem Pfad kreuzende, durch Pferdekarren befahrene und mit Wegerich bewachsene Feldstraße. Dieser ganze Raum vereinte sich im Bewusstsein und in der Seele des Kleinen sowohl in seinen Hof als auch in die ganze Welt. Das war auch sein persönlicher Besitz. Er hatte ihn gut erforscht und wusste genau, was sich dort - an den Rändern dieser Welt - befindet. An einem Rande hinter dem Wald, wohin der Feldweg führte, war der Wochenmarkt, auf welchen der Vater und die Mutter eines Sonnabends im Frühling hinter der Sonne her weggingen. Aber die Sonne haben sie nie eingeholt, denn als sie, morgens zurückkehrend, auf dem Waldrand erschienen, ging die Sonne bereits ihnen entgegen an dem anderen Rande auf. Dafür hing aber hinter Vaters Schultern ein lebendiger und schrecklich quiekender Sack. Zu Hause wurden aus diesem zwei kleine und rosige Ferkel mit kleinen in Ringe zusammengerollten Schwänzchen ausgeschüttet. Das Letztere, mit den in Ringe zusammengerollten Schwänzchen, war besonders wichtig, denn wenn der Schwanz auseinander rollte und wie ein Schnürchen zum Boden herunter hing, machte sich der Vater Sorgen. So ein Ferkel fraß nichts oder, wenn doch, schlürfte es nur die Brühe, und den Satz ließ dieses auf dem Schüsselboden liegen. Der verärgerte Vater nannte so ein Ferkel dann "räudiges Ferkel", was übrigens zu Vaters Gattungsbegriffen in der Familiensprache gehörte und den Kleinen selbst sehr wohl mal treffen konnte. Und im Herbst gingen der Vater und die Mutter auf demselben Feldweg wieder fort. Manchmal fuhren sie auch mit einem kleinen Pferdekarren, wenn einer aus dem Betrieb zu leihen war. Sie nahmen Speck oder Kartoffeln, oder sonst noch etwas mit, was eben Gott gab, und kehrten ebenso beim Sonnenaufgang mit den Neuanschaffungen für alle - auch für den Kleinen - zurück. Dies war ein Fest für ihn. Wenn der Kleine zum Beispiel ein neues, nach frischem Maschinenöl riechendes Hemd bekam und es anprobierte, konnte ihn keiner aus diesem herausholen, er schlief so auch ein in diesem Hemd in dieser Nacht. Von demselben Rand kam manchmal auch ein Trödler mit einem Pferdekastenwagen zum "Gut". Im Tausch gegen Knochen, verrostete Eisenstücke, alte Lumpen und sonstiges Gerümpel gab er dann dem Kleinen so ein wunderbares Spielzeug - in der Regel war dies ein Tontierchen, welches der Kleine vorher noch nie gesehen hatte. Dann, nachdem er sein Tauschgeschäft mit dem Kleinen abgewickelt hatte, fuhr der Trödler weiter zu dem anderen Rand hinweg, wo ein Stück Landstraße zu sehen war. Der Kleine bereitete sich immer auf die Besuche des Trödlers vor. Um die Hütte herum, an den Stellen von anderen ehemaligen Hütten, gab es einige abgerutschte und durch Gras bewachsene Gruben. Diese dienten dem Kleinen als die Lagerstellen, an denen er die Tauschwaren sammelte. So eine Grube, in welcher altes, gerostetes Eisen aufbewahrt wurde, nannte er auch so schlicht und einfach "die Schmiede". Aber am teuersten wurden Knochen geschätzt. Sie kamen zum Teil vom Esstisch her nach deren sorgfältigem "Polieren". - Noch ein Wörtchen vom Vater, durch welches er die gierige Sorgfalt bezeichnete, mit welcher die Kinder manchmal in der Reihe nacheinander diese Knochen abnagten. Ein Teil davon, die kürzeren abgerundeten Knöchelchen, ließ der Kleine allerdings für sich. Denn diese waren Spielknöchel, und er spielte eben gerne mit denen und bewahrte solche auf. Mehr als anderswo gab es Knochen gleich hinter dem Torfmoor, auf der gegenüberliegenden Hügellehne, wo einmal die Rinderfarm gestanden hatte. Dort, zwischen den alten Gruben im ausgetrockneten und durch Unkraut bewachsenen Humus, konnte man sogar einen ganzen Kuhschädel finden. Manchmal fand der Kleine Knochen, während er auf dem Friedhof spielte. Der Friedhof war alt, und manchmal, bei Neubeerdigungen, waren entweder ein Schädel oder auch andere menschliche Gebeine ausgegraben worden, die danach einfach so im Gras liegenblieben, vom Regen gespült und vom Winde getrocknet. Der Kleine hatte nie Angst vor dem Friedhof. Dies war seinetwegen sogar der interessanteste Ort in seiner Welt. Hier - auf einem alten, kaum noch zu erkennenden Grabhügel - wuchs solch ein riesiger Johannisbeerstrauch, welchen es nirgendwo sonst mehr gab. Die Johannesbeeren auf diesem Strauch waren immer gro? und reif. Auch hier, am Rande dieses Haines, auf einem anderen alten und ebenfalls kaum noch erkennbaren Grab stand ein riesiges Kreuz aus zwei grob behauenen Balken. Dieses Kreuz hatten den umlaufenden Erzählungen nach die irgendeinmal daran vorbei wandernden Kalmyken über ihren entschlafenen Mitmenschen errichtet. Es gab keine Inschriften auf diesem Kreuz. Dem auf seine Querbalken kletternden Kleinen diente dieses mal einfach als Motorrad, mal auch als der wilde und kecke Hengst "Bukephalos", je nach Laune des Kleinen eben. Und im Frühling bauten Elstern ihre Nester in Birkenkronen des Friedhofs. Der Kleine wusste genau, wann die kleinen getüpfelten Eierchen in diesen Nestern erschienen. Er kletterte dann auf einige Birken hinauf, holte behutsam ein paar Eierchen aus verschiedenen Nestern - man durfte nie ein Nest leer plündern, sonst merkten es die im übrigen dem Zählen nicht so mächtigen Vögel und verließen das Nest! - und kochte diese Eierchen gleich hier auf dem Lagerfeuer in einer verrosteten Konservenblechdose, diese mit dem noch herumliegenden Schnee vollgestopft. Aber die Sachen, die am leckersten waren, fand er auf einem gepflegten Grab hinter dem blaugestrichenen Lattenzaun. Auf diesem Grab stand ein kleines Kreuz mit einem daran befestigten und verglasten Schachtelrahmen, in dem ein ausgebleichtes Foto eines Jungen zu sehen war, welches auch mit Wachsblumen eingefasst wurde. Zu diesem Grab kamen an bestimmten Tagen, die der Kleine natürlich auch gut kannte, zwei hagere Schwester-Greisinnen. Nach ihrem Weggehen fand der Kleine Bonbons oder Plätzchen auf dem Schachtelrahmen, auf dem Kreuz oder auf den Querlatten des Zauns. Der Kleine verstand es auch so, dass diese eben für ihn hier hingelegt worden waren, denn nur er alleine lebte auf diesem Friedhof. Zu diesem Grab hatte der Kleine ein besonders behutsames Verhältnis und bemühte sich dieses zu pflegen, wenn die Greisinnen lange nicht kamen. Abseits vom Friedhof, hinter dem Ackerfeld, war noch ein Birkenwäldchen zu sehen, zu welchem der Pfad führte. Dort befand sich der andere Rand der Welt, wohin der Vater immer frühmorgens wegging. Der Kleine hatte es irgendwie nie hingekriegt, den Moment zu erwischen, als der Vater fortging, nur es vielleicht ab und zu im morgigen Schlaf gehört. Dafür holte er ihn abends immer am Friedhof ab, wenn der Vater heimkehrte, sei es im Winter oder im Sommer. Im Winter wurde alles drum herum durch riesige Schneeverwehungen bedeckt und der Vater musste den Pfad im Schnee durch Birkenäste abstecken. In seinem Beutel, in dem er sein Mittagessen von zu Hause mitnahm, blieb immer etwas Leckeres für den Kleinen - "etwas Kleinerlei vom Häselein", wie der Vater ihm lächelnd sagte. Am liebsten mochte der Kleine gelbliche, durch Brotkrümelchen und Vaters Machorka bedeckte Schwarte vom alten Salzspeck. Nichts, was besser als der Geruch und Geschmack dieser Schwarte gewesen wäre, kannte der Kleine. Der müde Vater nahm die Hand des diese Schwarte heftig kauenden Kleinen oder setzte ihn auf seine breiten Schultern, und sie gingen zusammen nach Hause. Den dritten Rand der Welt mochte der Kleine gar nicht, und er zeigte sogar kein großes Interesse daran. Dahin fuhr der Trödler weg, mit seinem "Reichtum" und mit den umgetauschten Vorräten des Kleinen. Von dort, von der Seite der Landstraße, wurden immer wieder Särge mit Leichen auf einer Pferdefuhre oder auf einem Pferdeschlitten herangefahren. Der Friedhof füllte sich dann mit weinenden Menschen, welche zuerst den herbeigefahrenen Sarg vergruben und sich dann paarweise oder einzeln durch den Friedhof verstreuten. Sie knieten auf alten Erdhügelchen nieder oder ließen sich auf die Bänke, dort wo es welche gab, nieder. Der Friedhof wurde dann still und doch lebendig, mit schweigenden, dunklen und gebückten Silhouetten gefüllt. In solchen Momenten hatte der Kleine gelitten, dies alles vom Rande des Friedhofs aus beobachtend und von keinem bemerkt. Nachdem der Friedhof wieder leer wurde, betrat der Kleine diesen etwas ängstlich und befremdet. Denn wie eine widersinnige Wunde ragte aus dem grünen Gras oder aus dem weißen Schnee hervor ein braunes Lehmhügelchen mit einem blendend weißen Holzkreuz darauf. Und noch lange danach hatte sich der Kleine an den Fremden auf dem Friedhof gewöhnen müssen, bis Schnee oder Gras das braune Hügelchen bedeckt hatten, und das Kreuz grau vom Regen und Winde wurde. Alles vergeht... das Leid des Kleinen verging auch. Nichts wusste der Kleine über den vierten Rand der Welt, wohin auch kein Weg führte und sich nur der Pfad von der Hütte bis zum Ziehbrunnen und weiter schon kaum merklich bis zum Torfmoor hinunter schlängelte. Hinter dem Torfmoor, wo sich irgendwann die Rinderfarm mit den Knochen befunden hatte, weiter links von dieser, stiegen bis zum Horizont breite mit etwas Grünem bestellte Ackerfelder auf. Der Kleine wusste aber, dass der echteste Rand der Welt nicht dort, sondern etwas seitlich zwischen diesen Feldern mit der Ex-Farm und dem Torfmoor lag. Dort, hinter einer kleinen Schlucht, stieg bis zum Himmel empor eine im Gegensatz zu der heimischen Hügellehne mit grünem und saftigem Gras bewachsene Weide. Und ganz an ihrem höchsten Rande wuchsen drei Birken mit den Wurzeln in den Horizont, mit den Gipfeln gen die hellgrauen Federwolken, mit den weißen Stämmen vor dem blauen Himmelhintergrund - zwei eng beisammen und eine etwas weiter beiseite. Hinter diesen Birken endete alles, einschließlich der Vorstellungskraft des Kleinen! Hinter den Birken rollte bis zu der Hütte - entweder vom Himmel herunter oder von irgendwo unten wie aus der Hölle herauf! - das entfernte und dumpfe Dröhnen der Stille hervor. Es dröhnte tags- und nachtsüber die ein paar Kilometer entfernt verlaufende Transsibirische Eisenbahnmagistrale[1], welche der Kleine noch nie gesehen hatte und von der er in seiner Welt nichts wissen konnte. Alles, was der Kleine nicht kannte, aber etwas Unbegreifliches darüber vom Vater gehört hatte: über Vaters anderes Leben in der Ukraine, über den Krieg und Deutschland und über vieles mehr - alles war für ihn hinter diesem Rand. Und es schien dem Kleinen auszureichen nur ein einziges Mal hinter diesen Rand zu schauen, und schon würde dies alles gleich sichtbar und begreiflich, als ob sich dies alles wie ein umfangreiches, von einem hohen Steilhang hinab beobachtetes Panorama darstellen würde. Dieser Rand machte dem Kleinen zwar tiefe Angst, zog ihn aber auch an. Es überlief ihn kalt und regte seine Seele auf - irgendwo in der Magengrube und weiter oben in der Brust -, nur wenn er an diesen Rand dachte. Der Kleine wollte schon lange seinen Mut zusammenkratzen, um den Weg bis zu diesen drei Birken - zwei eng beisammen und eine etwas beiseite - zu bewältigen und über diesen Rand hinaus zu schauen. Heute wachte er mit dem Gefühl auf, dass der Tag gekommen sei. Für alle Fälle entschied er, den treuen Arap natürlich mitzunehmen. * Der treue Freund und der beste Partner - der Hund ArapArap, ein schöner und kluger Hofhund, gelbrothaarig wie das Birkenlaub im Herbst, war nicht zum ersten Mal dem Kleinen in seinen allerlei riskanten Unternehmungen behilflich gewesen. Arap hatte es in der Familie schon immer gegeben, solange sich der Kleine zurückerinnern konnte. Arap genoss in der Familie uneingeschränkte Rechte und Freiheiten, und über seine Heldentaten und Verdienste wurden in der Familie die Geschichten hochachtungsvoll erzählt. Die Wichtigste war natürlich die über ihn und Dora, eine alte, dickwanstige und tollpatschige, aber für die Familie überlebenswichtige Melkkuh. Diese Kuh war durch einen glücklichen Zufall angeschafft worden. Als der Vater nach dem Krieg und dem darauffolgenden Zwangsarbeitslager zu seiner hungernden Familie zurückgekehrt hatte, indem er in diesen Schweinebetrieb unter die Kommandanturaufsicht verbannt worden war, erwachte in der Familie die Hoffnung auf ein etwas besseres Leben. Der Vater musste als Maurer im Betrieb arbeiten und bekam sogar einen kleinen Lohn dafür. Von diesem knappen Geld legte er jeden Monat ein paar Rubel auf die höchste Kante: Die Kinder brauchten dringend Milch, um beim ohnehin knappen Essen und dazu noch sibirischüblichen Vitaminenmangel gesund zu wachsen. Der Vater nahm sich vor, wenigstens eine Ziege zu kaufen. - An eine Kuh war wegen der Preise auf dem Markt nicht zu denken. Als es soweit war, und der Vater mit der Mutter auf den Markt ging, erwischten sie die alte Dora zu einem Preis nur etwas höher als der für eine Ziege. So erschien Dora in der Familie, und so fing die Familie an einigermaßen zu leben, wie es die Mutter danach immer erzählte. Die Kuh hauste jedes Jahr bis zum Winter hinein in einer Umzäunung aus Langnutzholz hinter der Hütte. Für den Winter musste sie dann aber in den Kuhstall, welcher direkt an der Hüttenwand angebaut worden war, so dass man bei dem eisigen Winterfrost direkt aus der Hütte in den Kuhstall gelangen konnte. Auf das flache Dach des Kuhstalls wurde im Herbst das duftende Heu für den Winter aufgehäuft. Ein Gang führte aus dem Kuhstall hinunter, in eine für die Schweine in der Erde ausgegrabene, überdachte und darüber mit Erde zugeschüttete Baracke. Direkt neben diesem mit Erde zugeschütteten und mit Unkraut bewachsenen schiefen Barackendach befand sich unglücklicherweise die Umzäunung der fressgierigen Dora. Eines nachts im Spätherbst, als das Heu bereits oben auf dem Dach gelagert worden war, jedoch Dora noch in der Umzäunung ausharren musste, brach sie - durch den Duft des frischen Heues verführt - die oberen Umzäunungsstangen durch und kletterte auf das vereiste und schiefe Dach der Erdbaracke, in ihrem verzweifelten Versuch, das Heu zu erreichen und zu kosten. Dora rutschte aber leider Gottes aus und kippte in den schiefen sowie engen Spalt zwischen der Schweinebaracke und ihrer Umzäunung rein, all ihre vier Paar Hufe zum hellen und frostigen Mond ausgestreckt. Sie hätte bestimmt bis zum Morgen unter diesen äußerst eingeschränkten Lebensbedingungen nicht überlebt, aber der wachsame Arap schlief nicht. Im nächsten Moment sprang er aufs Dach der Baracke hinauf, er betrachtete kurz Doras armselige Lage, die in ihrer Schwermut nicht einmal zu muhen versuchte, sondern Arap still und flehend mit dem glitzernden Weiß ihrer ausgedrungenen und traurigen Augen anschaute. Arap bellte sie einmal an - nicht b?se, nur so etwas verachtend - und schoss um die Hütte herum zu der Eingangstür. Er bellte und warf sich an die Tür, bis der Vater aufwachte. Als der verschlafene Vater, schimpfend und nichts verstehend, aus der Tür kam, stürzte sich Arap, furchtbar bellend, auf ihn, er griff den Vater an seiner weißen Schlafhose, zog ihn hinter sich her, lief einladend um die Ecke herum und wieder zurück zum Vater, erreichte doch Vaters Verständnis und führte ihn schließlich zu Dora. Ein anderer Fall war nicht so bedeutend fürs Leben der Familie, charakterisierte aber Araps Ehrlichkeit und Selbstlosigkeit ausdrücklich. Arap und Mieze, die schwarzweiße Familienkatze, blieben einmal tagsüber alleine in der Hütte. Auf dem Tisch, wo gegessen wurde, blieb immer etwas Essbares liegen: Milch, Brot, ein Stück Speck, ein Knochen auf dem Teller, welcher noch seinem "Polieren" unterlag, so dass jeder für sich etwas zum Imbiss finden konnte, wenn er sich im Tagesverlauf entkräftet fühlte. Erst abends, wenn der Vater von der Arbeit nach Hause kam und sich zum Abendessen hinsetzte, kam die ganze Familie am Tisch zusammen. Arap schlief, durch die sommerliche Hitze ermüdet, auf einer Fußmatte an der Eingangsschwelle. Die Mieze saß oben auf dem Ofen, ihre grünen und schlauen Katzenaugen zusammenkneifend, immer wieder nach den schmackhaften und sie seit langem verführenden Esstisch schielend. Dabei vergaß sie nicht auch dem unruhigen Schlaf des ab und zu zusammenzuckenden und sich an seinen Flanken mit Zähnen klatschenden Hundes zu lauschen. Schließlich überwältigten die Versuchung und die Gier all ihre anderen Überlegungen: Mieze stieg weich vom Ofen auf den Fußboden herab und sprang auf den Tisch hinauf. Arap nahm sie ins Visier gleich, als sie auf dem Fußboden landete, kam aber erst dann an den Tisch heran, als sie sich in ihrem hinterhältigen Vorhaben vollkommen und endgültig entlarvte, und bellte ihr im Bass seine ehrliche und unbestechliche Meinung über ihre Tat. Mieze verstand sofort, dass sie von Arap erwischt worden ist, vergaß das Essen und wollte nun nur noch das Eine - sich irgendwie aus dem Staub machen. Vergeblich! Arap vermied mit seinem strengen Bellen all ihre Versuche vom Tisch abzuhauen und der gerechten Strafe zu entkommen. Als die Mutter nach Hause kam, saß die arme Mieze immer noch auf dem Tisch, ohne etwas vom Essen zu berühren, während Arap unter dem Tisch lag, darauf wartend, die am Tatort erwischte Mieze den Herren und ihrem Willen zu übergeben. Arap selbst erlaubte sich nie in der Hütte das zu berühren, was nicht ausdrücklich für ihn bestimmt worden wäre. Er hielt es allerdings nicht für nötig, sich mit Mieze ebenso ehrlich und anständig zu verhalten. Mieze, wenn sie ihre Kätzchen hatte, schaffte normalerweise Futter für diese heran durch die Jagd in umliegenden Feldern und Wäldern und kehrte nie ohne Beute zurück. Sie brachte immer Feldmäuse, aber manchmal gerieten ihr in die Krallen auch Vögel und sogar kleine Häschen oder Murmeltiere. Arap erlegte ihr aus ungewissen Gründen einen unerträglichen Tribut auf, welchen sie ihm abzureichen hatte. Falls er zu Hause war, kam er ihr bei ihrer Rückkehr von der Jagd immer entgegen. Er versperrte ihr mit seinem Körper den Weg nach Hause, indem er sich herausfordernd quer über ihren Weg stellte. Mieze, gemerkt, dass es ihr diesmal nicht gelingt an Arap vorbeizuschleichen, legte ihre Beute vor seine Pfoten und entfernte sich unweigerlich, aber würdevoll. Nur das Eine rettete Mieze und ihre Kätzchen vor dem Verhungern: Arap war selbst tagsüber selten zu Hause, und keiner wusste, wo er sich herumtrieb. Manchmal humpelte er danach auf drei Pfoten zurück, manchmal kroch er, überhaupt kaum noch lebend, nach Hause zurück und leckte noch lange danach seine Schusswunden zu, winselnd und sich über die Menschen beklagend. Einen üblen Dienst erwies ihm sein Fell von Birkenlaubfarbe im Herbst: Alle, einschließlich der in der Gegend passierenden Jäger, hielten ihn im Freien für einen Fuchs. Aber nichts konnte diesen klugen Hund zur Vernunft bringen, und die leidenschaftliche Sucht nach Freiheit und nach freier Weite verfolgte ihn bis zu seinem Ende. Alle Versuche, ihn durchs Anketten zu retten, scheiterten und waren zwecklos: Er schaffte es immer wieder das Halsband mit Pfoten runterzukratzen und lief weg. Wenn er es mit dem Halsband nicht schaffen konnte, schlug er sich so lange, bis er die Kette durchriss, und lief sowieso weg. So lief er einst weg und kehrte nie wieder zurück. Er kam am nächsten Tag nicht und am übernächsten auch nicht. So etwas war auch mal früher schon vorgekommen, aber danach war er schon im ganz schlechten Befinden heimgekrochen. Als er auch am dritten Tag nicht heimkehrte, wusste die Familie bereits, dass er nie zurück sein wird. Dies war der erste schwere Verlust in der Familie und der erste schwere Verlust im Leben des Kleinen. Noch lange danach forschte der Kleine sein Landreich durch, aber er fand nirgendwo irgendwelche Spuren von Arap. Und dann begriff der Kleine die Kühle und die Bosheit der weiten und fremden Außenwelt, und er fühlte sich seitdem oft einsam auf dieser Welt. * Die dröhnende Stille der FerneJetzt rief der Kleine nach Arap auch vergeblich, aber als er bis zum Torfmoor kam, holte ihn der aus seinem ungewissen Irgendwo außer Atem hierher angestürmte Arap ein, genauso frei wie der Kleine auch. Arap wischte in seiner freudigen Begeisterung mit seiner heißen und rauen Zunge alle Sprossenfelder im Gesicht des Kleinen ab. Er lief dem Kleinen voraus, kam wieder zurück und schaute ihm in die Augen, bemüht das Vorhaben des Kleinen zu erraten. Als sie hinter dem Torfmoor waren und Arap zu verstehen schien, was sich der Kleine vorgenommen hatte, trabte er gleich ohne Hektik wenige Meter dem Kleinen voraus. Die Schlucht überwand er in einem Schwung, der Kleine blieb aber auf dem Boden der Schlucht mit steilen Wänden von seiner eigenen Höhe stecken. Der Kleine wusste nicht, dass die Schlucht so tief und steil war, denn er hatte es noch nie alleine bis dorthin geschafft. Die ganze Familie kam nur manchmal im Frühling zur Schlucht, wenn die Gegend von so einem Tosen gefüllt wurde, dass man es schwer hatte, in der Nacht einzuschlafen: Es lärmte und schäumte die Schlucht, in welcher die Tauwässer von der ganzen Hügellehne, die Schlucht überflutend, ins Torfmoor sausten. Zu Hilfe kam der treue Arap. Den Kleinen entweder am Kragen oder an einem Hosenträger mit Zähnen gepackt, zog er ihn - jaulend und an den Hinterpfoten kauernd - herauf, bis der Kleine oben ankam. Der Zwischenfall erschütterte das Selbstvertrauen des Kleinen, und er ginge wahrscheinlich nicht mehr weiter, sondern kehrte lieber zurück, wäre der zuverlässige Arap nicht hier bei ihm. Arap schaute dem Kleinen in die Augen und stellte sich neben ihn unter seine linke Hand. Je näher die drei Birken rückten, desto klarer spürte der Kleine reine Leere des Himmels hinter ihnen, und umso größere Aufregung packte ihn. Und als bis zum Horizont, aus dem die Birken wuchsen, schon ganz wenig blieb, riss sich hinter diesem Rand los - aus der irgendwo brüllenden Stille her, dem Kleinen und dem stillwerdenden Arap entgegen - ein heißer Windstoß, der heftiger als der Knall einer geschüttelten Decke war. Der durch die Erwartung hinter den Rand zu schauen äußerst angespannte Kleine hielt es nicht mehr aus! Er rannte panisch Hals über Kopf hinunter, den Kopf eingezogen und nur die Blitze seiner während des Sommers bis zum Blut geplatzten Füße sehend. Um ihn herum kreiste in seiner wilden Begeisterung Arap, ins laute Gebell verfallen und sich über das vom Kleinen ausgedachte Spiel freuend. Dabei versuchte er noch spielend den Kleinen immer wieder mit Zähnen an den Fersen zu erwischen, wodurch der Kleine in seinem Lauf noch mehr drauflegte. Der Kleine kam zu sich, erst als er auf den Boden der Schlucht hinunterrollte und mit seinem Rücken deren steilen und sicheren Abhang spürte... So gelang es damals dem Kleinen nicht, hinter den ihn so faszinierenden Rand seiner Welt zu schauen, und so blieb seit damals in ihm eine leidenschaftliche und über alles gehende Sucht nach dem dröhnenden, tosenden und anziehenden Ruf der unbekannten und unerforschten Ferne. * Historische Ungereimtheiten des 20. Jahrhunderts oder darüber, welche Lebenswege Menschen zum Bahnhof führenDie letzte Abfahrt oder über den Begriff "Zuhause""Der Personenzug 'Moskau-Berlin' fährt ab" - hustete plötzlich eine blecherne Frauenstimme aus dem Bahnsteiglautsprecher. Der Zug zuckte wie angebellt, donnerte mit allen seinen Verkupplungen wie eine Maschinengewehrsalve und rollte langsam aus dem Bahnhof hinaus. "Machen wir's uns gemütlich hier." - sagte der Vater, nachdem er ihr Gepäck unter den unteren Liegen in einem Abteil für vier Personen des Schlafwagens verteilt hatte. "Wenigstens das ist günstig für uns, wenn auch in einem falschen Zuge." - fügte die Mutter hinzu. Sie meinte dabei die für das Abteil passende Größe der Familie. Die Familie bestand aus vier Personen: der Vater, die Mutter und zwei Töchter von zwölf und vierzehn Jahren. "Siehst du! Ich sagte euch doch, dass alles gut gehen wird" - versuchte der Vater seine Familie etwas zu ermuntern. "Nun haben wir hier für die nächste Zeit unser vorübergehend letztes Zuhause." - machte er ungewollt seinen Versuch wieder zunichte, indem er ihnen seine innersten Gefühle und Sorgen gerade gezeigt hatte. "Wie Zuhause?" - wunderten sich auch gleich die beiden Töchter. "Ich meine nur, für uns soll ein Zuhause überall dort sein, wo wir alle Vier zusammen sind, sei es ein Bahnhof oder dieses Abteil." - versuchte der Vater sich auszureden, aber auch seine Familie darauf vorzubereiten, was auf sie womöglich noch zukommen werden könnte. - "Was Menschen unter ihrem Zuhause verstehen, liegt doch nicht an Wänden und am Dach einer Wohnung oder eines Hauses! Es ist unser Familiengefühl. Es ist unser Familiengemüt, welches uns einen Raum gemütlich macht. Es ist in uns drin und immer mit uns, egal wo wir sind. Wie unser Gepäck eben." Als Gepäck hatten sie zwei Koffer, zwei Aktentaschen vom Typ "Diplomat" und eine große Tüte mit Essen und Trinken für unterwegs mit dabei. Fürs Kofferpacken war der Vater zuständig gewesen. In die zwei Aktentaschen und zum Teil in einen der beiden Koffer war alles hinein gekommen, was man als Archiv bezeichnet: Dokumente, Fotos und wichtige oder auch nicht - wer sollte es schon bei so einer Reise im Voraus wissen! - Papiere. Der Rest des Gepäcks bestand aus ein paar Bekleidungsstücken für jeden sowie, was dem Vater besonders wichtig erschienen war, aus warmen Pullovern für alle, wenn der Herbst kommt und die Kälte einbricht. Es war der 19. Juni 1990. Das Unternehmen war vom Vater nur als eine Hinreise geplant worden, und es sollte kein Zurück mehr geben. Ob der Plan am Ende aufgeht, stand allerdings in den Sternen. Dies war nicht mehr Vaters Entscheidungsbereich. * Die Gerechtigkeitsarithmetik oder darüber, wie man vierzig Jahre seines Lebens in einen Koffer packtDas Schwierigste beim Packen war eben dieses Archiv wegen des Platzmangels auf eine harte Weise einzuschränken. Jedes Foto und jedes Papierchen wurden mehrmals umgedreht und mit jedem ausdiskutiert, ob es eher zum Andenken an irgendetwas und zur Familiengeschichte gehöre. Alle Fotoalben und Ordner wurden geplündert und im Endeffekt hätte das Ausgewählte vielleicht nur noch ein einziges Album und einen einzigen Ordner füllen können. Was aber fast ohne jede Revision eingepackt wurde, waren Vaters nie veröffentlichte Gedichte, Erzählungen, politische Zeitungsartikel und verschiedene Notizen sowie seine veröffentlichten wissenschaftlichen Artikel, Vorträge, noch nicht veröffentlichten Forschungsergebnisse und sonstiger "Kram" aus diesem Bereich. Das alles nahm auch einen großen Teil des zur Verfügung stehenden Platzes weg. Dies gab auch dem Vater einen Grund über die Gerechtigkeit nachzudenken. Aber auch diese Frage wurde von ihm in einer Diskussion mit der Familie zufriedenstellend gelöst: "Schließlich müssen fast vierzig Jahre meines Lebens, zwar so wie bei dir," - wendete er sich an die Mutter - "aber doch mehr als die bei euch beiden zusammen" - sprach er zu den Töchtern - "in diese zwei Koffer eingepackt werden!? Die kleinere der beiden Töchter hatte vorhin versucht ihren großen Spielball in einen Koffer hineinzuschmuggeln. Der Vater hatte aber dem Ball den Weg in jedes Gepäckstück unnachgiebig versperrt. Diese kurze und heftige Auseinandersetzung mit der Tochter hatte auch den Anstoß zu diesem Aufklärungsgespräch und zu einer derartigen Gerechtigkeitsberechnung gegeben. "Dann sollte man noch diese Jahre mit einem, sagen wir, Aktivitätskoeffizienten multiplizieren." - setzte der Vater seine Argumentation für die Mutter fort, nachdem er merkte, dass die einfache Arithmetik die Größe seines Anteils nicht deutlich gerechtfertigt hatte ? "Ihr wollt doch nicht bestreiten, dass so ein Koeffizient bei mir größer gewesen wäre. Oder?". Dieses "Oder?" überzeugte seine Familie meistens, denn die drei Weiblichen hielten es schon immer für sinnlos einer derartigen Einladung zur offenen Diskussion zu folgen. "Du lässt dich sowieso nie erwischen." - sagte ihm mal die ältere Tochter nach einem ihrer Versuche dem Vater etwas abzustreiten - "Egal was ich dir sage, du findest immer eine Ausrede!" "Das ist doch Quatsch!" - wehrte sich der dadurch ehrlich gekränkte Vater - "Ich finde Argumente, die du nicht widerlegen kannst, und das ärgert dich. Finde du solche Argumente, und ich werde diese im Gegensatz zu dir bestimmt akzeptieren. Und ausreden muss ich mich auch nicht, denn ich bin immer für jede Meinung offen, falls man eine hat und sie auch überzeugend vertreten kann." Wo die Tochter vielleicht doch recht hatte, dass der Vater - ein professioneller, in Diskussionen abgehärteter Wissenschaftler - mit der Zeit immer mehr zum Sophisten wurde und nicht immer eine naive Wahrheit wie manchmal die von seiner Tochter, welche auch keiner logischen Beweise bedurfte, a priori akzeptieren konnte. Bei dieser von ihm vorgeschlagenen genaueren Berechnung sollte es mit der Gerechtigkeit - meinte der Vater - sogar für seine am Anfang der Pubertät stehenden Töchter irgendwie stimmen. Der Vater war am Ende sogar froh, seine Überlegungen zu diesem Thema gleich der Familie vorgetragen zu haben, damit keine offenen, wenn auch nicht ausgesprochenen Fragen blieben. * Die Familiendemokratie oder über die Wechselwirkung zwischen den Erziehungsfragen, der Natur und der GesellschaftÜber alles gleich und offen zu reden, war seine Art, mehr Demokratie und Gerechtigkeit zu wagen. Es brachte dem Vater wahrhaftig nur Probleme und schließlich sein ganzes Leben durcheinander. In der Familie führte es immer zu Auseinandersetzungen mit der Mutter, wenn er seine Gedanken zu wirtschaftlichen und politischen Problemen oder ethischen Fragen in seinem Institut oder auch im ganzen Staat zu Hause zur Diskussion zu bringen versuchte. "Belästige unsere Töchter nicht mit diesem Mist!" - meinte die Mutter dazu - "Sie sind noch kleine Kinder und dürfen noch nicht mit Fragen und Problemen von Erwachsenen belastet werden." "Ach ja! Kannst du mir vielleicht gleich auch die genaue Altersgrenze zwischen Kindern und Erwachsenen nennen, ab welcher man sie dann doch damit 'belästigen' darf?" - ärgerte sich der Vater - "Du kannst die Kinder vor dieser schmutzigen und problematischen Welt, in welcher sie schließlich auch leben müssen, nicht unter deinem Rock verstecken und dort aufbewahren." "Wieso denn nicht? Ich dachte immer, dass der Schutz ihrer Kinder sei gerade die Aufgabe aller Eltern, geschweige denn von so einem starken Vater, wie du es bist." - provozierte die Mutter ihn weiter. "Gerade solchen 'zu liebevollen' und 'schutzsicheren' Eltern haben wir zu verdanken, dass es so viele Schmarotzen auf der Welt gibt." - ließ sich der Vater auch sofort wie immer provozieren - "Ich kannte schon fünfzig- und sechzigjährige 'Kinder', welche alles immer noch ganz infantil nur für sich beanspruchen und sonst von nichts etwas wissen wollten. Nur die Lösung von Problemen, sogar von ihren eigenen, überließen sie gerne den Anderen. Parasiten sind das! Und ich will keine Parasiten großziehen! Meine Töchter sollen wissen, wo sie hineinwachsen, dann erleben sie auch keinen Schock, wenn sie mal von zu Hause fortgehen!" Wenn es aber kein konkreter Erziehungsfall von denen war, die gleich zu Streitigkeiten mit der ihn provozierenden Mutter führten, konnte es bei ihm auch anders klingen: "Weißt du was, Mutti? Manchmal kriege ich richtig Angst, wenn ich mir vorstelle, dass unsere Töchter so werden, wie ich es mir eigentlich wünsche: aufrecht, ehrlich, neugierig, selbständig und aktiv denkend.- Na du weißt ja schon!" "Warum? Schließlich wünsche ich es mir auch. Wir streiten uns meistens nur über Erziehungsmethoden." "Darum, weil solche Menschen bei uns nicht gefragt sind! Sie werden nur Probleme und keine Erfolge haben. Du siehst ja, was mit mir passiert." "Bei dir klappt es doch. Du lebst noch." "Was heißt 'klappt es'? Ich lebe eben gerade noch! Dabei bin ich ein in Kämpfen um meine Existenz aufgewachsener und abgehärteter Mann. Und sie sind kleine Mädchen und künftige zärtliche Frauen und Mütter. Sie sollen leben und nicht kämpfen! Aber wie sollen sie denn leben?" "Es hilft dir nicht, daran den Kopf zu zerbrechen. Wir können sie nicht zu anderen Menschen als wir selbst erziehen." - belehrte ihn die von Dr. Spock begeisterte und all seine Erziehungsbücher verschlingende Mutter - "Die Kinder lernen nicht aus Vortr?gen und Moralpredigten der Eltern. Sie gucken ihre Verhaltensweisen und Lebenseinstellungen einfach bei den Eltern ab, so wie die Tierkinder in der wilden Natur ihre Jagdmethoden und Überlebenskünste bei ihren Eltern abgucken." - erwies die Mutter wie sehr oft in konkreten Situationen auch ihre eigene intuitiv-weibliche Naturweisheit, welche dem Sophisten-Vater total fehlte. "Hier hast du vielleicht recht." - gab der dadurch vorübergehend erleichterte Vater zu - "Andererseits bereiten Tiere ihre Kinder zu nichts Anderem als zum Überleben in ihrem eigenen, sich in Jahrtausenden kaum verändernden Areal vor!" "Ja, die Natur ist vernünftig." - bestätigte die Mutter. "Gerade das ist aber mein Problem!" - versuchte der Vater seine Gedanken zu erklären - "Menschen sind nicht mehr naturell! Wir existieren auf zwei Ebenen: Eine sozial-politische als reale und die Andere ethisch-humanistische oder geistliche als eine abstrakte Ebene, welche nur von Menschen und nur für sich selbst künstlich geschaffen worden ist. Und die beiden Ebenen passen selten - wenn überhaupt! - zusammen." "Bei uns zu Lande wohl kaum." "Eben! Bei der Ersten handelt es sich wie bei Tieren auch um das Überleben und um die Jagdmethoden, wenn auch um ebenso menschenspezifische, systembezogene Methoden. Diese kann sich im Unterschied zu tierischen Arealen von heute auf morgen ändern. Bringen wir unseren Kindern die Erfolgsjagdmethoden von heute bei, stehen sie morgen ganz blöd da, wenn das System anders wird. Die Zweite ändert sich - wenigstens als ein von Menschheit angestrebtes und in ihren Religionen festgesetztes Ziel - seit Jahrtausenden kaum. Es liegt nahe, die Erziehung darauf, auf den ewigen Wertvorstellungen von besten Vertretern der Menschheit, zu bauen. Aber dann sind die so erzogenen Kinder dem heutigen System ausgeliefert, welches von diesen Werten nichts hält und sie sogar bekämpft." "Na toll! Dann wählen wir lieber doch das Ewige für unsere Kinder!" - umarmte die Mutter lächelnd den Sophisten - "Umso mehr, dass wir gerade in der Perestrojka sind, wo wir heute weder neue Erziehungsanhaltspunkte noch neue Wertvorstellungen erkennen können." Kurzum alle vier Gepäckstücke wurden so oder so, mit viel Nerven, Aufregung und seelischer Zerrissenheit gepackt. - Ein Koffer zu viel, wie es sich später herausstellen wird, nämlich der mit den warmen Sachen für den kommenden Herbst. * Die ersten Überraschungen oder über Zolldeklarationen und die Verantwortung fürs SchmuggelnDer Zug schaffte endlich aus Moskau hinauszukriechen und ratterte jetzt über das dicht besiedelte und bunte Moskauer Umland. Der Schaffner begann die Deklarationsformulare für die in der Morgenfrühe in Brest bevorstehende Zollkontrolle zu verteilen. Und schon fingen die Ungewissheit und die damit verbundene Aufregung an. Zum ersten Mal im Leben überquerte die Familie die Grenze der Sowjetunion und wurde somit zum ersten Mal den dazugehörenden Strapazen ausgesetzt. Es verbreitete sich sogar etwas Panik beim Studieren der Deklarationsformulare. "Haben wir Waffen und Drogen im Gepäck?" - fragte die besorgte Mutter, diese auszufüllende Deklaration studierend, ohne dabei die leiseste Spur von Humor aufzuweisen. "Spinnst du! Mich so etwas zu fragen!" - sprang der Vater fast auf, selbst durch diesen merkwürdigen Fragebogen ungewöhnlich verunsichert. "Ich frage es nicht! Hier wird es gefragt! Und du warst schließlich fürs Kofferpacken zuständig." - wehrte sich ebenso heftig die Mutter. "Rede keinen Quatsch und schreib überall 'nein' oder 'keine'!" So wurden die Fragen über Drogen, Waffen, elektronische Geräte und einiges mehr zur allgemeinen Zufriedenheit schnell verneint. Obwohl bei elektronischen Geräten doch durch die Ernsthaftigkeit der Situation sogar bei dem Vater das Bedürfnis aufkam, alle Taschen für alle Fälle nochmals durchzuwühlen. Die Töchter hatten nämlich zu Hause zwei elektronische Spiele gehabt, welche viel kleiner als der abgewehrte Ball gewesen waren: "Habt ihr eure elektronischen Spiele, irgendwo versteckt, mitgenommen?" - fragte er die Beiden, die auf den oberen Liegen hockten und sich immer noch über den letzten Elternstreit über Drogen und Waffen lustig machten. "Ne!" - versicherten sie ihm sofort, und sie wurden gleich ernst - "Wir haben sie an unsere Freunde verschenkt." "Ganz sicher?" "Natürlich! Wir haben es ja mit dem Ball versucht." "Moment mal! Nicht überall 'nein' eintragen." - stoppte er plötzlich die Mutter - "Was machen wir mit Rubeln und fremder Währung?" "Ich habe schon 'keine' eingetragen." - erschreckte sich die zu tüchtige Mutter. "Na gut, wenn du keinen Rubel hast." - beruhigte sie der Vater und schrieb in seine Deklaration hinein: "Keine Rubel und 1057, - DM fremder Währung." Diese Summe war dem Vater ganz genau bekannt, und sie war auch ganz offiziell. * Die Ausreiseentscheidung oder über "die Kuhprobleme" von schweigsamen MenschenDie Entscheidung nach Deutschland in den Urlaub zu fahren und dort für immer zu bleiben hat der Vater wie immer nach einer ausführlichen Begründung und Besprechung mit der ganzen Familie getroffen. "Bevor ich entscheide, sollen wir darüber diskutieren!" - war seine Art einer demokratischen Familienführung, welche etwas widersprüchlich erscheinen mag, war allerdings mit der entsprechend eindeutigen Verantwortungszuteilung verbunden und dadurch legitimiert. Die Familie bestand wie schon gesagt aus zwei klugen Mädchen und einer Frau, die als Frau und Mutter in ihrer Vorgehensweise vor allem auf die Töchter und auf das nicht so einfache Einrichten des alltäglichen Lebens fixiert war, woran sich aber auch jeder in der Familie mit seinen Pflichten und Aufgaben beteiligte. Die Verantwortung für die strategischen Fragen des Familienlebens, wie zum Beispiel die mit der Mutter ausdiskutierten Erziehungsfragen, war dem Vater zugeteilt. Es hatte sich so nach den geeigneten Charakterzügen der beiden Eltern ergeben und wurde niemals bestritten. Die Mutter hatte es dabei gut, denn sie sah ihre genügsame Rolle darin, den Vater zu kritisieren und zu pieken, wenn etwas von ihm Veranstaltetes schief ging. Aber beim Vater ging kaum etwas schief! Jedenfalls in dem Sinne nicht, in dem er eine Schieflage bzw. ein Erfolg verstand und definierte. Ein Kompromiss bei der Ausreiseentscheidung wurde von der Mutter in der Zweideutigkeit der Frage gefunden. Nach Deutschland zu den nie gesehenen Verwandten zu fahren, darauf freuten sich natürlich alle. Was das vom Vater ausgedachte Bleiben betraf, wurde von drei weiblichen Familienmitgliedern erst gar nicht wahrgenommen. Und mit ihrem weiblichen, von Natur aus vorhandenen Pragmatismus hatten sie wahrscheinlich sogar recht. "Es gehört schon wieder zu Vaters Spezialitäten alles so zu verkomplizieren!" - stand ihnen dabei ins Gesicht geschrieben. "Wenn ich eure verschwiegenen Gesichter sehe, fühle ich mich wie jemand, der durch das Urteil eines Konsiliums zum Irren erklärt wird und dabei keine Möglichkeit bekommt, das Gegenteil in einer offenen Diskussion zu beweisen!" - beschwerte sich der durch so etwas immer zutiefst gekränkte und verärgerte Vater bei der Mutter. Er konnte auch sonst keinen schweigsamen Menschen leiden, welcher etwas Eigenes tut, ohne darüber wenigstens unter seinen Nächsten, die auf demselben Tunfeld weiden und von seinem Tun betroffen sein können, ein Wort zu verlieren. Dieses Gefühl entwickelte sich bei ihm noch seit seiner Kindheit, als es zu seinen Pflichten gehört hatte, die Familienkuh abends nach deren Weiden nach Hause zum Melken zu treiben. Er bekam es jedes Mal zu spüren, falls es der blöden Kuh manchmal nicht passte nach Hause zu gehen. Er hätte dann mit ihr auch noch so vernünftig und überzeugend reden, vor ihr klagend weinen und zu ihr kniend beten, sie höflich bitten oder verärgert peitschen können: Sie stellte ihren Schwanz hoch, machte ihre gutmütigen und traurigen Augen zu - diese vor alldem schützend - und flüchtete in die entgegengesetzte Richtung: In einem leichten und unbeschreiblich schnellen Kuhgalopp, während er sich in einem schweren Trab hinter ihr her die Lunge aus dem Halse rannte; in einem leichten Trab, während er - weinend und schnaufend und eher von seiner Kränkung, Wut und Verzweifelung erschöpft - schwer hinter ihr her schlenderte; in einem leichten Schritt, unterwegs auch noch weiter weidend, wenn er nun völlig entkräftet hinter ihr schwer ins Gras niederfiel. Und das Ganze spielte sich jedes dieser Male in absolutem Schweigen - kuhseits jedenfalls! - ab! "Warum sollen wir das heute und hier mit dir ausdiskutieren, wenn sich gar keinen Anlass dazu dann dort vielleicht ergibt?" - waren die abschließenden Worte der Mutter zu diesem Thema - "Belassen wir es einfach dabei! Lass uns weiter auf diese seltene Möglichkeit freuen, unsere Verwandten wie auch Deutschland an sich im Urlaub zu erleben. Über das Andere reden wir vor Ort, wenn es soweit ist und wenn es überhaupt dazu kommt." Sie hatte zweifelsohne recht! Der Vater hatte ein festes Ziel gesetzt, ohne richtig zu wissen, wie es zu verwirklichen wäre. Das Einzige, was ihm eingefallen war, sich als Wissenschaftler bei den deutschen Firmen zu bewerben, welche ihren Fachveröffentlichungen nach mit seinem ziemlich engen Forschungsbereich zu tun hatten, und deren Namen und Anschriften er diesen Veröffentlichungen entnommen hatte. * Diskussionsgrundlagen, Selbstständigkeitsmerkmale und Entscheidungsmethoden oder darüber, was das ist, erwachsen zu seinMutters Antwort war für den Vater auch zufriedenstellend, weil das keine grundsätzliche Absage war, welche er nie akzeptiert hätte. Außerdem war dies schließlich genau seine Art, die Entscheidungen zu treffen und Probleme zu lösen. Er nannte diese Art "Einwurfsmethode", fand sie einzig richtig und propagierte sie auch bei seinen Töchtern: "Weißt du, warum du bei mir verlierst?" - tröstete er einst seine ältere Tochter, die immer häufiger seine Meinungen in Frage stellte, diese zu widerlegen versuchte, dabei ihn "zu erwischen" (wie sie es nannte) nicht schaffte und sich dadurch gekränkt fühlte. "Nein! Aber ich weiß, dass du es mir gleich erzählst!" - reagierte die Tochter immer noch bockig. "Weil du in unseren Streitereien nach Akzeptanz suchst und dafür gegen meine beliebigen Aussagen zu argumentieren versuchst, statt deine eigene Meinung vorzuweisen und diese durch deine eigenen Argumente zu belegen." "Nicht gegen beliebige! Nur gegen deine Meinungen, die ich falsch finde!" "Es gibt keine falschen Meinungen! Denn es gibt keine absoluten Wahrheiten, mit denen du eine Meinung vergleichen kannst, um sie auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Es gibt nur verschiedene Meinungen, aber auch nur dann, wenn mindestens zwei davon zum Vergleich stehen." "Also, ich habe keine eigene Meinung! Dabei, wenn ich sogar eine hätte, hörst du ja sowieso nie zu Ende! Du machst Gespräche mit dir dadurch so ärgerlich und fast unmöglich!" "Deine eigene Meinung zu einem Thema ist nur eine Äußerung deiner Weltanschauung, deiner Positionen, deiner Prinzipien - deines Etwas, was dir zugrunde liegt und dich zu dir selbst macht! Und danach suche ich bei jedem Menschen, mit dem ich rede. Und erst wenn ich es finde, finde ich auch seine Meinung interessant. Bei dieser Suche muss ich nicht lange und langweilige Ausführungen bis zu deren Ende hören." "Da sind wir wieder! Egal was ich dir sage, zum Schluss stehe ich ohne Positionen und ohne Prinzipien da!" "Ich wollte dir nur sagen, welche Menschen ich akzeptiere! Und zwar nicht nur bei irgendwelchen Diskussionen, sondern auch im Allgemeinen." "Na eben! Die mit Grundsätzen, zu denen ich nicht gehöre!" "Mit Grundsätzen werden Menschen nicht geboren. Sie werden, wenn sie wie du das Glück haben, mit der dazu notwendigen Intelligenz geboren. Mit dieser Intelligenz suchen sie dann in ihrem Leben nach ihren Grundsätzen oder sie bilden diese und schöpfen daraus ihre Meinungen." "Sehr großzügig von dir, mir noch eine Chance zu geben, zu einem Menschen zu werden!" "Du hast noch alle Chancen und Zeit dafür! Und meine Aufgabe als deines Vaters, dir zu diesem Menschen zu verhelfen und die Werdezeit zu verkürzen." "Indem du mich zu dir selbst zu machen versuchst?" "Indem ich dich bei unseren Auseinandersetzungen nicht schone, sondern zum selbstständigen Denken und zu deinen eigenen Meinungen provoziere. Denn deine Streitsucht, die ich als Diskussionssucht betrachte, ist nichts Anderes als deine Sucht nach Selbstständigkeit! Und diese weist lange nicht jeder auf, und ebenso wenige suchen danach." "Ich dachte, dass jeder Jugendliche streitsüchtig ist und sich irgendwann von Eltern selbstständig macht! Ein Naturgesetz, wie du es oft zu sagen pflegst." "Jedes Kind sucht vielleicht nach einem Streit, aber nicht jedes nach einer Diskussion. Und jedes Kind trennt sich irgendwann von seinen Eltern - das wäre ein Naturgesetz. Allein dadurch wird das abtrünnige Kind aber noch lange nicht selbstständig!" "Selbst zu leben bedeutet meinetwegen schon die Selbständigkeit!" "Kommt darauf an, was du unter 'selbst zu leben' verstehst. Wenn du dabei nur deine Freiheiten meinst, im Sinne keine Elternverbote mehr erteilt zu bekommen, liegst du ganz daneben! Du wirst schnell merken, dass du bald dir selbst vielleicht noch mehr Verbote erteilen musst." "Und wenn schon! Egal was, Hauptsache selbst!" "Es ist nicht egal! Deine Selbstständigkeit erkennt man daran, ob du deine eigenen Entscheidungen treffen kannst. Jeder, der das kann, hat auch seine eigene Methode entwickelt eine Entscheidung zu treffen. Die Einfachste und damit die Vernünftigste, die auch bei mehreren sogenannten vernünftigen Menschen vorkommt, alles von Anfang an durchzukalkulieren, alle Pro und Kontra gegeneinander aufzurechnen und zu einem einfachen summe-summarischen Pro oder Kontra kommen. Daher kann diese Methode als 'Arithmetikmethode' bezeichnet werden." "Na siehst du, es ist doch nicht so kompliziert! In der Mathe bin ich die Beste!" "Das stimmt! Das Blöde bleibt dabei nur, dass du all diese Pro und Kontra meistens, besonders wenn es um große, langfristige und somit gerade schicksalsträchtige Entscheidungen geht, gar nicht kennst und die meisten davon herbeizaubern musst. So kalkulieren viele Menschen jede auch noch so gute Idee von vornherein kaputt. Und so verspielen sie oft ihre wahrscheinlich einzige ihnen jeweils gegebene Chance!" "Und welche Methode ist deine?" "Meine nenne ich 'Einwurfsmethode', auf die Sportspiele bezogen, bei denen ein Spiel mit allen niemandem vorher bekannten Folgen mit dem ersten Balleinwurf oder -anstoß beginnt. Die psychologische Seite des Spieles besteht darin, dass ich nur entscheiden muss, ob mich das Spiel überhaupt interessiert und ob ich es beginne. Die eine Entscheidung erfordernden Situationen ergeben sich dann nur durch das Spiel selbst. Und solche Entscheidungen als sofortige Reaktionen auf entstehende Spielsituationen bestimmen das Ergebnis!" "Ich finde diese Methode etwas primitiv und draufgängerisch im Vergleich zu der Ersten." "Du kannst diese Methode auch als mutige bezeichnen. Bei der ersten Methode, wie ich schon sagte, verliert man oft in diesen Spielbegriffen ausgedrückt gleich, ohne den Versuch das Spiel überhaupt zu beginnen, ohne den Mut aufzuweisen, das Risiko einzugehen. Bei meiner gehst du nicht ins Detail, und dadurch handelst du schneller und effektiver." "Das sind doch die sogenannten Entscheidungen 'aus dem Bauch', was du gerade erzählst!" "Vielleicht sind sie das, wenn Intuition im Bauch liegt. Denn sonnst nennt man das auch 'intuitive Handlung'. Man braucht eben viel Intuition, um das Spiel zu beginnen, und scharfe Reaktion, um das begonnene Spiel zu gewinnen. Nur ist die Intuition auch keine Gottesgabe, und außerdem erklärt ein passender Begriff an sich noch gar nichts! Die Intuition kommt durch deine Lebenserfahrung. Etwas Intelligenz ist dabei wie auch bei vielen Sachen mehr wiederum vorausgesetzt. Die Intuition, ebenso wie die scharfe Reaktion, kannst du dann eintrainieren. Dies hilft aber auch nur dabei eine Situation, in welcher du deine Entscheidung zu treffen hast, schnell zu erkennen sowie prompt und möglichst richtig auf sie zu reagieren." "Ich verliere allmählich den Faden. Wir haben über Selbständigkeit gesprochen und reden jetzt doch über irgendwelche Spiele." "Der Kreis von diesen verschieden erscheinenden Dingen, über die wir sprechen: Selbstständigkeit, Entscheidungsfähigkeit, Weltanschauung und Grundeinstellungen oder Prinzipien, hat sich bereits geschlossen. Wenn du entscheidungsfähig bist, bist du selbstständig, und du kannst eine schnelle und schlüssige Entscheidung treffen, welche du auch zu verantworten hast. Wenn du deine Prinzipien und deine eigene Weltanschauung hast, ist deine Entscheidung richtig für dich, und du kannst sie jederzeit begründet erklären, verteidigen sowie ruhig und selbstbewusst all ihre Folgen tragen!" "Alles klar! Ich bin unfähig Entscheidungen zu treffen, denn ich besitze weder Intuition noch alles Andere. Dabei hatte ich immer das Gefühl jeden Tag etwas zu entscheiden!" "Du sagst immer, dass ich alles verkompliziere. Aber das tue ich nicht! Oder wenigstens nicht mit der Absicht, dir oder den Anderen das Verständnis zu erschweren." "Deine Ausführungen tun das aber mächtig!" "Vielleicht. Aber ich mag einfach nicht mein Pulver für primitive Dinge, für Diskussionen über nichts, für Salongespräche verschießen! Wenn ich schon eine Analyse mache, nehme ich dafür am besten gleich einen der komplizierteren Fälle, zum Beispiel wie jetzt auch. Wir hätten über die Entscheidungsfähigkeit eines Menschen reden können, welcher sich entschieden hat, zwischen zwei vor ihm stehenden und in denselben Raum hineinführenden Türen zu entscheiden. Dann steht er wie vor zwei gleichen Heuhaufen verhungernder Buridans Esel da, unfähig zu einem logischen Ergebnis zu kommen. Stattdessen gehe ich lieber mit dem Kopf durch die Wand zwischen den Türen, statt mich mit solchen Rechenentscheidungen zu beschäftigen oder über sie zu diskutieren!" "Jetzt weiß ich endlich, warum du es so oft auch tust! Wann muss denn man dann entscheiden?" "Na darüber musst du dir keinen Kopf zerbrechen. Dann eben, wenn man es muss! Meinetwegen, wenn ich nichts zu entscheiden aufgezwungen bekomme, habe ich selbst genug Phantasie auf die verrückteste Lebensideen zu kommen. Dann habe ich wieder eine Entscheidung zu treffen, ob ich sie verwirklichen will und kann." "Soll dies auch ein Spiel sein, einfach so zum Spaß, wenn du gerade keine Wand zwischen zwei Türen vor dir hast?" "Nein! Das ist bloß ein Versuch den dich jeden Tag einholenden Problemen einen Schritt voraus zu sein, um die Erfolgschancen zu erhöhen. Sonst verbrauchst du dein Entscheidungsvermögen bei der Lösung von allerlei alltäglichen 'Esel-Tür-Problemen'." "Aber du sagst ja immer, dass jeder seine Probleme lösen muss und nicht mit ihnen dauernd leben oder vor ihnen weglaufen." "Dem widerspreche ich auch nicht! Ich unterstreiche sogar damit den dahinter stehenden Gedanken, dass man sich nicht von Problemen begraben lassen darf. Wenn du die zwei oben genannten Türen auch noch zu einem Problem machst - und das tun viele Menschen! - bist du sehr bald von derartigen Problemen begraben." "Und Amen! Dann sind wir alle begraben!" "Sei nicht so höhnisch! Wenn ich meine Prioritäten richtig setze, dann verschaffe ich mir so ein Visier zwischen einer Schwelle unten und einer Latte oben, durch welches ich meine auf mich tagtäglich stürzenden Probleme sehe und erkenne. Die untere Schwelle hält von mir jeden türartigen Problemmist fern. Die obere Latte schneidet mir allerlei unlösbare Probleme ab. So erkenne ich am besten, ob irgendein Problem meins ist. Denn ich will keine illusorischen oder künstlichen Probleme als meine ansehen, um die Zeit und die Kraft für wirklich meine Probleme zu sparen. Und meine sind eben diejenigen, die in dieses Visier passen, dessen Breite nach oben ich nach meinen Fähigkeiten und Möglichkeiten definiere. Wenn ich nicht imstande bin ein Problem persönlich und allein zu lösen, ist es für mich entweder kein Problem oder wenigstens nicht mein Problem!" "Ich weiß nicht. Mit diesem 'Meins-nicht-Meins'-Gerede stellst du dich genauso, wie ein krasser Pragmatiker, während ich dich als einen manchmal bis zu Blödheit naiven Idealisten kenne, wessen Verhalten von realen Verhältnissen weit weg liegt. Du verbrennst zum Beispiel deine Kräfte und Nerven in den Perestrojka-Schlachten in deinem Institut, was dir und folglich auch uns zu Hause zuschaffen macht, wo wir dir immer tüchtig zuhören müssen, ohne leiseste Ahnung von der Substanz zu haben! Ist das dein Problem, was jetzt im Lande passiert?" "Ich will ja nicht diese Perestrojka im ganzen verdammten Lande verantworten! Ich will nur in meinem Institut, wo ich arbeite, was mein Leben bestimmt und damit die untere Schwelle meines Visiers weit übersteigt und meins ist, meine Kollegen - denen es an Intelligenz eigentlich nichts mangeln sollte! - überzeugen, dass eine Menge in unseren Arbeitsverhältnissen falsch ist und unsere Arbeit stört. Und ich weiß, dass ich das schaffen kann! Also, es passt in mein Visier auch unter die obere Latte, sonst täte ich es natürlich nicht." "Und was ist mit draußen? Du versuchst ständig, ganz naiv jedem Vorbeilaufenden zu helfen, der dich um Hilfe bittet und manchmal ganz offensichtlich auszunutzen beabsichtigt. Warum versuchst du jetzt plötzlich mir deinen coolen Pragmatismus aufzutischen?" "Jemandem zu helfen, heißt ja, an der Lösung seiner Probleme teilzunehmen. Und so passt mein Verhalten wieder ins Bild meines pragmatischen Prioritätenvisiers. Bei dieser Frage sollst du dir noch die Seitenbreite des Visiers vorstellen: Wessen Probleme darein passen und somit zu meinen werden, die sind normalerweise meine Nächsten. übrigens, wenn ich manchmal auch Fremden helfe, welche mit ihren Problemen in mein Visier geraten, gibt es auch mir dann die für die Lösung meiner eigenen Probleme benötigte Kraft. Siehst du, das ist wiederum Pragmatismus schlechthin!" "Machst du dich lustig über mich oder was?" Der Vater machte es nicht. Diese widersprüchliche Mischung aus einem Idealisten und einem Realisten, geradezu einem Pragmatiker, welchen er selber nicht anerkennen wollte, war dem Vater doch aus ganz logischen und konsequenten Gründen eigen. Sein ganzes Leben war er mit konkreten und realen, ans Überleben grenzenden Problemen konfrontiert worden. Er hatte selbst zunächst sein knappes Essen, dann später einigermaßen würdige Lebensbedingungen für sich und seine Familie schaffen müssen, so wie Wildtiere dies auch tun. "Tja, meine Schlaumaus! Tierische Überlebenskämpfe machen Menschen zu Pragmatikern, denn die Natur an sich ist nur pragmatisch! Das einzige Naturgeschöpf, der sich selbst schöpfende 'homo sapiens' [2], welcher als 'homo' derartige Kämpfe bis heute noch nicht weniger als ein Tier zu führen gezwungen ist, erlaubt es sich in seinen Anstrengungen als 'sapiens' dieses pragmatische Naturverhalten seinem selbst doch nicht würdig zu finden. Er träumt von einem naturgesetzwidrigen Dasein und wird dadurch bei allem von der Natur noch verbleibenden Realitätssinn zu einem Idealisten." - schloss der Vater die Diskussion mit der Tochter ab. So ein Idealist war der Vater, der seine Träume auch noch mit aller in realen Kämpfen gewonnenen Kraft in seiner idealen Welt zu verwirklichen versuchte. In seiner Welt und bei dieser Mischung mochten Probleme der Menschheit den Vater allemal interessieren, so dass der Idealist in ihm darüber philosophieren konnte und über eine ideale Menschenwelt weiter träumen durfte. - Nur der Pragmatiker in ihm ließ nie den Luxus zu, sich um alle, wenn auch leidenden Kinder überall in der Welt zu kümmern, während seine eigenen verhungern oder einfach vernachlässigt bleiben. Die Visierblickmethode eben! So etwas wäre ja auch pervers für jeden einfach normalen Menschenverstand. Der Vater verfügte über einen normalen, gesunden und analysestarken Verstand. * Die Nationalfrage über die Bewegungsfreiheit oder über den Weltchauvinismus und seine FolgenDie Sache mit der Fluchtreise war also in Vaters Visier geraten und von ihm mit seinem vollen Verstand und auf seine abstrakte Weise entschieden worden. So hatte das Spiel begonnen, welches sie jetzt samt zweier Koffer, zweier Aktentaschen vom Typ "Diplomat" und einer großen Tüte mit Essen und Trinken für unterwegs in diesen Zug geführt hatte. Und dies trotz aller Verwirrungen der Zeit, dank aller Vorzüge und trotz aller Nachteile der Perestrojka, welche sich fast tagtäglich für sie ergaben. Bereits bei den Reisevorbereitungen stellte es sich fest, dass sich alles in der UdSSR, was immer so verkrustet steinfest und verrostet eisern gewesen war, während der sich seit vier Jahren quälenden Perestrojka immer mehr als etwas verschwommen, unsicher und brüchig erwies und manches sogar durch dieselbe dazu wurde. Am Anfang wirkte es sich auf Vaters Plan positiv aus. Er wusste immer in seinem Leben, dass er nie über die Grenze des Sowjetreiches hinaus durfte. Dafür sorgte allein seine deutsche Nationalität, welche in die im Lande berühmte fünfte Zeile seines Innenpasses fest eingetragen worden war. Durch diesen von seinem Vater geerbten "Umstand" war er zunächst, gleich bei seiner Geburt, sogar in eine Fünfkilometerzone des sibirischen Teils des Reiches eingewiesen worden. Eigentlich nicht er persönlich, sondern seine Eltern waren zusammen mit allen anderen deutschen Kolonistenfamilien in solche Zonen hinter dem Ural unter die Kommandanturaufsicht gesteckt worden. Es passierte infolge des russischen, zuerst im Zarenreich panslawischen und dann im Sowjetischen Stalinreich revolutionär-leninistisch-jüdisch-weltkommunistischen Chauvinismus im Zusammenspiel mit dem deutschen zuerst im preußischen Kaiserreich pangermanischen und dann im Dritten Hitlerreich national-sozialistisch-rassistisch-faschistischen Chauvinismus. Oder so. Jedenfalls führte das teuflische Zusammenspiel letztendlich und unausweichlich zum Ersten deutsch-russischen Krieg zwischen dem Kaiserreich und dem Zarenreich und dann später zum Zweiten deutsch-russischen Krieg zwischen dem Deutsch- und dem Sowjetland, beziehungsweise, wie manche behaupten[3], zwischen dem Sowjet- und dem Deutschland. Der Erste Krieg führte zum noch seitens des Zaren vorbereiteten und dann seitens der Bolschewiken und Kommunisten vollzogenen Ende von der Existenz der reichen und starken deutschen Kolonien in Russland. Und der Zweite Krieg führte dann zum seitens des kommunistischen Sowjetregimes entfesselten Beginn von der Vernichtung der verarmten und harmlosen Reste der deutschen Kolonisten ausschließlich wegen ihrer Nationalität, welche diese Volksgruppe verdächtigt machte auf irgendwelche Weise zum feindlichen, schon wieder gegen Russland kriegführenden Deutschland zu gehören. * Die Philologie des Genozids und die Politologie des Siegers oder über das Schicksal Deutschlands und Deutschen sowie über das linguistische Durcheinander im Demokratieunterricht und im InternationalrechtViele Menschennationen auf der Welt mögen bestimmte, manche ihrer verbrecherischen und schmutzigen Taten direkt und indiskret definierende Begriffe veredeln, indem sie diese ins Griechisch-Lateinische übersetzen. Wenn jemand das, was mit den deutschen Kolonisten in der UdSSR nach ihrem vom sowjetischen Politbüro am 28. August 1941 gesprochenen Ermordungsurteil geschehen war, hätte auf diese Weise veredeln wollen, sollte dieser Jemand dies "Genozid" nennen. Dann hätte auch kein anderer, sich womöglich dafür interessierender Mensch in dicken Geschichtebänden mühsam nach dieser Geschichte suchen müssen - darin steht ja sowieso gar nichts über diese Geschichte geschrieben. Der Interessent hätte dann einfach diesen Begriff in jedem Lexikon nachschlagen können. Im deutschen Lexikon "Wahrig"[4] zum Beispiel findet man eine sehr knappe und sehr zurückhaltende Zurückübersetzung dieses veredelten Begriffs ins Deutsche: "Genozid = Völkermord [zu lat. genus 'Geschlecht, Stamm' + caedere 'töten']". Sonst gar nicht! Schlicht und knapp! Die Deutschen zeigen ihre "Political Correctness" und wollen in dem Begriff nicht besonders herumstöbern, weil sie sich nach ihrer Nazi-Vergangenheit eingebildet hatten oder viel mehr in der langen Nachkriegszeit dazu umgebildet worden waren, dass "Genozid" eine Bezeichnung für die spezifisch deutsche, nur ihnen zu eigen gemachte und auch noch erbliche Nationalkrankheit sei. Die Nationalkrankheit, für die alle deutschen Kinder und Enkelkinder seit dem Kriegsende geschändet, psychoterrorisiert und getreten worden waren, worden sind. Aber auch alle ihren Nachkommen werden für ewige Zeiten geschändet, psychoterrorisiert und getreten werden, wie dies der drogenabhängige und die Vorliebe zu illegalen slawischen Prostituierten aufweisende Vertreter des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Deutschland mal ohne jede Vorliebe zu deutschen Kindern versprochen hatte. Diese Knappheit führt aber irre, weil man fälschlicherweise denken könnte, dass Genozid ein anderer Begriff für "Krieg" wäre, denn in jedem Krieg morden sich die kriegführenden Völker gegenseitig. Ein oberflächlicher Leser, falls dieser daraus hätte doch mehr erfahren wollen, hätte außerdem aus dem Inhalt der eckigen Klammern auf etwas Sinnloses wie "Genussmord", "Stammcidre" oder sogar "Geschlechtsverkehr" kommen können. Das Letztere wäre auch nicht so verkehrt, wenn man daran denkt, was für ein mörderischer Verkehraufwand von Viehwaggons die Sowjetmetzger benötigten, um Hunderttausende vom deutschen Geschlecht in Russland zu ihren "Schlachthöfen" zu verkehren. Da es im Russischen kein gängiges und wie im Deutsch so dreisilbig einfaches Word dafür gibt, findet man zum Beispiel in dem im Jahre 1955, als der diesem Genozid ausgesetzte Vater-Kleine gerade mal vier Jahre alt war, herausgegebenen und sich auf die Situation des Kleinen gar nicht beziehenden Lexikon "Fremdwörterbuch"[5] eine etwas breitere und nicht so zurückhaltende - die Sowjets haben es nicht nötig, weil sie so etwas wie Genozid nie offiziell begangen haben - Zurückübersetzung, wenn auch nicht gerade ins Russische, sondern ins Sowjetische: "Genozid [gr. genos 'Geschlecht' + lat. caedere 'töten'] - Vernichtung einzelner Völkergruppen aus den auf ihre Nationalität (Religion) bezogenen Beweggründen - das schwerste von Imperialisten begehende Verbrechen gegen die Menschheit. Genozid ist organisch mit faschistischen und rassistischen 'Theorien' verbunden, die National- und Rassenhass - Herrschaft von sogenannten 'höheren' Rassen und Vernichtung von sogenannten 'niedrigeren' Rassen - propagieren." Ziemlich verwirrend sind die beiden Zurückübersetzungen. Dem deutschen Lexikon nach ist weder die von sowjetischen Kommunisten begangene Ermordung von deutschen Kolonisten in Russland, noch die von deutschen Nazis begangene Ermordung von Juden als Genozid zu bezeichnen. Erstens, wenn man die deutschen Kolonisten nur als ein Teil des deutschen Volkes betrachtet, dann war es eben ein Krieg, in dem sich die Völker Russlands und Deutschlands gegenseitig, ohne erkennbare, auf ihre Nationalität bezogene Beweggründe mordeten. Zweitens, was die Juden betrifft, definiert der Begriff "Judentum" keine Nationalität, sondern eine Religion. Somit sind die Juden kein Volk im Sinne einer durch gemeinsame Sprache und Kultur verbundenen Gemeinschaft von Menschen, welches man aus den im deutschen Lexikon nicht näher definierten Beweggründen morden kann, sondern eine durch die ganze vielsprachige und multikulturelle Welt zerstreute Religionsgemeinschaft. Dem sowjetischen Lexikon nach, wenn man nur aus dem Inhalt der eckigen Klammern so etwas wie "Genossenmord" zusammenbastelt, sollte man eigentlich die von Stalin und seiner Vernichtungsmaschinerie begangene Ermordung von seinen eigenen Parteigenossen als Genozid betrachten. Es träfe besonders dann zu, wenn man auch den Kommunismusglauben - auf den Inhalt der runden Klammern bezogen - auch als eine Religion verstehen würde. Bei einer weiteren Analyse der sowjetischen Definition von Genozid hätte man die Ermordung von deutschen Kolonisten als einer nationalen Volksgruppe in Russland schon als Genozid betrachten können. Jedoch nur dann, wenn man gleichzeitig die diese Ermordung im Sowjetimperium begangenen Kommunisten als Imperialisten betrachten dürfte, was historisch bekanntlich nie der Fall war. Der Bevölkerungsteil jüdischen Glaubens im Dritten Deutschen Reich und auf den von ihm besetzten Territorien als ein Teil der weltweiten Religionsgemeinschaft steht in dem sowjetischen Lexikon - wenn auch nur in runden Klammern - doch besser da, als der deutsche Bevölkerungsteil im Sowjetreich und auf den von ihm im Jahre 1939 besetzten Territorien als ein Teil des deutschen Volkes. Dem Inhalt der runden Klammern im sowjetischen Lexikon folgend kann die Ermordung des Bevölkerungsteils jüdischen Glaubens seitens des Bevölkerungsteils christlichen Glaubens in demselben Reiche als Genozid anerkannt werden. Dies war auch nach dem Krieg als solches anerkannt worden. Also, im politischen Sinne ist diese Lexikonlogik genauso verwirrend wie im linguistischen auch. So verwirrend, dass die Weltpolitiker immer noch nicht genau wissen, was das Wort "Genozid" bedeutet, beziehungsweise nicht immer Genozid erkennen können, um es dann auch gleich anzuerkennen, gegebenenfalls nicht immer genau wissen, nach welchem Lexikon sie handeln sollen. Die Amerikaner handelten nach dem Zweiten Weltkrieg offensichtlich nach dem sowjetischen Lexikon und erkannten das im Dritten Reich begangene Genozid an Juden an. Dabei alliierten sie gerne mit Sowjets, und währenddessen mussten sie ihre beiden Augen ganz toll zudrücken, um die Genozidanfälle des ersten Sowjetreiches zu übersehen. Vielleicht alliierten sie mit Sowjets auch nicht so gern, aber beim Teilen Deutschlands und Verurteilen der Deutschen in Nürnberg arbeiteten die Alliierten doch harmonisch zusammen. Die Sache mit all diesen auf den ersten Blick sinnlosen lexikon-politisch-linguistischen Übungen ist die: Genozid ist zu Recht von der Völkergemeinschaft in internationalen Gesetzen zu einem rechtlich zu verfolgenden Verbrechen gegen die Menschlichkeit erklärt worden. An der Stelle muss noch ein linguistisches Durcheinander aufgeklärt werden: Es ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit und nicht gegen die Menschheit, wie es irrtümlich in dem sowjetischen Lexikon behauptet wird, obwohl vorhin richtig behauptet wurde, dass es ein Verbrechen gegen manche kleine national-religiösen Teile der Menschheit sei. Wird dieses Verbrechen nachgewiesen, gibt es ein Opfer, welches zu entschädigen ist, und einen Täter, der nicht nur zur internationalen Verachtung, sondern auch zur Geldstrafe in Höhe dieser Entschädigung zu verurteilen wäre. Und gerade hier liegt der Hund begraben! Zur Verachtung kann man auch Geister verurteilen, ein verbrecherisches, aber bereits vernichtetes Regime zum Beispiel. Doch zu einer Geldstrafe kann nur eine real existierende juristische Person beziehungsweise ein juristisches Subjekt, ein Staat zum Beispiel, verurteilt werden. Das dieses Genozid begangene, das Dritte Reich proklamierte und geführte Nazi-Regime war zur Verachtung verurteilt worden, und seine noch übrig gebliebenen Vertreter in Personen waren hingerichtet worden. Alles zu Recht! Nur entstanden somit gewaltige Schwierigkeiten und ein totales Durcheinander mit dem besagten juristischen Täter-Subjekt! Nachdem die letzten Vertreter der Nazi-Regierung Deutschlands ihre letzten Regierungsformalitäten mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht (nicht Deutschlands!) erledigt hatten und dann verurteilt und hingerichtet worden waren, wurde Deutschland als Staat und somit als das juristische Subjekt von vier alliierten Besatzungsmächten aberkannt! Und nicht um die Deutschen von Entschädigungsansprüchen zu retten, sondern um auf dem besetzten Territorium Deutschland eine den Alliierten freie Hand gewährende rechtfreie Zone zu verschaffen. Von den Großen Vieren brauchte die Sowjetmacht am wenigsten - nie davor und schon gar nicht nach dem Großen Sieg! - , sich und ihre Willkür in Deutschland mit irgendwelchen juristischen Tricks zu rechtfertigen. Den zwei anderen Mächten, den Engländern des Vereinigten Königtums und den durch ihre Provisorische Regierung der Französischen Republik vertretenen Franzosen, war jedes seine Rechtfertigung ebenso wenig benötigte Mittel noch seit der Versailler Hinrichtung Deutschlands im Jahre 1919 recht, Deutschland erneut hinzurichten. Nicht so der Macht der US-Amerikaner! Das war eine ausgezeichnete und beispiellose Leistung von amerikanischen Juristen[6] die internationalen Gesetzte sowie den Status Deutschlands so zu interpretieren und auszulegen, dass das deutsche Volk auf dem Territorium Deutschlands zu einem Obdachlosen, ohne sein staatliches Dach über den Kopf, und Gesetzlosen, ohne irgendwelche das Volk und seine Interessen und Rechte schützende Gesetze, wurde und alles nach dem Kriegsende mit ihm Geschehene und bis heute noch Andauernde über sich ergehen lassen musste. Es bleibe einstweilen dahingestellt, dass das meiste davon - natürlich! - zum Wohle desselben deutschen Volkes geschah, welches zunächst eindeutig umgeschult und demokratisiert werden musste, bevor dieses sein eigenes und souveränes Obdach erlangt und irgendwelche demokratischen, diese Souveränität schützenden Rechte bekommt. Das internationale Gesetz untersagt nämlich ausdrücklich die Staatsordnung auf dem besetzten Territorium eines kriegführenden Staates zu ändern, das besetzte Territorium in neue Administrationsgebiete zu teilen sowie ein Teil des besetzten Territoriums zu einem anderen Staat zu transferieren, beziehungsweise das besetzte Territorium zum Vorteil von Nachbarn zu reduzieren! Also, all das und vieles mehr, was über das Nachkriegsschicksal der Deutschen noch in Teheran beschlossen, in Jalta bestätigt, in Potsdam deklariert und in Berlin durchgeführt wurde. Das internationale, noch im Jahre 1907 in Haag ausgehandelte Gesetz definiert und reglementiert damit den Status "kriegführender Besatzung". So war noch im Jahre 1944 nach der Konferenz in Teheran den USA-Rechtswissenschaftlern die Aufgabe von ihrer Regierung gestellt worden, die Rechtsgrundlagen für die bereits beschlossene Nachkriegsbehandlung Deutschlands unter der rechtskräftigen Umgehung des internationalen Rechtes zu verschaffen. Und dies noch vor der Eröffnung der Zweiten Front in Europa und vor dem noch lange nicht errungenen, wenn auch sich bereits andeutenden Sieg über Deutschland! Die brillante Lösung-Erfindung der amerikanischen Wissenschaftler an der Universität von Kalifornien[7] bestand darin, dass der legale Status Deutschlands keineswegs als der Status der im Gesetz gemeinten "kriegführenden Besatzung" annerkant werden dürfe! Deutschland habe nämlich nach der bedingungslosen Kapitulation seiner Wehrmacht aufgehört als ein souveräner Staat zu existieren! Bereits in dieser Formulierung "Wehrmacht", statt "Deutschland" und zu diesem Zeitpunkt wurde Deutschland seine rechtliche Existenz als eines besiegten Staates verwehrt. Dies wurde auch mit wissenschaftlicher Gründlichkeit begründet: Da keine legitime Regierung vorhanden sei, gäbe es keinen Staat namens "Deutschland" mehr. Eine legitime Regierung sei nämlich eine fortdauernde und von der Besatzungsmacht - nicht vom Volk des Landes! - anerkannte Regierung. Also, nachdem Deutschland mit seinem nazifizierten deutschen Volk die Bande von einem Haufen großer und kleiner Nazi-Führer endlich losgeworden war, hörte es auf der Stelle auf, als ein Staat und ein juristisches Subjekt zu existieren! Eine legitime Regierung, nämlich die von Oberadmiral Dönitz, war zwar vorhanden und sogar, wenn auch nur vorübergehend, von den Alliierten durch die Annahme der von dieser unterschriebenen bedingungslosen Kapitulation anerkannt worden. Aber nachdem diese von denselben abgeschafft und verhaftet worden war, sahen sich die Siegesmächte selbstverständlich menschlich verpflichtet, die Sorgen um das staatlose deutsche Volk und um die Ordnung in dem nicht mehr existierenden Staate zu übernehmen. Somit war der Status weg, die "kriegführende Besatzung" dennoch rechtskräftig geblieben. Da wäre zwar noch etwas: Diese Besatzung setzt demselben internationalen Recht nach den fortdauernden Kriegszustand voraus. Sei der Zustand vorbei, seien die Besatzung nicht mehr legitim, das besetzte Territorium zurückzugeben, die Besatzungstruppen abzuziehen und die Kriegsgefangenen zu ihrer Rückkehr in ihre Heimat freizulassen. Nichts leichter als das! Da brauchten Politiker nicht einmal ihre Wissenschaftler zu bitten, einen Aus- und Umweg zu finden. Der Krieg war zwar de facto vorbei, nachdem die Militärkräfte Deutschlands unfähig gemacht worden waren diesen weiterzuführen und kapituliert hatten. Der Kriegszustand mit dem nicht mehr existierenden Deutschland blieb dennoch de jure - aufgrund fehlenden Friedenabkommens - noch lange bestehen. Dieser Zustand wurde sogar nach der endgültigen, offiziell anerkannten Zerstückelung Deutschlands im Jahre 1948 in der Bundesrepublik von Westalliierten bis zum Pariser Vertrag vom Juli 1951 und von den Sowjets bis zum Moskauer Vertrag vom August 1970 beibehalten[8]! Dies sollte der erste den Deutschen von dem einzig demokratischen Rechtsstaat gegebene Unterricht in der Demokratiekunst und Rechtsstaatlichkeit sein. Diese rechtswissenschaftliche Methode wurde dann von den Demokratielehrern immer weiter entwickelt und wird heutzutage bei den von diesen durch Kriege unternommenen territorialen und Regimeänderungen bereits weltweit erfolgreich unterrichtet. Also, auch diese juristisch-politischen Übungen ergeben keinen Sinn und führen einen menschlichen Verstand keinen Schritt weiter. Beziehungsweise liegen dabei der Sinn und der Verstand woanders, wo sie nur Politiker oder Rechtswissenschaftler und kein logisch denkender Mensch finden können. Diese Feststellung allein hätte aber weder damals noch heute dem zerrissenen Gewissen der Deutschen helfen können. Besonders dann nicht, wenn viele anderen auf der Welt den Deutschen gegenüber kaum Gewissen zeigen, als ob das gewissenlose Nazi-Regime auch sie von ihrem Gewissen befreit hätte. Die 1948 gegründete "souveräne" Bundesrepublik Deutschland musste den von amerikanischen Wissenschaftlern so gut und begründet aberkannten Besatzungsstatus de jure noch bis zum Mai 1955 und de facto bis zum heute noch andauernden Abzug der alliierten Truppen und derer Stützpunkte hinnehmen. Mit der von den Westalliierten bei den Ministerpräsidenten der westdeutschen Länder verlangten - ja fast erpressten! - Gründung der BRD ging für Deutschland zwar die DDR verloren, wurde nun aber der Widerspruch der brillanten juristischen Lösung ebenfalls brillant gelöst. Die günstige Gültigkeit eines nicht mehr existierenden deutschen Staates machte ja jeweilige Ansprüche aller Genozidopfer auf ihre Entschädigung ungünstig ungültig. Durch diese Lösung wurde der dringend benötigte Rechtserbe des Dritten Reiches endlich erschaffen, welcher nun die festgelegten Kriegsschulden und die unbestimmten, aber nach jeder Aufforderung sofort zu zahlenden Geldentschädigungen an die Genozidopfer alleinig zahlen durfte. Diesen Unterricht im Recht mit allen wissenschaftlich-politischen Erfindungen verstanden damals am besten die Sowjets, für welche dieser gar nicht gemeint worden war. Demzufolge mussten sich die kriegsgefangenen Deutschen gegen alle bisher geltenden und nun von Amerikanern abgeschaffenen internationalen Kriegsrechte und Gesetze noch zehn Jahre nach dem Kriegsende zwangsmä?ig am Aufbau des Kommunismus in der UdSSR beteiligen. Währenddessen durften die deutschen Kolonisten Russlands bereits fünfzehn Jahre nach ihrer Verurteilung als Spionen und Diversanten der Nazis in ihren Konzentrationslagern und Verbannungszonen ebenfalls weiter verrecken. Erst nach Verhandlungen zwischen den deutschen und sowjetischen politischen Kollegen im Herbst 1955 in Moskau[9] und nur dank der historisch bekannten "Saufkraft" von Kanzler Adenauer und seiner Suite bei der ebenso bekannten ausgiebigen Abschiedsparty im Kreml erlangten die deutschen Kriegsgefangenen das Recht heimzukehren. Nebenbei wurden auch die den Repressalien und dem Genozid ausgesetzten deutschen Kolonistenfamilien den deutschen kriegsgefangenen Heimkehrern rechtmäßig gleichgestellt. Das Letztere wurde allerdings nur von der Seite der Bundesrepublik wahrgenommen. Die Fünfkilometerzone und wöchentliche Meldepflicht wurden zwar von der Sowjetseite abgeschafft, die Einsperrung in die Hinteruralzone blieb aber weiter erhalten. So durften die wenigen Überlebenden aus diesen deutschen Kolonistenfamilien - trotz des bei der Saufparty ausgehandelten Abkommens und im Unterschied zu den ebenso wenigen Überlebenden von den kriegsgefangenen Deutschen - noch weitere zehn Jahre und nach dem Kriegsausbruch bereits fünfundzwanzig Jahre weder nach Deutschland, um sich wenigstens bei Herrn Kanzler durch einen Handkuss bedanken zu können, noch in ihre früheren Koloniegebiete heimkehren. Aber auch nach diesen Jahren und bis an den Perestrojkaausbruch wurde das ebenso in weiteren politischen Verträgen seit langem offiziell verankerte Recht von Deutschen in der UdSSR auf ihre Heimkehr nach Deutschland inoffiziell durch das Ausreisegenehmigungsverfahren so erschwert, dass selbst ein Versuch dieses Recht in Anspruch zu nehmen für einige Tausende besonders hartnäckiger Draufgänger vom KGB durch Ausreisegenehmigungsverfahren zu jahrelangen Abenteuern und zur Folter gemacht wurde. Dennoch dehnte sich schließlich die Einsperrzone des vierzehnj&aauml;hrigen Vaters von fünf Kilometer bis auf die Endlosigkeit des sowjetischen Reiches hin. An den Grenzen dieser Endlosigkeit war dann aber doch Schluss! * Sonstige Umstände aus der Bundesrepublik Deutschland oder über die Bedeutung von FragebögenFür die Ausreisesperre des Vaters sorgte zusätzlich noch ein "Umstand", der auch sein späteres Berufsleben erschwerte, nämlich die Existenz einer Tante in der feind-kapitalistischen Bundesrepublik Deutschland. Er hatte sie immer in verschiedenste Fragebögen bei der Frage "Verwandte im Ausland" einzutragen. Der russische Name "Anketten" für diese Fragebögen macht ihre Zweckmäßigkeit ungewöhnlich deutlich, allerdings nur aus der Sicht der deutschen Sprache, welcher die in ihren Konzentrationslagern und in ihren sibirischen Zonen mächtig assimilierten Deutschen-Kolonisten immer weniger mächtig wurden. Die unbekannte Tante war die älteste Schwester seines Vaters. Er fand sie durch Internationales Rotes Kreuz ungefähr im Jahre 1959 wieder, nachdem sich Sowjetisches und Deutsches Rotes Kreuz infolge desselben Treffens in Moskau im Herbst 1955 endlich zusammenzuarbeiten geeinigt hatten. Dieses Treffen hatte ja ursprünglich nur der Aufnahme von diplomatischen Beziehungen sowie solcher humanitären Zusammenarbeit zwischen der Sowjetunion und der BRD dienen sollen. Dadurch wurde es auf einmal möglich nach den vor dem Krieg, während des Krieges und nach dem Krieg vermissten Verwandten zu suchen und einige wenige am Leben gebliebene sogar zu finden. Seitdem hatten der Vater und die Tante einen Briefwechsel, so etwa einmal im Jahr. Seitdem trugen aber auch alle Söhne nach Ratschlag des Vaters diese Tante in ihre Anketten-Fragebögen ein, welche sie hin und wieder hier und dort auszufüllen hatten. Der Ratschlag des Vaters bestand darin, dass es keinen Sinn mache, diesen Umstand zu verheimlichen. Der Vater meinte, dass das KGB sowieso Bescheid wusste, und so eine Verheimlichung einen bei dieser ernstzunehmenden Behörde nur noch mehr verdächtig und die Sache somit noch schlimmer machen würde. Es wäre schwer so gleich zu sagen, ob diese Eintragungen direkte Folgen bedeutet hatten. Einer der älteren Brüder hatte zum Beispiel am Ende seiner Hochschulausbildung durch seine guten Leistungen das Militär auf sich aufmerksam gemacht. Ihm war angeboten worden, als Offizier-Bauingenieur beim Militär zu dienen. Das Angebot wurde wie immer zu Hause mit dem Vater beraten. Der Vater kam nach langem hin und her dazu, dass es sich lohnt das Angebot anzunehmen. Man bekommt bei der Armee immerhin die Vollverpflegung und noch ein für den sowjetischen Durchschnitt sehr respektables Gehalt obendrauf. Die Entscheidung war gefallen. Der Sohn meldete sich zum angebotenen Militärdienst. Er musste dabei solch einen Fragebogen ausfüllen und sich einer medizinischen Untersuchung unterziehen lassen. Nach mehreren Monaten, währenddessen brachte er seine Diplomarbeit fertig, kam von irgendwo oben aus Moskau die Entscheidung, dass der Bewerber aus gesundheitlichen Gründen für Militärdienst nicht geeignet sei. Was die gesundheitlichen Probleme in der Familie betraf, pflegte der Vater mit etwas bitterem Sarkasmus immer zu sagen: "Na ja, die Schwächsten unter uns waren schon längst noch in schweren Anfangsjahren der Kolonisierung von südrussischen Steppen ausgestorben. Diejenigen, die noch irgendwelche, auch noch so kleine Schwächen aufwiesen, kamen nach der Revolution während des Bürgerkriegs, der Kollektivierung und der darauffolgenden Hungersnüte durch Lenins und Stalins 'Roten Terror', durch die Deportation, durch m?rderische Arbeit in der Trudarmee sowie auch im Krieg und durch den Krieg um. Die Hälfte von Übriggebliebenen darf wohl nicht einmal wissen, wo das Herz oder die Leber, oder die Lunge, oder sonst noch was in ihrem Inneren liegen. Sie können nun nur noch an einem Kopfschlag mit einer Brechstange frühzeitig sterben." Damit meinte der Vater nicht nur seine Familie, sondern auch alle Familien der deutschen Kolonisten in Russland und dies nicht zu Unrecht. In seiner Familie bewahrheitete es sich allemal. Der aus gesundheitlichen Gründen abgewiesene Bewerber besaß eine prächtige, 185 cm große und 85 kg schwere Gestalt. Er war im Februar 1944 im Dritten Reich geboren worden, als die Pferdezüge mit deutschen Flüchtlingen aus den ehemaligen deutschen Kolonien in Südrussland unterwegs nach Mutterland Deutschland gewesen waren. Als er noch sechs Monate alt gewesen war und sich die Zweite Front in Europa geöffnet hatte, war der Vater als Soldat in die Waffen-SS mit der Aufgabe einberufen worden, den längst verlorenen Krieg zu gewinnen und somit das Dritte Deutsche Reich zu retten.. Er sah den Vater erst nach dreieinhalb Jahren wieder. Diesmal in einer sibirischen Sondersiedlung, wohin die Rote Armee zwischenzeitlich seine Mutter mit ihm und noch zwei älteren Kindern nebst der anderen deutschen, ebenfalls aus frommen Kindern, Frauen und manchen Alten bestehenden Familien verschleppt und eingesperrt hatte. In Sibirien wurde er, von den anderen ungemerkt, mangels Vitamine von Rachitis angegriffen und dadurch für einige Jahre in seinem Wachstum zurückgeblieben, holte aber diesen Rückstand mit neunzehn Jahren auf, aber hatte danach ziemliche O-Beine. Einmal erkrankten er und sein älterer Bruder an Trachoma - einer Augeninfektion -, aber auch diese ging letztendlich spurlos vorbei, und seine erste Lesebrille setzte er erst nach seinem fünfzigjährigen Jubiläum auf. Wie dem auch sei, die Befunde einer medizinischen Kommission wurden vom KGB in Moskau nach einer mehrmonatigen "Schwerstarbeit" als negativ gewertet. Etwas Ähnliches war auch seinem nächstjüngeren Bruder passiert. Er hatte aus den vom Vater bereits vorgetragenen Gründen an einer Militärhochschule studieren wollen und nach dem Abschluss der Mittelschule seine Bewerbungsunterlagen für die bevorstehenden Aufnahmeprüfungen dort eingereicht. Er hatte ebenfalls einen Fragebogen ausfüllen müssen und war ebenfalls einer medizinischen Untersuchung durch eine Ärztekommission unterzogen worden, welche sich über seine Gesundheit nur gewundert hatte. Nach dem gleichen Verfahren in Moskau wurde auch er als "zum Militärdienst gesundheitlich untauglich" gefunden. Das hinderte dennoch zwei Jahre später keineswegs seine Einberufung zum Pflichtwehrdienst in den Panzerwaffen der Sowjetarmee, welcher auch seine nun doch zivile, schließlich zum Historiker ausgewichene Hochschulausbildung auf weitere Jahre verschob. Der jüngste von allen Söhnen - der Kleine, der sechs Jahre nach dem Kriegsende beziehungsweise kurz vor dem Friedensabkommen und Beendigung des Kriegszustandes zwischen Westalliierten und Westdeutschland in dieser sibirischen Siedlung geboren worden war - wollte trotz aller Verlockungen nichts mehr mit dem Militär zu tun haben. Umso mehr, dass auch er O-Beine hatte und obendrein sein rechtes Auge in "kriegerischen Auseinandersetzungen" mit russischen Nachbarskindern verloren hatte, als er noch elf Jahre jung gewesen war. Diese "augenberaubenden" Auseinandersetzungen zwischen den deutschen und russischen Kindern der Sondersiedlung fanden meistens nach einem der in Russland so beliebten Kriegsfilme statt. Die Kriegsfilme über die deutschen "Schlechten" und die russischen "Guten" wurden fast tagtäglich den diese Sondersiedlung besiedelten deutschen und russischen Zuschauern in einer Kinobaracke vorgeführt. In diesen Kriegsfilmen wurden die Deutschen standardmäßig immer als blöd, feige und etwas pervers dargestellt. Die Russen dagegen waren sehr schlau, mutig und heldenhaft. Diese Propaganda war so primitiv, dass die Frage sogar bei vielen Russen aufkam, wie sie auch heute noch aufkommt: Wer war eigentlich der Blödere, wenn uns diese Blöden durch ihren Blitzmarsch bis an die Wolga überrascht, sowie auch viele Sonstige in Bedrängnis gebracht hatten. Die Sonstigen wie Engländer, welche sich bis heute noch in ihrer propagandistischen Kriegsfilmkunst nicht weit weg von den sowjetischen Darstellungen entwickelt haben? Ohne eine Antwort auf diese Frage in der Kinobaracke gefunden zu haben, suchten eher russische Kinder in solchen nach den Filmvorführungen stattfindenden Auseinandersetzungen mit deutschen Kindern nach einer Antwort. Der Kleine hatte Physik studieren wollen und die auch dafür notwendige medizinische Bescheinigung bei dem ihn gut kennenden Dorfmediziner geholt, ohne sich den verheerenden Moskauer Auswertungen auszusetzen. Die Probleme durch die Tante aus Deutschland bekam er erst später zu spüren, als er nach dem Studiumsabschluss als junger Wissenschaftler bei einem Forschungsinstitut anfangen sollte. Dort kam dieser heimtückische Fragebogen hervor. Die Auswertungsbehörden wussten am Ende der Sechzigen nach Chruschtschows politischem Tauwetter und nach Breschnews indifferentem Machtanlauf nicht mehr so richtig, wie es überhaupt zu diesem Abschluss kommen konnte, und was sie jetzt tun sollen. Schließlich erteilten sie ihm die niedrigstmögliche Zulassungsstufe. Er durfte damit die Eingangswache im Institut passieren und sein Labor betreten. Das war aber auch schon alles. Er durfte an keinem der mit einem Sonderzeichen als geheim bezeichneten Themen und an keinem der durch verschiedenste, auch "zivile" Ministerien ausgesprochen gut finanzierten Rüstungsprojekte arbeiten sowie keins der mit einem ähnlichen Geheimnisvermerk markierten Dokumente und Schriftstücke berühren. Bei der in diesem Lande herrschenden Rechtslage, wo es nur bedurfte von einem häuslichen Projektleiter sein sogar mit Rüstung nichts am Hut habendes Thema beim gewissen "Ersten Abteil" als geheim anzumelden, um dies gleich bestätigt und mit diesem Vermerk vorgesehen zu bekommen, waren es schon recht wenige "unvermerkte" Themen und Projekte. Die Auslandsreisen sogar in die brüderlichen Länder aus dem Ostblock waren für den Kleinen nach wie vor sowohl beruflich als auch privat undenkbar. Das kümmerte ihn nach der Erlaubnis vom Jahre 1956 die Fünfkilometergrenze seiner Sondersiedlung zu überschreiten eigentlich wenig - das Gefängnisreich war ja lang und breit genug. * Das Wirtschaftswunder oder darüber, was eine Hose bzw. die Verbindung zur kapitalistischen Heimat kostetDiese durch die Nationalität ohnehin vorhandenen und durch die Existenz der Tante in der BRD noch verschärften Unannehmlichkeiten wurden jedoch von derselben Tante gelindert und entschädigt. Sie schickte der Familie nach Sibirien ab und zu - ungefähr ein Mal in ein paar Jahren - aus ihrem zu damaliger Zeit bereits zustande gekommenen Wirtschaftswunderland seltene und für die sowjetisch-sibirischen Dorfverhältnisse nun wirklich exotische und "merkwürdige" Pakete. In diesen Paketen gab es einmal eine kleine, entzückende "Nescafe"-Dose, welche dann mehrere Jahre ungeöffnet einen Glasschrank der Familie beschmückte, weil diese so märchenhaft schön aussah, dass alles Andere in der kleinen und bescheidenen Wohnung im Vergleich zu dieser Dose einfach verblich. Manche Schokoladentafeln, welche nicht weniger schön aussahen, wurden jedoch - wenn auch nicht sofort auf der Stelle, sondern im Laufe der Zeit - von der siebenköpfigen Familie unaufhaltsam vernascht. Der Rest von Paketen bestand gewöhnlicherweise aus einigen Kleidungsstücken, welche auf eine unerklärliche Weise immer ein paar Nummern größer waren als die Größe des Größten in der Familie, nämlich des Vaters mit seiner immer noch bleibenden Waffen-SS-Soldaten-Gestalt. Ihm half angesichts der Hosenbreite auch die Tatsache nichts, dass er mittlerweile ein Altersbäuchlein aufwies. So mussten die meisten dieser Sachen ebenfalls als entzückende Raritäten die Schränke der Familie beschmücken. Eine Hose von solcher Größe erwarb einst vom Vater der Kleine, als er noch Physik an der Uni studierte. Er sollte die Hose für sich umschneidern lassen. Als der Auftrag, für den er ein Drittel seines Stipendiums opfern musste, erfüllt wurde, war die Hose nunmehr sogar für seine magere Figur mindestens zwei Nummern zu klein. Vielleicht war der Stoff so verlockend schön und seine Menge ausreichend genug, um daraus zwei Hosen zu kreieren und damit ein gutes Geschäft zu machen. Dies blieb jedoch bis heute unbewiesen, um es zu behaupten, aber aus der Sache mit der importierten Hose wurde doch nichts außer Verlusten. Diese tragikomische Hosengeschichte unterstreicht nur,
dass die Familie durch die Verbindung mit dem fremd-kapitalistischen deutschen
Mutterland doch mehr Leid als Freud erleben musste. * Vorzüge der Perestrojka oder darüber, wie man zwecks Familienzusammenführung zu seiner Tante abhauen kannAber die Gunst der Zeit kam! Nachdem der Kleine - jetzt selber Vater von zwei Töchtern - nach vier Jahren Perestrojka die Einladung bei seiner Tante hatte erbeten und von ihr auch erhalten dürfen, ging er zur OVIR - so eine Art "Abteilung des Einwohnermeldeamtes für Visenerteilungen und Ausreisegenehmigungen" bei der sowjetischen Miliz - und fragte dort sehr höflich und vorsichtig nach: "Entschuldigen Sie mir bitte eine abstrakte Frage?" "Ja, bitte." "Dürfte man mit seiner Familie in die Bundesrepublik Deutschland zu einer Tante für immer ausreisen?" Die Antwort war zwar ungewöhnlich freundlich, aber nicht zufriedenstellend: "Nein! Man darf nur zu seinen Verwandten ersten Grades wie Eltern oder Geschwister ausreisen, zu denen eine Tante nicht zählt." "Dürfte man wenigstens auf Besuch zu seiner Tante fahren?" - war die nächste, in bezug auf seinen heimlichen Fluchtplan sehr schlaue Frage des Vaters. Diesem Plan hatte er jedoch durch die vorige im Klartext gestellte Frage der mit dem KGB eng zusammenarbeitenden OVIR gerade eben preisgegeben. "Oh, das dürfen Sie jetzt auf jeden Fall!" - reagierte nun im Klartext die für die OVIR-Verhältnisse typisch schlaue, aber etwas untypisch zu sehr nette Dame, die bei dieser Antwort auf ihr Amt und auf sich selbst endlich sehr stolz zu sein schien. "Auch mit meiner Frau und meinen Töchtern?" - entlarvte sich daraufhin der Vater ebenfalls. "Warum denn nicht?" - war ihre lakonische und optimistische Antwort. Durch diese Antwort und dank der Perestrojka lag Vaters Vorhaben, nach Deutschland abzuhauen, nichts mehr im Wege. Er durfte seinen und den der Mutter Reisepässe zusammen mit Ausreisegenehmigungen bei der netten OVIR-Dame beantragen und diese auch sogar kurzfristig erhalten. Dabei wurden die Töchter jedoch getrennt in die Reisepässe der Eltern eingetragen: die kleinere zum Vater, die größere zur Mutter. "Dies haben sie extra gemacht," - behauptete danach immer die Mutter - "damit es erschwert bleibt uns voneinander zu trennen, so dass nur ein Teil der Familie zurückkehrt." Ob sie recht hatte, blieb ebenfalls unbewiesen und ungewiss, da die Einheit der Familie bei allen Entscheidungen und in allen späteren Situationen nie von den Eltern in Frage gestellt wurde. Der Vater schaffte es immer dazu eine alternative Lösung zu finden und ließ sich dabei von keinem unter Druck setzen und erpressen. Nach dem Erfolg bei OVIR bestellte der Vater eine Platzreservierung für vier Personen im Zug "Moskau-Aachen" bis nach Duisburg. Er schickte auch ein Telegramm an die Tante mit der Ankunftszeit dieses Zuges. Nun musste er nach Moskau fahren, um das Einreisevisum bei der BRD-Botschaft zu ersuchen und die BRD-Währung bei der einzigen dazu berechtigten sowjetischen Zentralstaatsbank zu erwerben. * "Die Schlangenkunst" oder darüber, was Geld kostet und wie man zu rauchen aufhörtDieses Einreisevisum zu ersuchen und diese Währung zu erwerben, war es leichter gesagt als getan! Die deutsche Botschaft wurde von einer unübersichtlichen Menschenschlange umzingelt. Aber man wuchs - Gott sei Dank! - mit solchen Warteschlangen an jeder Stelle in der UdSSR auf und zusammen und wusste mit denen umzugehen. Es bildeten sich Selbsthilfegruppen, welche eine Liste der Visenbedürftigen aufstellten. Jeder bekam seine laufende und nur für einen Tag aktuelle Nummer auf der Liste. Jeden Morgen, bevor die Botschaft aufmachte, waren alle auf der Liste namentlich aufgerufen worden, und sie bekamen nach der Bestätigung ihrer Anwesenheit eine neue Nummer für diesen neuen Tag. Die aktualisierte Nummer war auf die Anzahl von den gestern Durchgekommenen kleiner. Falls sich keiner nach einem dreimaligen Aufruf meldete, galten seine Nummer und somit sein Platz in der Warteschlange als verloren, was die neuerhaltenen Nummern von den Übriggebliebenen noch einmal reduzierte. So konnte man gleich am ersten Tag ungefähr ausrechnen, wie viele Tage es überhaupt dauern sollte, bis man an der Reihe wäre. Jeden Tag wurden auch diejenigen aus der Selbsthilfegruppe, die bereits durchgekommen waren, durch die am Ende der erneuten Liste stehenden Neuankömmlinge ersetzt, sodass die Prozedur - genauso wie die Warteschlange selbst - kein Ende fand. Dieses System war sehr günstig, weil es allen die Möglichkeit bot, sich für ein paar Stunden freizumachen und woanders auf eine andere Schlangenliste eintragen zu lassen. Am selben Tag stellte sich der Vater auf die gleiche Weise an die kaum kürzere Warteschlange zu dieser in ganzem Lande einzigen Staatsbank mitten in Moskau an, welche fremde Währung für Rubel verkaufte. Die gleichgemachte Berechnung aus den erhaltenen Listennummern und der Schlangengeschwindigkeiten ergab für den Vater ungefähr eine Woche in jeder Warteschlange, aber die Wochen in parallel laufenden Schlangen waren zum Glück nicht zu addieren. Der Ball wurde also eingeworfen: Dies alles gehörte zum Spiel, welches der Verwirklichung Vaters Idee diente. Die auf seine Familie jenseits wartenden Probleme waren noch ganz fern, unbekannt und angesichts der scheinbaren Unüberwindlichkeit von hiesigen Problemen vorübergehend nicht von der höchsten Priorität. - Wer die häuslichen Hürden zu überwinden schafft, darf schon optimistisch werden und nicht mehr aufgeben. Mit der Währung bedeutete es letztlich eine Menge Rubel entsprechend dem vom Staat ausgedachten Umtauschkurs gegen eine erlaubte und begrenzte Menge von Deutschen Mark umzutauschen. Hier ließ sich nun eine der mehreren für den Vater negativen Seiten der Perestrojka spüren, die ihn jetzt wieder direkt traf. Der sowjetische Rubel - der einen eisernfestgelegten Umtauschkurs gegenüber jeder ausländischen Währung in allen Zeiten gehabt hatte, auch wenn der Kurs nur in Grenzen des Ostblocks galt, - bekam plötzlich eine offizielle, mehr als zehnfache Abwertung. Ab nun musste man für eine Deutsche Mark glatte vier Rubel aufbringen, statt früherer dreißig Kopeken. Dieses Ereignis erwischte den Vater kalt, als er sich bereits seit zwei Tagen hatte auf die Warteschlangenliste vor der Staatsbank eintragen lassen. Es bedeutete jetzt, dass er gar nicht genug Geld bei sich hatte, um den ganzen maximal erlaubten Betrag von eintausend DM zu kaufen. Wie es oft bei globalen Vorhaben so vorkommt, schien es plötzlich auch dem Vater sehr wichtig, diese maximal erlaubte Summe von DM zu erwerben und mit nach Deutschland zu nehmen. Damit waren für ihn gewisse Unabhängigkeit und Freiheit bei ihren ersten Schritten in Deutschland verbunden. Wie bescheiden diese Summe für die Unabhängigkeit und Freiheit in Deutschland war, konnte er zum Glück in seiner Naivität und damaligen Ungewissheit noch nicht ahnen und verstand es erst später, als er seine erste Schachtel Zigaretten in Deutschland kaufte. Die als ein Freiheitsgarant erworbene Summe reichte gerade mal für zweihundert Zigarettenschachtel, die wiederum nur hundert Rubel zu Hause gekostet hätten. So gesehen sollte er eigentlich für seinen einen Rubel ganze 10 DM von der Staatsbank erhalten und eine Endsumme von 40000 DM! Andersrum hätten dann seine für die Währung ausgelegten 4000 Rubel nur noch hundert Rubel gekostet. Von solchen Umrechnungen wurde der Vater damals fast verrückt, vergaß den Rubel für immer und hörte auf - leider nicht für immer - zu rauchen. * Naivität als die Basis zum Wagemut oder darüber, wie man den richtigen Weg in einem Irrenhaus findetDerartigen Naivität hat man aber eine Menge zu verdanken. Dies galt besonders bei der vom Vater propagierten und praktizierten "Einwurfsentscheidungsmethode": "Die Naivität beflügelt uns und führt uns aus Situationen hinaus, in denen wir von hartem Pragmatismus und nacktem Realismus festgenagelt und lahm gehalten werden." - rechtfertigte er sich, wenn er seiner Naivität - seitens seiner Töchter vor allem - beschuldigt wurde. Außerdem galt für den Vater ein Prinzip schon immer: "Der ausgewählte Weg führt mit Sicherheit zum gewünschten Ziel nur dann, wenn man sich auf diesem Wege ständig mit Entscheidungen und Problemlösungen beschäftigen muss. Ein geschmierter Weg ohne Hindernisse kann nur in eine Falle oder direkt in die Hölle führen." - Kurzum: "Je steiniger der Weg ist, umso richtiger ist dieser." Beim Vater führte dieses Prinzip hauptsächlich zu einem: Er wurde immer - trotz seines Definitionsvisiers - mit allerlei ernsthaften Problemen konfrontiert. Gerechtigkeitshalber muss man dazu sagen, dass er nach diesen Problemen nicht unbedingt suchte, - sie suchten ihn mit solchen Prinzipien und auf seinen steinigen Wegen schon von alleine auf. Dabei wusste er im Voraus den "richtigen? Weg nie, wie es auch seine der Mutter gegenüber ausgesprochenen Zweifel in Sachen der "richtigen" Töchtererziehung gezeigt hatte, denn es käme immer wieder auf die Definition der Richtigkeit an. Für den Vater war alles richtig, was sein seelisches Gleichgewicht oder seinen Frieden mit sich selbst bewahrte. Dies waren die Dinge, die seiner Ethik und seinen Prinzipien entsprachen. Sie beeinträchtigten sein Verhalten und seine steinigen Wege. Der Weg - oder eher die Art den Weg zu gehen - war für den Vater das Ziel. Das Ziel an sich hätte bei ihm dann auch zweitrangig bleiben können. Auf diesen Wegen war er mit seiner sehr abstrakten Definition von Richtigkeit wieder ein ziemlicher Alleingänger, da Ethik und Prinzipien in der kommunistischen Gesellschaft von Beginn an abgeschafft worden waren und nur als eine kleine, gängige Tauschware verblieben. Schließlich kam er zu der Überzeugung, dass es einen gesellschaftlich gemeinsamen "richtigen" Weg in dem "Sowjetirrenhaus" - seine verbitterte Bezeichnung seines sowjetischen "Zuhauses" - gar nicht gäbe. Diese Feststellung änderte sein Verhalten aber nicht: "Mit dem Prinzip, steinige und nicht schmierige Wege zu wählen und zu gehen, versuche ich meine Art zu bewahren, in diesem Irrenhaus noch aufrichtig zu leben" - gab sich der Vater erhaben, wenn irgendjemand ihn für so ein Verhalten zu kritisieren oder gar auszulachen versuchte. So stand es auch diesmal für den Vater fest, die viertausend Rubel - der Unabhängigkeit und Freiheit wegen - auf der Stelle zusammenzutreiben. Zum Glück hatte er in Moskau einen alten Kollegen und Freund, der auch eine wichtige Rolle in der Ausreisegeschichte gespielt hat. * Auserwählte Völker, Städte und Menschen oder über Moskau und MoskauerDer Freund hieß Valerij, war ungefähr zehn Jahre älter als der Vater, lebte in Moskau und arbeitete in einem zentralen Forschungsinstitut auf dem gleichen Fachgebiet. Aus diesem Grunde entschloss sich der Vater, der noch an der Aspirantur war und an seiner Doktorarbeit ackerte, zu ihm nach Moskau zu fahren. Valerij war damals noch kein echter Freund, nur sein Kollege eben. Der Vater wollte mit ihm über die Doktorarbeit diskutieren. Eigene Doktorarbeit noch vor der Promotion nach Moskau präsentieren zu fahren, gehörte es zu den allgemein geltenden Spielregeln - ohne Moskau ging ja gar nichts. Die Moskauer waren dadurch verwöhnt und haben sich daran gewöhnt. Dadurch entwickelte sich auch bei ihnen seit historischer Zeit so eine Überheblichkeit, welche sich bei den alten Römern zu ihrer Zeit den anderen, von ihnen als Barbaren bezeichneten Völkern gegenüber in ihrem unendlichen Reich auch entwickelt hatte und durch welche schließlich das Römische Reich zugrunde gegangen war. In etlichen späteren, poströmischen Reichen pflegten dann dieselbe Überheblichkeit die germanischen Barbaren selbst den anderen Barbarenarten außerhalb und sogar innerhalb ihrer Reiche gegenüber. Diese trotz der dahinter steckenden Eitelkeit törichte Eigenschaft ist aber selbstverständlich für alle auserwählten oder sich zu auserwählten erklärten Völker, Religionsgemeinschaften, kleineren Menschengruppen oder sogar einzelnen Personen. Aus Moskau kam das Geld an die anderen in der Peripherie, durch die Moskauer Forschungsinstitute und ihre Mitarbeiter - meistens in großen, aber auch in kleineren führenden Positionen - verteilt. Die Forschungsaufträge wurden durch Verträge an die Peripherieinstitute weitergeleitet und von Moskauer Instituten mit staatlichen Geldern bezahlt. Die in Berichten verfassten Forschungsergebnisse gingen nach Moskau zurück. Dort wurden diese von einem oder von mehreren Auftragsgebern zu ihren Doktorarbeiten verfasst. Dafür durfte man mit einigen guten Referenzen aus Moskau für eigene Peripheriedoktorarbeiten rechnen. Diese Referenzen kamen bei der Höchsten Attestierungskommission - ebenfalls in Moskau - sehr gut an und begünstigten das Genehmigen des erlangten akademischen Grades nach der Promotion zu Hause sowie das Erteilen des entsprechenden Diploms durch diese zentrale Kommission. Valerij war nach Moskau aus einem sibirischen Dorf aus den einfachsten Verhältnissen gekommen, von seiner verwitweten Mutter erzogen - sein Vater war im Krieg auf der Sowjetseite gefallen. Er studierte, heiratete eine Moskauerin, hatte mit ihr zwei Töchter, arbeitete und promovierte mit der Zeit, wie es sich also gehört. Seine Frau als eine echte, eingeborene Moskauerin pflegte immer zu sagen: "Wir hätten ein noch besseres und noch mehr wohlhabendes Leben in Moskau, wenn es nicht diese Kolchosnicken aus den umliegenden Dörfern und Gebieten mit ihren Hamstereinkäufen gäbe. Sie kommen täglich in Tausenden nach Moskau und plündern unsere Fleischtheken!". Diese allen bekannten "Wurstzüge" aus Moskau dienten einem kleinen Ausgleich im sowjetischen Verteilungssystem. Dieses war an der Stelle besonders ungerecht und schien eine einigermaßen gerechtere Verteilung diesen "Wurstzügen" zu überlassen. Das ganze Imperium wurde von der Regierung in Moskau ausgeplündert und musste an Moskau die Zeche zahlen. Alle Produkte wurden von Moskau aus verteilt, und das Meiste blieb dabei in Moskau, Kiew, Charkow und Leningrad, die zu kommunistischen Städten erklärt worden waren. Sie sollten den Ausländern den sowjetischen "Wohlstand" präsentieren, während die anderen - von ausländischen Gästen abgeschirmt - unter sich aushungern durften. Valerijs Gemahlin war in ihrer Moskauer Überheblichkeit offensichtlich überzeugt, dass das ihr von Kolchosnicken geraubte Fleisch auf Bäumen in Moskauer Hinterhöfen wächst und nur die Moskauer dementsprechend das Recht darauf behalten dieses zu fressen. In zwanzig Jahren unter einem Dach mit dieser Frau blieb auch Valerij diese Überheblichkeit nicht gänzlich erspart. In einem war er jedoch anders. Er forschte selbst für seine Veröffentlichungen und für seine Doktorarbeit. Er war übrigens auch in keiner - weder größeren noch kleineren - führenden Position. Er forschte viel und erfolgreich: Seine Veröffentlichungen waren bekannt, und seine Meinung wurde unter Kollegen geschätzt. Also entschied sich der Vater damals, zu ihm zu fahren, ihm die Doktorarbeit zu präsentieren, über die in der Arbeit noch nicht geklärten Probleme zu diskutieren, zu deren Lösung der Vater einige faszinierenden Ideen zu haben meinte. Diese Ideen sollten unbedingt Valerijs Interesse erwecken und ihn zu einer Zusammenarbeit mit dem Vater motivieren. Umso mehr, dass einige Problemlösungen auf die bei Valerij in Moskau vorhandene experimentelle Ausrüstung angewiesen waren. Dies war wieder mal typisch eine von Vaters naiven Vorstellungen, bei denen er nichts von der fremden, die Realität abbildenden Erfahrung wissen wollte. In dieser erfahrungsgemäßen Realität ging es schon in Ordnung die Arbeit in Moskau zu präsentieren. Zu diskutieren war es bereits weniger in Ordnung, aber an eigenen Problemen und Ideen mit den Moskauern zusammenzuarbeiten galt es so gut wie ganz undenkbar. Der Vater meinte aber eigenwillig und eigenlogisch, dass die Wissenschaft von Natur aus demokratisch sei und alle ihre Diener gleich seien. Dass es gerade hier keine "meinen" oder "deinen" Probleme gäbe und jede Diskussion unter den Gleichen über die in einer Zusammenarbeit zu lösenden Probleme nur der Objektivität von wissenschaftlichen Ergebnissen und somit dem Fortschritt der Wissenschaft und nicht einem einzelnen Wissenschaftler diene. Vorausgesetzt natürlich, dass eine zugrundegelegte Idee alle Beteiligten fasziniert und zur Zusammenarbeit motiviert. So war für den Vater nur das wahr, was logisch war. Und dies in einem "Irrenhaus", dessen Funktionäre so eine Furcht vor jeglicher Logik und Objektivität wie der Teufel vor dem Weihrauch hatten. * Die Rolle vom Bier im gesellschaftlichen Leben oder über den Freund Valerij und die SchwierigkeitsromantikDer Vater fuhr hin. Es war Spätfrühling. In Moskau blühte alles. Fast jeden Tag, einen Monat lang, stürmte und belagerte der Vater diese Überheblichkeitsfestung, indem er sich immer wieder meldete, Termine vereinbarte, ins Institut ging und dort Tage verbrachte, ohne ein kleinstes Versprechen oder eine Zusage zu der gew?nschten Zusammenarbeit zu erlangen. Eines mittlerweile heißen Sommerabends saßen die beiden im Institut: der Vater mit fester Entschlossenheit hier bis zum bitteren Ende zu sitzen und Valerij mit dem verzweifelten Gesicht eines Verurteilten, der gerade begriffen hat, dass es kein Entkommen gibt. Alle anderen Mitarbeiter waren schon längst fort. "Magst du Bier?" - fragte, plötzlich duzend, Valerij - "Wir könnten in einen Biergarten gehen und dort alles besprechen. Ich habe Durst!" - fast stöhnte er zum Schluss. "Mein Gott!" - dachte der Vater - "Endlich habe ich es! Auf diesem vertrauten Boden, wo sich zwei Männer beim Biertrinken unterhalten, können wir nur gleichstehen und alle albernen Irrtümer vergessen." - und antwortete: "Natürlich mag ich Bier und ich habe verdammten Durst auch. Nur kenne ich keinen Biergarten in der Nähe. Wenn Sie die Führung übernehmen, können wir gleich losgehen." - er fand es angebracht, zunächst subordinär beim "Sie" zu bleiben. Gesagt - getan! In fünf Minuten waren sie draußen und marschierten durch Moskauer alte, enge Gassen, ihr ab nun gemeinsames und sie so überraschend vereinigtes Ziel verfolgend. Die Masken waren gefallen! Es gingen miteinander zwei normale Männer mit ihren unterschiedlichen und dadurch einander so interessanten Lebenserfahrungen, über welche sie gleich zu sprechen begannen. Es gab keine Kollegen mehr - einen jüngeren und einen älteren, welche zueinander in einem subordinären Abstand in ihren Titeln und Positionen standen und einander mit ihrem wissenschaftlichen Gequatsche quälten, dem sie bereits im Alltag allein ihres Berufes wegen überdrüssig waren. Die falschen Lanzen, mit denen sie einander geradezu bekämpft hatten, wurden abgelegt. Die Bierhenkel und Männergespräche wurden zu der Erfolgswaffe, welche sie zum gegenseitigen Verständigung und schließlich zur Freundschaft führte. Um ein paar Ecken fanden sie ihre "Fata Morgana"[10] - den angesagten und, wie es schien, für Valerij gut bekannten Biergarten. Sie tranken kaltes, erfrischendes Bier in der warmen Luft des sommerlichen Abends in der allmählich untergehenden Sonne und kauten dazu gesalzten, luftgetrockneten Fisch, den man vorher mühsam und dreckig ausnehmen und häuten musste. Schon längst wurden persönliche Fragen vom Typ "Wer ist wer?" geklärt, und das Gespräch floss zwanglos wie das Bier über dies und jenes, was einem gerade einfiel. Valerij trug zum Thema "Fisch" vor, dass er ab und zu mit seinen Kumpels nach Astrachan fährt und dort unten an der Wolga fischt: "Den da kannst du vergessen." - meinte er zu ihrem Fisch, welchen sie unterwegs gekauft hatten und jetzt zum Bier vernaschten - "Was wir dort fangen und essen, das ist Fisch!" "Ich bin zwar kein Fischer," - meinte der Vater - "aber was ich in Nordsibirien für Fisch gegessen habe, von Einheimischen gefangen und vorbereitet, solltest du mal probieren." Inzwischen sind die letzten Schranken gefallen, und sie duzten sich selig gegenseitig. "Was hattest du im Norden zu suchen?" - interessierte es plötzlich Valerij. "Ach, nur so. Ich fahre jeden Sommer noch seit meiner Studentenzeit mit meiner Brigade hin, um Geld zu verdienen, das ich im Winter brauche, um mich mit der Wissenschaft beschäftigen zu können. Meine wissenschaftliche Beschäftigung betrachte ich demzufolge als mein Hobby. Du weißt ja, dass wir von unseren Gehältern in unserer Branche kaum satt leben können." "Allerdings!" - gab Valerij gerne zu. "Wir bauen dort in den bis zu zwei Monaten langen Ferien bei einer manchmal sechszehnstündigen Tagesarbeit ohne Wochenenden alles, was es zu bauen gibt, kassieren das Geld und hauen dann wieder ab nach Hause." "Ich hätte es gerne mal mitgemacht!" - meinte Valerij überraschend. "Hast du eine Ahnung, wovon du redest..." - dachte der Vater skeptisch, Valerijs kleine und magere Gestalt kritisch betrachtend. Diese sogenannten Kalyme im Norden waren für den Vater eine heilige, nicht jedermanns Sache. Dort war seinetwegen das einzig echte Leben. Dort brauchte man nicht nur die Muskelkraft, sondern - und sogar vor allem - das höchste Durchhaltevermögen. Dort war man Bedingungen ausgesetzt, die sich kein normaler Mensch in der Stadt - und schon gar nicht so ein Wissenschaftler aus Moskau - vorstellen könnte. "Soll doch romantisch sein." - verbohrte sich inzwischen Valerij weiter in seine Idee. "Na ja, Romantik ist eigentlich nicht unser Ziel dabei. Aber wenn du meinst, soll es so sein. In der alles verbrennenden Sonne des kurzen Nordhochsommers tags und manchmal nachts über - in den weißen Nächten vergisst man die Zeit, von allen möglichen Mücken-, Fliegen- und Moskitoarten angefressen, die schwerste Arbeit ohne jegliche großartigen Mechanismen und ohne jegliche Arbeitssicherheit aus- und durchzuhalten, ist es schon irgendwie romantisch." "Mensch, auch noch weiße Nächte! Und dies alles unter Kumpels..." - ließ sich Valerij durch die von dem Vater ausgemalten Arbeitsbrutalitäten und seine Ironie nicht beeinflussen. "Ja, unter Kumpels stimmt schon. Jeder von uns ist in der Brigade sowie in seiner Arbeit als auch im Ganzen auf einander angewiesen. Alle ziehen an einem Strang! Wenn einer faulenzt oder aufgibt, müssen das Seine die anderen leisten. Das ganze Unternehmen mit dem abschließenden Erfolg darf gar nicht in Frage gestellt werden, weil das richtige und volle Geld mit allen Prämien nur bei der im Akkordvertrag vorgesehenen Schlüsselfertigstellung eines Bauobjektes gewährleistet ist.? "Das ist ja wie bei den Bergsteigern, die sich als Vorbild der Zuverlässigkeit und Männerfreundschaft in ihren Liedern hochleben und dadurch beneiden lassen." "War noch nie in Bergen." - merkte dazu der Vater trocken an - "Hatte auch nie Geld dafür und finde es auch blöd, nach Schwierigkeiten und schweren Belastungen zu suchen, die man auch noch selbst bezahlen muss. Von Insidern allerdings gehört, dass manche Seile von diesen Kumpels schon abgeschnitten wurden, wenn es darauf ankam. Unter meinen Männern im Norden ist so etwas noch nie passiert, obwohl sie sich nie haben hochleben lassen. Dort werden Männer nach ihrer Aufrichtigkeit und Kameradschaft während der kürzesten Zeit ohne jeden psychoanalytischen Aufwand geprüft. Dort gibt es ja auch keinerlei Möglichkeit etwas zu verbergen. Nicht im gemeinsamen Leben in kurzen Arbeitspausen, welches sich nur aufs Essen und Schlafen beschränkt, und schon gar nicht während dieser erschöpfenden Arbeit Schulter an Schulter, wo alle an einem Seil hängen." "Ich sehe schon: Du magst nicht besonders die Bergsteigerromantik." "Ich mag es nicht, wenn ernsthafte und gefährliche Dinge künstlich aufgesucht und zur Spielerei gemacht werden. Hatte es nie nötig." "Ich auch nicht. Aber ich kann bei denen verstehen, dass sie eher nach einer Art von Selbstbefreiung und Selbstbestätigung suchen." "Kann sein. Nur für mich wäre es keine Selbstbestätigung mich als der Größte zu fühlen, indem ich wie eine Ameise ein paar Tausendmeter über die Köpfe von anderen Menschen hochklettere. Ich fühle mich groß und bestätigt, indem ich unter die Menschen gehe, sich mit ihnen messe und als Erster daraus komme." "Und was ist mit der Freiheitssuche in dieser erstickend stinkenden Gesellschaft?" "Sie finde ich in vollem Maße im Norden! Dort gibt es eine totale Handlungsfreiheit, die zu meiner, in der Gesellschaft sonst nicht gewährten und bei vielen dadurch fehlenden, persönlichen Freiheit erheblich beiträgt." "Ich kann dir nicht folgen: Im Süden, im Norden soll doch egal sein - diese Gesellschaft ist ja überall!" "Dort ist es anders. Es läuft dort nicht nach den offiziell herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen. So eine Brigade funktioniert wie ein auf ein paar Monate befristetes, selbstständiges Privatunternehmen. Der Brigadier als Geschäftsführer - diese Rolle bleibt irgendwie Jahr für Jahr an mir hängen - fährt noch im Frühling umher, sucht nach geeigneten Bauobjekten und nach Auftraggebern in der Gestalt von Leitern der landwirtschaftlichen Betriebe, welche diese Objekte dringend brauchen und die dafür benötigten Gelder bereithalten. Dadurch ist schon mal das gemeinsame wirtschaftliche Interesse da, das die Verhandlungspartner in ihren Verhältnissen von Anfang an - im Gegensatz zu den üblichen sowjetischen Subordinationen - auf die gleiche Augenhöhe bringen und von jeder leeren Propaganda befreien." "Wieso? Diese Leiter sind doch dieselben Parteifunktionäre wie überall." "Nicht ganz. Sie sind vor allem wirtschaftliche Leiter, die mit den unmittelbaren Realitäten direkt vor Ort konfrontiert werden. Um zu diesen Leitern zu werden, mussten sie zwar in die Partei eintreten. Sie sind damit aber die kleinsten, die von den größeren und von ihrer Realität nichts wissen wollenden Parteifunktionären erpresst werden. Dann kommen wir für sie wie eine Rettung. Diese Leiter wissen ganz genau, dass sie das gesehnte Objekt in zwei Monaten - wenn auch für ziemlich großes Geld - fertiggestellt kriegen. Dasselbe Objekt mit eigenen Kräften zu bauen, vorausgesetzt noch, dass sie überhaupt vorhanden sind, wäre es für sie unmöglich oder hätte es so lange gedauert, dass es im Endeffekt - besonders wenn man all diese regionalen Nordaufschlüge für ansässige Arbeiter mitberechnet - noch mehr Geld gekostet hätte. - So sind ihre Realitäten." "Verstanden! Trinken wir auf dich und auf deine Männer, auf die Herren des Nordens!" - lachte Valerij, der Vaters begeisterten Ausführungen aufmerksam zugehört hatte. Sie tranken lachend darauf, aber der Vater erklärte dann ernsthaft dazu: "Es wollen leider mehrere 'die Herren des Nordens' sein, und es gibt dort eine große Konkurrenz. Viele Brigaden sind im Frühling mit ihren Angeboten unterwegs und nicht nur die einheimischen, sondern auch die aus der ganzen Sowjetunion. Vor allem aber aus Mittelasien und Kaukasus, die im Volksmund als 'Saatkrähen' bezeichnet werden. Da helfen nur eigene eiserne, wenn auch ungeschriebene Regeln in diesem harten Geschäft." "Diese 'Saatkrähen' sehen wir auf den Moskauer Obst- und Gemüsemärkten auch. Sie sind nicht besonders beliebt und nicht nur für ihre kosmischen Preise." "Dort auch nicht. Und es hat mit ihrer Farbe oder Herkunft nichts zu tun - an der Stelle sind Sibirier sehr tolerant und großzügig wie, übrigens, an vielen anderen Stellen auch. Unter diesen 'Saatkrähen' sind nur selten aufrichtige Brigaden zu finden, die ihr Geld so wie wir selbst erarbeiten. Gegen sie ist eigentlich nichts einzuwenden, und wir pflegen mit denen, wenn wir mit ihnen in einem Dorf arbeiten, neutral freundliche Kollegenverhältnisse. Meine Männer und ich hatten uns sogar schon mal auf der Seite von diesen 'Kollegen' bei Auseinandersetzungen mit Einwohnern geschlagen, was auch immer wieder passieren kann." "Das klingt schon nach dem 'Wilden Westen'! Oder nach dem 'wilden Osten?" "Nach dem Wilden Norden, wenn schon, und es ist vielleicht noch schlimmer. Die Auseinandersetzungen mit den Einheimischen gilt es eigentlich zu vermeiden, weil sie an sich gefährlich sind und ein gefährliches Ausmaß annehmen künnen, sodass eine Brigade dann das Kalym abrupt abbrechen und die Siedlung schleunigst verlassen muss. Und diese Scheiße ist schon gar nicht im Sinne unseres Geschäfts." "Kann ich mir vorstellen. Warum lässt es sich dann nicht immer vermeiden?" "Eine gute Frage! Du kennst ja die Geschichte von Sibirien und Sibiriern?" "Ich war zwar in Tschetschenien geboren, bin aber nach dem Krieg in Sibirien, im Altaigebiet, aufgewachsen." "Dann weißt du Bescheid und kannst es dir vorstellen, in welcher Gesellschaft wir dort verkehren." Valerij wusste Bescheid und konnte es sich vorstellen. * Sibirien und Sibirier oder über die Methoden der Wirtschaftsbelebung und das "hurenlose" Gesicht des KommunismusDie Sibirier stellen eine bunte Mischung aus Ur-Ureinwohnern, Ureinwohnern, Einfach-Einwohnern und Neu-Einwohnern dar. Die drei letzteren Einwohnerarten bestehen aus den in fast vier Jahrhunderten dazu gekommenen Vagabunden, Draufgängern, Verurteilten, Deportierten und Verbannten aller Art. Die Ur-Ureinwohner aus sibirischen, den nordamerikanischen Indianern sehr ähnlichen Volksstämmen sind eingeborene Jäger und Fischer. Sie degradierten aber in ihrer Masse noch seit der Eroberung Sibiriens von Zarenkosaken und seit dem darauf folgenden Handel "Fell gegen Glasperlen und Wodka" zu harmlosen Trinkern und Pennern. Zu Ureinwohnern gehören dann die noch von den Kosaken und von den ihnen nachziehenden, freiheitssuchenden Bauern stammenden Russen. Zum Teil gehören dazu verschiedene europäische Nationen wie die Polen und manche anderen: Die Nachkömmlinge von diversen Rebellierenden, welche vom Zaren nach Sibirien zu der Zeit verbannt worden waren, als der russische Zar nach Napoleons Niederlage zum "Gendarmen Europas" geworden war. Zu einem anderen Teil sind das auch die Nachkömmlinge von russischen politischen oder religiösen Abtrünnigen sowie Kriminellen, denen der Zar Sibirien ebenfalls zum Knast bestimmt hatte. Es gab allerdings auch deutsche Kolonisten, welche noch im XIX. und anfangs XX. Jahrhunderten freiwillig - von Riesenbodenmengen angelockt - aus den Mutterkolonien in Südrussland nach Sibirien weitergezogen waren und dort manche neuen deutschen Kolonien gegründet hattenen. Mit Einfach-Einwohnern wurde Sibirien zur sowjetischen Zeit natürlich am meisten beschert: Angefangen von Lenin, am erfolgsreichsten von Stalin und immer noch von gestrigen und heutigen "Führern" des sowjetischen bzw. russischen Landes, obwohl die von den Letzteren dann schon zu Neu-Einwohnern zählen. Die Rede ist dabei nicht von dem inzwischen allen bekannten "Archipel Gulag", welcher eine vierte Dimension in sibirischem "Pelagos" bildet und in Einwohnerstatistiken nicht präsent ist, sondern von Einwohnern Sibiriens, die nicht hinter dem Stacheldraht, sondern in der sibirischen Endlosigkeit eingesperrt worden waren und mit der Zeit ihre Wurzeln hier in der Tundra, in der Taiga, in Sümpfen und Bergen geschlagen haben. Zu diesen Einwohnern gehören seit der Kriegszeit vor allem eine Menge von Deutschen, Litauern, Letten und Esten, die trotz aller Schikanen und trotz des in ihnen tief sitzenden Misstrauens und der Wut zu harmlosesten zählen und in mehreren Betrieben ihr wirtschaftliches Rückgrat bilden. Sie bilden aber auch zusammen mit den Ureinwohnern den Grundstock von Sibiriern als einer spezifischen Volksgruppe. All diese Sibirier, deren Dichte kaum einen Menschen pro Quadratkilometer erreicht, charakterisiert eine besondere Natürlichkeit, Schlichtheit und Hilfsbereitschaft. Diese seltenen Eigenschaften sind auf die einfachen, aber sehr rauen und harten Lebensbedingungen zurückzuführen. Unter diesen Bedingungen würden Menschen ohne ihren Zusammenhalt und ihre gegenseitige Hilfe einfach nicht überleben. Diese Zusammenhaltnotwendigkeit entwickelte wahrscheinlich die besagten Eigenschaften, denen jedoch eine Art innerer Bereinigung vorausgeht. In Sibirien muss man nicht um Hilfe bitten - die Hilfe wird angeboten. Wenn ein Wanderer auf einer Landstra?e zwischen Dörfern von einem Fahrzeug überholt wird, hält der Fahrer an und bietet ihm an einzusteigen. Es ist dabei unwichtig, ob es draußen die Temperaturen von minus vierzig oder plus vierzig Grad Celsius herrschen, und ob das Fahrzeug ein Pferdewagen oder ein tonnenschwerer Laster ist. Diese sibirische Reinheit war in Breschnews Zeiten durch eine massenhafte Verbannung von "asozialen Elementen" aus denselben mit Fleisch wegen ausländischer Touristen besonders gut verpflegten kommunistischen Hauptstädten nach Sibirien verseucht worden. Diese Asozialen gehören nun zu Neu-Einwohnern. Zu den "Asozialen" wurden von der Partei Huren, Obdachlose, Arbeitslose, Alkoholiker und Ähnliches mehr erklärt. All diejenigen also, welche im Kommunismus hätten gar nicht existieren dürfen und deswegen aus kommunistischen Hauptstädten und damit aus dem ausländischen Auge entfernt worden waren. Außer diesem politischen Hintergrund gab es dafür auch einen altsibirischen wirtschaftlichen Grund. Diese "Elemente" sollten die in sibirischen Landwirtschaftsbetrieben ewig fehlenden Arbeitskräfte ersetzten. Die Ideologen dieser schlauen Politik hatten sich dabei aber gewaltig verrechnet. Die Huren aus den Hauptstädten - welche nie im Leben eine Kuh gesehen und vielleicht wie Valerijs Gattin gedacht hatten, dass Fleisch und Milch aus Moskauer Hinterhöfen käme, - sollten nun als Melkerinnen arbeiten. Wenn diese aber am Monatsende ihren Lohn erhielten, vergaßen sie die armen Kühe und feierten ihre liederlichen Bacchanale tagelang, bis ihr Geld weg war. Die Kühe standen währenddessen ungemolken und ungefüttert da, sehnten sich nach ihren Betreuerinnen und träumten wahrscheinlich davon, dass denen das Geld endlich und so schnell wie möglich ausginge. Dementsprechend und naturgemäß waren dann - auch wenn das Geld der Melkerinnen noch so rasch ausgegangen war - auch die Milcherträge der Kühe miserabel. Diese lustigen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter brachten dünne und ohnehin kaum funktionierende Wirtschaft Sibiriens zum endgültigen Untergang. Aber das juckte die Ideologen wenig! Diese Betriebe wurden sowieso vom sowjetischen Staat subventioniert, die Wirtschaftsberichte wurden sowieso beschönigt und hatten mit realen Kuhproblemen und ihren Milcherträgen schon längst wenig zu tun. Dafür wurden aber die Hauptstädte gesäubert und das "hurenfreie" Gesicht des Kommunismus bewahrt. Zu diesen Neu-Einwohnern kamen auch die sowjetischen, aus dem Knast auf die Bewährung entlassenen und unter die Milizaufsicht gesetzten Kriminellen, "Chemiker" genannt. Zu einem wirtschaftlichen Effekt kam es doch durch diese Huren, Obdachlosen und Chemikern: Das Geschäft mit dicken Vorhängeschloßen aller Art florierte. Jahrhunderte lang hatten die Türen in Sibirien offen gestanden. Wenn niemand zu Hause gewesen war, war an die Tür höchstens ein Stock als Zeichen der Abwesenheit angelehnt worden. Nun war es damit vorbei: Die Türen und Fenster von Häusern mussten gegen diese herum streunenden Neu-Sibirier abgesperrt, abgeriegelt und am besten zugenagelt werden. Oben drein war Sibirien in Siebzigen Jahren von Saisonarbeitern aller Art - von an- und abfliegenden Bohrbrigaden auf den neulich entdeckten Erdölfeldern, professionellen Kalymbrigaden, Goldgräbern und anderen Abenteurern und Vagabunden - überschwemmt worden. Sie hatten ihr tolles Nordgeld und keinerlei Chance, es hier - vor Ort - anders als für Wodka auszugeben. Die manchmal blutigen Auseinandersetzungen dienten Männern dieser Subgesellschaft ihrer Entspannung und Lust. Diese explosive Atmosphäre herrschte eben in den Regionen, wo der Vater mit seiner Brigade jedes Jahr nach seiner Freiheit suchte und seine Selbständigkeit ausübte. Der Vater sah schon manche Male die Mündung sibirischer Jagdschrotflinten oder ein Messer vor der Nase. Er - mit seiner ähnlichen sibirischen Lebenserfahrung - ließ sich aber wenig dadurch beeindrucken. Er wusste, in welche soziale Umgebung er fuhr, genauso wie er wusste - nach dem er sich in seinem Leben bereits in vielen Sozialschichten aufgehalten und quer durch diese verkehrt hatte, dass es in jeder sozialen Schicht eigene gewöhnliche Vernichtungswaffen gegen den Nächsten gibt. Willst du keine dir ungewöhnlichen Gefahren erleben, bleib am besten immer in deiner Umgebung und bewege dich nicht quer durch die sozial-gesellschaftlichen Schichten, wo du nie gelernt hast, zurecht zu kommen, und dich deswegen unsicher fühlst. In der wissenschaftlichen oder einer anderen der "höheren" Schichten sieht man vielleicht nie ein Messer vor der Nase. Aber warum soll ein Messer und auch noch vor der Nase, wo dir noch eine Chance gegeben wird, sich zu wehren, schlechter oder brutaler sein als jede andere raffiniertere und in der Regel in den Rücken gesteckte Waffe wie Erpressung oder Mobbing? Und warum soll der Tod durch einen Messerstich oder durch einen Schrottflintenschuss schrecklicher und qualvoller sein als der Tod an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall? Dabei erkannte der Vater keine der Vernichtungswaffen - egal in welchen Auseinandersetzungen und in welchen Sozialschichten - und verachtete Menschen, welche bei den kleinsten Streitigkeiten gleich zu etwas Handfestem oder Hinterhältigem greifen. Erst dann konnte er selbst diesen Menschen gegenüber gefährlich werden, weil sie dadurch einen Anspruch auf sein Leben erhoben, und er gerade dies am wenigsten dulden konnte. Diese fast krankhafte Eigenschaft entwickelte sich beim Vater zusammen mit seinem immer schärfer und deutlicher werdenden Verständnis, wie viele Missgeburten und in welchem Maße über sein Leben und sein Schicksal seit seiner Geburt an verfügt hatten und immer noch zu verfügen beanspruchten. "Nie wieder!" - war deshalb sein Motto, nach dem er rücksichtslos in Situationen handelte, in denen er auch nur den kleinsten Verdacht schöpfte eine sein Leben wieder beanspruchende Missgeburt neben sich zu finden. Und es gab immer genug davon! * Das Kalymenlied oder über die Wissenschaftsurlauber und Multikulti-GesellschaftenDie aufrichtigen, an sibirischen Kalymen selbst arbeitenden "Saatkrähen" waren einerseits als Konkurrenten früher auf dem Markt, weil es ihre Hauptbeschäftigung war, in welcher sie nicht auf ihre Ferien oder auf ihren Urlaub, sondern nur auf den Frühlingsbeginn in Sibirien angewiesen waren. Sie überwinterten in ihren warmen Südländern und warteten auf die Frühlingswärme in Sibirien. Daher hieß es im Volksmund: "Die Saatkrähen kehren zurück" - nach dem bekannten gleichnamigen Bild vom russischen Maler Sawrassow. Die Saatkrähen kehren nämlich auch immer zu dieser Frühlingszeit nach Sibirien zurück. Diese Brigaden arbeiteten dann bis in den Spätherbst. Andererseits - und dies war für Vaters Brigade vom Vorteil - waren sie aus denselben Gründen nicht so leistungsfähig wie Vaters "Urlauber", welche die gleichen Bauobjekte während ihres Urlaubes fertig stellen mussten und fertig stellten. Kein Mensch hätte auch solche Arbeitsintensität ein halbes Jahr lang aushalten können. Mit einem Brigadier von denen befreundete sich der Vater, während sie in einem Sommer in demselben Betrieb arbeiteten. Sie sahen sich oft im Büro, wo sie ihren Baubedarf bestellen und gleich hier, vom Lager im Hof, abholen konnten. Einst ging der Vater über den Hof, um seine Sachen abzuholen, und sah, wie dieser nicht allzu große, aber sehr stämmige Brigadier mit dem Gesicht eines Kaukasiers seine Waren - darunter vierzigkilogrammschwere Holzkisten mit Eisennägeln - auf den Laster lud. "Soll ich dir helfen?" - fragte der Vater aus purer Höflichkeit, an ihm vorbeigehend. "Was hätte ich noch hier zu suchen, wenn ich auf deine Hilfe angewiesen wäre!" - antwortete der Kerl nicht besonders höflich, aber ruhig und würdevoll, legte auf seine Handfläche eine dieser Kisten mit Nägeln und warf sie mit einem Schwung wie beim Kugelstoßen über den hohen Bord des Lasters. "Sehr überzeugend" - lachte daraufhin der Vater - "und völlig richtig! Nur trifft man auch hier nicht so oft einen, der es so deutlich wie du versteht." - und ging seine Kisten mit Nägeln über den Bord stoßen. Die anderen "Saatkrähen" bevorzugten es dagegen, die einheimischen und aus Moskau und Leningrad herverbannten obdachlosen Penner anzuwerben, welche reichlich an jedem Eisenbahnhof oder Flusshafen zu finden waren, und diese für Brot und Wodka als Sklaven auszunutzen. - Eine ebenfalls alte, noch durch Anwerbung von Matrosen in Hafenkneipen bekannte weltgeschichtliche Methode. Das Kalym - an sich eine Saisonarbeit - stammt allerdings auch aus der Seefahrtgeschichte von Matrosen, die in einzelnen Seefahrten ihr Geld verdient hatten, um es zwischenzeitlich in Hafenkneipen großzügig auszugeben und sich dann nackt und verarmt auf ein anderes Schiff für die nächste Fahrt zu bewerben. Diese Matrosen hießen in Russland "Bitschi", was soviel wie "Peitschen" bedeutet, und so wurden auch die Kalymbrigaden und ihre Mitglieder bezeichnet. Diese Sklavenbrigaden und ihre "Saatkrähen"-Brigadiere galt es zu bekämpfen. Sie waren auch bei den Einwohnern der Kalymortschaften unbeliebt, denn es traf ihren Stolz als Sibirier. Immerhin gehörten mittlerweile diese Penner-Sklaven auch zu Sibiriern, und die übrigen Einwohner identifizierten sich mit ihnen in diesem Fall. Es war aber schwierig direkte Auseinandersetzungen mit diesen "Saatkrähen" zu finden. Vor Ort waren nur die Sklavenbrigaden und die Brigadiere verkehrten irgendwo in Betriebsbüros oder gar in ihren Heimatländern. Für den Vater kam noch dazu, dass diese Sklavenbrigaden nun gar nichts leisteten, und die echten Kalymbrigaden - wie die des Vaters - wurden dadurch unter den Betriebsleitern in der Branche in Verruf gebracht. Dies war schon nicht nur eine Frage des Stolzes wegen des Missbrauchs von Sibiriern, sondern auch eine Gefahr fürs Geschäft. Und der Vater wusste sie nicht nur in den ebenfalls manchmal vorkommenden direkten Auseinandersetzungen zu bekämpfen. Einst arbeitete er mit seiner Brigade bei einem Betriebsleiter, zu dem er schon zum zweiten Mal gefahren war, und mit dem sie mittlerweile zu guten Freunden geworden waren. Eines Tages beklagte sich der Leiter im Gespräch mit dem Vater: "Ich habe ein beschissenes Problem mit einer Brigade wie eure!" "Mit unserer Brigade hast du noch nie ein Problem gehabt." - reagierte der Vater scharf - "Erzähle mir schon etwas mehr über dein Problem und über diese Brigade." "Ich habe diese noch vor euch beauftragt eine provisorische Sommermelkerei draußen, direkt auf einer Weide zu bauen. Die Melkerei sollte schon längst fertig sein, ist es aber nicht. Ich füttere diese verdammten Penner mit Vorzahlungen, beliefere sie mit Fleisch und allem, was sie sonst zum Fressen brauchen, damit sie gut arbeiten können. Stattdessen saufen sie nur und ziehen es meinetwegen sogar extra in die Länge." "Siehst du! Du hast selbst erkannt, woran dein Problem liegt! Sie haben es zu gut bei dir und, wenn sie fertig sind, haben sie es nicht mehr. Und ich weiß schon, was das für eine Brigade ist!" - kommentierte der Vater - "Und was gedenkst du jetzt zu unternehmen?" "Ich weiß nicht so recht und rede deswegen auch mit dir. Die Kühe stehen immer noch in ihren Winterställen und können nicht hinaus auf die Weide, obwohl der Sommer bereits voll im Anlauf ist. Ich verbrauche eine Menge Futter und verliere eine Menge Milch - unvorstellbare und unnötige Verluste, für welche ich fast täglich vor Kreisparteifunktionären 'auf den Teppich' muss. Aber ich habe keine Baufachleute, und alle Kalymbrigaden sind zu dieser Jahreszeit schon längst ausgebucht." "Was wärest du bereit zu zahlen?" "Ich zahle in dieser Situation alles, was du willst. Es wird auch von oben gleich genehmigt, weil sie selbst von mir sofortige Maßnahmen um jeden Preis verlangen. Wieso fragst du? Ihr seid doch voll mit eurem Auftrag ausgeschöpft und dessen Ausführung ist für mich ebenso wichtig!" "Lass dies meine Sorge sein. Unsere Bauobjekte sind dir eher für den kommenden Herbst wichtig. Gib mir dreitausend Rubel, schmeiße diese Penner raus, und du hast in ein paar Tagen deine Melkerei. Danach sind auch unsere vertraglichen Objekte fertig, wenn wir dafür auch unsere Urlaubszeit werden verlängern müssen." "Ihr müsst aber hinaus aus dem Dorf, weit von ihren Bauobjekten weg." "Wo ist das?" "Die Penner hausen in einem kleinen, auf die Traktorholzschlitten direkt auf dieser Weide in der Taiga gestellten Blockhäuschen. Sie müssen auch selbst auf einem Gasherd für sich kochen." "Macht nichts. Wir sind auch an Schlimmeres gewöhnt." "Na dann! Es wäre mir wirklich eine große Hilfe, wenn du es übernimmst." "Das habe ich schon. Nur noch eine Bedingung." "Alles, was du willst!" "Du schaffst mir diese Penner vom Halse. Ich habe keine Lust und Zeit mich mit ihnen jeden Tag zu unterhalten oder einander die Köpfe einzuschlagen." "Aber ich kann sie doch nicht auf die Strasse setzen." "Musst du auch nicht. Schleppe ihren Schlittenwohnwagen mit ihnen drin wohin du willst, Hauptsache weg von der Baustelle, und stelle dort einen anderen für meine Brigade hin." "Das lässt sich machen." Das Geschäft wurde somit abgeschlossen, und in fünf Tagen durften die Kühe auf die Weide. Die Brigade musste aber diese fünf Tage fast ununterbrochen arbeiten. Die weißen Nächte des Nordens machten es möglich, weil man bei der Helligkeit dieser Nächte nicht nur arbeiten, sondern sogar lesen konnte. Die unzähligen, für den Bau benötigten Holzstämme mussten direkt im umliegenden Walde mit einer Motorsäge gefällt und auf den Schultern herausgeschleppt werden. Aber es hat sich gelohnt. Mehrere Prinzipien lagen solchen Entscheidungen zugrunde. Erstens, solche ihren Ruf ruinierenden Brigaden zu bekämpfen und zu bestrafen. Zweitens, dem Betriebsleiter nie eine Hilfe abzusagen. Umso mehr, dass der Leiter dabei in einer Zwangslage war und solche Hilfen dann aus Dankbarkeit sehr großz?gig bezahlte. Drittens, nie auf zusätzliches Geld zu verzichten, wenn es auch durch ein Subkalym innerhalb des regulären Kalyms zu holen war. * Die Klauenpolitik oder über den Idealismus des Kommunismus und den Pragmatismus der MenschenMit dem Geld war es jedoch nicht so einfach, wie es scheinen mag. Die bei dem Betriebsleiter ausgehandelte Summe musste noch durch die geltenden und in mehreren Bänden verfassten Baunormen und Bautarife belegt werden. Die ganze Fertigstellung eines Bauobjekts sollte in einzelne Bauverfahrensschritte zerlegt und in einzelnen Zeilen beschrieben und berechnet werden. Jeder Arbeitseinheit eines einzelnen Bauschrittes, zum Beispiel Ausbuddeln eines Kubikmeters Erde mit einem Spaten, wurde in Baunormen ein bestimmter Zeitaufwand sowie ein Entgelt aufgrund dieses Zeitaufwands und der geltenden Tarife festgelegt. Multipliziert man dann das Arbeitsvolumen mit der Zeit pro Einheit, bekommt man die für das Volumen vorgesehene Soll-Zeit. Multipliziert man dasselbe Volumen mit Entgelt pro Einheit, bekommt man das erarbeitete Entgelt. Wenn die benötigte Ist-Zeit kürzer als die errechnete Soll-Zeit ist, bekommt man eine Akkordprämie bis zu vierzig Prozent des errechneten Lohnes dazu. Eine arithmetisch ganz einfach zu sein scheinende Sache. Nur galten die Normen und Tarife noch seit Stalins Zeiten, und das Entgelt entsprach den Hungerlöhnen jener Zeit. Diese Zeitnormen waren damals durch die heldenhafte Arbeit von Rekordsmännern - sogenannten Stachanowez - ermittelt worden. Diese "Tarifverbrecher" hatten unter den irreal besten, für sie extra geschaffenen Bedingungen arbeiten dürfen. Diese Stachanowez waren dem Volk von Stalins Propaganda als seine Helden präsentiert und von dem meisten Volk für diese ab sofort als Durchschnitt geltenden Normen verhasst worden. Dies hatte auch zu manchen namenlosen Arbeiteraufständen wie die von Kumpels in Donbass und Kuzbass geführt, welche genauso wie der Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 in der DDR - als dort ein ähnlicher Trick mit Normen angewandt worden war - von sowjetischen Panzern niedergerollt worden waren. Wenn man dies alles wie oben gezeigt miteinander multiplizierte und addierte, bekam man ein paar Kopeken zum Verhungern und nicht zur Aufbesserung eines Wissenschaftlergehalts. Deswegen war es vernünftiger für den besagten Kubikmeter Erde einen Bagger für eine Flasche Wodka selbst zu finden, die Arbeit dann aber als das Spatenbuddeln zu berechnen und bezahlen zu lassen. Zwischenzeitlich schaffte es die Partei, die Arbeitslöhne zu vervierfachen, ohne die Normen und Tarife sowie das Realeinkommen des Volkes zu verändern. Das hieß, alle für den Arbeiterlohn zuständigen Fachleute, wie Baumeister zum Beispiel, waren offiziell, staatlich und parteiisch zur Wirtschaftskriminalität verpflichtet. Sonst wäre es ganz unmöglich die von Parteifunktionären verlangten Arbeiterlöhne anderweitig ohne Manipulationen zu verwirklichen. Zu Breschnews Zeiten war das Klauen als solches sowieso bereits offiziell anerkannt, nachdem Breschnew - der Generalsekretär der Partei und somit "der Führer" des Landes - einst einen Bericht über Diebstähle in der Wirtschaft mit seinem väterlichen Humor kommentierte: "Wir dürfen nicht überreagieren. Ihr wisst ja, wie es ist. Ich erinnere mich noch daran, als ich und meine Kommilitonen in unserer Studiumszeit die Güterzüge in Obstlagern entluden, um unser Stipendium, das vorne und hinten nicht reichte, aufzubessern. Als wir fertig waren, nahmen wir immer ein paar Kisten mit Obst ins Studentenheim mit, die wir vorher vorsorglich über den Zaun geworfen und versteckt hatten.? Es klang fast wie ein Aufruf zur Selbsthilfe durchs Klauen, um den Kommunisten bei der gerechteren Verteilung zu helfen, so ähnlich wie mit Moskauer "Wurstzügen" also. Die Stipendien, Löhne und Gehälter reichten den Bürgern immer noch weder vorne noch hinten. Und wenn es bei manchen reichte, gab es sowieso kaum was zu kaufen. Es gab keine Baumärkte für die Bevölkerung, und alle Baustoffe waren sogar für staatliche Baubetriebe eine Mangelware. Trotzdem baute jeder irgendetwas: von einer Scheune bis zu einer Datscha, von einer Hütte bis zu einer Stadtvilla. Und es wurde geklaut, wo es nur möglich war, und auf jeder sozialen und politischen Ebene in Mengen, welche der Höhe dieser Ebene entsprachen. Jeder wusste auch darüber Bescheid. Dieses Wissen wurde
aber nur dann gebraucht, wenn es jemanden zu erpressen galt, sei es ein
Bauernnachbar oder ein leitender Parteikollege. Es wurde bei sich selbst
geklaut, denn der Staat gehörte ja dem Volk. Das Volk schien aber dies entweder
vergessen oder falsch interpretiert zu haben. Die Sache mit der Berechnung und Belegung von höheren Löhnen wurde zu einer Betrugskunst perfektioniert. Diese offizielle Kunst, welche der Vater als Brigadier vollkommen beherrschte, und ohne die jedes Kalym sinnlos gewesen wäre, gehörte zu dem, was er "Irrenhaus" nannte. Dabei war es für den Vater persönlich kein Verbrechen, sondern fast eine Ehrensache: Beim Staat das zurückzuholen, was ihm als Wissenschaftler im Vergleich zu einem Arbeiter, welcher das zweifache und das dreifache nur aufgrund der irren politischen Grundlagen dieses Staates von Arbeitern und Bauern verdiente, von vorne rein weggenommen worden war. Er sorgte nur dafür, seine Berechnungen rechtens zu machen und sich nicht primitiv erpressen zu lassen. Wenn ein Betriebsleiter ihm zu sagen versuchte, dass er mit seinen eigenen Augen gesehen habe, wie die Arbeit mit dem Bagger gemacht worden sei, war der Vater dreist genug, dem armen und sich selbst gleich als ein Verbrecher fühlenden Leiter eine Rechtsbelehrung zu erteilen: "Glaube deinen Augen nicht! Glaube deinem Buchhalter. Du willst also behaupten mir einen Bagger für diese Arbeit gegeben zu haben, was du eigentlich machen solltest, wenn du einen hättest. Dann zeige mir den Beleg für die von deinem Betrieb geleistete Bezahlung eines bei jemandem Anderen gemieteten Baggers. Ich weiß, dass du diesen Beleg nicht hast, weil wir das Loch eben mit dem Spaten ausgebuddelt haben. Dies wirst du jetzt bezahlen und nur dies kannst du dann jedem Staatsanwalt belegen. Du willst doch keine Ungereimtheiten in deiner Buchhaltung. Oder?" Es war also in mehreren Beziehungen - was die Kalyme betrifft - einerseits der Wilde Nordosten mit harten Männern noch krasser als mal im Wilden Westen von Amerika. Andererseits, der Kapitalismus pur und eine freie Marktwirtschaft, welche der Vater mittendrin in der Kommunismuswelt erfand und betrieb. Was soll man da noch zu Vaters Mischung aus einem idealisiert-verschwommenen Realismus und einem philosophisch-pragmatischen Idealismus hinzufügen. * Die Männerwürde oder über die Saufkunst und das Halten des gegebenen WortesAls der Vater seinem neuen Trinkkameraden kurz oder lang - man guckt ja beim Biertrinken nicht auf die Uhr - dies alles erzählte, fragte Valerij sehr vernünftig: "Was machst du denn dann noch hier?" "Das frage ich mich mittlerweile auch." - war Vaters Antwort - "Die Zeit drängt dort, denn die Verträge habe ich schon in der Tasche, und vergeht umsonst hier. Ich habe zwar einen meiner Kumpels beauftragt die Brigade zusammenzutrommeln. Der Betriebsleiter, mein Freund vom Vorjahr - der mit dem Sommermelkereiproblem, vertraut mir zwar, hält seine Bauobjekte für uns zurück und wartet in drei Wochen auf uns. Ich muss aber die Bauobjekte und die Wohnbedingungen noch prüfen, sowie alle Vorbereitungen treffen, damit wir ab dem ersten Tag reibungslos loslegen könnten.? "Dann machen wir folgendes." - schlug Valerij vor - "Du fliegst gleich morgen nach Hause zurück und machst dort deine Hausaufgaben, während ich mich hier um deine Sachen kümmere. Du hast ja mich schon reichlich in diese eingeführt. In drei Wochen komme ich zu dir mit deinen Forschungsergebnissen in der Tasche und mit meinen Arbeitsklamotten im Rücksack bereit nach Norden zu fahren." "Gut!" - freute sich der Vater - "Ich danke dir wirklich für diese Erlösung.? Valerij war inzwischen ziemlich angetrunken und der Vater dachte sich: "Na ja, werden wir ja sehen, ob es ein besoffenes Gequatsche von dir oder ein Männerwort ist." Er selbst verlor durch Alkohol nie die Kontrolle über sich, über seine Worte und über die sich dabei ergebenden Situationen. Einerseits war er physisch so veranlagt, dass sein Organismus viel Alkohol ohne sichtbare Wirkung ertragen konnte. Andererseits hatte er psychisch feste Einstellungen zur Trinkerei. Außerdem gehörte sie bei ihm zu der effektivsten Entspannungsmethode gegen die Kopfarbeitsmüdigkeit und viel Stress. Diese Methode war von ihm noch in seinen Studentenjahren erkannt und verwendet worden. Zwei Mal im Jahr hatten Studierende an der Uni ihre Prüfungszeiten durchzustehen. Das hieß, drei bis fünf Prüfungen mit einem Abstand von vier bis fünf Tagen abzulegen. Nach diesen Tagen und Nächten intensiver Vorbereitung und nach der bestandenen Prüfung war der Kopf nicht mehr imstande, etwas aufzunehmen, aber die nächste Prüfung für ein ganz anderes Fach stand schon bevor. Es galt und half nur eine Methode, sich mit Kumpels gleich nach der Prüfung mächtig zu besaufen und am nächsten Tag den Katerjammer zu überstehen. Ein Tag ging dadurch zwar verloren, aber am übernächsten Tag war der Kopf wieder glasklar, für den neuen Stoff empfangsfähig und für die weitere intensive Anspannung einsatzbereit. Damals schon - wie auch später - hatte der Vater für sich eine Gesetzmäßigkeit bemerkt: Je mehr Stress er davor gehabt hatte, umso mehr verzögerte sich bei ihm die Wirkung des Alkohols. Die ersten und erheblichen Portionen Wodka führten nicht zur Betrunkenheit, sondern umgekehrt zur klirrenden Klarheit und Empfangsschärfe im müden Kopf. Erst danach, mit ein paar neuen kräftigen Portionen, kam so etwas wie bleischwere Müdigkeit im allmählich hölzern werdenden Kopf. Erst nach dem Schlaf erwachte er mit einem lustigen Gefühl der leichten Angetrunkenheit im Kopf, aber mit so einer schweren Vergiftung im Magen, dass ihm allein schon der Gedanke an Alkohol kotzübel war. Sein Organismus schien den Alkohol irgendwo zu speichern und damit seine Wirkung zu verlangsamen oder abzuwehren so wie beim erwähnten Sauftrick des Kanzlers Adenauer mit dem Butteressen auch. Jede Entspannung - und die Entspannung auf diese Art besonders - macht Menschen hilflos, schutzlos und den anderen ausgeliefert. Angesichts dessen und aufgrund praktischer Erfahrungen mit seinen Kameraden entwickelte der Vater seine sehr hilfreiche Trinkphilosophie: "Ein Mensch darf sich nur mit seinen nächsten Kumpels besaufen, denen er vertrauen kann, dass sie auf ihn aufpassen, ihm nichts antun und seinen hilfslosen Zustand nicht ausnutzen. Mit Fremden besäuft man sich nicht, und derjenige, der seinen Saufzustand gar nicht kontrollieren kann, soll lieber in einer fremden Umgebung überhaupt nichts trinken." Der Vater hielt es für eines der wichtigsten Merkmale von Anständigkeit eines Menschen, wenn derjenige sich am nächsten Tag an sein Wort erinnert und dieses auch hält! Unabhängig davon, in welchem Zustand und unter welchen Umständen das Wort gesprochen worden, oder auch nur herausgerutscht war. Denn das gegebene Wort sei dasselbe wie eine unbezahlte Schuld, wie es Shakespeare soll gesagt haben. Und jeder Mensch der Ehre tilgt seine Schulden, wenn er sie schon macht, statt vor ihnen weg zu laufen. Das Gegenteil war seinen Vorstellungen nach den Politikern, Alkoholikern und sonstigen eigen. Und er wollte über seinen gerade neu gewonnenen Freund Bescheid wissen, wo der hingehörte. Für den Vater selbst war es ein eisernes Gesetz sein ausgesprochenes oder sogar ausgerutschtes Wort zu halten, um einfach gewisse Achtung vor sich selber nicht zu verlieren. Zu seinen Problemen gehörte aber, dass ihm die Kontrolle doch manchmal fehlte auf seine Worte - besonders angesichts solcher Prinzipien - höllisch aufzupassen. Und manchmal fiel es ihm verdammt schwer sein gestern meistens sogar wegen seiner übertriebenen Hilfsbereitschaft und nicht wegen Betrunkenheit ausgerutschtes Wort zu halten. Dies trat besonders dann ein, wenn das von ihm Versprochene nicht in seinen Händen lag, sondern er selbst darum bei seinen Freunden bitten musste. Und jemanden um etwas bitten mochte er schon gar nicht, denn es wäre für ihn dem Betteln gleich. Eine Ausrede nach dem Motto "Was interessiert mich mein Gequatsche von gestern" oder einen Umweg gab es für ihn nicht, was bei so einer harten Einstellung wiederum zu seiner Naivität gehörte. * Wie man Menschen fürs Kommunenleben auswählt oder über die Eroberung von MoskauNach drei Wochen erhielt der Vater ein Telegramm von Valerij über seine Ankunft am nächst folgenden Tag mit der Fluglinie sowieso. Der Vater holte ihn am nächsten Tag vom Flughafen ab. Valerij kam wie versprochen mit Arbeitsklamotten für sich in seinem Rücksack, jedoch nicht mit den versprochenen Forschungsergebnissen für den Vater in der Tasche. In diesem Sinne hat Valerij sein "besoffenes" Wort nur zu Hälfte gehalten. Nämlich zu der Hälfte, die ihm zugunsten kam. Aber der Stein, beziehungsweise der eingeworfene Ball, rollte bereits, und der Vater hielt sein Wort trotzdem ganz und nahm seinen neuen Freund mit. Diesmal brach der Vater all seine Rekorde und holte als Brigadier für jeden - auch für Valerij - nach einem Monat intensiver Arbeit ein umgerechnet sechsmonatiges Doktorgehalt von Valerij oder ein umgerechnet eineinhalbjähriges Gehalt von Aspiranten, welches er selbst genoss. Valerij zeigte sich vor allem ehrlich, indem er bei der Arbeit alles ausgab, was er drauf hatte. Das gehörte auch zu den vom Vater erarbeiteten und nirgendwo geschriebenen Grundlagen eines Kalyms über die Gleichheit bei der Arbeit und Gleichstellung bei der Bezahlung: Es kam nicht darauf an, wer stärker und fähiger war. Es kam darauf an, dass alle - die Starken wie die Schwächeren - mit allen bei jedem vorhandenen Kräften an einem Strang ziehen und nach jedem Feierabend sowie nach dem Kalymabschluss gleichermaßen fix und fertig sind. Nur das gerechtfertigte dann das heilige Kommunenprinzip des Kalyms - der gleiche Stundenlohn für jeden! Was meistens am Ende soviel wie gleiches Geld für jeden bedeutete, denn es gab normalerweise keine großen Arbeitszeitausfälle - nicht einmal wegen Krankheiten oder Verletzungen, und die wenigen ausgefallenen Arbeitsstunden, wenn es diese doch mal gab, wurden unter Kameraden einfach nicht beachtet. Auch die meisten nächtlichen Stunden nicht, die der Brigadier nach der mit den anderen gleich schweren Tagesarbeit fürs Planen des nächsten Arbeitstages und fürs bereits geschilderte "Geldschreiben" zum Abschluss des Kalyms verbrauchte. Auch seine als Manager noch im Frühling geleistete Organisationsarbeit sowie die unter allen Finanzpapieren signierte Verantwortung wurden nicht beachtet. Was zählte, war nur die schwere und sichtbare Arbeit. Der Vater war immer stolz darauf, am Ende den Geldhaufen auf dem Tisch wie einen Kuchen - ohne großartige mathematische Bemühungen - einfach mit der Hand in gleiche Stücke teilen zu dürfen. Das war dann für ihn ein gelungenes Kalym. Derjenige, der seine Kräfte sparte, gehörte nicht in so eine Brigade und wurde nur mit dem Geld für seine Rückreise rausgeschmissen. Egal wie viele Tage er davor bereits gearbeitet hatte. Wenn dies passierte, dann sowieso gleich am Anfang und nur dann, wenn ein Niemand von der Seite in die Brigade reingekommen war, den keiner kannte, den jemand von Freunden empfohlen oder mitgenommen hatte. So bestand am Ende doch das Prinzip des gleichen Geldes für jeden "Überlebenden". Diese unangenehme Rausschmissentscheidung lag ebenfalls - wie auch vieles mehr - am Brigadier. Manchmal gingen ehrlicherweise diejenigen selbst fort, die den physischen Anstrengungen nicht gewachsen waren. Es gab schon in Vaters Brigaden einen Bodybilder mit dicken Muskeln, aber mit keinerlei Ausdauer, sowie einen stattlichen Jungen gleich nach seinem Militärdienst als Fallschirmjäger in einer Eliteeinheit der Sowjetarmee. Beide versuchten mitzuhalten, aber es war den beiden nach einer Woche doch zu viel, und sie gingen freiwillig. Als Anerkennung ihrer Anständigkeit berechnete der Vater nach Abschluss des Kalyms das Geld für sie ausnahmsweise für die ganze von ihnen abgearbeitete Woche. Es gab einen Gymnasten, der seiner Auflage nach hätte mithalten können, war aber einfach nicht ehrlich genug und faul. Er wurde vom Vater kurzerhand rausgeschmissen. Ein richtiger Kalymer war sehnig und zäh, willig und in Alltagssachen anspruchslos. Nur so einer hielt es bis ans Ende durch, egal wie stark er körperlich aussah. Diejenigen, die so ein Kalym mal mitgemacht hatten - sogar manchmal die, die nicht bis ans Ende durchgehalten hatten, blieben danach für immer die besten Kumpels, zusammengebunden wie Kriegskameraden. Das war dann auch mit Valerij der Fall. Seitdem wurden geschäftliche Reisen des Vaters nach Moskau zu einer Routinesache - kurz und schmerzlos. Sie trafen sich mit Valerij, tranken kräftig und erholend auf das Zusammenerlebte und der Rest erledigte sich dann - ohne den Widerstand der Moskauer Überheblichkeit - fast von alleine. * Die Perestrojka und das Ende des Sowjetreiches oder über Demokratie, Schizophrenie und andere FreiheitsformenDie neue Finanzpolitik oder über den Eifer von oben und die Kühle von untenAls acht Jahre später, schon während der Perestrojka, hörte der Vater, dass staatliche Gelder für die Forschungsprojekte in seinem Bereich durch Valerijs Institut und sogar mit seiner direkten Beteiligung verteilt werden sollten, eilte er nach Moskau. Nachdem der Perestrojkaanführer die Finanzierung von Forschungsprojekten auf die Wettbewerbbasis zu stellen deklariert hatte, sah der Vater seine Chance mit seinen Ideen und Projekten endlich durchzukommen. Er war seiner Sache sicher und zu jedem Wettbewerb bereit. In der Akademie der Wissenschaften in Moskau wurden Forschungsprogramme formuliert und mit einem festgelegten Geldvolumen für jedes Programm, sowie mit einer aus Akademiemitgliedern zusammengesetzten Auswertungsexpertenkommission versehen. Theoretisch durfte jeder Wissenschaftler mit seinem den Wettbewerb bestandenen Projekt in diese Programme einsteigen. Da in diesen Programmen die Zusammenarbeit in einem Team aus mehreren Forschungsinstituten befürwortet wurde, reiste der Vater kreuz und quer durch die Sowjetunion bis nach vom Erdbeben und Krieg erschütterten Kaukasus, um auch dieses eher formale Problem zu lösen. Er führte Gespräche und schmiedete Koalitionen mit anderen Instituten und Forschungsgruppen - eine ihm aus seinen Kalymen mit jährlicher Brigadenbildung und Führung gut geläufige Organisationsarbeit mit dem gleichen Ziel ans Geld zu kommen. Viele seiner Gesprächspartner aus anderen Forschungsbereichen wussten manchmal nicht so genau, wohin mit ihrer guten Laborausrüstung und hießen Vaters Initiativen und Ideen willkommen. Als Ergebnis seiner ihm eine Menge Geld, Zeit und Kraft gekosteten Tätigkeit reichte er einige Projekte mit verschiedenen Partnern in drei Programme bei der Akademie der Wissenschaften ein, und er hoffte nun die notwendige Finanzierung in wenigstens einem Programm zu erwerben. Von allen Kommissionen erhielt er jedoch mit der Zeit ziemlich gleiche und detaillierte Absagen nach einem vorgeschriebenen Muster: "Das Projekt ist innovativ, die Forschungsaufgaben sind präzise und deutlich gestellt, die Qualifizierung von Mitarbeitern für die Leitung und Ausführung des Projekts ist hoch genug, die experimentelle Ausrüstung und die Partnerschaft sind ausreichend..." und sonst also alles in der besten Ordnung! Nur hieß es zum Schluss: "...Weil die vorhandene Finanzierung bereits verteilt und eine neue für das nächste Jahr nicht vorgesehen worden ist, kann das Projekt erst in den nächsten Jahren bei künftigen Finanzierungen berücksichtigt werden. Bis dahin sollen sich Bewerber mit der Frage der Finanzierung ihres Projektes und mit unserer Empfehlung an die Leitung ihrer Institute wenden." Diese schmeichelhaften Expertenreferenzen und Empfehlungen blieben somit als das einzige Resultat seines intensiven und couragierten wissenschaftlichen Engagements zum Wohle der Wissenschaft. Das Geld blieb also schon wieder in Moskau und wurde von den Experten bereits unter sich verteilt, wahrscheinlich davon ausgehend, dass sie und ihre Ideen sowieso die Besten seien. Somit schloss sich der Kreis, aus dem der Vater nach einem Ausweg suchte. Im Institut waren die Finanzen - noch bevor der Vater kam - für immer zwischen Laboratorien und existierenden Themen fest verteilt worden. Selbstverständlich wollte keiner dieser Laborleiter und Themenführer sein Geld - zu deren und wessen auch immer Wohle und auf welcher auch immer Basis - umverteilen lassen. Die Sache mit der Finanzierung im Institut war aber für den Vater - trotz aller Empfehlungen dieser Expertenkommissionen und Wissenschaftlerräte - noch aus anderen Gründen aussichtslos. Der Vater war einer der aktivsten Befürworter der in Moskau propagierten Perestrojka und kämpfte wild für ihre Durchsetzung im Institut. Es gab keine, wenn auch noch so routinierte Versammlung, an der er mit seinen flammenden, aber auch sehr logisch begründeten Reden nicht auf die Bühne sprang, und die Masse auf den Kampf für die Verwirklichung der ihr gegebenen Freiheitschance heiß und scharf zu machen versuchte. Die Masse blieb dennoch kalt und verschlossen, die Institutsführung unerschüttert und geschlossen in einer Front gegen den Vater und die Perestrojka. Das einzige Ergebnis seines couragierten und intensiven politischen Engagements zum Wohle der Gesellschaft war es, dass er in vier Jahren durch vier Laboratorien gejagt worden war, bis ihm gar kein Platz zum Arbeiten im Institut mehr zur Verfügung stand. So "durfte" er dann die meiste Zeit zu Hause arbeiten. Den einzigen Trost fand er dabei darin, dass er zwei talentierte, aber ihren wissenschaftlichen Ehrgeiz schon längst in diesem herum herrschenden Sumpf aus Primitivität und Verblödung aufgegebene Jungs um sich gewann und diese in sein nicht finanziertes Projekt integrierte. Er hatte die beiden schon wieder mit seinen Ideen geschwängert und ihnen die Themen, Aufgaben und sogar Inhalte ihrer Doktorarbeiten formuliert, an denen sie nun zusammen sehr schnell und effektiv arbeiteten. So hatte der Vater eine schlagkräftige und schon wieder nach dem Prinzip einer Kalymbrigade organisierte und funktionierende Gruppe gebildet. Und die Männer blieben bei ihm und waren mit ihm bei dieser Jagd durch vier Laboratorien freiwillig mitgegangen, ihm loyal und treu bleibend. Beim Perestrojkabeginn war sein erster Gedanke gewesen: "Endlich ist die Zeit gekommen, nach welcher wir - absolute Mehrheit der Bevölkerung - uns Jahrzehnte sehnten, ohne reale Möglichkeit zu haben, unser Maul aufzureißen. Jetzt wird es aus Moskau sogar verlangt, dass das Volk endlich mal sein Maul aufreißt und den Aufrufen aus Moskau folgt." Das Maul des Volkes blieb dennoch zu und der dadurch ziemlich überraschte Vater versuchte das Phänomen nach seiner üblichen und professionellen Art von allen Seiten zu analysieren und zu begreifen. * Die sowjetische Gesellschaft, wie sie war, oder darüber, warum es nichts Schlechtes gibt und woran der Kommunismus ersoffEinige Halbklugen verstanden die Geschehnisse in Moskau - und nicht zu Unrecht - als einen gewöhnlichen Aktionismus oder die nächste Kampagne der Parteinomenklatur mit einem einzigen Zweck: Dem Volk etwas Enthusiasmus durch Freiheitsversprechungen - ähnlich wie nach der Oktoberrevolution - zu injizieren, durch diesen Enthusiasmus wieder zu Heldentaten bei der Arbeit zu motivieren und die marode, von Kommunisten kaputtgeführte und von Amerikanern durch Rüstungswettrennen kaputtgetriebene sowjetische Wirtschaft nochmals zu reanimieren. Den Grund zu diesem Misstrauen gab der Perestrojkaanführer selbst. Er vergaß niemals nach seinen heißen Reformenaufrufen zu betonen, dass er ein überzeugter Kommunist sei und bei dem von der Partei eingeschlagenen Wege des Aufbaus des Kommunismus fest bleibe. Ein Riesenteil des Volkes, darunter auch eine Menge von vollklugen Ex-Intellektuellen, war einfach schon längst versoffen und glaubte - ebenfalls zu Recht - an nichts mehr, außer an Wodka. Ihr Motto war: "Es gibt nichts Schlechtes - es gibt nur zu wenig Wodka." Dieses Motto war eine Verallgemeinerung eines längst gängigen und etwas zynischen Witzes: "Es gibt keine schlechten Frauen - es gibt nur zu wenig Wodka." Die Idee dieses Witzes war ebenso primitiv wie erfolgreich und für das verzweifelte Volk tief philosophisch. Die rettende Seite dieser Philosophie wurde sofort vom gottlosen Volk erkannt und fast zu seiner neuen Religion gemacht. Seitdem konnte man überall und immer wieder hören: "Es gibt kein schlechtes Wetter...", "Es gibt kein schlechtes Gehalt...", "Es gibt kein schlechtes Leben..." - und so weiter. Schließlich brachte eben diese Religion den Kommunismus - samt all seiner Dogmen - zum Ertrinken. Der seit langer Zeit erste einigermaßen kluge Kommunist - der Anführer der Perestrojka - erkannte die Gefahr dieser Religion sofort und versuchte, als erster Schritt der Perestrojka, den Alkohol - also denselben Wodka - abzuschaffen. Die Weinberge im Süden, die eigentlich mit Wodka, besonders in Sibirien, wenig zu tun hatten, wurden gnadenlos vernichtet. Die Getränkeläden wurden bis auf einen einzigen pro eine ganze Stadt oder einen Kreis reduziert. Diese einzelnen Pilgerplätze mit den gebliebenen Wodkaläden wurden zu blühenden Schwarzgeschäftsplätzen und zu Ausstellungsplätzen für die verschiedenste Technik. Um die tausendköpfigen durstigen Warteschlangen herum standen: Kipper, Bagger, Traktoren, Busse, Lkws, Pkws, Landwirtschaftsmaschinen, so dass nicht nur die Menschen, sondern auch die ganze Technik endgültig von ihrer Arbeit durch Wodka abgezogen wurden, und somit - wie so oft - der absolute Gegeneffekt seitens der kommunistischen Partei erreicht wurde. Außerdem begann die Bevölkerung, nachdem alle Parfümläden und alle Apotheken leergetrunken worden waren, einfach alles zu trinken, was flüssig war und irgendwelche Spuren vom Spiritus oder von einer betäubenden Wirkung aufwies, einschließlich Lacke, Chemikalien usw. oder sogar - eine ganz neue und innovative Volkserfindung - Dämpfe wie z. B. die von Benzin einzuatmen. Dies führte gesetzmäßig zum schnellen und massenhaften Aussterben des Volkes an den schlimmsten Vergiftungen. Die Kommunisten versuchten anscheinend immer wieder zu beweisen, dass sie doch alles besser als die verhassten und verdammten Amerikaner machen könnten, und tappten somit in dieselben Fallen: In den immer noch andauernden "Vietnamkrieg" in Afghanistan und nun in die Prohibition, die ebenfalls nicht weniger Mafiosi in die armselige und absterbende sowjetische Wirtschaft hineinkatapultierte. Die Mafiosi, die dann - nach dem Zugrabetragen des Kommunismus und nach der Abdankung der Partei - zusammen mit den Ex-Parteifunktionären zu den heute gutbekannten "neuen Russen" wurden. Mit denen Funktionären, die alle Partei- und Staatsgelder noch während der Perestrojka rechtzeitig in die verschiedensten, extra dafür geschaffenen und ihnen unterstehenden Kooperative umgeleitet hatten. Durch diese prohibitive Aktion, in seinem Versuch das russische Volk trocken zu legen, verlor der Perestrojkaanführer von Anfang an die Unterstützung der überwiegenden Mehrheit des Volkes, dessen prompte und scharfe Reaktion auf diesen Aktionismus die äußerste, zum totalen Nihilismus führende Verschärfung ihrer neuen Religion war: "Es gibt gar nichts, wenn es keinen Wodka gibt!" Als der Vater mal einen seiner Kollegen, einen Professor aus St. Petersburg - einen der führenden Wissenschaftler auf seinem Gebiet - auf einer Konferenz fragte, wie die vorherige Konferenz in Moskau gewesen war und ob in Moskau auch kein Wodka verkauft würde, antwortete derjenige kurz und schlüssig, wie mal Vaters kaukasischer Freund im Norden: "Was hätte ich in Moskau zu suchen, wenn es auch dort keinen Wodka gäbe!" Also, ebenfalls nach dem Motto: "Es gibt keine schlechte Konferenz, es gibt nur zu wenig Wodka." Oder neuerdings nach Professors Aussage: "Es gäbe keine Konferenzen in Moskau, wenn es auch keinen Wodka in Moskau gäbe." Dabei war der offene und intelligente Professor weder ein Säufer noch ein Alkoholiker, genoss es aber auf die russische Art bei Gelegenheit ein Gläschen Wodka umzukippen, und er verheimlichte es auch nicht, wie es sonst überall üblich war. Am schlimmsten unter allen anderen Volksgruppen war jedoch der Anteil von Voll-Unklugen, den man als Sklavenanteil bezeichnen kann. Das war das einzige Produkt des kommunistischen Systems, dessen Aufbau fertig gebracht wurde und vollkommen war. Man kann dabei diesen Menschen für ihre fade Lebensart und die primitivste Denkweise keine Schuld zuweisen. Die Schuld liegt einzig und allein am System, welches siebzig Jahre seine teuflischen Experimente an eigenem Volk ausübte, es verblödete und degradierte - und nur dies mit gutem Erfolg. Ein idealer kommunistischer Mensch vom Typ "Sowock" - im Westen mehr als "homo sowjeticus" bekannt - war geschaffen worden. Er stand stillschweigend, geduldig und gehorsam wie angekettet in allen Warteschlangen. Diese Warteschlangen organisierten die Kommunisten von ihrem Beginn an durch immer neue, wenn es sein musste, auch künstlich herbeigeschaffenen Defizite, um einzelne Menschen an diese Massenschlangen wie an lange Stricke zu hängen und diese dann wie Hampelmänner zu manipulieren. Wenn ein Mensch sich in eine Warteschlange anstellt oder darin gestellt wird, verfügt er nur über eine Freiheit und braucht nur eine Fähigkeit diese Schlange bis zu ihrem oder bis zu seinem eigenen Ende - je nachdem was früher kommt - durchzustehen. So einen Sowock-Schlangensteher konnte man gleich an seinem Gesicht erkennen. Dieses Gesicht war für immer in seinem Ausdruck verhärtet, welcher jedem seiner Nächsten deutlich machte: "Ich durchschaue dich! Versuche es gar nicht, dich vorzudrängeln und mir mein Stück Wurst wegzunehmen." Für dieses Stück Wurst - eine Mirage am Ende der Warteschlange - wäre er sogar bereit seine Mitsteher - die gleichen kommunistischen Menschenbrüder, geschweige denn die Seitenstörer aller Art - mit Zähnen und Krallen zu bekämpfen. Es gab Warteschlangen für Wohnungen, für Autos, für Plätze in Kindergärten oder in Pionierlagern, für einen der durch die mit der Partei zusammenfunktionierende und von ihr abhängige Gewerkschaft verteilten Kurplätze oder für eine Reise in ein erlaubtes Irgendwohin und sogar für den Eintritt in die kommunistische Partei. Nur für die Arbeitslager und Gefängnisse gab es keine Warteschlangen, obwohl auch diese schon längst überfüllt und defizitär waren. Einige Warteschlangen waren ein paar Jahrzehnte, die anderen ein paar Jahre oder auch ein paar Kilometer lang, wie die für Wodka nach der Prohibitionseinführung. Das ganze Volk - ausgeschlossen nur die sonderversorgten Parteifunktionäre und die asozialen mittel- und rechtlosen Elemente - war drin und dran! Und so ein Volk ist am leichtesten zu führen und zu regieren. Man hätte sogar die in diesem "Irrenhaus" in siebzig Jahren stattgefundenen Geschehnisse aus dem Gesichtspunkt eines Schlangenstehers mit etwas irrer Logik besser verstehen können. Die Grundlagen dieser Logik wären es zum Beispiel: "Je mehr Millionen Mitbürger umgebracht würden, desto schneller wären die Übriggebliebenen in allen Warteschlangen durch! Denn, erstens, es wären dann weniger Mitsteher geblieben, und, zweitens, es hätte mehr leere Wohnungen und sonstigen Besitz von Umgebrachten und Verurteilten zum Verteilen gebracht." Das Volk war nicht irrekrank, als es seine eigene Ermordung oder die Vernichtung von anderen Völkern bzw. Volksgruppen - wie die zum Beispiel von Deutschen-Kolonisten - in seinem Lande begeistert begrüßte. Das Volk wusste seine dadurch gewonnenen Vorteile ganz genau zu schätzen, und jeder aus diesem Volk glaubte dabei naiv daran, dass es nicht ihn selbst, sondern immer nur seinen Nachbarn treffen würde. Um diese Voraussetzung abzusichern, und diesem naiven Glauben Realität zu verschaffen, denunzierten sowjetische Bürger - Kollegen, Nachbarn und sogar Verwandte - einander auf Schritt und Tritt, ohne sogar vom NKWD[11] oder KGB mal dazu gezwungen oder darum gebeten worden zu sein. Die Menschen behielten dabei noch ihren Galgenhumor und scherzten über sich selbst: "Wofür sitzest du?" - fragt einer der Knastbrüder den Anderen. "Für meine Faulheit." - antwortet der Andere. "Wie das denn?" - wundert sich der Erste. "Na ganz einfach." - erklärt ihm der Andere gern - "Eines Abends unterhielt ich mich beim Wodkatrinken mit meinem Nachbarn über dies und jenes. Als er ging, überlegte ich mir, ob ich ihn gleich oder lieber morgen anzeige. Aus purer Faulheit habe ich entschieden, es morgen früh zu tun. Als ich aber aufwachte, waren sie schon da - der Nachbar war nicht so faul wie ich und hat es noch am selben Abend getan. Dafür sitze ich nun - für meine Faulheit!" Die ganze "Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen" - wie auch alle anderen deutschen Kolonien ohne solchen Autonomiestatus - wurde durch die Verbannung hinter den Ural und durch das darauffolgende Genozid entvölkert und mit ganzem Hab und Gut: mit Häusern, Viechern und Haushalten den sowjetischen Schlangenstehern zum Verteilen freigegeben. Es soll dann auch niemanden wundern, wenn die ihr schweres sowjetisches Los gezogenen Schlangensteher auch heute noch nach ihren Schrotflinten greifen und mit zweitem Stalingrad drohen, wenn einige der heutigen Politiker aus Deutschland und Russland vor ihnen mit der Idee kommen, wenigstens das inzwischen verseuchte und zu nichts mehr tauglich gewordene und sowieso niemandem gehörende Land an dieselben noch am Leben gebliebenen Deutschen-Kolonisten zurückzugeben. Man kann angesichts der siebzig Jahre lang herrschenden privatbesitzlosen Verhältnisse sogar sagen, dass dieses Sowock-Volk - das Volk von Stalins Pionieren - pragmatisch war und bleibt. Genauso, übrigens, wie es jedes auch nicht unbedingt privatbesitzlose Volk - einschließlich des in der Hitlerjugend erzogenen deutschen Volkes - schon immer in seinen Volksweisheiten gewesen war. Andererseits, wenn jemand kommt und die Warteschlangen aus Mitleid zu den Schlangenstehern zu reorganisieren oder gar abzuschaffen versucht, wird er von so einem Schlangensteher-Volk niedergetrampelt, weil er eine Gefahr für den persönlichen, jahrelang gestandenen Platz in diesen Warteschlangen darstellt. Ein Regime, das solche Menschen "klonte" und dafür die Hungersnöte, Wohnungsmängel und ein allgemein totales Defizit extra herbeischaffte - denn es ist ja unvorstellbar, dass ein tüchtiges Volk trotz seiner erschöpfenden Arbeit in all diesen Jahren nichts für den eigenen Bedarf produziert hätte, sich selbst nicht ernähren könnte und trotz eines für kein anderes Volk vorhandenen Reichtums an Boden und Bodenschätzen nicht reich geworden wäre, ist kein bisschen besser als das Nazi-Regime. Die für diese Verbrechen verantwortliche kommunistische Partei hätte eigentlich für ewig verdammt, verbannt und verboten werden müssen, wie es mit der Nazi-Partei geschehen war. Aber wer hätte das schon richten sollen? Der Kommunismus wurde ja nie von außen besiegt, um dann von den Siegern gerichtet und verurteilt zu werden. Alle kommunistischen Regimes lebten und leben sich immer noch von innen aus und verwandeln sich gemütlich - samt ihrer Parteifunktionäre ohne ihrer jeglichen Umschulung und samt ihres ganzen bei dem eigenen Volk geraubten Geldes und Staatbesitzes - in etwas Postkommunistisch-Frühkapitalistisch-Pseudodemokratisches. Gerade diese Sklavenvolksgruppe, zu welcher eigentlich die Mehrheit der kommunistischen Gesellschaft gehörte - mit Ausnahme einer asozialen Minderheit aus manchen Pennern, Alkoholikern und Ex-Intellektuellen, die aus dieser Gesellschaft ausgefallen waren und somit ihren Platz in den Warteschlangen verloren hatten, - stand geschlossen gegen die vom Perestrojkaanführer so indifferent definierten Reformen. Diese Mehrheit wurde zu der Waffe im Kampf gegen die Perestrojka, die von allen anderen - auch von regionalen Parteifunktionären vor Ort - so einfallsreich und erfolgreich eingesetzt wurde. Das Maß der Arbeitsleistungen oder über die Effektivität der scharfsinnigen Perestrojkaideen vor OrtAls von diesem Anführer aus Moskau eine neue, absolut scharfsinnige Reformidee kam, einen Landwirtschaftsmaschinenfahrer nicht mehr wie früher von seinem Radweg, sondern vom Ertrag - verallgemeinert hieß es, jeden für reale, von ihm für den Gesamtertrag eingebrachte Leistungen - zu bezahlen, war der Vater wieder begeistert. Diese Idee hatte doch schon längst bei seinen Kalymen funktioniert, und an seinen mehrfach und in mehreren Bereichen geprüften Leistungen zweifelte er auch nicht. Für ihn ging es endlich darum, dafür auch noch belohnt zu werden. Nur ging auch dies daneben. Die Entscheidung über die Höhe der Leistungen lag natürlich an der Nomenklatur vor Ort. Demzufolge waren die "Leistungsträchtigsten" vor allem sie selbst von oben bis unten. Auf den zweiten Platz der Leistungs-Gehalts-Liste gelangten die ihnen treu Ergebenen, von ihren Titeln, Positionen und schon gar von ihren Leistungen unabhängig. Der Vater bekam seitdem so ein niedriges Gehalt, wie es tariflich für einen Wissenschaftler mit einem Doktortitel nur möglich war, während manche Laboranten nebenan gerade das dreifache erhielten. Und die Institutsführung schien sogar bereit zu sein, dem Vater diese Almosen nach Hause zu schicken, wo er inzwischen zu arbeiten hatte, damit er nicht an der Kasse sein Gehalt abholen müsste und dadurch so oft und so lange wie möglich vom Institut fernbliebe. Diese niederträchtigen Rückschläge waren für den Vater sehr schmerzhaft, aber nichts konnte ihn von seiner Reformwut abbringen, solange er nicht genau wusste, wie viel Prozent in seinem Institut ihn so brutal bekämpften, und für welche Mehrheit der Mitarbeiter er diese Märtyrerrolle übernahm. Die Erkenntnis kam schnell. In allen Betrieben, Fabriken und Werken wurden bereits ihre Direktoren gewählt, als eine kastrierte Genehmigung von der Akademie der Wissenschaften auch kam, den Wissenschaftlern in ihren Instituten dasselbe zu tun. Kastriert war sie dadurch, dass die Ergebnisse dieser Wahlen durch die Akademie dann doch noch zu bestätigen und - gegebenenfalls - zu korrigieren wären. Einen ganzen Tag dauerte die Gesamtversammlung aller Mitarbeiter des Instituts, einschließlich aller Arbeiter der Werkstatt und aller anderen Bediensteten. Zu guter Letzt durften die geheimen Wahlen stattfinden. Fünf Mal warf sich der Vater in den Kampf hinein, der auf der Rednerbühne ausgetragen wurde. Unter den Rednern waren nur noch die Kandidaten selbst - fünf an der Zahl - oder ihre Vertreter. Vier von diesen Kandidaten galten der damals herrschenden Terminologie nach als Demokraten, während der alte Direktor - an sich ein sympathischer und willenskräftiger alter Mann - zu Konservatoren-Stalinisten zählte. Warum eigentlich gleich vier Demokratiesorten vertreten werden mussten, wo man noch gar keine kannte, blieb dem Vater erst einmal ein Rätsel. * Die Demokratie, wie sie ist, oder über unser täglich Brot und darüber, wie man Funktionäre besucht und Doktorarbeiten machtFür den Vater gab es nur eine Demokratie. Nämlich die Demokratie, deren Bild er - unter der Kommandanturaufsicht geboren, von klein auf bestraft, dafür gedemütigt und erniedrigt, wovon er selbst keine Ahnung hatte, als ein Leibeigener der Willkür der primitivsten Menschen ausgeliefert - in seinen Vorstellungen, in seinem Gehirn, Blut, Fleisch und in seinen Knochen wie ein Psychokomplex mitschleppte und nach welcher er sein ganzes Leben lang sehnte, um sich von diesem Komplex zu befreien. Seit der Vater aus seiner Sondersiedlung durch Studieren ausgerissen war, bedeutete für ihn diese Demokratie nichts anderes als seine persönliche Handlungsfreiheit sowie geistige Unabhängigkeit und Unantastbarkeit, während ihm die Chancengleichheit sowieso von Geburt an geraubt worden und somit versagt geblieben war. Seine finanzielle Unabhängigkeit und somit ein bei den vorherrschenden Verhältnissen größtmögliches Stück seiner Handlungsfreiheit verschafften ihm seine Sommerausflüge in den Norden. Dort machte er das Beste aus seinen Kindheitserfahrungen mit allermöglichsten Schwerstarbeiten, und dort erprobte er seine dadurch erworbenen Kräfte, indem er an die Grenzen seiner Möglichkeiten ging. Dies gab ihm dann - außer kaputtem Rücken, linksseitigem Leistenbruch und zweimaligem Nasenbeinbruch zu dem früheren Verlust eines Auges - zusätzlich das Selbstvertrauen und das Selbstbewusstsein, welche ihm den in seiner Kindheit erworbenen Minderwertigkeitskomplex auch immer wieder wegnahmen. Durch diesen in ihm ewig fortdauernden Kampf zwischen seinem selbstgewonnenen starken Selbstbewusstsein und seinem von den anderen zu unrecht aufgezwungenen Komplex reagierte der Vater oft in Situationen über, in denen er auch nur einen Verdacht schöpfte, wieder einmal einen Schweinebetriebsleiter über sich zu haben, dem er schon mal in seiner Kindheit ausgeliefert worden war, und was er nie mehr wollte. Als der Vater noch seine Diplomarbeit in einem Uni-Forschungsinstitut machte, bekam er das Angebot nach dem Uni-Abschluss in diesem Institut zu arbeiten. Seine Frau arbeitete bereits und hatte sich in eine Warteschlange für Wohnungen angestellt. Das war ein Selbstbetrug, weil die in dieser Schlange erwartete Wartezeit ungefähr zwanzig Jahre betrug. Deswegen wollte er gern - bevor er dieses Angebot annimmt - seine echten Wohnungsperspektiven klären. Das Institut versprach dazu nichts, und der Vater kannte inzwischen viele Mitarbeiter, die mit ihren Familien samt kleiner Kinder schon jahrelang in den bei den Besitzern von Privathütten gemieteten Kellern hausten. Das wollte er seiner Familie, bei aller ehrenhaften Verlockerung des Angebots, keineswegs antun. Hier gab es eigentlich nichts zu klären: Es gab nämlich für die nächsten zwanzig Jahre keine Perspektiven. Nur wäre ja der Vater nicht er selbst, wenn er es nicht versucht hätte, seine Fragen von den Verantwortlichen für diese Misere persönlich und deutlich beantwortet zu bekommen und auch noch von denen über die Gründe dieser Misere deutlich aufgeklärt zu werden. Er vereinbarte einen Termin bei dem ersten Parteisekretär des Stadtparteikomitees, welches über das Leben der Stadt verfügte, und erschien eines Tages vor dem genannten Sekretär. "Was haben Sie für ein Problem?" - fragte dieser den Vater so routinemäßig. "Ich habe eigentlich keins. Es ist sogar umgekehrt: Ich habe ein verlockendes Angebot bekommen als Wissenschaftler bei dem gröszligten Forschungsinstitut unserer Stadt zu arbeiten." - erklärte der Vater dem schon etwas überraschten Sekretär - "Aber ich kann ja der Wissenschaft, der Stadt und dem Institut schlecht dienen, fals ich wie ein Penner werde auf der Strasse leben müssen. Das Institut hat nämlich ein Problem mit den Wohnungen für seine Mitarbeiter. Deswegen wollte ich von Ihnen wissen, ob Sie vielleicht dem Institut helfen könnten. Sie sind doch hier der Chef und sollen diese Stadt hegen und pflegen." "Sie wissen doch, dass die Stadt keine Wohnungen hat, und sogar die Arbeiter unserer sowjetischen Industriewerke jahrelang auf die Wohnungen warten müssen." - berichtete der Parteisekretär verwundert, aber geduldig und mit so einem Pathos auch, als ob er einem Idioten über die offensichtlichen Parteierfolge berichten musste. "Ja, das weiß jeder, wenn es auch keiner versteht." - antwortete der Vater ebenfalls geduldig - "Andererseits weiß jeder auch, dass die denselben Arbeitern fehlenden Wohnungen und sonstige Mittel jedem für unsere in der dritten Liga spielende Stadtmannschaft auswärts angeschafften Fußballspieler problemlos gefunden und zur Verfügung gestellt werden. Da dachte ich mir, warum eigentlich das Gleiche auch für die Wissenschaftler des zu Ehren der Stadt in der oberen Wissenschaftsliga aktiven Forschungsinstituts nicht möglich sein sollte." "Wissen Sie was?" - noch mehr verwundert, aber immer noch routiniert und geduldig erwiderte der Parteisekretär - "Gehen Sie erst mal arbeiten, stellen Sie sich in die Warteschlange für Wohnungen in Ihrem Institut an und kommen Sie dann vielleicht wieder. Wir können höchstens ihren Platz innerhalb einer Warteschlange nach vorne verschieben, aber ganz ohne Warteschlange geht's ja gar nicht!" "Bevor ich überhaupt ins Institut arbeiten gehe," - erklärte der Vater ebenfalls routiniert - "wollte ich eben meine Wohnungsperspektive, in Wartejahren ausgedruckt, klären. Und in einer Warteschlange - allerdings bei Ihnen, nicht beim Institut - sind wir mit meiner Frau bereits eingetragen worden." "Was!?" - schrie fast der endlich seine überhebliche Routinefassung und seine Geduld verlierende Parteisekretär - "Und Sie kommen noch zu mir nach einer Wohnung zu fragen! Sie sollen sich schon für diesen Platz in der Warteschlange bedanken, denn wir stellen keine Studenten in unsere Warteschlangen an!" "Sagen Sie mir dann vielleicht auch gleich, bei wem denn konkret ich mich bedanken soll?" - fragte fast leise der Vater, langsam aufstehend - "Bei der kommunistischen Partei oder bei Ihnen persönlich?" "Haben Sie etwas gegen unsere Partei?" - versuchte der sichtlich verunsicherte Sekretär den alten einschüchternden Trick. Er schien sich plötzlich sehr allein und hilflos in diesem repräsentativen Riesenkabinett zu fühlen, obschon er eine stattliche Gestalt aufwies und fast einen Kopf länger als der Vater war. Die Partei war dem Vater scheißegal, aber das war genau die Situation, in welcher ihm auch alles andere und sogar er selbst ebenso egal waren: Er sah vor sich einen Schweinedirektor - einen in Person, der es beanspruchte, über sein Leben und sein Schicksal zu verfügen und der auch noch seine Dankbarkeit dafür verlangte. Man konnte schlecht etwas gegen das Regime oder gegen die Partei unternehmen, aber gegen eine Person, wo Mann gegen Mann steht, ließ sich schon - jedenfalls für den Vater - etwas machen. Es war der Wutanfall, der zum "Blackout" für jede Lebensvernunft, aber nicht für seine Verwegenheit in solchen Situationen führte. Er kontrollierte die Situation, überlegte blitzschnell, dass er dort draußen nur eine Sekretärin und keinen anderen - vor allem keinen Sicherheitsposten - weder im Warteraum, noch davor, im Flur, gesehen hatte, und keiner wird ihn festhalten können, wenn er jetzt diesem Arsch eine reinhaut und sofort hinausmarschiert. Was weiter geschehen könnte, gehörte nicht zu dieser konkreten Situation und bedurfte deswegen keiner sofortigen Überlegung. Ebensowenig beschäftigte ihn die mächtige Gestalt dieses Arschlochs. Das einzige, was ihn dabei beschäftigte, war die Breite und Länge dieses parteigewöhnlichen, gewaltigen, wenn auch papierfreien Schreibtisches. Stünde dieser Gorilla direkt vor ihm, wäre es sofort geschehen! Der Parteisekretär schien es auch schon gespürt zu haben und druckte sich mit dem verblassten Gesicht in seinen massiven Chefsessel hinein, ohne den kleinsten Versuch etwas zu unternehmen. Der Vater stand sekundenlang mit geballten Fäusten da, sah es ein, dass er den Tisch nicht so schnell, wie die Situation es erfordert - ohne den Mann entfliehen zu lassen - überwinden könnte, drehte sich abrupt um und ging hinaus. Der Zwischenfall war ohne Folgen geblieben, und der Vater wusste es im Voraus. Sein ungeschehenes Verbrechen gehörte nicht zum Bereich der politischen Loyalität, wo sich das KGB gleich einschaltete. Es wäre ein Kriminalfall für die Miliz, aber nur dann, wenn der Parteisekretär der Miliz über den von ihm erlebten Schiss berichtet hätte, was dem Ansehen des Gorillas unter Parteikollegen hätte eher schaden können. Der Vater erwarb sein Diplom und nahm das Angebot des Instituts an. Er traf aber mit seinem Chef eine Abmachung darüber, dass er - bevor er seinen Dienst antritt - einen Monat Zeit benötigt, um sein Wohnungsproblem zu lösen. Sollte es ihm nicht gelingen, kündigt er diesen Dienst ohne ihn anzutreten. Dafür hatte der Chef sein Verständnis. Der Vater suchte einen Monat lang nach einer Lösung und fand diese schließlich in einem gemütlichen privaten Holzhäuschen mit zwei Zimmern zu einem ziemlich günstigen Preis, welches er nach zwei folgenden Sommerkalymausflügen abbezahlte. So konnte er dann doch mit freiem Kopf der Wissenschaft dienen. Aber er konnte durch den genannten Psychokomplex nicht einmal die in normalen Arbeitsverhältnissen üblichen Subordination dulden, welche in der Wissenschaft - im Unterschied zu den anderen Bereichen - ohnehin kaum eine Bedeutung hatte. Einst, als er sich später, kurz vor der Aspirantur[12], in diesem Forschungsinstitut mit seiner Doktorarbeit beschäftigte, kam ein Projektleiter aus seinem Labor und meinte zu ihm: "Sie müssen ihren Beitrag zur Erfüllung unseres Projekts leisten." Es ging dabei um die oben erwähnten Aufträge aus Moskau, die zusätzliches Geld ins Labor brachten. Für die Durchführung des Projekts war eigentlich ein Kollege aus der Gruppe dieses jetzt vor dem Vater stehenden Besuchers verantwortlich. Der Kollege hatte auch vor, die in diesem Projekt gewonnenen Ergebnisse in seiner Doktorarbeit zu verfassen. Diesem Kollegen sollte also jetzt der Vater als Helfer zugewiesen werden. "Nö, ich muss das gar nicht. Das ist ihr Thema, und ihr Mann hat es zu erledigen. Schließlich ist es auch seine Doktorarbeit, und ich habe meine eigene zu kreieren, anstatt ihm als ein blöder ahnungsloser Helfer zur Verfügung zu stehen. Es tut mir leid, ich bin weder motiviert noch interessiert!" - antwortete begründet und entschlossen der Vater. Der besagte Leiter wurde rot im Gesicht, denn dies war eine nach seinem Antrag getroffene Entscheidung der Laborf?hrung, und so eine Reaktion erwischte ihn mit seiner Berechtigung ganz ?berraschend. "Was bilden Sie sich ein? Das ist doch Ihr Brot, das Sie nun abarbeiten müssen." - fiel ihm die älteste Moralpredigt der Welt ein, welche er übrigens dem Vater hätte lieber nicht sagen sollen. "Nein, mein Lieber," - erwiderte bereits ohne jede Subordination und bedrohend kalt der Vater - "Mein Brot verdiene ich mir selbst und schulde niemandem etwas dafür. Seit ich mich überhaupt erinnern kann, musste ich es auf Kartoffelfeldern, auf Heuwiesen und jetzt an meinen Nordausflügen erackern." "Ich meine nur ihr Gehalt hier bei uns." "Ich meine es auch, denn ich weiß es viel zu gut und jedenfalls viel besser als du, um mir es von dir anhören zu lassen, wo und wie man sein Brot verdient! Ich tue es woanders! Hier betreibe ich nur mein Hobby, denn dieser Job macht mir Spaß, gibt mir aber mit Hundertzwanzigrubeln monatlich nun wirklich kein Brot zum Leben! Und wenn jemand mich für diese Almosen noch zu etwas zu zwingen versucht, was mir keinen Spaß macht, kann ich gleich darauf spucken. Somit halte ich diese Sache für geklärt, und du darfst gehen." - beendete er das von dem Anderen begonnene Gespräch mit ostentativer Frechheit. Der Bewerber verlor dadurch seine Gabe zu reden und verschwand. Um am Ball zu bleiben und die leicht prognostizierbaren erniedrigenden Folgen zu vermeiden, schrieb der Vater unverzüglich seine Kündigung, ging aus dem Keller, wo er forschte, und wo das Gesprüch statgefuanden hatte, nach oben zum Laborleiter hinauf, haute ihm seine Kündigung auf den Tisch und erklärte ihm in voller Knappheit: "Ich will meine Stelle mit sofortiger Wirkung kündigen." "Was ist denn mit Ihnen los?" "Ich hatte gerade eine mich beleidigende Unterhaltung mit Ihrem Gruppenleiter und sehe nun für mich gar keinen Sinn hier weiter zu arbeiten." "Um was ging es denn?" "Der Herr wollte mich zwingen an seinem Thema und in seinem Projekt zu arbeiten." "Es ist eigentlich ein Laborprojekt, das wiederum tatsächlich zu seinem Thema gehört. Interessiert Sie das Thema denn gar nicht?" "Er versuchte es nicht einmal mein Interesse zu wecken oder danach zu fragen. Er erpresste mich und verlangte von mir mein Brot bei ihm wie ein Sklave abzuarbeiten. Ich fand es angebracht, ihm den feinen, uns viele hier noch festhaltenden Unterschied zwischen 'Brot zu verdienen' und 'Spaß an der Wissenschaft zu haben' zu erklären." "Ihr Brot müssen Sie doch irgendwo verdienen. Sie meinen es wohl nicht ernst mit ihrer Kündigung. Oder haben Sie schon eine bessere Stelle gefunden?" "Wenn ich sage, dass ich kündige, dann meine ich es auch so. Es gibt auch genug Institute herum, wo ich eine Stelle finden und mein Hobby weiter betreiben kann." "Sind Sie sicher, dass es woanders von Ihnen nur noch die Ihnen spaßbringenden Leistungen verlangt werden?" "Wenn es anders ist, habe ich mir wohl einen falschen Beruf ausgewählt. Außerdem ist es ohnehin ein Luxus hier für nichts zu arbeiten, welchen ich mir eigentlich ohne meine Kalymgelder nicht leisten kann. Es gibt dort im Norden auch genug Baubedarf und, wenn ich es professionell angehe, kann ich ein freies und sehr wohlhabendes Leben führen." Auf solche Gedanken war der Vater schon früher mal gekommen, aber er hatte gleich gewusst, dass es nichts für ihn gewesen wäre. Er wäre unterfordert und nie damit zufrieden gewesen. Aber er wusste dabei auch, dass dieser Ausweg - käme es darauf an - ihm immer zur Verfügung stünde. Und es läge ihm bei solchen Situationen fern darüber zu philosophieren, ob so ein abgestuftes Leben sein Leben gewesen wäre und ihn zufrieden stellen könnte oder nicht. Das Einwurfsentscheidungsprinzip eben. Überraschenderweise versetzte schließlich diese Entschlossenheit den Laborleiter - einen im Grunde genommen gutmütigen, wissenschaftlich nicht besonders ausgezeichneten und dadurch ziemlich unsicheren Mann - fast in Panik. "Wieso machen Sie so einen Aufstand aus dieser Geschichte? Man kann ja alles ruhig besprechen und regeln. Wenn Sie dieser Aufgabe aus welchen Gründen auch immer nicht nachgehen wollen, finden wir schon einen anderen Mitarbeiter. Unser Labor ist ja groß genug. Überlegen Sie sich das noch einmal." "Ich habe mir das schon überlegt, sonst wäre ich nicht hier.? "Jedenfalls kann ich über Ihre Kündigung ohne Ihren wissenschaftlichen Chef sowieso nicht entscheiden." "Er ist gerade hier. Soll ich ihn rufen?" "Ja, besser wäre es." In zwei Minuten war auch der Chef da. Er war ein abstrakter, völlig zerstreuter Mann, welcher so unfähig war, irgendetwas um sich herum - einschließlich seiner eigenen zweiten Doktorarbeit - zu organisieren und ebenso unorganisiert und verwahrlos aussah, dass man sofort zum Verdacht kommen sollte: Es handle sich bei ihm um ein Genie. Dessen Aufgabe war es unter anderem die Doktorarbeiten des Vaters und noch drei weiterer Doktoranden zu betreuen. Beim Laborleiter zeigte er sich plötzlich und für ein Genie ungewöhnlich entschlossen: "Ne, kommt nicht in Frage! Du musst doch deine Doktorarbeit zu Ende bringen." "So habe ich auch dem Herrn meine Absage argumentiert." - meinte der Vater, dem dieses Affentheater allmählich auf die Nerven ging, denn seine prinzipiellen Handlungen wurden vor seinen Augen zu einer Komödie gemacht. "Na dann mache deine Arbeit weiter, alles Andere regeln wir unter uns." - beschloss der Chef. Auf seiner Kündigung weiterzubestehen, käme für den Vater bei solcher Sachlage dem Kokettieren gleich. Er ging wieder hinunter in seinen Keller, und der Zwischenfall wurde zunächst vergessen. Nur der "brotgebende" Projektleiter antwortete noch ein paar Wochen bei ihren Begegnungen auf Vaters Begrüßungen nicht. Besser hätte selbst der Vater die Situation nicht lösen können. Damals hatte ihn sein Chef - welcher es noch seit Vaters Studiumszeit und Diplomarbeit gewesen war - ziemlich überrascht. Aber schließlich bekam man auch zusätzliches Geld für jeden betreuten Doktoranden. Dabei vernachlässigte der Chef seine Doktoranden total! Er störte sie eher als unterstützte in deren Bemühungen ihre Doktorarbeiten zu Ende zu bringen. Jede Doktorarbeit ist nicht nur ein komplexes, neues wissenschaftliches Resultat, sondern zum großen Teil ein Unternehmen, welches man zu organisieren, durch einen konkret und deutlich gesetzten Aufgabenkreis einzuschränken und zu Ende - ihre Verfassung und alle für die Promotion notwendigen und zeitraubenden Formalitäten einschließend - zu bringen fahig sein soll. "Schlüsselfertig" zu übergeben, also, und die eigene Arbeit bei der Übergabe noch erfolgreich zu verteidigen - zu promovieren, wie es der Vater jedes Jahr bei seinen Kalymen machte. Die Promotion war auch die einzige Möglichkeit, das miserable wissenschaftliche Gehalt ohne Kalyme und auf Dauer aufzubessern. Aber dem Chef schien offensichtlich das Schicksal sowie das Gehalt seiner Doktoranden gleichgültig zu sein. Seit vielen Jahren war es nur einem von seinen Doktoranden gelungen, nach vieljährigen Bemühungen zu promovieren. Wenn sie zu ihm kamen über die gewonnenen Ergebnisse zu diskutieren, war der Chef so genieüblich neugierig, dass er die Doktorarbeit an sich immer vergaß und Jahr für Jahr meinte: "Oh! In Bezug auf dieses Ergebnis wäre es aber interessant, noch vielleicht dies oder jenes zu messen und zu untersuchen." Und man untersuchte bei ihm und maß, bis man selbst vergaß, wo der Anfang und was das Ziel gewesen waren, und wo das eigentliche Ende - wenn überhaupt - vorgesehen worden war. Das Einzige, was bei dieser Vernachlässigkeit ausgesprochen gut war - jedenfalls für den Vater: Der Chef mischte sich sonst in ihre Arbeit gar nicht ein, versuchte gar nicht 'rumzukommandieren und überließ seine Doktoranden ihrer selbst. Für diejenigen, welche die Selbständigkeit verstanden und nicht so oft zu dem Chef mit ihrem die verheerenden Folgen bringenden Diskussionsbedarf gingen, war es die einzige Chance durchzukommen. Der Vater nahm diese Chance nicht nur wahr, sondern nutzte sie auf eine rigorose Weise aus. Er stellte sich seine Forschungsaufgaben und Ziele selbst; korrigierte sie selbst, wenn es sich der Bedarf dazu aus den Forschungsergebnissen ergab; analysierte, verfasste, präsentierte und veröffentlichte diese Ergebnisse ebenfalls selbst. Aber er schrieb tüchtig seinen Chef als Koautor in diese Veröffentlichungen hinein. Als seine Aspirantur zu Ende ging, und er seine Doktorarbeit innerhalb eines Monats im Kalymtempo fertig schrieb, erinnerte sich sein Chef auf einmal auch daran: "Hä! Deine Aspirantur geht ja bald zu Ende! Vielleicht sollten wir uns schon irgendwann zusammensetzen und über die Planung deiner Arbeit reden." "Ach, das ist doch gar nicht nötig." - entlastete ihn von plötzlichen und überflüssigen Sorgen der Vater. "Wie denn? Du musst ja schließlich zum Aspiranturabschluss deine fertige Doktorarbeit vorlegen, sonst wird dein Misserfolg mir angelastet." "Die habe ich doch bereits fertig geschrieben." - beruhigte ihn der Vater. "Wann denn?" "Gerade eben, vor ein paar Tagen." "Hm-m." - wusste der Chef nicht so richtig, ob er sich nun durch diesen ihn völlig blamierenden, aber auch befreienden Umstand freuen oder ärgern soll - "Gibst du mir deine Arbeit wenigstens zum Lesen?" "Aber natürlich! Sie sind doch mein Chef und sollen auch ihr Gutachten zu meiner Arbeit abgeben." Somit war der Vater der zweite, der seine Doktorarbeit und seine Promotion bei diesem angeblichen Genie zustande gebracht hat. Bei Vaters Kollegen in anderen Forschungsgruppen war das anders. Sie hatten in der Regel nur ihre Metallproben vorbereiten: schmelzen, schmieden, walzen, ziehen, schneiden, polieren, ätzen und testen dürfen. Nachdem das Nötige an diesen Proben dann gemessen wurde, sollten sie die endlich zustande gekommenen Messergebnisse ihrem Chef liefern. Also, sie durften nur die Schmutzarbeit erledigen. Der Chef übernahm dann den eigentlichen wissenschaftlichen, den eigentlichen Spaß bringenden, derartige Schmutzvorarbeit krönenden und belohnenden kreativen Rest - diese Ergebnisse zu analysieren, mögliche Entdeckungen zu machen, diese zu verfassen und zu veröffentlichen. Dafür durften aber alle Mitarbeiter seiner Forschungsgruppe als Koautoren in jeder dieser Veröffentlichungen auftreten. Mit diesem Fließband hatte jeder von denen zwar mehr Veröffentlichungen als der Vater, und manche kamen sogar zur Promotion, wussten aber - oder verstanden mindestens - nicht immer, was eigentlich da in ihren "eigenen" Artikeln oder Dissertationen drin steht. Soviel zur Selbstständigkeit, zur Unabhängigkeit und zur Unantastbarkeit, wie der Vater diese Dinge in Sachen der Demokratie verstand und verteidigte. * Worin besteht die Freiheit oder über eingebildete Ängste und LeidenschaftenSeine Freiheit - eben als eine Handlungsfreiheit bei seinen Entscheidungen - verstand er aus seiner eigenen Erfahrung und nicht aus einer von außen her aufgezwungenen Demokratielehre. Ein Mensch ist nur dann frei in seinen Handlungen und somit in seinem Menschenleben als eine Persönlichkeit, wenn er keine Angst hat und nicht über seine Schulter schauen oder seine Hand vor dem Mund vorhalten mag, falls er Etwas meint, Etwas sagt und Etwas entscheidet. Und die Ängste macht sich der Mensch meistens selbst. Die Anderen - seien es seine Mitmenschen oder die über ihn stehenden Machthaber - weisen nur auf die in ihm bereits schlummernden Ängste hin, nutzen diese aus und erpressen damit diese Menschen. Und es gilt für jeden Menschen, von dem herrschenden demokratischen, diktatorischen oder sonst noch welchem Staatssystem unabhängig, in welchem er lebt. Der Vater hatte nur vor einem richtig Angst - so erpresst zu werden. Deswegen lebte er ehrlich und offen, um Nichts verbergen zu müssen: keine Lügen, keine großen und vor allem kriminellstinkenden Geheimnisse oder Taten! Dies schließ seine Kalyme ein, bei denen er - im Unterschied zu vielen Anderen - nie die Lügen bezahlen ließ, welche nachgemessen und widerlegt werden konnten, wie zum Beispiel zwei Kubikmeter Erde statt eines tatsächlich Ausgebuddelten. Wovor sonst sollte er dann noch Angst haben? Seit Jahrhunderten scherzen Sibirier sehr treffend über manch ihr draufgängerisches, angstloses und für die Nicht-Sibirier nicht immer nachvollziehbares Verhalten: "Weiter als nach Sibirien wird man sowieso nicht verbannt! Sonst wäre es schon eine Belohnung und keine Strafe mehr!" Sibirien als Gefängnis und Arbeitsstraflager - dort war der Vater schon mal noch als ein schwaches Kind heimisch. Sollte ihm das für manch sein dreistes Verhalten noch mal passieren, wäre er dort mit seinen neuen Erfahrungen und Kräften noch heimischer und sogar der Erste unter den dortigen Knastbrüdern. Selten wurde er bei seinen Vergehen nicht erwischt, zumal er keins von denen zu verstecken oder zu vertuschen versuchte. Er wusste schon immer, dass Nichts umsonst ist, und man für alles - auch und vor allem für seine Vergehen - zahlen muss. Er hatte schon mal die Bekanntschaft mit der Miliz gemacht und manche Auseinandersetzungen mit den Milizionären gehabt, die ihn dabei zum Krüppel zu machen versucht hatten. Also war er auch hier unerpressbar, während viele Anderen gerade in solchen Situationen vom KGB erpresst und als seine Spitzel angeworben wurden. An seinen vorzeitigen Tod glaubte der Vater auch nicht. Er dachte einfach nicht daran, um davor keine Angst zu haben. Er konnte sich vor möglichen alltäglichen Kleingefahren gut wehren, lernte sowohl von seinem Vater als dann auch selbst die Kunst des Überlebens und wusste nun mit absoluter Sicherheit Eins: Die Umstände, welche sein Vater überlebt hatte, hätte er nun auch überleben können, und kein im Kopf gesunder Mensch konnte sich vorstellen, dass sich die gegenwärtigen Umstände sowohl in der UdSSR als auch auf der ganzen Welt zu den schlimmeren als die für seinen Vater entwickeln könnten. Natürlich hatte er - wie jeder andere Mensch auch ? Angst vor dem einfachen physischen Schmerz, und die einfachsten physischen Leiden, die ihm zugefügt wurden - sei es auch die einfachste vom Arzt vorgeschriebene Spritze - kränkten ihn bis in die Seelentiefe. Aber die Angst vor dem seelischen Leiden dadurch, dass er in irgendeiner Situation kleinmütig gewesen wäre und nicht danach gehandelt hätte, wie es die Situation und seine eigenen Einstellungen von ihm verlangten, war bei ihm doch viel größer. Allein schon deswegen, weil beliebige physische Schmerzen schnell vorübergehen, und körperliche Verletzungen früher oder später sowieso heilen, während die in seelisches Leiden übergehenden Gewissensbisse fürs ganze Leben bleiben, zur Selbstverachtung führen und das Selbstbewusstsein ruinieren. Er konnte deswegen irgendeine herausfordernde Frechheit eines einzigen und eindeutig schwächeren Menschen noch locker geschehen lassen, warf sich aber sofort, ohne zu überlegen, in Kampf, falls er dazu von ein paar eindeutig stärkeren Männern herausgefordert wurde. Denn, wenn ein Mensch in solchen Situationen nur eine Sekunde überlegt, siegen seine Vernunft und sein Selbsterhaltungsinstinkt, und er zieht sich leise und ohne jeglichen Schaden für seine Nase zurück. Der Vater bevorzugte es sich erst nach einer Schlacht stolz zurückzuziehen und dann eine Woche lang mit der gebrochenen Nase zu schlafen statt mit der gesunden Nase kleinmütig zu verschwinden und dann mehrere Nächte nicht mehr zu schlafen und das ganze restliche Leben unter der Gewissheit über seinen eigenen Kleinmut zu leiden. "Abgerupfter, aber nicht besiegter Hahn!" - wie er über sich selbst scherzte, wenn sich seine Freunde manchmal nach solchen Zwischenfällen bei ihm erkundigen wollten, warum er so blöd sei. Wie sich solche Auseinandersetzungen auch enden mochten, nahm der Vater seinen Gegnern den Sieg von vorne rein weg, denn keine normalen Männer empfinden sich als Sieger, wenn sie zu dritt oder zu viert einen schlagen, welcher sie auch noch selber angegriffen hat. Er hatte auch keine Angst seinen Weg zu brechen und somit irgendein ehrgeiziges Ziel aus dem Auge zu verlieren oder dieses dadurch nicht zu erreichen. Denn sein ehrgeizigstes Ziel war es ja nicht einen richtigen, direkt ans Ziel führenden Weg irgendwie zu gehen, sondern seinen aufrichtigen Weg richtig zu gehen. Dementsprechend konnte er dieses Ziel nie aus dem Auge verlieren, egal wie gebrochen und zickzackartig sein Weg war. Und falls sogar sich ein nächster Zickzack nicht notgedrungen ergab, legte der Vater Einen selbst ein. Denn am Ende seines graden Weges kann jeder Mensch nur ein trübes und makabres Bild von seinen eigenen Sarg und Grab sehen, welches nicht unbedingt zu den ehrgeizigsten Menschenzielen gehören möge. Es ist ja viel interessanter zu leben, wenn derselbe Mensch nicht so genau weiß, welche herausfordernde und das Sargbild abschirmende Überraschung auf ihn am nächsten Tag um die nächste Zickzackecke wartet. Er hatte auch keine Angst etwas zu verlieren. Denn das, was er hatte, hatte er niemandem zu verdanken, um sich in seinem Verhalten nach diesem Niemanden richten zu müssen, damit ihm sein Hab von diesem nicht weggenommen wird und dadurch verloren geht. Außerdem war das Meiste davon, was er zu haben meinte, in ihm drin und immer bei ihm, so dass ihm es Keiner wegnehmen konnte. Alles Unentbehrliche draußen, was er zu besitzen geschafft hatte, hatte einen Wert für ihn nur insoweit, dass er das geschafft hatte. Also sollte ihm das weggenommen werden oder verloren gehen, würde er das schon wieder schaffen, falls ihm das dann auch noch fehlen wird. Er hatte auch keine Angst etwas nicht zu bekommen, was f?r ihn unentbehrlich wäre. Denn das Unentbehrliche war für ihn nur das, was er bezahlen konnte. Solange er das Geld dafür immer wieder vom Norden holen konnte, konnte er das auch bekommen ohne jemandem in den Arsch kriechen und in langen Warteschlangen stehen zu müssen. Was er - ohne dies alles tun zu müssen - nicht bekommen konnte, entbehrte er eben nicht, wie er es sich von klein auf angeeignet hatte. In Urlaub fuhr er sowieso nur noch nach Norden. Und um dorthin zu fahren, brauchte er keine in Schlangen ausgestandenen Kureinweisungsscheine von der Gewerkschaft. In die kommunistische Partei wollte er sowieso nie eintreten und nicht nur, weil sie schon immer eine falsche und verbrecherische Partei gewesen war, die er einfach menschlich verachtete. Er hätte es auch nicht getan, wenn ihm sogar mehrere Parteien zur Wahl gestanden hätten. Denn Mitglieder jeder Partei müssen sich dieser fügen, sich von dieser führen lassen und dadurch mit dieser zusammen zum Etwas von ihnen selbst nicht Kontrollierbaren werden - meistens zu Verbrechern. Und dies war eine der wenigen Unfähigkeiten des Vaters sich jemandem zu fügen, jemandem Kontrolle zu überlassen und zu gehorchen oder zu gehören, um dann mit blödem Gesicht dazustehen und von Nichts Etwas zu wissen zu behaupten. Es galt für ihn aber natürlich immer seine Allernächsten davon auszuschließen, unter welchen auch kein Jemand oder Niemand war, welchen er gehörte, welche über ihn verfügen durften, welchen er sich zu fügen und auf welche er sogar zu hüren versuchte, wenn sie etwas Kluges zu sagen hatten, wie sein Vater das hatte. Diese Handlungsfreiheit nahm er sich aber nur dann, wenn er in seinen Einstellungen herausgefordert wurde. Ansonsten bewegte er sich unter seinen Mitmenschen sehr behutsam und taktvoll. Denn er selbst hatte es auch hart gelernt, wie menschliche Taktlosigkeit oder die als persönliche Bewegungsfreiheit verstandene Rücksichtslosigkeit und Grenzenlosigkeit wehtun und schnell zu unnötigen Konflikten führen können. Diese grundsatzlosen und unnötigen Konflikte - wie die zwischen braven Schlangenstehern und den Vordringlingen oder Seitenstörern aller Art - suchte er zu vermeiden. Denn ihm genügten schon seine grundsätzlichen Konflikte, nach welchen er gar nicht suchen musste. Jedenfalls hatte er auch brav die Warteschlangen für Wodka angestanden, solange diese noch ein vernünftiges Ausmaß behielten. Als diese aber über alle Maße auswuchsen, hatte er Wodka nur schwarz für einen doppelten Preis gekauft und nur dann, wenn das unbedingt sein musste. Und als die Schlangen und Preise aus Prinzip nicht mehr zu ertragen geworden waren, hörte er auf zu trinken. * Das Infantilwerden der Gesellschaft oder über die erste Liebe, Freuds Theorie und darüber, wen man heiratet, und warum man sich scheiden lassen sollDerartige Probleme und Fragen wurden auch theoretisch unter Vaters Kollegen öfter ausdiskutiert. Einer dieser Kollegen, mit dem der Vater zusammen die Uni absolviert hatte, mit ihm eines Sommers im Norden gewesen war, und welcher nun in demselben Institut, aber in einer anderen der oben geschilderten Gruppen arbeitete - machte es sich zur Gewohnheit, den Vater zu Diskussionen über irgendwelche Themen herauszufordern. Vielleicht gerade deswegen, weil ihm diese kreative und ihm von seinem Chef weggenommene Hirnarbeit doch etwas fehlte. Außerdem wusste er nach allen gemeinsamen Taten mit dem Vater seine Meinung zu schätzen, und er hörte sich diese Meinungen gerne an. Am Ende hieß es dann bei ihm: "Nun haben wir noch 'ein Ding an sich' aufgeklärt." Der Kollege war nett sowie durchaus schlicht und normal, was ihn gegen etwaige, unter Studenten übliche Schizothymie[13] total abgesichert hatte. Die Schizothymie, gegen welche besonders viele Studenten anfällig waren, die ihren Kopf an Fragen wie "Worin besteht der Sinn des Lebens?" oder gar "Sein oder nicht sein?" zerbrachen. Darüber hinaus war der Kollege immer bereit eine mit seinen Freunden gemeinsame Rechnung zu bezahlen, er hatte aber irgendwie immer einen großen, schwer wechselbaren Geldschein dabei und auch diesen zog er dann so langsam, dass der Vater es immer schaffte, seinen schneller zu ziehen und dadurch für Beide oder auch für Mehrere öfter zu bezahlen. Er stammte ebenfalls aus einem sibirischen Dorf, aber seine Eltern gehörten - im Unterschied zu den "kriminellen", verbannten und zwangseingesiedelten Eltern des Vaters - zu den Ureinwohnern Sibiriens und zu der sowjetischen Dorfintelligenzija: Sein Vater war ein Parteimitglied und Rinderbetriebsleiter. Von seiner Mutter vererbte er eine weibliche Schönheit im Gesicht, welche alle um ihn herum streunenden Mädchen und Frauen an den armen Kerl heranlockte, wie ein Misthaufen alle Fliegen anlockt. Diesen nicht von ihm verschuldeten "Umständen" war seine naive Selbstzufriedenheit zu verdanken, mit welcher er seinen Kopf in fünf Jahren Uni-Zeit hatte voll mit Physik stopfen lassen, aber von sonstigen Folgen der höchstlabilen intellektuell-geistlichen Uni-Umgebung unversehrt geblieben war. Mit einem Wort war er von der Menschensorte, die als Spitzel vom KGB gerne und leicht angeworben wurde und sich gerne - sogar ohne jegliche Erpressung - anwerben ließ, um ihre Kommilitonen und Kollegen bei der Behörde zu denunzieren oder, wie es im sowjetischen Volksmund hieß, über sie zu "klopfen", was auch ihren Spitzelnamen "Klopfer"[14] im selben Munde bestimmte. Für den Vater war er nicht als eine besondere Persünlichkeit interessant, jedoch als ein Typ, welcher eine breite Schicht der Menschheit am besten vertrat. Das war für den Vater viel wichtiger, denn er konnte die unübersichtliche Vielfalt der Menschheit durch solche typischen Vertreter bis auf ein paar Menschencharaktere reduzieren. So war es dann viel leichter die Menschheit und ihr buntes Treiben zu handhaben, zu verstehen und - wie gesagt - auch einen möglichen Stukatsch-Klopfer rechtzeitig zu erkennen. Diese Charaktere verwendete der Vater dann auch in Diskussionen, um den Anderen seine Argumente durch solche Beispiele lebendiger und zugänglicher zu machen. So wie er es seiner Tochter bei der Diskussion über Entscheidungsfähigkeit durch das Paradigma von verhungerndem Buridans Esel oder von dem verzweifelt vor zweien gleichen Türen stehenden Menschen anschaulich zu machen versuchte. Gerade dieser Kollege lieferte ihm dieses letzte Bild, der eines Tages zum Vater in seinen Forschungskeller 'runterkam und ihn um einen Rat bat: "Ich bin in eine Sackgasse geraten und finde keinen Ausweg. Kann ich mit dir darüber reden?" "Reden kostet ja nichts. Schieß los." "Es geht um Frauen." "Um was denn sonst! Auf diesem Felde liegen bei manchen die meisten Probleme und Sackgassen." "Ne, an sich haben sie mit meinem Problem nichts zu tun." "Müssen sie auch nicht. Lies Freud. Es ist in uns drin." - versuchte der Vater auf lockerere Art auszuweichen. "Pass auf, was du sagst! Freud zu lesen, ist bei uns verboten.? "Blödsinn! Bei uns zählt es lediglich zur Normalität in unserem Verhalten nur von den kommunistischen Ideen und nicht von irgendwelcher sexuellpathologisch-bourgeoiser Libido geführt zu werden. Wenn ich mein Verhalten nach seinen Trieben analysiere, was nicht verboten ist, muss ich dann Freud auch nicht lesen, um festzustellen, dass ich nicht normal bin." - ärgerte sich der Vater darüber, dass er loyalitätsmäßig fast ausrutschte, statt auszuweichen. "Jedenfalls geht es bei mir nicht um meine Libido, sondern um die pure Liebe." "Sei selig, wenn du dir dessen so sicher bist! Meinst du die platonische Liebe?" "Ich meine Liebe zu zwei Frauen, welche ich gleich begehre. Dadurch ist meine Libido neutralisiert, aber das Problem bleibt." "Liebe zu zwei Frauen gibt es nicht! Und unsere Libido lässt sich nie ausschalten oder neutralisieren. Sie ist in manchem Verhalten nur schwer ausfindig zu machen." "Na dann versuchen wir es jetzt zu tun. Vielleicht hilft es mir auch weiter." "Lädst du mich damit ein, deine Unterwäsche mit dir zusammen durchzuwühlen?" "Ich will nur, dass du mir zuhörst." "Bin ganz Ohr!" "Ich habe dir vielleicht schon mal über meine Studentenliebe zu einem schönen und klugen Mädchen erzählt. Sie liebte mich auch, und wir kamen einander schnell sehr nah." "Meinst du, ihr habt miteinander geschlafen?" "Nicht wichtig. Wichtig ist, dass wir uns mit der Zeit auseinander geliebt haben. Ich habe es gewusst und gesehen, dass sie mich immer noch liebt, aber sie ist davon geflohen, und ich habe sie schließlich verloren." "Siehst du! Es ist doch wichtig mit dem Schlafen. Du hast mir früher darüber zwar nichts erzählt, aber die Geschichte ist alt. Die erste Liebe! Die Liebe von Siebzehnjährigen. Sie hatte noch nie ein glückliches Ende. Sie kommt einfach zu früh, vergammelt in ihrer Aussichtslosigkeit und hinterlässt nur unverdiente Schmerzen, unbegründete Komplexe und schwer heilende Wunden.? "Warum Aussichtslosigkeit und wie kann die Liebe vergammeln?" "Die erste Liebe ist aussichtslos, weil sie folgewidrig ist und sich deswegen nicht entwickeln kann. Und alles Lebende, was sich nicht mehr entwickelt, ist tot. Und alles Tote vergammelt! Diese Liebe explodiert, zerfleischt unsere siebzehnjährige Seele und bleibt dann wie ein Explosionsrauch in der Luft hängen. In dem Alter ist ein Junge noch nicht reif genug, eine folgerichtige Entwicklung seiner Liebe zu verantworten. Sie hat das gewusst und ist zurecht davon geflohen. War wohl ein kluges Mädchen!" "Klug war sie allemal, aber was heißt schon folgerichtig oder folgewidrig. Ich habe mich schon reif genug gefühlt." "Reif genug für was? Für Sex? Die Liebe ist eine nur menschenspezifische Anziehungskraft zwischen zwei Geschlechtern. Weniger menschenspezifisch ist die Folge dieses Geschlechtertriebs - die Familienbildung, denn dies machen viele Tierarten auch. Und schon gar nicht menschenspezifisch ist die nächste Folge - die Paarung zwecks Kinderzeugung als ein totales und allermächtigstes Naturgesetz der Fortpflanzung." "Die Fortpflanzung setzt ja den Sex voraus." "Nein! Diese setzt lediglich einen Samenaustausch - bei manchen sogar ohne Geschlechtsverkehr - voraus. Der Sex an sich ist ein ebenfalls menschenspezifischer, lustbefriedigender und damit ebenso folgewidriger Extrakt aus der Fortpflanzungskomplexität. Die Verpflegung und der Schutz von gezeugten Kindern gehören sogar zum größten Teil dieses Naturtriebes. Kein junges, aber schon geschlechtsreifes Tiermännchen kommt zum Geschlechtsverkehr mit einem seiner artgleichen Weibern, ehe er den starken Alten besiegt und damit seine echte Reife zur Kinderzeugung, zu ihrem Schutz, zu ihrer Verpflegung und Erziehung bewiesen hat. Du hast sie nicht überzeugt, der letzten Aufgabe gewachsen zu sein, wenn du ihr sogar entsprechende Angebote gemacht hast, was ich übrigens auch kaum glaube." "Aus der Schulbiologie ist es mir irgendwie geblieben, dass sich die Tiermännchen auch dieser Aufgabe entziehen." "Nicht alle! Nur die primitivsten Arten wie bei Menschenmännchen und manchmal sogar Menschenweibchen auch. Denn diese zweite Aufgabe lässt sich nur durch die Rollenverteilung und Zusammenwirkung in den mehr oder weniger hoch entwickelten Sozialstrukturen wie Familie, Rudel, Stamm, Sozialgesellschaft am effektivsten erfüllen." "Und du meinst, ich war dieser Sozialaufgabe damals nicht gewachsen?" "Sie hat das bestimmt gemeint. Ich meine, nicht nur du warst dieser Aufgabe nicht gewachsen, sondern keiner ist es in diesem Alter. Es ist noch eine menschliche Paradoxie, dass die Kluft zwischen der Geschlechtsreife und der Sozialreife von Menschenkindern immer weiter wächst." "Im Alter von zwölf oder dreizehn Jahren mit jemandem Geschlechtsverkehr haben und auch gebären können, aber nur im gesetzlich vorgeschriebenen Alter von achtzehn Jahren heiraten und wählen dürfen?" "Eben! Wobei diese sowieso willkürlich festgelegten Achtzehn schon längst keiner Realität mehr entsprechen. Die Wissenschaft und die Technik, welche unsere Gesellschaft früher nur bedienten, entwickelten sich im zwanzigsten Jahrhundert so rasant, dass die beiden die Gesellschaft mittlerweile formen und führen, sodass diese Gesellschaft selbst nicht mehr weiß wie und wohin! Früher schaffte es die Gesellschaft noch immer sich und die diese Gesellschaft bildenden menschlichen Verhältnisse der gemächlich laufenden Entwicklung anzupassen. Heute hat die Gesellschaft durch natürliche Trägheit menschlicher Verhältnisse gar keine Zeit dafür. Sie kommt mit ihren alten Sitten, Bräuchen und Sozialstrukturen nicht mehr zurecht, muss improvisieren und verliert immer mehr an ihrer Menschlichkeit und an der humanen Sozialreife. Aus diesem dich etwas freisprechenden Gesichtspunkt sind heutzutage nicht nur die Siebzehnjährigen, sondern auch manche Siebzigjährigen nicht mehr sozialreif genug, um ihren Nachkommen durch die Erziehung irgendwelche langfristigen Lebensanhaltspunkte für die Zukunft zu geben." "Du hast mich wieder - wie immer - in ein tierisches und menschliches Dickicht geführt. Meine Frage war ja lediglich, welche von den beiden Frauen ich heiraten soll - die, mit der ich seit einem Jahr befreundet bin und die du auch kennst, oder diese Erste, die ich vor kurzem begeistert wiedergetroffen habe.? "Soll ich zwei Streichhölzer zum Ziehen präparieren?" "Nein, so ist es nicht! Die Eine liebe ich dafür, dass sie so schön und lustig ist, aber die andere liebe ich auch, und zwar dafür, dass sie so klug und zärtlich ist und außerdem meine erste Liebe gewesen war. Was sagst du dazu?" "Heirate keine! - Wenn du mich schon fragst. Denn du liebst in der Tat keine von den Beiden. Ich sage ja, dass es keine Liebe zu zwei Frauen gleichzeitig gibt. Heirate nur dann, wenn so eine Vergleichsfrage und überhaupt Fragen 'Wofür und wieso?' bei dir gar nicht aufkommen, und deine Braut für dich mit keiner Frau der Welt zu vergleichen ist. Und soll sich diese Vergleichsfrage während deiner Ehe erneut mal entwickeln, brich deine Ehe sofort ab und mach dich auf und davon! Allein deshalb, dass du deine Gattin mal geliebt hast und deswegen ihr das nicht antun darfst, geschweige denn euren gemeinsamen, unschuldigen Kindern." Der Kollege folgte dem Ratschlag des Vaters zu seinem Unglück nicht, heiratete die Lustige, gebar mit ihr eine Tochter, verhasste mit den Jahren seine Gattin, verachtete sie laut und offen, blieb aber trotzdem weiterhin mit ihr zusammen und ging immer wieder zu der ersten Liebe fremd, welche mittlerweile selbst verheiratet war und Kinder hatte. Vielleicht verkomplizierte der Vater doch schon wieder die Liebe und das Glück in seinen Vorstellungen darüber, und vielleicht gönnte er zu unrecht kein Glück den beiden oder auch mehreren Familien. Denn keiner weiß, durch welche Familien noch in dieser Kettenreaktion die anderen Ehe-Scherben nun fremdirren. * Woher kommt Demokratie oder über die Rolle der Polizei dabei und über die Liebe zur MenschheitEben mit diesem Kollegen diskutierte der Vater ein anderes Mal das - auch für das KGB als möglicher Auftraggeber des Kollegen - interessante Thema "Demokratie". "Ich hätte mal gerne die Freiheiten der westlichen Demokratie kennengelernt." - begann der Kollege provozierend. "Welche Freiheiten meinst du denn, wenn du keine von denen kennst?" - erwiderte der diese Provokation erkannte Vater. "Na, was weiß ich. Ich habe zum Beispiel in Moskau einmal deutsche Touristen aus dem Westen gesehen. Sie verhalten sich anders. Frei eben! Sind dadurch auffallend." "Gerade in meinem Verhalten brauche ich keine Demokratie, um frei zu sein. Ich verhalte mich immer frei! Vor allem kann ich die Demokratie am wenigsten gebrauchen, welche von meisten Menschen als die extra für ihre eigene Grenzenlosigkeit geschaffene Freiheit verstanden wird." "Was hast du gegen diese Freiheit?" "Ich habe nichts gegen die persönliche Freiheit als 'bewusst gewordene Notwendigkeit' - so etwa steht sogar, wenn ich mich recht erinnere, in Lehrbüchern des uns unterrichteten Marxismus-Leninismus. Aber ich habe tatsächlich etwas gegen die persönliche Freiheit als grenzenlose, bis zur Arroganz und Rücksichtslosigkeit steigende Freiheit im Verhalten von Menschen! Auch von den ausländischen Touristen, die ich dann und wann ebenfalls in Moskau begegne und die mir meistens durch ihre Arroganz auffallen.? "Was ist dann mit deiner Verhaltensfreiheit?" "Meine Freiheit endet an der Grenze, wo die Freiheit eines anderen Menschen beginnt! Ich muss diesen anderen Menschen und sein Recht auf seine persönliche Freiheit berücksichtigen und nicht auf ihn und seine Freiheit rücksichtslos spucken." "Das ist ja gerade das Problem - wer und wie bestimmt diese Grenze!" "Nein, das ist ja gerade die Freiheit! Nicht so weit zu gehen und es überhaupt nicht zu zulassen, dass jemand dies für dich tut. Ich setze diese Grenze selbst, welche ich dann auch nicht überschreite. Darin besteht ja die 'bewusst gewordene Notwendigkeit', und daran liegt meine persönliche Freiheit, dass ich selbst und frei der Notwendigkeit solcher Grenzen bewusst bin und danach bewusst und frei handle. Und diese Freiheit ist längst nicht für jeden sowohl bei uns als auch im Westen zugänglich. Deswegen sind sie dir aufgefallen und deswegen haben sie im Westen bestimmt nicht weniger Polizisten, als wir hier Milizionäre haben." "Welche sie in ihre Schranken weisen, meinst du. Warum kann diese Schranken nicht jeder sich selbst auferlegen?" "Weil man erst mal das Bewusstsein haben muss, um eines Etwas bewusst zu sein - einschließlich der Notwendigkeit der Selbsteinschränkung. Außerdem braucht man auch noch eine Menge Feingefühl, um die Grenze bei seinen Mitmenschen zu fühlen, zu akzeptieren und sich daran zu halten. Die Vereinigung der beiden Qualitäten ist bei Menschen als Taktgefühl bekannt, das jedem gefällt, aber kaum jemand daran denkt sich taktvoll zu verhalten. Sag' mir, begegnest du im Alltag vielen bewussten, feinen und taktvollen Menschen um dich herum?" "Schwer zu sagen. Wahrscheinlich trifft man sie gerade deswegen kaum, weil kaum jemand daran denkt." "Und warum denkt daran kaum jemand? Na, weil das Taktgefühl kein eingeborenes und eigenständiges Extragefühl, sondern eben eine Sache unseres Bewusstseins ist, die wiederum mit der menschlichen Fähigkeit überhaupt zu denken zu tun hat. Wie übrigens auch das Feingefühl, welches mit der menschlichen Fähigkeit zu tun hat, an die Anderen zu denken und mit ihnen mitzufühlen. Und wenn die beiden Fähigkeiten bei den Menschen in ihrer Masse nicht ausreichend vorhanden sind, kommt es auch in einer sich demokratisch erklärten Gesellschaft entweder zu heftigen Auseinandersetzungen an diesen privaten Grenzen oder zu einer an den Anarchismus grenzenden Grenzenlosigkeit in der ganzen Gesellschaft." "Woran denkst du denn bei einer derartigen Grenzenziehung bei dir?" "Ich denke zunächst doch an mich selbst, denn falls ich nicht an mich denken und mich selbst nicht verstehen würde, wie kann ich dann an die Anderen denken und sie verstehen? Und wenn ich an mich selbst denke, versuche ich meine eigene Grenze bei mir selbst so genau, wie es nur möglich ist, zu definieren und festzulegen. Es kommt ja immer wieder auf die Genauigkeit der Definition und Festlegung von Grenzen an. Genauso wie bei angrenzenden Staaten auch. Dann - davon ausgehend, dass mir die anderen Menschen ähnlich sind, - kann ich auch die Grenze eines Anderen in dichtem und chaotischem Menschenverkehr besser erkennen, was ich auch tun muss, wenn ich keine Konflikte will." "Und wo hast du denn deine eigene Grenze festgelegt? Ich frage bloß, um zu wissen, ob ich genug von diesen Denkfähigkeiten besitze und deine Grenze richtig kenne." "Das sollst du eigentlich! Warst ja auch oft genug mit mir zusammen. Obwohl ich es etwas komplizierter mache, um diese - mich nicht besonders auf die Fähigkeit der Anderen an mich zu denken verlassend - für die Anderen leichter erkennbar zu machen." "Komplizierter, um leichter - was ist das für ein Quatsch?" "Es ist kein Quatsch, wenn du mich dir erklären lässt, was ich damit meine. Statt einer scharfen Grenze habe ich eine tiefe, aus mehreren Verteidigungslinien bestehende Zone um mich herum aufgebaut. So kann ich mich einige Zeit noch zurückhalten, wenn ein aufdringlicher und taktloser Menschennachbar diese Verteidigungslinien eine nach der anderen wie ein Panzer durchfährt. Er hat dann noch eine Chance bei mir, sich zu besinnen und sich selbst noch rechtzeitig aufzuhalten." "Schön redest du! Nur habe ich nie gesehen, dass es jemand bei dir schaffte diese Chance zu nutzen." "Das heißt aber nicht, dass meine Logik nicht stimmt. Sie funktioniert leider kaum, denn die Menschen verstehen meine auf diese Verteidigungsstrategie zurückzuführende Zurückhaltung meistens falsch. Sie dringen dadurch beschleunigt immer tiefer in meine Pufferzone hinein, statt sich aufzuhalten. Bis auf die letzte, die innerste Linie, die schon so gut wie an der Haut liegt. Weiter - unter meine Haut - darf natürlich keiner! Das ist eine Bruchgrenze, deren Überschreitung zu einem Bruch führen kann, wenn bis dahin der Federeffekt nicht stattfindet, dessen Kraft den Eindringling hinter alle von ihm verletzten Linien zurückschlägt und meine Innenspannungen dadurch entlädt. Solche Federeffekte als meine Explosionen kennst du wahrscheinlich bei mir." "Machst du es dir selbst vielleicht durch solche Komplexität mit deinen Explosionen leichter, statt zuzugeben, dass du wenig dulden kannst?" "Na das ist wirklich Quatsch! Ich kann schon eine Menge dulden, solange es nicht gerade um meine persönliche Freiheit . sprich, um meine freie Bewegung in den von mir bewusst gesetzten Grenzen - geht. Das ist ja unser Thema! Außerdem kann ich es auch entweder ignorieren, falls mich ein Fremder nebenbei ramponiert, oder mich geduldig wehren, falls Einer, den ich kenne - welcher aber nicht mein Nächster ist - mich absichtlich fertig zu machen versucht. Ich explodiere, weil es mich verletzt und es mir wehtut. Deswegen heißt es auch, dass diese Grenze an der Haut liegt. Und das können nur meine nächsten Menschen schaffen: Verwandte, Freunde, Kollegen, Bekannte. Denn sie stehen eben zu mir am nächsten, so nah, wie ich sie zugelassen habe." "Und gerade zu diesen nächsten Menschen wirst du dann brutal?" "Was heißt brutal? Sie können dann durch den Federeffekt - welcher übrigens auch die Geduld und die Zeit voraussetzt, um die Rückstoßenergie zu speichern, - hinter all diese Grenzlinien hinausgeschleudert werden. Im Endeffekt - bei Wiederholungsdelikten - können sie dann einfach als meine Nächsten aufhören für mich zu existieren. Sie sind dann begraben und vergessen! Jedoch trifft diese dir leidtuende Brutalität in der Regel auch nur mich selbst, während diese Anderen nicht immer merken, dass sie bereits begraben und vergessen sind. Es schmerzt sie auch nicht, denn ihnen wird nur der Zugang zu mir versagt." "Ach, hör doch auf zu kokettieren!" "Das ist leider bereits meine bittere Erkenntnis und kein süßes Kokettieren. Aber jetzt bin ich diese blöde Diskussion satt! Ich habe dazu alles gesagt, was ich - ohne westliche Freiheiten zu kennen - aus meiner eigenen empirisch-philosophischen Lehre über die Demokratie und persönliche Freiheiten weiß." "Demokratie ist aber etwas Anderes als nur Menschenverhältnisse, über die du die meiste Zeit geredet hast." "Demokratie oder Diktatur oder sonst noch Etwas ist nichts Anderes als eine zur Staatsordnung gemachte Äußerung der in der Gesellschaft herrschenden sozial-politischen Menschenverhältnisse. Diese Verhältnisse, welche mit dem Zusammenprall zweier Gesellschaftssubjekte beginnen, bestimmen auch gesellschaftliche Verhältnisse bei einer oder der anderen Gesellschaftsform bzw. Staatsordnung und sind damit primär. Und nicht umgekehrt, sodass dem Staat eine Gesellschaftsform auf einmal - von Innen durch Aufstände und Putsche implantiert, oder von Außen durch Kriege und Siege importiert - auf den Kopf fällt, und schon herrschen als eine sekundäre Tatsache demokratische oder diktatorische Menschenverhältnisse in diesem Staat. Menschen entwickeln kontinuierlich ihre Verhältnis- und Verhaltenskultur in ihrer Gesellschaft und somit ihre verdiente eigene Staatsform. Wie es die These 'Jedes Volk verdient seine Regierung' von Otto von Bismarck sehr treffend besagt, obwohl Herr von Bismarck zu seinem Glück damals nicht einmal erlebt hatte, wie das deutsche Volk die Nazi-Diktatur demokratisch gewühlt und begeistert begrüßt hatte." "Wovon redest du schon wieder? Es gibt ja eine genaue Definition von Demokratie." "Ach, hör doch du jetzt auf! Komm mir bloß nicht damit! Von der Demokratie als Macht des Volkes wie bei uns oder sogar, milder ausgedrückt, der Mehrheit des Volkes wie im Westen, will ich gar nichts wissen! Das Volk oder eine abstrakte Volksmehrheit ist für mich eine amorphe, hirnlose und gesichtslose Masse, und die Macht dieser Masse kenne ich auch, sogar viel zu gut!" Der überraschte Kollege überlegte eine Zeit lang und resümierte: "Du scheinst Menschen nicht besonders zu mögen?" "Welche meinst du denn?" - fragte der Vater mit Raison zurück, etwas gereizt dadurch, dass er sich dem Kerl doch zu sehr geöffnet hatte - "Ich kann nur die Menschen mögen, die ich kenne! Und ich kenne nur diejenigen, die ich mag. Diejenigen sogar von meinen Bekannten, welche ich nicht mag - der obendiskutierten Grenzenlosen eingeschlossen, existieren für mich einfach nicht. Sind eben von mir begraben und vergeessen! Diese permanent nicht zu mögen oder gar - um Gottes Willen! - zu hassen und gegen sie zu kämpfen, nimmt Einem zu viel geistige Kraft weg, die man woanders viel besser und kreativer gebrauchen kann. Die Menschheit als solche ist viel zu groß, um sie einfach so pauschal zu mögen oder nicht zu mögen!" "Du kennst doch prominente Leute wie Politiker, Schauspieler, Sänger, die nicht gerade zu deinem nächsten Kreis gehören, weil du sie nicht persönlich kennst. Kannst du diese mögen oder nicht mögen?" "Ich kann ihre Werke mögen oder nicht mögen - bei Politikern eher nicht, aber ich kann und muss dabei nicht sie selbst und ihre Werke unbedingt bei Namen kennen. Warum soll ich auch? Kennen sie mich etwa? Sie interessieren mich ebenso wenig wie ich sie auch!" Diese Antwort haute den Kollegen fast um. In seinem durch Dorfkomplexe entwickelten Snobismus pflegte er - wie die meisten Menschen eigentlich überall auf der Welt auch - solche gemeinnützlichen und für Salongespräche oder Quiz-Shows dringend notwendigen Kenntnisse und Informationen aus dem Klatsch über die Prominenz und so etwas Ähnliches fest zu speichern. Er blieb zunächst sprachlos. "Außerdem, wenn man die Menschheit als die Menschen in einem etwas breiteren Umkreis kennen zu lernen und näher zu betrachten versucht, entdeckt man schnell, dass diese meistens aus Schuften und Schurken aller Art oder bestenfalls aus Dummköpfen besteht. Und ich mag sie alle nicht, und versuche, mich vor denen immer zu hüten." - versuchte der Vater ihn zu trösten. "Das ist aber schon wieder eine deiner harten Behauptungen!" - erwiderte noch mehr gekränkt der erschöpfte Diskussionspartner. "Ich sage ja nicht, dass ich diese Entdeckung ausschließlich hier unter uns gemacht habe. Du kannst es selbst rein logisch feststellen, wenn du mal daran denkst, wie pervers und beschissen die von Menschen oder von der Menschheit geschaffene Welt ist. Zumindest im Vergleich zu der von Gott erschaffenen und so harmonischen Naturwelt. Oder besser gesagt, im Vergleich zu der Urwelt, denn die Naturwelt wird heutzutage auch viel zu sehr von der Menschheit beeinflusst." Diese Einstellungen bildeten auch die Grundlage dazu, wie der Vater seine und nicht seine Probleme definierte. Daraus ergab sich im Allgemeinen seine Lebensphilosophie, aufgrund derer er seine eigene Welt aus dem engsten Kreis seiner Nächsten aufbaute. In dieser Welt war er bereit, die Verantwortung zu übernehmen und zu tragen. In dieser Welt herrschten seine Ideale, sein Moralkodex und seine Menschengesetze: Die hart erprobten und sich bewährten Sachen, welche in ihrer Gesamtheit zu so etwas wie seiner eigenen Religion geworden waren. * Wer verantwortet das Gute und das Böse oder über die Engeljagd und den Moralkodex des Erbauers des KommunismusWas seine offizielle Religion anging, so wuchs der Vater eher als Ungläubiger auf. Sein Vater, wie die meisten Deutschen aus der Prischiber Kolonie in Südrussland, war in der evangelisch-lutherischen Kirche getauft worden. Im Laufe seines Lebens verblich aber sein Glaube, nachdem er seit seinem elften Lebensjahr gezwungenermaßen gelernt hatte, sich immer nur auf sich selbst und seine eigene Überlebenskunst zu verlassen. Er hatte jedes Vertrauen und somit den Glauben an Gott verloren und lachte nur gutmütig über jene widersprüchlichen Bibelgeschichten, falls ihm jemand mit diesem Thema kam. Die in der russisch-orthodoxen Kirche getaufte Mutter glaubte - wenn auch heimlich - an Gott, besonders nachdem ihre Gebete von Gott erhört worden waren und der Vater aus der Hölle des Krieges und der Gefangenschaft zur Familie zurückgekehrt war. Sie hatte ihren Kindern sogar ?Vaterunser? vor dem Schlaf beigebracht und erz?hlte ihnen immer, dass die Schutzengel w?hrend des Essens in ihren Kinderachselh?hlen sitzen w?rden. Dies veranlasste nat?rlich den fest daran glaubten Kleinen, diese Engel zu jagen. Er warf seinen L?ffel pl?tzlich auf den Tisch und griff unter seine Achseln. Nur waren die Engel immer ein St?ck schneller als er. Wahrscheinlich wussten sie einfach im Voraus Bescheid ?ber sein t?ckisches Vorhaben. Jedenfalls schaffte er es nie sie zu schnappen, was seinem Glauben selbstverst?ndlich wenig weitergeholfen hat. Offiziell war die Kirche in der UdSSR zwar nicht verboten, aber vom Staat getrennt und somit inoffiziell gemacht worden. Demzufolge waren die meisten den staatlichen Schutz verlorenen Kirchen nach dem Oktoberputsch ?inoffiziell? zerst?rt worden. Von den meisten gebliebenen waren ?inoffiziell? Kreuze und Glockent?rme ? als Symbole und Verk?nder des Christentums ? abgerissen worden. Mit solchem ?kastrierten? Antlitz wurden diese an wirtschaftliche N?te angepasst, welche allerdings wiederum offiziell waren. In einem kleinen Teil der mit Kreuzen und Glockent?rmen verbliebenen und aus diesen Gr?nden nicht gleich als museums-architektonische Rarit?ten enteigneten Kirchen wurden sogar offizielle Gottesdienste erlaubt, aber auch diese standen weniger in Obhut Gottes als unter der Beobachtung des NKWD-KGBs. Die meisten ohne Kirchen gebliebenen Kirchengemeinden wurden ?inoffiziell? auseinander getrieben. Die Gl?ubigen und Geistlichen f?llten bekanntlich Jahr f?r Jahr ?inoffiziell? sowjetische Konzentrationslager und Gef?ngnisse, von denen manche allerdings ? wahrheitshalber muss man es erw?hnen ? in ehemaligen Klostern untergebracht wurden. Sie wurden vernichtet, verfolgt, erpresst und waren ?berhaupt unerw?nscht, denn der Glaube an Gott machte ?inoffiziell? die Konkurrenz dem offiziellen Glauben an Kommunismus. Die Christliche Moral, welche die Seele des russischen orthodoxen Volkes fast ein Jahrtausend lang so erfolgreich gepr?gt hatte, wurde durch den ?Moralkodex des Erbauers des Kommunismus? ersetzt. ?Der Kodex? beinhaltete dabei heuchlerisch zwar dieselben, wenn auch etwas umformulierten Zehn Gebote aus der Bibel, aber es wurde nun den diesen Geboten folgenden Menschen ein Paradies auf der Erde, statt des Paradieses im Himmel nach ihrem Tod versprochen. ? N?mlich der Kommunismus, und zwar noch in ihrem leiblichen Leben. Da jeder Mensch aus dem Volk es bei den andauernd herrschenden Armut, Elend und Not schnell errechnen konnte, dass er dieses Paradies auf Erden nie erleben w?rde, hielt jeder auch nicht viel von diesen Ersatzgeboten. Die Kommunisten schlossen sich aus diesem Kodex automatisch aus, denn sie waren durch ihre sogar in ihrem Kodex verbotene Gier nach fremdem Besitz und durch ebenfalls im Kodex versagten Ermordung und Raub an die Macht gekommen und ver?bten diese Macht nach denselben Antikodexgeboten weiter. Also, ?der Kodex des Erbauers des Kommunismus? konnte nie so einen Erfolg wie die Bibel erlangen und blieb unabgerufen und nutzlos, da weder der Kommunismus noch sein Erbauer schlie?lich vorhanden waren. Der Vater besch?ftigte sich wenig mit Paradiesfragen. Ihn interessierten mehr die einfachsten Lebensfragen. Seit seiner Kindheit mit den Filmen ?ber den Krieg fragte er sich: ?Warum stehen alle Menschen ohne Ausnahme im Kinosaal w?hrend einer Filmvorf?hrung auf der Seite der Guten gegen die B?sen, verwandeln sich aber sofort in die B?sen, wenn sie aus diesen S?len hinaus gehen und in ihr Leben zur?ckkehren?? Das Erstere bedeutete f?r ihn, dass die Menschen eine Vorstellung vom Guten und vom B?sen ? egal ob es aus den Bibelgeboten oder aus dem Moralkodex ? doch haben und sogar ihre Neigung zum Guten noch aufweisen. Doch das Letztere zeigte, dass die Menschen das Gute und das B?se so schwarz-wei? deutlich ? wie es in der Urquelle oder in Kinos so ?blich ist ? in die zehn einfachen und deutlichen Axiome eigenh?ndig nicht zerlegen und die zwei Antipoden in ihrer allt?glichen Wirklichkeit nicht erkennen k?nnen oder es auch in ihrem eigenen Interesse und aus niedrigen Beweggr?nden heraus manchmal nicht wollen. Daraus ergab sich f?r den Vater eine andere, menschennahe Interpretation von Gott im Himmel und Teufel in der H?lle sowie von ihrem ewigen Kampf: ?Die beiden leben doch in jedem von uns, und jeder von uns entscheidet selbst ?ber ihren Kampf und hat f?r seinen Ausgang die Verantwortung zu tragen.? Dies lag auch nicht so weit von dem Gedanken Christi, welchen er der verzweifelten Maria Magdalena, ihr nach seiner Auferstehung erschienen, in Worten offenbaren sollte: ?Schau nicht hin und h?re nicht hin, was du zu tun hast. Schaue und h?re in Dich selbst hinein und suche bei Dir selbst danach.? Nach dieser einfachen, schon dadurch Christo nahe liegenden und von jedem Pharis?ismus gereinigten Darstellung fiel es dem Vater leichter die Charaktere von Menschen in ihrem komplizierten Verhalten zu erkennen. ?Es liegt an jedem h?chstpers?nlich, ob er das Gute oder das B?se zu seinem Lebenshauptziel setzt und ein guter oder ein b?ser Mensch sein will.? ? predigte er dann auch seinen T?chtern, weil keine Erziehung ? seiner festen ?berzeugung nach ? ohne solche Grundlagen ?berhaupt m?glich gewesen w?re. ?Dann sind alle Menschen auf der Erde gute Menschen. Wer will schon freiwillig ein b?ser Mensch sein.? ? ?berraschten ihn die ?ltere wieder mit ihrer Kinderlogik, nach welcher nur das Gute zu existieren berechtigt sei. ?Wo du damit recht hast, ist es, dass sich kein Mensch vielleicht ?ffentlich als ein B?ser pr?sentieren will. Kein Mensch gibt es gerne zu! Die meisten sind sogar ?berzeugt, dass sie die Guten sind. Das liegt an der Komplexit?t der Frage, was gut und was schlecht oder b?se ist. Dabei h?tte es schon gereicht, um ein guter Mensch zu sein, die Gottessiege die vom Teufel in dir ?berwiegen zu lassen. L?sst der Mensch den Teufel gewinnen, ist er ein schlechter oder b?ser Mensch!? ?Nur ein dummer Mensch kann den Teufel gewinnen lassen!? ?Insofern sich dieser Kampf in unserem Kopf und mit unserem Willen entscheidet, hat es wahrhaftig mit Intelligenz und Willensst?rke eines jeden Menschen zu tun. Dumme Menschen k?nnen vielleicht den Teufel nicht immer erkennen ? das w?re noch halb so schlimm! Aber viele andere erkennen ihn schon und lassen ihn trotzdem aus ?berlegten Gr?nden gewinnen. Der Teufel kann ja bei den in der Welt herrschenden Verh?ltnissen viel n?tzlicher als Gott sein. Solche Menschen sind meinetwegen die schlimmsten und meistens gar nicht so dumm.? ?Aber wie kann man den Teufel wirklich erkennen?? ?Gute Frage! Man kennt ja den sogenannten inneren Schweinehund ? so etwas wie unsere zweite, innere Stimme in uns. Diese ist immer so g?tig zu uns, w?hrend die erste Stimme ? die Stimme unserer Vernunft ? uns immer hart und gnadenlos erscheint. Kommt es euch bekannt vor?? ?Oh ja! Jeden Morgen, wenn ich so fr?h aufstehen muss, spricht so eine verlockende Stimme zu mir: ?Ach, bleibe doch im Bett! Es ist so gem?tlich und warm unter der Decke! Passiert doch nichts, wenn du einmal die Schule schw?nzest.?.? ? gab die j?ngere Tochter voller Entdeckungsfreude zu. ?Ein gutes Beispiel! Das ist die h?ufigste und einsichtigste Situation, wo man damit konfrontiert wird. Jedenfalls was die zweite Stimme angeht. Die erste Stimme, eure Vernunft, spricht zu euch: ?Ihr m?sst in die Schule!?. Aber warum m?sst ihr das eigentlich?? ?Auch eine gute Frage, Papa. Alle Kinder m?ssen doch zur Schule.? ?Das ist eine der typischen Antworten f?r mehrere Lebenssituationen und f?r viele Menschen. Obwohl es ja wahrscheinlich das D?mmste ist, daran zu glauben, dass irgendetwas umso richtiger und wahrhaftiger ist, je mehr Menschen dieses Etwas tun. Als ?Herdentrieb? bezeichnet man diese Verhaltensweise bei Schafen und ?hnlichen Tierchen?. ?Meinst du, es ist nicht richtig zur Schule zu gehen, wenn alle anderen dahin gehen?? ?Nein! Ich meine, es ist nicht richtig, zur Schule nur deswegen zu gehen, weil alle anderen auch dahin gehen. Wenn du schon etwas tust, tue es mit deinem eigenen Verstand, sodass du von deinem Tun selbst schwer ?berzeugt bist! Erst dann tust du es richtig. Dann ist es auch nicht so schwer in kritischen Situationen mit der Vernunft und mit der zweiten unwiderstehlichen Stimme. Damit ihr bei eurer Vernunft bleibt, m?sst ihr schon besser verstehen, warum ihr dies oder jenes tut. Also, noch mal, warum geht ihr zur Schule?? ?Damit wir viel Wissen und eine gute Ausbildung bekommen.? ? machte sich die kleinere wieder schlau und zitierte t?chtig, was sie von Lehrern vielleicht schon mal geh?rt hatte. ?Schon besser. Aber warum braucht ihr dieses Wissen und diese Ausbildung?? ?Damit wir es besser in unserem Leben haben k?nnen.? ? musste die Kleine nun improvisieren. ?Ist das alles? Was antwortet ihr, wenn euch daraufhin die zweite Stimme bei eurem morgigen Kampf fl?stert: ?Ist das kein sch?nes Leben, jetzt unter der Decke im Bett zu bleiben, statt so fr?h auf die dunkle, frostige und verschneite Stra?e zu gehen?? Ihr seid dann wieder beim Trilemma angelangt: Was ist gut, was ist schlecht und was ist besser.? ?Wir antworten: ? Du hast recht!? und bleiben im Bett. Unser Papa kommt sowieso gleich und schmei?t uns raus aus den Federn.? ?Auch so handeln viele Menschen. Gerade diejenigen, die selbst von eigenen Handlungen nicht ?berzeugt sind. Sie delegieren die Verantwortung f?r diese Handlungen ? wenn sie schon die Handlung selbst nicht delegieren k?nnen ? an ihre N?chsten.? ?Papa, warum gehen wir denn zur Schule und warum brauchen wir all dieses Wissen?? ? gab die Kleine mit weiteren Improvisationen auf. ?Wie w?re es damit: Weil ihr darauf neugierig seid und dieses Wissen an m?glichst viele Menschen in eurer Umgebung, die es nicht haben, weitergeben wollt, um dadurch eure eigene Welt besser machen zu k?nnen. Denn das meiste B?se kommt ja durch das Unwissen!? ?Wow! Das ist aber hochgegriffen! Bist du sicher, dass uns das besser aus dem Bett bringt?? ?Die Neugier schon, denke ich. Ansonsten k?nnt ihr euch etwas Einfacheres einfallen lassen. Hauptsache: Ihr ?bernehmt die Verantwortung nicht nur f?r euch. Dann liegt die Entscheidung auch nicht nur bei euch und nicht nur an eurer pers?nlichen Bequemlichkeit. Es liegt dann auf der frostigen Strasse drau?en und dort m?sst ihr hin, wenn es euch auch eine Menge Willenskraft kostet. Dieser Wille kommt auch nur durch so hoch und ?berzeugend gesetzte und gut verstandene Pflicht!? ?Und wenn wir dann so gut ausgebildet sind, sind wir dann gute Menschen?? ?Das liegt auch an euch. Wenn ihr das wollt ? was ich sehr hoffe! ? hilft euch dieses Wissen nur, die Welt besser analysieren und besser verstehen zu k?nnen. Das hei?t, das Gute und das B?se besser zu unterscheiden und zu erkennen. Paradoxerweise habe ich jedoch unter gut ausgebildeten Menschen vielleicht mehr schlechte Menschen gesehen als unter einfachen und nicht so gut ausgebildeten, unter denen ich aufgewachsen bin und im Norden verkehre.? ?Vielleicht gehen wir dann lieber doch nicht zur Schule?? ?Ich habe ja gesagt, dass nur ihr und nicht eure Ausbildung ?ber das Gute und das B?se entscheidet. Die Intelligenz und Ausbildung dienen vielen nur daf?r, ihre Vorteile zu erkennen. Und diese Vorteile sind am schnellsten und am leichtesten an Teufels Seite zu gewinnen. Das beste Beispiel dazu ist der von Goethe beschriebene Doktor Faust.? ?Die ausgebildeten Menschen sind ja auch intelligente Menschen und du selbst sagst, dass es bei meisten Sachen viel von der Intelligenz abh?ngt.? ?Eine hohe Ausbildung spricht vielleicht allein wegen des Ausleseverfahrens daf?r, dass ein Mensch etwas Intelligenz besitzt, aber nicht daf?r, dass ein nicht ausgebildeter Mensch kein intelligenter Mensch ist. Der Unterschied zwischen den beiden Menschengruppen liegt nur im statistischen Bereich. Viele nicht ausgebildete, aber intelligente Menschen sind einfach nicht zu diesem Ausleseverfahren gekommen, weil sie es vielleicht nicht konnten oder es nicht wollten. Ihr Ausbilder ist dann ihr Leben, und ihr Diplom ist ihre Weisheit. Das beste Beispiel dazu ist mein Vater ? euer Opa.? ?Unser Opa war doch Maurer und geh?rte nicht zur Intelligenzija.? ?Wer hat hier ?ber Intelligenzija geredet?! Ihr verwechselt diesen Surrogatbegriff mit dem Begriff ?Intelligenz?.? ?Sie haben doch dieselben Wurzeln.? ?Der Begriff ?Intelligenzija? entsprach seiner Wurzel vielleicht fr?her in Russland. Aber als die Arbeiter und Matrosen an die Macht gekommen waren und russische Intelligenzija zu ihrem Klassenfeind erkl?rt und vernichtet hatten, verlor die Wurzel ihren Sinn und sogar der Begriff blieb nur noch als ein Schimpfwort. Sp?ter wurde zwar alles, was die Arbeiter und Matrosen gehasst, wogegen sie im B?rgerkrieg gek?mpft und was sie danach abgeschafft hatten ? wie Offiziersr?nge mit Schulterklappen und vieles mehr, von ihnen und nun f?r sich selbst wieder eingef?hrt. ? Noch ein Beweis daf?r, dass Menschen bei Aufst?nden, Revolutionen und Putschen meistens nicht f?r die Verbesserung von gesellschaftlichen Verh?ltnissen k?mpfen, sondern schlie?lich f?r die Umverteilung von R?ngen und Privilegien. Besonders diejenigen, welche diese menschlichen ?G?ter? beneiden, aber unf?hig sind diese auf normalen Wegen zu erringen und sie dann nur mit Gewalt an sich rei?en wollen. Zu diesen aufs Neue eingef?hrten Sachen geh?rt auch ?Intelligenzija?, die heutzutage nichts anderes bedeutet, als Zugeh?rigkeit zu der neuen Klasse von Kommunisten-Funktion?ren. Was hier f?r eine Auslese ist, dar?ber will ich gar nicht reden, geschweige denn dazu geh?ren. Redet ihr dar?ber auch nicht so viel dort drau?en.? ?Aber es gab schon immer intelligente Menschen, die doch f?r die Gerechtigkeit und eine bessere Weltordnung k?mpften oder wenigstens dar?ber philosophierten, davon tr?umten und sie zu verwirklichen versuchten, wie zum Beispiel die auch von dir hochgeachteten Dezembristen[15].? ?Nat?rlich gab es sie und es gibt sie immer noch. Diejenigen, die sich mit ihrem Verstand ganz ?berzeugt auf der Seite des Guten schlagen, in meinen Begriffen ausgedr?ckt. Sie geh?ren aber nicht zu der Intelligenzija, welche ihr kennt, sondern zu den Intellektuellen, welche die Menschheit immer weiterbringen. Ihre Ausbildung und sogar ihr Intelligenzquotient spielen dabei nicht so entscheidende Rolle. Es sind aber nur vielleicht f?nf Prozent der Bev?lkerung mit kleinen Unterschieden von Land zu Land.? ?Welche Rolle spielen dann die f?nfundneunzig Prozent anderer Menschen in diesem Kampf zwischen dem Guten und dem B?sen, ?ber den du redest?? ?Manche von diesen Anderen mischen sich in den Kampf gar nicht ein, weil sie sich entweder keinen Kopf dar?ber machen oder gar keinen daf?r haben, wobei man das Letztere diesen Menschen auch nicht ?bel nehmen darf. Bei denen bleibt der Kampf wenigstens unentschieden: Mal siegt Gott, mal der Teufel, denn die beiden Kr?fte sind gleich. Die Anderen k?mpfen auf Seite Gottes aus ihrem Glauben an Gott heraus, welchen sie mit der Muttermilch und durch die Kirche eingesaugt haben, wenn auch ohne eigenen Verstand und eigenen Willen.? ?Na wenn deiner Meinung nach der Menschenglaube an Gott immer noch nicht ausreicht, um das B?se zu besiegen, dann hilft auch weder Verstand noch der Wille.? ?Der Glaube allein reicht nicht aus und wird sogar missbraucht, indem Menschen zum Beispiel das B?se mit Gewissheit tun, dass sie es dann beichten, um die Vergebung beten und diese auch bekommen k?nnen. Am besten sollte man alles haben: Glauben, Verstand, Willen und vielleicht noch einiges mehr. So sind die Intellektuellen in ihrer Berufung durch ihren Glauben an das Gute, ihren Verstand, ihre Willenskraft und Gem?tskraft ausgezeichnet.? ?Was tun denn Willenskraft und Gem?tskraft zur Sache?? ?Oh! Mehr sogar als die Intelligenz an sich! F?r mich sind ebenso schlimm die sogenannten ?schwachen? Menschen, die genug Intelligenz aufweisen, um zu verstehen, worum es geht, und um das Gute zu erkennen, sowie gem?tskr?ftig genug sind, um sich sogar zum Guten zu bekennen, aber in ihrer angeblichen und von den anderen meistens verst?ndnisvoll akzeptierten Schw?che keine Willenskraft einbringen, den Kampf f?r das Gute zu f?hren. Diese Schwachen sind am schwierigsten zu erkennen. Sie scheinen in allem gut zu sein, aber in einem kritischen Moment, wenn der Kampf naht, weichen sie ihm aus und lassen dabei alle ? sogar ihre besten Freunde und ihre N?chsten ? fallen.? ?Was man nicht hat, hat man eben nicht. Du sagst doch immer, wenn es einem an Intelligenz fehlt, kann man ihm daf?r keine Schuld geben oder es ihm ?bel nehmen. Warum beurteilst du dann so hart die Schwachen, denen es am Willen fehlt?? ?Weil die Willenskraft im Gegensatz zur Intelligenz keine eingeborene Eigenschaft ist und genauso wie die Muskelkraft von jedem trainiert werden kann. Deswegen akzeptiere ich die Menschen nicht, die zu faul sind ihren Willen zu trainieren und sich lieber hinter ihren Schw?chen, aber auch hinter den willensstarken Menschen verstecken.? ?Mit welchen ?Gewichten? trainiert man denn den ?Willensmuskel??? ?Nicht mit Gewichten, wohl aber mit Selbstbelastungen wie zum Beispiel sich selbst aus dem warmen Bett rauszuschmei?en und das nicht den Eltern zu ?berlassen, wenn wir schon bei diesem Thema sind. Es w?re noch besser sich gleich darauf noch unter die kalte Dusche zu stecken.? ?Das ist aber hart!? ?Je h?rte das Training, desto eiserner ist dein Wille, und umso weniger Menschen machen dieses Training.? ?Wo ist dann die f?hrende Rolle von Intellektuellen f?r diese f?nfundneunzig Prozent, die auch noch selbst ihren Willen so hart trainieren m?ssen? Sie bleiben doch eher auf sich selbst gestellt und bauen schlie?lich ihren eigenen Mist?? ?Ich habe gesagt, dass die Intellektuellen ihre Gesellschaft weiterbringen, und nicht gesagt, dass sie welche f?hren. Leider ist es in der Geschichte noch nie passiert, dass eine vor allem demokratische Gesellschaft von ihren Intellektuellen gef?hrt wurde. Sie sind vielleicht zu individuell, um sich untereinander zu verst?ndigen, zu einigen und die F?hrung zu ?bernehmen. Au?erdem sind sie nicht machts?chtig, was jeden F?hrer und die meisten Politiker auszeichnet. Ihre Macht besteht darin, die allgemeinsten Fragen der Menschheit, vor denen normale Menschen Angst haben und machtlos sind, zu ?bernehmen und nach Antworten zu suchen. Und ihr Gedankengut bildet dann das Gedankengut und das Kulturgut der ganzen Menschheit und steht jedem Menschen zur Verf?gung. Das ist ihre Rolle. Sie k?mmern sich nicht einmal darum, ob Menschen dieses Gedankengut verstehen und davon Gebrauch machen.? ?Was Gut hei?t und gut ist, das wird meinetwegen auch gebraucht! Warum sollen sie sich auch noch darum k?mmern?? ? dachte die ?ltere Tochter gr?ndlich wie immer mit. ?Es ist f?r Menschen schwer, das pers?nlich zu gebrauchen, was f?r alle als ein Gut erkl?rt wird und allen geh?rt. Jeder sucht danach, was f?r ihn pers?nlich gut ist. An dieser Stelle treten dann ihre F?hrer, welche besser zu wissen behaupten, was f?r jeden Einzelnen gut sei, wo es zu finden sei und schlie?lich was das Gute und das B?se seien. Diese politischen F?hrer verf?hren somit die f?nfundneunzig Prozent bildenden Arten ? die Dummen, die Frommen und die Schwachen, die nur darauf warten und die Verantwortung f?r diesen Kampf zwischen dem Guten und dem B?sen viel zu gern auf die F?hrer aller Art delegieren, ? und missbrauchen diese. Die Menschen werden in Kriege gef?hrt, zum gegenseitigen T?ten und anderen Verbrechen gebracht.? ?Das kann doch jeder merken, der den Krieg nicht will und zu keinem Verbrecher werden will, und dann aufh?ren mitzumachen.? ?Wenn manche es merken, dann ist es meistens zu sp?t. Die Anderen wollen das nicht merken, ertr?umen immer noch etwas Gutes f?r sich daraus und sind fest davon ?berzeugt, dass das B?se sie pers?nlich nicht trifft, nur die Anderen. Dieselbe zweite Stimme fl?stert ihnen das zu, und sie lassen sich von ihr ?berzeugen.? ?Dass man nicht aus dem Bett muss und ruhig im Bett bleiben darf?? ?So ?hnlich und so einfach ist das! Trotz allen komplexen Dingen, die ich euch hier vorgetragen habe. Dieser Kampf zwischen dem Guten und dem B?sen ist ein f?r jeden Menschen pers?nlicher Gewissenskampf. Dieser findet selten auf der offenen Weltb?hne mit ruhmreichen Siegen und besch?menden Niederlagen statt. Er ist allgegenw?rtig ? in unseren allt?glichen Verh?ltnissen untereinander. Nur so werden diese Verh?ltnisse von Menschen geschaffen, und so dreht sich die Menschenwelt seit Jahrtausenden in diesem Teufelskreis. In diesem Kampf gibt es keinen endg?ltigen ewigen Sieg, denn sowohl Gott als auch der Teufel sind unsterblich. Der Kampf wird jeden Tag aufs Neue entschieden. So hat jeder Mensch auch eine Chance zu einem guten Menschen zu werden, wenn er das will und willig ist, daf?r zu k?mpfen.? ?Schon wieder typisch deine widerspr?chliche Art!? ? regte sich die ?ltere Tochter auf ? ?Du erkl?rst alles, wie man gute Menschen von den Schlechten unterscheidet und einen B?sen erkennt, und machst dann mit einem Satz alles zunichte, wenn du behauptest, dass es im Grunde genommen gar keine B?sen gibt und jeder seine Chance hat, ein guter Mensch zu werden. Wie kann ich dann deine Philosophie mir zu Nutzen machen, um ?ber meine Mitmenschen besser urteilen zu k?nnen?? ?Ich bin ja kein Wahrsager! Der Wahrheit kann man sich nur n?hern, und zwar gerade durch solche Widerspr?che. Ich versuche nur das Ganze mit euch zusammen zu ?berlegen. Jedenfalls, es geht mehr darum, wozu du dich selbst entscheidest und bekennst ? zum Guten oder zum B?sen ? und nicht darum, wie du die Anderen richtest und verurteilst. Es ist besser und nicht so frustrierend f?r dich davon auszugehen, dass jeder Mensch an sich ein guter Mensch sei.? ?Jesus Christus ging auch davon aus und endete bekanntlich am Kreuz, von einem guten, ihm am n?chsten stehenden Menschen verraten.? ?Es passiert immer wieder! Und trotzdem ist es f?r dich besser davon auszugehen. F?r dich sollte es bei der Frage ?Sind Menschen gut oder schlecht?? nur um dich gehen. ?berlass die Anderen ihnen selbst. Keiner von ihnen muss einem Anderen au?er sich selbst beweisen, wie er ist, und was er ist.? ?Trotzdem h?tte ich gerne gewusst ? am besten mit Prozentangaben ? wie viele Menschen um mich herum gut und wie viele schlecht sind.? ?So eine statische Gewissheit schaffst du f?r dich nie, weil euer dynamisches gesellschaftliches Miteinander ? eure gegenseitigen Verh?ltnisse ? auch das ist, was Menschen schlecht machen kann und deine Prozentrechnung beeinflusst. Demzufolge bist du, wenn du dich auch zu den Guten z?hlst, auch f?r das B?se in deinem N?chsten verantwortlich.? ?Was ist das denn f?r ein Quatsch!?? ?Aber nat?rlich! Gerade dann, wenn du gut bist und sich besser als die anderen Mitmenschen zeigst, reicht es schon diese Anderen in ihrem Neid zu den B?sen zu machen.? ?Dann sind sie auch in meinem Schlechtprozentsatz.? ?Woher willst du dir das Recht nehmen, wenn sich sogar einer als ein schlechter Mensch vor dir erweist, ihn gleich zu verurteilen und zu bestrafen. Du kannst nur die Urteile f?llen und die Entscheidungen treffen, die ausschlie?lich dich betreffen. Zum Beispiel einen Schlechten innerlich zu verachten, Abstand von ihm zu nehmen, ihn zu vergessen, mit ihm nichts mehr zu tun zu haben und so weiter. Also, es gibt immer noch ausreichend Gegenma?nahmen. Wenn du ein guter Mensch bist, und der Schlechte das wei?, w?re dies eine gen?gende Strafe f?r ihn.? Mit dieser Einstellung ging der Vater auch selbst auf die Menschen zu. Mit einer Unschuldklausel f?r alle, die er selbst ? von seiner ?schuldigen? Geburt angefangen ? noch nie genoss und deswegen sehns?chtig wusste, wie wichtig sie sei. Eine ziemlich heikle Vorgehensweise eines nach Prinzipien s?chtigen Menschen unter normalen Menschen muss man dazu sagen! Den Vater verletzte es manchmal so sehr, wenn seine Offenheit von manchen ausgenutzt worden war, dass er so einem Manchen eins auf der Stelle verpassen konnte. Er flippte umso mehr aus, je mehr Vertrauen er davor diesem Menschen schenkte. Der Vater war kein Heiliger und beanspruchte auch nicht Einer zu sein. Er verstie? damit widerspr?chlich, wie er diskutierte und in seiner Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit lebte, gegen seine eigene Religion, die sich vielleicht nur in einem von dem offiziellen christlichen Glauben unterschied: Er konnte nirgendwo und von keinem seine Absolution erteilt bekommen oder einfach kaufen, wie es bei der katholischen Kirche durch ihre Handlung mit den Indulgenzen fr?her m?glich gewesen war und durch den Gang zum Beichtstuhl bis heute noch m?glich ist, wobei die Beichtpriester selbst im Voraus s?ndenlos sind oder sich selbst von eigenen S?nden lossprechen. Der Vater musste dagegen danach schon in sich selbst suchen, diese Absolution bei sich selbst ersuchen sowie mit sich selbst zurecht und ins Reine kommen und seinen Frieden schlie?en, ohne sich von Irgendetwas im Voraus loszusprechen. Kaufen oder erbeten gab es hier nichts! Erst sp?ter konnte er dar?ber philosophieren, er f?hlte sich dann f?r sein Verhalten schuldig und litt unter dieser Schuld. Die Schuld des Verursachers ?berlie? er dem Verursacher. Er stand f?r seine Schulden und S?nden immer gerade und suchte weder nach Schuldigen unter den Anderen, noch nach Entschuldigungen f?r sich bei den Anderen. * Wie man zu einem anst?ndigen Menschen aufw?chst oder ?ber die Reize von gro?en Gesellschaften und die Angst vor EinsamkeitTrotz all seiner widerspr?chlichen Einstellungen zu allem Gesellschaftlichen und seiner Neigung zum Alleingang mochte der Vater in seinem tieferen Inneren gro?e Gesellschaften und suchte danach. Er, als der Kleine, war in einer gro?en Familie unter vier ?lteren Geschwistern in einem immer eng gewesenen Raum aufgewachsen. Es hatte ihm ? vielleicht dem einzigen in der Familie ? sehr gut gefallen, weil er nie eine Langeweile gekannt hatte. Der ?lteste Bruder war zehn Jahre ?lter als der Kleine, ging fr?h ? mit f?nfzehn ? arbeiten und hatte mit dem Kleinen wenig zu tun. Die zwei anderen aber bildeten mit ihm zusammen ihre Br?derspielbande und waren seine dicken Freunde. Der ?lteste unter ihnen, der im Krieg geborene, war ihr Anf?hrer in allen Sachen, und er war sehr einfallsreich. Er bastelte die besten Waffen aus Holz: Pistolen, Piratens?bel, B?gen, Schleuder und einiges mehr, was sogar mit Z?ndholzkuppen und selbstgemachten Bleikugeln richtig schie?en konnte. Sie bauten Laubh?tten irgendwo im Walde und spielten Freisch?rler, die gegen alle m?glichen Feinde zu k?mpfen hatten. Dieser Bruder blieb f?r den Kleinen noch lange ein Vorbild. Er hatte ihn sehr lieb und wollte nat?rlich auch von ihm geliebt werden. Als ?der Kleine? genoss er sowieso allseitige Liebe in der Familie, aber in der Gebr?derbande war es nicht so einfach. Bei aller Liebe musste die Anerkennung noch verdient werden. Sogar andersrum, der Kleine war solange geduldet worden, bis er auf die eine oder andere Weise ausrutschte. Und dies war nicht leicht, und es war hart. Ein Menschenkind ist noch rein und lernt erst sp?ter, dass es manche Sachen gibt, die geheim gehalten werden m?ssen, weil sie regelwidrig sind. Vor allem nat?rlich die Geheimnisse der Anderen, nach denen man aus diesen Gr?nden auch nicht unbedingt streben sollte. So passierte es dem Kleinen w?hrend dieses Lernens hin und wieder, dass er gerne und offen den Eltern erz?hlte, was er gerade unter Br?dern mitgeh?rt oder auch mitgemacht hatte. Ohne jede Absicht! Nur so, weil er es vielleicht lustig fand und seine Eltern auch mal damit belustigen wollte. Stattdessen erlebte er eine nicht mehr lustige Katastrophe! Er wurde auf der Stelle von Br?dern verachtet und zu einem Denunzianten abgestempelt, ohne genau zu wissen, was das schreckliche Word bedeutete. Aber so lernte er auch dadurch, dass es nichts Schlimmeres im Leben unter den Menschen gibt, als einander zu denunzieren. Nicht weniger lehrkr?ftig war auch sonstiges Zusammenleben. Die Familie a? meistens aus einem auf den Tisch gestellten Topf, aus einer Sch?ssel oder aus einer Pfanne. Da konnte dem Kleinen schon mal ein ebenfalls kindereigener Fehler unterlaufen, und er fischte ungewollt das beste St?ck f?r sich irgendwo am fremden Rand der Pfanne heraus. Nichts blieb ungemerkt! Er wurde von seinen Mitessern an der Stelle erwischt und ziemlich sarkastisch und brutal ausgelacht. So kommt man schnell dazu, am besten das schlechteste St?ck f?r sich zu beanspruchen, damit bei den Mitmenschen ?berhaupt kein schlimmer Verdacht aufkommt. All diese nat?rlichen Erziehungsma?nahmen kriegten aber den Kleinen nicht unter, denn er versp?rte gleichzeitig echte Liebe zu ihm von allen in der Familie. Das machte den Unterschied zu Knastbr?dern oder Milit?rkameraden, wo ?hnliche Erziehungsverh?ltnisse eine Pers?nlichkeit brechen und vernichten k?nnen. Der Kleine hatte immer eine Chance, alles wieder gutzumachen und die Liebe der Anderen zur?ckzugewinnen. Anders war es drau?en in der bunten und sehr einfachen Gesellschaft, wo das, was man gerade sah, auch gleich zur Sprache gebracht wurde. Nachdem der Kleine sein Auge verloren hatte, bekam er diese Menscheneinf?ltigkeit schmerzhaft zu sp?ren. Er erhielt treffende Spitznamen, mit denen er dann sogar gutm?tig, geschweige denn im Zorn angebr?llt wurde. Und nicht nur von Kindern, deren reine Unbedachtheit ihre bekannte Brutalit?t verursacht, sondern auch von Erwachsenen, die nicht so kinderrein waren und selbst viele Schmerzen in ihrem Leben erlitten haben sollten. Es schmerzte und kr?nkte die kleine Seele des Kleinen und ?berlastete seinen noch nicht abgeh?rteten Verstand. Aber auch das kam dem Kleinen zugute und er war sogar dann sehr einf?hlsam, wenn er einem Baum einen Ast f?r seine Waffen abschneiden musste. Die harte Lehre fruchtete schlie?lich, und daraus erwuchs ein einf?hlsamer, wenn auch sehr abgeh?rteter, zur?ckhaltender und anspruchsloser Mann, welcher einen gro?en Wert auf seine Aufrichtigkeit legte, was er sp?ter nicht gerade von seinen Br?dern behaupten konnte. Aber auch dies geh?rt zu Weisheiten der Menschenwelt: Ein guter Lehrling muss besser als sein Lehrer werden, sonst g?be es keinen Fortschritt unter den Menschen. Mit der Zeit war es mit dem Spa? vorbei. Alle Geschwister gingen aus dem Elternhaus fort. Auf einen Schlag blieb der Kleine allein mit seinen alten Eltern, die bereits ?ber vierzig gewesen waren, als sie ihn in die Welt gesetzt hatten. Dem Kleinen bekam es schlecht, und er wurde dadurch krank in der Seele. Jeden Abend bis in die Nacht hinein verfolgten ihn Szenen, wie seine alten Eltern sterben w?rden und er ganz allein auf der ganzen Welt bliebe. Auf diesem H?hepunkt seiner traurigen Phantasien angekommen, begann er mitten in der Nacht zu heulen. Die Mutter oder der Vater mussten zu ihm ins Bett kommen, ihn an seinen Haaren streicheln und ihn beruhigen, bis sein Heulen ins Seufzen ?berging und er schlie?lich einschlief. Der Kleine war zu dieser Zeit vierzehn Jahre alt. Zus?tzlich erdr?ckte ihn w?hrenddessen die Aussicht im n?chsten Jahr ebenfalls von den Eltern fortgehen zu m?ssen ? seine Dorfschule bot ihm nur acht Klassen. Um weiter zu kommen, musste man in eine gr??ere Mittelschule gehen, die in einem anderen, zehn Kilometer entfernten Dorf war. Dies bedeutete, einen Unterschlupf f?r die n?chsten zwei Jahre entweder in einem Schulinternat oder, falls es dort keinen Platz f?r ihn g?be, bei einer der vielen durch den Krieg und Stalins S?uberungen verwitweten Greisin unter den Einwohnern dieses anderen Dorfes zu suchen. Als er jedoch in einem Jahr ins Internat ging, fand er dort eine lustige Gesellschaft von zehn Mitsch?lern im verschiedenen Alter in einem ebenfalls engen Raum vor und somit auch seine endg?ltige Genesung wieder. Nach der Schule ging er zu Uni und wohnte in verschiedenen Studentenheimen, wo immer eine Menge Kommilitonen um ihn herum waren, darunter auch viele echte Kumpels. In jeder M?nnergesellschaft kam er schnell und gut an: Die Br?derlehre war nicht umsonst gewesen. Nur noch ein Mal erlebte er etwas ?hnliches wie vor sieben Jahren, als seine Studienzeit zu Ende neigte, und er sich mit einer vergleichbaren Panik vorzustellen versuchte, wie er dann au?erhalb seines Studentenheimes wieder allein ? ohne seine Kumpels ? leben sollte. Dann kam aber die Heirat und somit seine eigene Familie zustande. Diese Familie gab ihm das Gef?hl endlich nie mehr allein bleiben zu m?ssen. Mehrere seiner Kommilitonen aus der Studentenzeit blieben ihm auch weiter erhalten und arbeiteten im selben Institut. Echte Kumpels von seinen Kommilitonen f?llten Jahr f?r Jahr in verschiedenen Konstellationen seine Kalymbrigaden. Mit der Zeit blieb dabei nur Einer ? sein bester Kamerad und Partner. Wenn sie zusammen nach Norden fuhren, durften zwei oder drei Andere ? egal von welcher Sorte ? mitfahren: Es konnte dann nichts mehr schief gehen. * Die M?nnerkameradschaft oder ?ber die Volksmund-Weisheiten und den Preis eines Haufens Salz und eines FreundesDie M?nnerkameradschaft hatte dabei bei dem Vater einen besonders hohen Stellenwert. Er geh?rte seinen Freunden mit Leib und Seele und formulierte es in seiner Familie, um ihr Verst?ndnis zu gewinnen und Konflikte zu vermeiden, folgenderma?en: ?Ich gebe meinen Freunden das Recht ?ber mich zu verf?gen und mich jederzeit in Anspruch zu nehmen, wenn es sein muss: Wenn jemand von ihnen eine Krise hat oder ein ernsthaftes Problem bekommt und meine Hilfe ben?tigt.? Es gibt ein russisches Sprichwort: ?Besitze nicht hundert Rubel, besitze lieber hundert Freunde.? ? worin sich eine pragmatische Volksschlauheit verstecken soll, die aufs Ausnutzen von Freunden hindeutet. Derartige Volksmund-Weisheiten mochte der Vater nicht besonders und pflegte sie bei Gelegenheit zu widerlegen: ?Ich kann gar nicht hundert Freunde besitzen, denn jedem Freund gebe ich ein St?ck meiner Seele! Und so eine gro?e Seele, die sich durch hundert h?tte teilen lassen, besitze ich nun auch wieder nicht.? Einem anderen russischen Sprichwort: ?Man muss schon mit einem Menschen haufenweise Salz zusammengegessen haben, um ihn kennen zu lernen?, das auf eine lange Zeit hindeutet, die man daf?r braucht, erwiderte der Vater, bezogen auf seine eigenen Menschenkenntnisse und eigene Vorgehensweise in dieser Sache: ?Um einen Menschen kennen zu lernen, soll man am besten aus seinen Urquellen trinken, gleichzeitig den Durst von sinnlos zusammengefressenen Mengen Salz l?schend.? Woher ein Mensch kommt, und unter welchen Umst?nden er aufw?chst, pr?gt ihn f?r sein ganzes Leben, dies war Vaters ?berzeugung dabei. Er sp?rte immer den Kleinen in sich und kam immer auf den Kleinen zur?ck, wenn er sich selbst manchmal nicht verstand. Mit seinem Freundschaftskonzept war der Vater allerdings schon wieder widerspr?chlich. Er half seinen Freunden sofort, ohne jede Ausrede und nach ihrem ersten Abruf, sodass es manchmal auch ein merkw?rdiges Ausma? annahm. Es war bei meisten Kollegen ? wie bei dem Vater auch ? ?blich einen Rubel von zu Hause f?r die Mahlzeit in einer Kantine in der Tasche zu haben. Eines Mittags wollte der Vater bereits losgehen, um seinen Rubel zu verzehren, als sein Freund und Kollege zu ihm mit der Frage hereinst?rmte: ?Hast du einen Rubel? Ich habe heute meinen vergessen.? Es w?re eine L?ge dem Freund zu sagen, dass er keinen hatte. Deswegen holte er seinen Rubel aus der Tasche, um dem Freund zu zeigen und ihm klarzumachen, dass er nur einen ? n?mlich den f?r sein eigenes Mittagessen ? dabei hatte. Er begann gerade das zu erkl?ren, als der Freund bereits nach seinem Rubel griff und weg war. Der Vater l?chelte nur und blieb f?r diesen Tag ohne Mittagessen. Selbst bat er um Hilfe sehr ungern und besonders bei denjenigen nicht, denen er schon mal geholfen hatte. Nach seiner Logik w?re es f?r diese Freunde als seine Forderung nach ihrer Gegenleistung oder nach einer Abbezahlung zu verstehen, was seinetwegen unter Freunden unvorstellbar sei. * Die verlorenen Wahlen oder dar?ber, wozu vier Demokratiearten gut sindNun kam also der Vater mit seinem Verstand von der Demokratie und von allen anderen Dingen sowie mit seinen Menschenkenntnissen schnell durch die kaum demokratischen oder halbdemokratischen Direktorwahlen mit vier demokratischen Gegenkandidaten auf genaue prozentuelle Zusammensetzung von denjenigen, die ihn bek?mpfen, und denjenigen, f?r die er die M?rtyrerrolle spielen sollte. F?r den alten Direktor stimmte die verschwiegene, in Warteschlangen stehende Mehrheit von sechzig Prozent. Keiner von denen war auf der Rednerb?hne, um ein Wort dar?ber zu verlieren, wieso er f?r den Konservatismus-Stalinismus abstimmt. Gerade das war f?r den Vater schmerzlich vernichtend. Er sah sich pl?tzlich als ein Clown, der zwar unterhaltsam sein mag, aber sich auf eine falsche Versammlung verirrte. ? Der Versammlung ging es nicht um eine Unterhaltung, sondern um eine Routinesache, die einfach schnell und grob zu entscheiden w?re. Die Demokraten teilten ? wie ?blich ? die restlichen vierzig Prozent unter sich. Auch bei denen verstand der Vater pl?tzlich, nachdem ihm seine flammende Naivit?t gerade so brutal abgeschlagen worden war und er wieder kalt und eisernlogisch die Tatsachen wahrzunehmen und zu analysieren wusste, dass auch diesen Kandidaten jegliche demokratischen Ver?nderungen im Grunde genommen schei?egal gewesen waren. Sie ergriffen nur ihre Chance, die Macht zu eigenen Gunsten an sich zu rei?en. F?r diese Demokraten kam so ein Clown wie er mit seinem ?berzeugt demokratischen Gequassel sehr gelegen. Auch diejenigen, die diese Demokraten gew?hlt hatten, waren meistens ihre Untertanen-Mitarbeiter, welche dadurch eine f?r sie g?nstigere Umverteilung von Schlangenpl?tzen f?r sich selbst erhofft hatten. Deswegen waren vier Demokratiearten zur Wahl gestellt worden, und jede Art fand ihre Stimmen, deren Anzahl verdammt nah an die Anzahl von Mitarbeitern in den Laboratorien oder Abteilungen von entsprechenden Kandidaten lag. Trotz diesen schmerzhaften Erkenntnissen gab der Vater doch nicht gleich nach den Wahlen im Institut und nach dem von ihm durch deren Ergebnisse erlebten Schock auf. Er versuchte zun?chst seinen Kampf ?ber die Grenzen seines Instituts hinaus auszuweiten. Er schrieb seine Analyse der Situation im Institut und dieser Wahlergebnisse in einem Zeitungsartikel nieder, in welchem er diese Analyse in seinen Schlussfolgerungen immer wieder auf die Situation im ganzen Lande verallgemeinerte, und schickte diesen Artikel an die h?usliche Regionalzeitung. Was er dabei f?r einen Dreck erlebte, war noch dreckiger als die Wahlen im Institut an sich und so primitiv, dass er dar?ber trotz aller Beleidigungen und Entt?uschungen sogar lachen konnte. Sein Galgenlachen verfasste er wiederum in einem anderen Artikel, welcher nun an die als progressiv geltende, zentralsowjetische ?Literaturzeitung? als folgendes Pamphlet ging: * ?Die Beichte eines kranken Menschen oder dar?ber, wodurch Schizophrenie kommtBei mir hat sich w?hrend f?nfzehn Jahre meines wissenschaftlichen Arbeitslebens eine grassierende Berufskrankheit entwickelt. Unter dem einfachen Volk wird sie als Vernunft bezeichnet und erfolgreich bek?mpft. Umso erfolgreicher, dass sie nicht ansteckend ist. Bei mir offenbart sie sich daran, dass jedes exbeliebiges Objekt, dem mein Augenmerk auch gelegentlich und sogar zuf?llig gilt, automatisch und sofort einer logischen Analyse und Synthese in meinem Kopf unterworfen wird. Dieses Instrumentarium wurde in einem langj?hrigen Ausbildungsverfahren bei mir installiert, ich habe es geeignet und verdiene sogar mein t?gliches Brot damit, wenn ich es in der Wissenschaft anwende. Wenn ich dieses aber im allt?glichen Leben anwende, dann ist es schon eine Krankheit. Davon ?berzeuge ich mich in jedem Lebensmittelladen, in jedem Amt und sogar in jeder Nichtforschungsabteilung unseres Forschungsinstituts. Sie sagen mir auch so direkt: ?Bist du krank oder was??, wenn ich zum Beispiel in einen leeren Fleischladen hineinmarschiere und mit meiner kranken Logik nach Fleisch frage. Dies alles hatte aber mit mir noch in meinen jungen Wissenschaftlerzeiten begonnen, durch die Kondukteure im ?ffentlichen Verkehr verursacht. Diese hatten es sich zur Hauptaufgabe gemacht jeden Fahrgast auseinander zu nehmen, zu beschimpfen und zu erniedrigen, ehe er noch im ewig herrschenden Gedr?nge h?tte dazu kommen k?nnen seine M?nzen aus der Hosentasche, und zwar aus der Eigenen, zu holen und ein Ticket bei ihnen zu kaufen. Nach ein paar sinnlosen, daf?r aber sehr schmerzhaften Versuchen mich bei den Kondukteuren nach der Logik ihres Verhaltens zu erkundigen und ihnen meine grundlegende Unschuldklausel aufzutischen, wollte ich schon damals im Eifer mit der Wissenschaft aufh?ren und zur Hauswartschaft wechseln. Zum Gl?ck wurden bald ?berall im ?ffentlichen Verkehr Kassen und Entwerter eingef?hrt, die diese Kondukteure ersetzt haben. Seitdem ? ich gebe es zu ? streichele ich, von anderen Fahrg?sten ungemerkt, das eiserne Maul dieser untersch?tzten menschlichen Erfindung immer dann, wenn ich meinen Fahrschein zum Entwerten hineinstecke. ? Nur so, zum Andenken an meinen damaligen eifrigen jugendlichen Impuls. Ermuntert durch dieses L?cheln des Schicksals, war ich doch bei der Wissenschaft geblieben. Seitdem entwickelte ich aber auch ein strategisches Abwehrsystem: Alle ?mter hatte ich zu einem Minimum reduziert, das ihr Maximum ohne Verlust der allgemeinen Lebensf?higkeit nur erm?glicht. Weil es sehr schwierig war, den Konsum von Waren unter das Minimum zu bringen, das in L?den ohnehin angeboten wird, konzentrierte ich nunmehr darauf meine Kraft und meine ? inzwischen mittleren Alters ? Gesundheit, die ich bis heute noch aus ?berlegungen ihrer Bewahrung in medizinischen Institutionen nicht aufzutanken wage. Am einfachsten war es mit dem Pressekonsum. Ich hatte die Presse durch meine Willenskraft aus meinem Aufmerksamkeitsfeld ausgeschaltet und das Syndrom der Bewusstseinsspaltung ? das Hauptsyndrom meiner Berufskrankheit ? nahm schnell ab. So ging es einigerma?en, wenn man von internen Problemen absieht, wo meine Frau durch meine Berufskrankheit mehr als ich leidet, aber dann passierte es. In die letzte Zeit versuchen alle ?ber meine Berufskrankheit Bescheid wissenden Freunde mich zu ?berzeugen, dass die Presse heutzutage ganz anders geworden sei! Dass diese jetzt Menschen sogar zu ganzen Pers?nlichkeiten zu verhelfen versuche, statt ihr Menschenbewusstsein wie fr?her zu spalten. Ich ? ein in komplexen Lebenssachen erfahrener und mit meinem Abwehrsystem ausger?steter Mensch, auch noch ein Schlaumann in Sachen ?Analyse-Synthese? ? habe es mir hin und her ?berlegt und entschieden keinem etwas aufs Wort zu glauben, die ganze Presse von mir nach wie vor fernzuhalten und nur unsere heimische Regionalzeitung zu testen. Ich muss zugeben, ohne sie besonders gelitten zu haben, denn dort drin wird doch das Fernsehprogramm f?r die ganze Woche ver?ffentlicht. Und ohne dieses Programm ist es bei meinem Abwehrsystem ganz schlimm: Ich hatte mich ja damals entschlossen auch im Fernsehen nur Thriller und Krimis zu konsumieren, was sich ohne das Fernsehprogramm als fast unm?glich erwies. Du schaltest den Fernseher zur falschen Zeit ein, erwischst das falsche Programm und schon bist du gespalten. Es ist noch schlimmer, wenn du versuchst das Fernsehprogramm aus dem Radio abzuh?ren: Gleich bist du wieder gespalten und sogar total zersplittert. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe mich entschieden mein Instrumentarium auf irgendeine Frage von nebenan anzuwenden, und die Ergebnisse meiner Analyse unserer Zeitung zuzuschieben. Weiter w?re mein Plan klar: H?re ich wieder ?Bist du krank oder was?? ? bleibt alles bei mir weiter wie gehabt. O weh! O weh! Das Leben hat mir gezeigt, wie sich meine Vorstellungen w?hrend der langen Nutzung meines Abwehrsystems vereinfacht haben. Eine Zeitung ist kein Lebensmittelladen: Die ist eine riesige Futterfabrik, wo man appetitliche Br?tchen und Kuchen auftischt, die im Rausch und im stickigen Qualm der K?chenatmosph?re von Drecksb?ckern daraus gebacken werden, was ihnen aus dem gesamten gesellschaftlichen M?llhaufen raufend rauszuholen gelingt. Die Frage zur Analyse ist prompt da, ein von der Akademie der Wissenschaften gegebener Demokratieunterricht in unserem Institut. Wir ? als Demokratiesch?ler ? sollten einen ganzen Arbeitstag lang zusammensitzen und von allen Seiten ?ber f?nf Kandidaten diskutieren, welche den Wunsch ge?u?ert hatten, zu unserem Direktor zu werden. Die Akademiemitglieder ? als Demokratielehrer ? sollten sich dann irgendwann zusammensetzen und unseren Direktor eigenh?ndig f?r uns w?hlen, damit wir es besser begreifen k?nnen, wie man so etwas ?berhaupt richtig macht. Gerade diese Nuance habe ich jedoch nicht analysieren wollen, weil ich unter dieser Beh?rde arbeite, und es passt mir nicht auch dort noch als ein Kranker zu gelten. Sie lassen mich dann weder eine Berufsunf?higkeitsrente kriegen ? so eine Berufskrankheit wie meine steht unerkl?rlicherweise nicht auf ihrer Liste ?, noch ?berhaupt weiter in der Wissenschaft t?tig sein. Es hat f?r meine Analyse schon das gereicht, was wir so alles w?hrend dieses Arbeitstages im Institut ausdiskutiert hatten. Als ich jedoch nach unserer Versammlung erfahren habe, dass ein Korrespondent dieser Zeitung dabei gewesen sein sollte, habe ich mir gedacht: ?Jetzt ist es aus! Freilich muss ich mir eine andere Frage f?r meinen Versuch aussuchen.? Dann habe ich doch die Redaktion angerufen und nach dem Artikel des Korrespondenten ?ber unsere Versammlung gefragt. Die Antwort lautete: ?Ihn gibt es noch nicht, und es ist noch ungewiss, ob es ihn geben wird.? Daraufhin habe ich ihnen meine Testvariante angeboten. Dort ? ohne mein hinterh?ltiges Vorhaben zu erkennen ? sagte mir man: ?Warum nicht! Bring? deinen Artikel her. Werden mal gucken.? Dadurch befl?gelt habe ich mich hingesetzt und folgenden Artikel geschrieben: * Wahlen-nicht-Wahlen oder ?ber die Politik der ruhigen Hand, die Futtertrognutzer, den Viehbestand und die Mechanisatoren vom RadwegDynamische Entwicklung der Akademiewissenschaft in unserer Stadt passiert vor dem Hintergrund eines noch dynamischeren Prozesses von sozialen, ?konomischen und politischen Ver?nderungen im ganzen Lande ? vor dem Hintergrund der Perestrojka. Ich h?tte gerne gesagt ?vor dem Hintergrund und im Fahrwasser der Perestrojka?, aber das ist eine prinzipielle Frage, und es bedarf einer ernsthaften Analyse so etwas sagen zu d?rfen. Nach so einer Analyse muss man auch noch den Zeitpunkt angeben, zu dem diese Analyse gemacht wurde, wie es sich beim Vergleich zweier dynamischer Prozesse geh?rt. So eine Analyse kann man am Beispiel der in unserem Forschungsinstitut gerade stattgefundenen Wahlen von ?auf den Direktorposten des Instituts zu empfehlenden Kandidaten? durchf?hren. So eine komplizierte Definition der zu analysierenden Situation bedeutet einfach, dass das Kollektiv des Instituts seine Kandidaten nur empfiehlt, indem dieses denen seine Vertrauensquoten ausspricht, w?hrend die Hauptversammlung der Akademiemitglieder dann das eigentliche W?hlen tut ? ?Wahlen-nicht-Wahlen? sozusagen. Das Institut ist hier in der Region durch die skandal?sen, in der Presse ver?ffentlichten Geschichten traurig bekannt geworden. Man kann sagen, ohne ins Detail zu gehen: Dies spricht daf?r, dass es viele interne Probleme gibt, die zu l?sen w?ren, aber nicht gel?st werden und sich dadurch immer weiter vertiefen und versch?rfen. Mit dieser Vorgeschichte ist das Kollektiv des Instituts zu diesen Wahlen-nicht-Wahlen gegangen, die ?ber zehn Stunden angedauert haben. Es ist ein Plebiszit gewesen. Eine Vollversammlung aller Mitarbeiter, die wie ein guter Roman ohne eindeutiges Finale geendet hat. Nur eins ist doch erreicht worden: Die Versammlung hat allen Beteiligten zu verstehen gegeben, dass die Institutsprobleme nicht an einzelnen Intrigen und nicht an der naturgem??en Inkompatibilit?t von Wissenschaftlern untereinander liegen. Dass diese viel komplizierter, viel tiefer und von viel gr??erem Ausma? sind. Diese Probleme spiegeln auch die Probleme unserer ganzen Wissenschaft und sogar die Probleme unserer Gesellschaft wider, deren L?sungsnotwendigkeit schlie?lich die Perestrojka ins Leben gerufen hatte. Diese Versammlung hat ein prozentuales Verh?ltnis zwischen zwei Kr?ften gezeigt. Eine wird von denjenigen vertreten, die eine Probleml?sung vor allem in der Ver?nderung von wirtschaftlichen Verh?ltnissen im Institut sehen und konkrete Konzepte und Programme daf?r vorschlagen. Zum Beispiel: Die Konsolidierung von vielf?ltigen, aber kaum miteinander zusammenwirkenden Forschungsthemen und F?rderung der Kreativit?t von Wissenschaftlern durch Gew?hrung ihrer Unabh?ngigkeit und Selbstst?ndigkeit, durch Entadministrierung ihrer Forschungsarbeit, durch Finanzierung auf der Wettbewerbsbasis nur von erfolgsversprechenden Themen und so weiter. Die andere Kraft ist dadurch zu charakterisieren, dass sich ihre Vertreter in einer dichten Abwehrstellung verbarrikadiert haben und die wachsenden Probleme hinter den aufgeblasenen Erfolgen nicht sehen wollen, oder diese Probleme zu einzelnen Intrigen herabzusetzen eifern ? die Politik der ruhigen Hand also. Nach dem Motto: Es gibt nichts zu l?sen, wenn keine Probleme zu erkennen sind. F?r so eine Position ist es nun zu gut bekannt und nat?rlich viele rosige und globale Perspektiven auszumahlen sowie laute Aufrufe und Parolen, statt konkreter Probleml?sungskonzepte und Entwicklungsprogramme anzubieten. Also, diese Wahlen-nicht-Wahlen sind doch zu Wahlen geworden. F?r die Perestrojka, Demokratisierung, Belebung von wirtschaftlichen und sozial-politischen Verh?ltnissen einerseits. Und gegen dies alles andererseits: F?r die Bewahrung der alten, abgelebten stalinistisch-administrativ-befehlenden Verwaltungsmethode mit ihrem Akzent nicht auf die F?higkeit ?konomisch zu denken und zu entscheiden, sondern auf die Durchsetzungskraft eines Administrators. Das Resultat zeigt, dass die zweite Kraft mit einem Stimmenverh?ltnis von sechzig zu vierzig Prozent gesiegt hat. Versuchen wir zu verstehen, wer und was hinter diesen Prozentzahlen stehen, und was die demokratischen Kandidaten in ihren Wahlk?mpfen zu ber?cksichtigen h?tten. In f?nf seit der Institutsgr?ndung vergangenen Jahren hat sich ein Kern von Mitarbeitern gebildet, welche vom Staat und von der Akademie einen ?Futtertrog? erhielten, mit Wohnungen, Laborfl?chen, Themenfinanzierungen und betr?chtlichen Geh?ltern gef?llt. Trotz der verst?ndlichen und objektiven Ursachen derartiger Bescherung wird diese immer als das Resultat der Durchsetzungskraft des Direktors von der Administration verkauft und von diesem Kern angenommen. Vielleicht spielte diese Kraft dabei auch eine Rolle, allerdings muss man dem dann auch ein ?Leider? hinzuf?gen, denn es demoralisiert Menschen nur und stimuliert keineswegs Effektivit?t ihrer Arbeit und ?konomisch vern?nftige Verh?ltnisse im Betrieb, wenn ihr Wohl nicht von ihrer Leistung, sondern von irgendwelcher ?bernat?rlichen Durchsetzungskraft des Betriebsleiters und der Gro?z?gigkeit des Staates abh?ngig ist. Der Hauptverdienst des durchsetzungskr?ftigen Direktors besteht dabei nur darin, dass er diese niemandem pers?nlich, sondern dem ganzen Institut zu seiner schnelleren Entwicklung zustehenden G?ter in den Futtertrog f?r diesen Kern verwandelt hat, welcher sich unter der ?gide und F?hrung vom Direktor befand und befindet. Dar?ber habe ich vor der Versammlung gesprochen und die Frage eines Leiters vom Kern an mich, woran ihre Privilegien konkret bestehen w?rden, ist offensichtlich eher von einer rhetorischen Bedeutung gewesen. Die Gr??e jedes Futtertrogs ist jedoch begrenzt, die Institutsgr??e stieg dagegen, dessen unbedacht, weiter an. Das Wachstum war und bleibt immer noch schnell und mehr quantitativ als qualitativ, ohne jede Auswahl von Spezialisten f?r eine konkrete, sich bereits etablierte oder auch vorgeplante Thematik, was an sich ganz vern?nftig gewesen w?re, und eine kontinuierliche Effektivit?tssteigerung der wissenschaftlichen Arbeit gew?hrleisten k?nnte. Dies entspr?che auch den Staatsinteressen und den dem Institut bevorstehenden Aufgaben. Dies h?tte jedoch gewisse Anstrengungen und viel Zeit gebraucht, was das formelle Gestaltungsstadium des Instituts in die L?nge gezogen h?tte und gar nicht im Interesse des Direktors l?ge. Er beansprucht ja unter den sich ergebenen Umst?nden die Rolle eines gro?en Wissenschaftsorganisators. Diese Rolle wird in unserem Staat ? ?leider? muss ich freilich wieder mal hinzuf?gen ? durch die Mitgliedschaft in der Akademie der Wissenschaften belohnt und ersetzt deswegen des ?fteren die Rolle eines einfach gro?en Wissenschaftlers, hinter dem keine gro?en Kollektive, sondern eine, wenn auch kleine, aber sich auf h?chstem Niveau etablierte Schule von guten Wissenschaftlern steht. In dieser Situation hat der Direktor den neuangeworbenen Mitarbeitern die seinem Vorhaben passende Rolle eines primitiven, pro Kopf gez?hlten ?Viehbestandes? zugeteilt. Es reichen ihnen weder Wohnungen noch Arbeitsfl?chen und Forschungsausr?stung mehr. ? Kein Platz am Futtertrog also! Nichts au?er ihrer nackten und meistens notd?rftigen Geh?lter, daf?r aber viele gro?z?gige Versprechungen des Direktors. Von ihnen wird auch nicht viel verlangt. Sie haben weder wissenschaftliche noch irgendeine andere Leistung zu bringen. Nichts, au?er der auf die Wissenschaftler seit eh und je von der Partei angesichts der Kolchosenmisere auferlegten Pflicht die landwirtschaftliche Saisonzwangsarbeit zu leisten. Es wird von denen nur ihre Loyalit?t zur Administration stillschweigend erwartet. Das hei?t, still zu sitzen, den ?Viehbestand? darzustellen und auf die notwendigen Lebensg?ter nun in regul?ren Warteschlangen zu warten. Die Zeit vergeht ja sowieso! Wie der Kern, so auch der Viehbestand ? obschon nat?rlich nicht alle von ihnen ? stellen diejenigen ?Mechanisatoren von der Wissenschaft? dar, welche nicht f?r ihre Leistungen, sondern f?r ihren ?Radweg? entgolten werden und dementsprechend jeglichen sozialen und ?konomischen Reformen genauso wie die alten Parteifunktion?re und Administratoren heftigen Widerstand leisten. Diese Widerstandskr?fte hat Gorbatschow den Medienfunktion?ren klar und deutlich bei ihrem Treffen definiert. Eine sehr rechtzeitige und angebrachte Definition! Denn wir ziehen zu Felde gegen die F?hrungskr?fte und vergessen dabei, dass der Administrationskader der beginnenden Demokratisierung keinen ernsthaften Widerstand ohne diese demoralisierte und ideologisch misshandelte Masse h?tte organisieren k?nnen. Nicht nur der Kader auf der Seite des Direktors, sondern auch sechzig Prozent von Wahlbeteiligten sind gegen x-beliebige Ver?nderungen in unserem Institut. Wer bestimmt aber die vierzig Prozent Stimmen f?r die demokratischen Kandidaten? Hier kann man zun?chst auf Denkschl?sse verzichten, denn diese Mitarbeiter haben offen sowohl im Wahlkampf als auch vor der Versammlung aufgetreten, w?hrend die sechzig Prozent stumm da gesessen haben. Nur ein Mal hat sich ein lautes Murren unter diesen Stummen im Saal verbreitet, als der Versammlungsvorsitzende nebenbei bemerkte, dass sich ein hochrangiges Akademiemitglied f?r einen unserer demokratischen Kandidaten ausgesprochen hatte. Sicherlich hat der Vorsitzende mit dieser Bemerkung eine Wahlprozedur-Fahrl?ssigkeit zugelassen, aber nun wirklich keine dieses Murren verdienende und die Wahl so grundlegend beeinflussende Fahrl?ssigkeit. Es hat bestimmt keinen von W?hlern mit Grunds?tzen irritiert. Es hat n?mlich nur diejenigen irritiert, welche ? sich um die Meinung ihres ?Futtertrogsleiters? herum versammelt ?eine Alternativmeinung eines h?her gestellten Leiters desselben Futtertrogs pl?tzlich erfuhren. Von welchen Grunds?tzen kann hier die Rede sein! Dieses Murren ?hnelt dem Klappern eines Windhahnes, welcher einem pl?tzlichen und scharfen Seitenwindstoss ausgesetzt wurde. Zu diesen vierzig Prozent geh?ren bestimmt Physiker-Theoretiker, welche man angesichts der Gr?ndungsgeschichte eher zum Kern z?hlen kann, deren professionelle Spezifik sie dann aber doch zu mehr Courage gebracht hat. Diese Spezifik l?sst eine Arbeit ohne Kreativit?t und unter den Bedingungen nicht dulden, bei denen Grundlagenforschungen vernachl?ssigt und kaputtadministriert werden. Vom Viehbestand z?hlen dazu eindeutig diejenigen ?Wilden?, die ins Institut als reife Wissenschaftler mit eigenen wissenschaftlichen Forschungsthemen und Forschungserfahrungen sowie mit einem zu ihrer Realisierung ausreichenden Potential gekommen sind und sich nicht ruhigstellen lassen. Nat?rlich sind diese mit der ihnen zugeteilten Rolle von Viehbestand nicht einverstanden und versuchen ihr Potential zu nutzen und ihre Themen in die Forschungsthematik des Instituts zu integrieren, deren Breite dies, von dem wissenschaftlichen Gesichtspunkt aus betrachtet, h?tte leicht machen lassen. Das ist aber von dem wissenschaftlichen Gesichtspunkt aus gesehen! Von dem allt?glich-pragmatischen Standpunkt aus h?tte es aber bedeutet den wilden Neulingen dadurch den Zugang zum Futtertrog zu gew?hren, das Ergreifen der Initiative und das Vertreiben von fr?heren Futtertrogsnutzern zu erm?glichen, was in Augen des Kerns schon gar nicht zul?ssig gewesen w?re. Diesen nicht nur in der Wissenschaft herrschenden Verh?ltnissen und dieser Logik zufolge sind keine wissenschaftlichen Seminare, keine Wissenschaftlerr?te f?hig ? und sie streben es auch nicht so sehr an ? die pers?nliche Meinung eines Zeptertr?gers am Futtertrog in einer oder in der anderen Forschungsrichtung zu bestreiten, durch die produktive Diskussion zu widerlegen und wom?glich eine neue und effektivere Richtung einzuschlagen. Tschernobyl ist die weltweite traurige Folge derartiger autorit?ren Verh?ltnisse, wenn man sich an die wissenschaftliche Vorgeschichte dieses Super-Gaus erinnert. Die Theoretiker und die ?Wilden? machen jedoch diese vierzig Prozent noch nicht aus. Die Mehrheit geh?rt hier ebenfalls einem Teil der Masse. Diese Tatsache tr?stet und macht etwas Hoffnung vor dem traurigen Hintergrund des im gro?en und ganzen trostlosen Resultats dieser merkw?rdigen Wahlen-nicht-Wahlen. Man will hoffen, dass sich unsere wissenschaftliche Jugend in diesem Massenanteil befindet, welche zur Zeit keine Chance zum wissenschaftlichen Aufstieg hat, die sich aber ihre kreative Kraft, Neugier und Forschungswut weder durch einen Futtertrog, noch durch die ihnen vom Direktor zugeteilte Rolle vom Viehbestand wegnehmen l?sst. Manche demokratische Alternativprogramme haben vor der Versammlung daf?r pl?diert diese kreative Kraft auszunutzen und sind nicht geh?rt worden. Wenn schon das ganze Land ? Gorbatschows Aufrufen nach ? vor der Notwendigkeit steht die Kreativit?t der Masse zu benutzen, ist es absurd und ein Irrenhaus schlechthin f?r oder gegen die Verwendung der Kreativit?t und Initiative von Wissenschaftlern in einem Akademieinstitut abzustimmen. Jetzt freuen sich wahrscheinlich diese vierzig Prozent von W?hlern dar?ber, dass es doch Wahlen-nicht-Wahlen und keine richtigen Wahlen gewesen sind, und die Hoffnung auf eine vern?nftige Entscheidung in der Akademie der Wissenschaften immer noch besteht. Die Hoffnung auf eine Entscheidung ?von oben? ? toll irre Demokratie! Gott bewahre uns davor, richtige Wahlen in unserer ganzen Gesellschaft durchzuf?hren, in der dieselben Futtertrogsverh?ltnisse sowohl f?r den ganzen Administrationskader als auch f?r die vom Radweg verdienenden Mechanisatoren gelten. Wenn das neue Wahlgesetz kommt, von dem Gorbatschow bei demselben Treffen mit den Medienfunktion?ren geredet hat, und welches uns die im Unterschied zu unseren Wahlen-nicht-Wahlen freien und demokratischen Wahlen verspricht, bleibt mir nach dem bei den Wissenschaftlern erlebten Demokratieversuch die Sorge, ob wir dann aus Dummheit und eigener Habsucht vielleicht doch eine reaktion?re Regierung nun freiwillig w?hlen, wie es vor kurzem in Chili passierte. Damit das nicht passiert, und damit es durch die Demokratisierung doch zum Fortschritt kommt, muss diese Demokratie sogar von Gelehrten-Wissenschaftlern noch gelernt werden, wie diese Erfahrung zeigt. Die Vorteile der Demokratie m?ssen von der Masse verstanden werden und f?r sie ?berzeugend sein. Die Demokratie bedarf eines Kampfes f?r Gehirne und Gem?te von Menschen der Masse, jedoch eines fairen und prinzipiellen Kampfes. Dieser Kampf hat in unserem Institut weder vor noch w?hrend der Versammlung stattgefunden. Umso mehr soll die Erfahrung dieser Wahlen und ihre Analyse den k?nftigen demokratischen K?mpfen nicht nur in unserem Institut, sondern auch im ganzen Lande dazu verhelfen mit der Demokratie behutsam und weise umzugehen und sie immer weiter zu lernen. Daf?r muss jede auch die kleinste und auch negative Demokratieerfahrung als ein Demokratiegut f?rs breite Publikum verallgemeinert und zug?nglich gemacht werden. * Die Fortsetzung der Beichte eines kranken Menschen oder ?ber die Massenmedien und die HauswartschaftIch lese den fertig gewordenen Artikel und denke mir: ?Ach du dickes Ei! Es riecht hier nicht mehr nach einfachem Testen einer Zeitung. Es stinkt hier nach etwas viel Schlimmeres. Es kann sogar so kommen, dass sowohl die sechzigprozentige Mehrheit als auch die vierzigprozentige Minderheit von meinen Kollegen, welche ich eigentlich alle mag, ? von der Administration selbst ganz zu schweigen ? mir sagen k?nnen: ?Bist du krank oder was?? Obendrein nehmen sie mir noch mein t?glich Brot weg, und zwar aus Gr?nden, aus denen sie es mir fr?her gaben ? wegen meiner professionellen F?higkeit zu analysieren!? Zwei N?chte und einen Tag dazwischen schlafe ich nicht. Ich diskutiere mit meiner Frau ?ber verschiedene Varianten der Hauswartsbesch?ftigung. Meine verzweifelte Gattin und mein begr?ndeter Zweifel gewinnen manchmal die Oberhand, und dann will ich nicht mehr den Artikel in die Redaktion schleppen. Aber es kommt alles zusammen und wie immer alles auf einmal. Ich habe ja angefangen hin und wieder in die Zeitungen oder ins Fernsehprogramm reinzuschauen und erfahre dort pl?tzlich etwas ?ber dieselben Probleme. Mal schaue ich in eine Zeitung: Gorbatschow analysiert die politische Lage im Lande bei dem Treffen mit den Funktion?ren von Massenmedien (ich wusste damals noch nicht, dass der Chefredakteur unserer Regionalzeitung, von all dem abgeschirmt, zu jener Zeit irgendwo im Urlaub sa? und von diesem Treffen nichts mitbekam). Dabei sind meine Schlussfolgerungen denen von Gorbatschow sehr ?hnlich, insbesondere was die Mechanisatoren vom Radweg betrifft. Lese weiter und merke besorgt: Gorbatschow bereitet ein neues Gesetz ?ber die richtigen freien Wahlen vor, um uns dadurch das Recht zu geben ihn mit unserer Stimmenmehrheit neu und frei zu w?hlen! Gorbatschow ist f?r mich zur Zeit wie das Licht in einem fernen Fenster f?r einen ersch?pften Wanderer und die letzte Hoffnung bei meiner Krankheit irgendwann ohne Bewusstseinsspaltung zu leben. Aber wenn ich zu unserer Mehrheit all diese Mechanisatoren vom Radweg, all die vom Futtertrog und auch noch die sich seit langem immer mehr vermehrenden, sogenannten ?Diebe im Gesetz? in ganzem Lande sch?tzungsweise dazu rechne, sehe ich, dass man dieser Sache keinen freien Lauf lassen darf. Ich sehe mich angesichts dessen stark verpflichtet meinen Artikel ? wenn auch als mein eigenes Kreuz ? doch zur Redaktion zu tragen, und das ehrliche, unschuldige Volk zu warnen. Ich gucke ein anderes Mal in die Zeitung: Schon wieder
dasselbe! Als ob alle mich extra verstimmen, zerspalten und bek?mmern wollen:
In Chili ist Plebiszit durchgef?hrt worden, und das Volk hat nun selbst und
frei seinen blutigen Diktator mit Stimmenverh?ltnis etwa ?fifty-fifty? gew?hlt!
Jetzt fuchteln die beiden ?Fifties? aufeneinander mit geballten F?usten.
Bei uns gilt ja ?berhaupt eine Regel: ?Nach der Schlagerei fuchtelt man nicht
mehr mit den F?usten? (genau mit diesem Spruch versucht mich sp?ter auch der
Chefredakteur zur Raison bringen). Dieser chilenische Diktator hatte mir selbst das ganze Leben verdorben: Ich heiratete ? er kam durch seinen Putsch an die Macht. Ich dachte damals: ?Nun gut! Ich muss wohl diese dunkle Schicksalsnachbarschaft dulden, es kann ja sowieso nicht lange dauern.? Es dauerte dann noch f?nfzehn Jahre, und ich habe mich daran gew?hnt. Man gew?hnt sich ja an alles! Aber ihn danach auch noch frei zu w?hlen! Das ?berschreitet nach meinem Geschmack alle menschlichen Gewohnheiten. Ich korrigiere etwas meinen Artikel, indem ich mich auf diese Ereignisse im Lande und ausw?rts beziehe (diese Stellen werden dann in der Redaktion wahrscheinlich f?r einen Anspruch auf ?hnlichkeit meiner Sicht der Probleme mit der des Parteif?hrers und somit f?r nicht diskret genug gehalten und gestrichen) und bringe diesen in die Redaktion. Meine Telefonnummer hinterlasse ich auch. Am n?chsten Tag ruft mich die Korrespondentin an ? die Leiterin der Propagandaabteilung, wie es sich herausstellt, die bei unserer Versammlung dabei gewesen sein sollte. Sie erz?hlt mir, dass sie gerade dabei sei meinen Artikel zu lesen, und finde ihn an manchen Stellen ihrem eigenen Korrespondentenbericht ?ber unsere Versammlung sehr ?hnlich. Ich antworte lautfreudig darauf: ?Na klar! Es handelt sich ja schlie?lich um denselben Stoff? ? und denke dabei leise: ?Zum Teufel! Der Artikel wird doch ver?ffentlicht, wenn sogar die Propagandaleiterin fast so eine Begeisterung in ihrer Stimme aufweist?. Denn ich habe heimlich doch gehofft, als ich den Artikel zur Redaktion getragen habe, dass dieser ? aus welchen Gr?nden auch immer ? nicht ver?ffentlicht wird, und ich nicht zum Hauswart werden und auch nicht noch f?r die Zeitungen mein Geld ausgeben muss, wie es am Anfang der Geschichte vorgesehen worden war. Daraufhin frage ich sie direkt: ?Verstehe ich Sie richtig, dass mein Artikel in der Zeitung erscheint?? Sie antwortet darauf: ?Die Redaktionsbesprechung hat bereits stattgefunden, und es ist entschieden worden ihren Artikel durchgehen zu lassen. Au?erdem gibt es noch einen noch vor der Versammlung geschriebenen Artikel von einem Doktor aus Ihrem Institut, in dem einige Fragen gestellt werden, die in Ihrem Artikel irgendwie ihre Antworten finden, sodass die beiden Artikel miteinander irgendwie ?bereinstimmen und zusammen mit meinem Bericht ?ber ihre Versammlung dem von der Partei angesagten Pluralismus dienen. So ein Material aus drei St?cken auf einer ganzen Seite wird voraussichtlich in die Zeitung gehen.? Wir einigen uns dar?ber, dass sie meinen Artikel etwas k?rzt, ich morgen komme und mir die gek?rzte Version sowie den Artikel von dem Doktor anschaue. Am n?chsten Morgen komme ich hin und schaue mir den Artikel von diesem Doktor an. Er ist im traditionellen Sinne und Geiste aller bisherigen Auftritte dieses Doktors gegen unseren Direktor geschrieben. In seinem Artikel scheinen sogar alle Fakten zu stimmen ? fr?her passierte es schon mal, dass er auch Fakten manipulierte, ? aber man sp?rt irgendwie deutlich seine Begeisterung, dass unser Institut vor Problemen aus allen N?hten platzt. Ich empf?nde zum Beispiel tiefe Trauer und Besorgnis, wenn mein Haus brennen oder zusammenbrechen w?rde. So etwas h?tte vielleicht manchem Nachbarn eine Schadensfreude bereiten k?nnen. Wenn jemand hier eine ?bereinstimmung mit meinem Artikel erkennt, w?re es f?r mich besser meinen aus so einer zwielichtigen Nachbarschaft zu befreien. W?hrenddessen erz?hlt mir die Propagandaleiterin verschiedene Sachen. Wie sie nach unserer Versammlung von Institutsmitarbeitern telefonisch bearbeitet wurde. Von denen um die Zukunft unseres Instituts besorgten Mitarbeitern, welche an der Versammlung so zur?ckhaltend ihre Klappen gehalten oder gar nicht so genau gewusst hatten, was sie sagen wollen. Besonders einer von ihnen, der auf der Rednerb?hne so indifferent vor den Versammelten aufgetreten hatte, als ob er auf dem Weg zur B?hne eine Meinung und auf dem R?ckweg eine andere Meinung h?tte. Manche stellten sich ihr dabei vor, manche nicht. Sie alle offenbarten der Korrespondentin mit gro?em Eifer ihre prinzipiellen Positionen. Besonders diejenigen, die sich vorzustellen verga?en oder ausdr?cklich anonym bleiben wollten. ? Der Seitenwindsto? schien auch weiter auf die ?Windh?hne? zu wirken. Sie f?gt auch hinzu, dass diese Anrufe sie so irritiert haben, dass sie den Vorsitzenden unserer Versammlung und des k?nftigen Akademiezentrums der Republik ha |