Viktor Eduard Prieb - Literatur
- Prosa

Viktor Eduard Prieb

 

Die Schließbarkeit des Kreises

oder

die zweihundertjährige Reise

 

 

Roman

in zwei Teilen

 

 

Teil I

"Der Zug fährt ab"

 

 

Meinen Vorfahren in aller Achtung,

meinen Nachkommen in aller Liebe gewidmet

 

 

 

Berlin-2005


Inhalt:

Der Kleine (als Prolog) 5

An Rändern der Welt 5

Der treue Freund und der beste Partner - der Hund Arap   11

Die dröhnende Stille der Ferne   14

Historische Ungereimtheiten des 20. Jahrhunderts oder darüber, welche Lebenswege Menschen zum Bahnhof führen   16

Die letzte Abfahrt oder über den Begriff "Zuhause" 16

Die Gerechtigkeitsarithmetik oder darüber, wie man vierzig Jahre seines Lebens in einen Koffer packt 17

Die Familiendemokratie oder über die Wechselwirkung zwischen den Erziehungsfragen, der Natur und der Gesellschaft 18

Die ersten Überraschungen oder über Zolldeklarationen und die Verantwortung fürs Schmuggeln   21

Die Ausreiseentscheidung oder über "die Kuhprobleme" von schweigsamen Menschen   22

Diskussionsgrundlagen, Selbstständigkeitsmerkmale und Entscheidungsmethoden oder darüber, was das ist, erwachsen zu sein   23

Die Nationalfrage über die Bewegungsfreiheit oder über den Weltchauvinismus und seine Folgen   29

Die Philologie des Genozids und die Politologie des Siegers oder über das Schicksal Deutschlands und Deutschen sowie über das linguistische Durcheinander im Demokratieunterricht und im Internationalrecht 31

Sonstige Umstände aus der Bundesrepublik Deutschland oder über die Bedeutung von Fragebögen   38

Das Wirtschaftswunder oder darüber, was eine Hose bzw. die Verbindung zur kapitalistischen Heimat kostet 42

Vorzüge der Perestrojka oder darüber, wie man zwecks Familienzusammenführung zu seiner Tante abhauen kann   42

"Die Schlangenkunst" oder darüber, was Geld kostet und wie man zu rauchen aufhört 44

Naivität als die Basis zum Wagemut oder darüber, wie man den richtigen Weg in einem Irrenhaus findet 46

Auserwählte Völker, Städte und Menschen oder über Moskau und Moskauer 47

Die Rolle vom Bier im gesellschaftlichen Leben oder über den Freund Valerij und die Schwierigkeitsromantik   49

Sibirien und Sibirier oder über die Methoden der Wirtschaftsbelebung und das "hurenlose" Gesicht des Kommunismus   54

Das Kalymenlied oder über die Wissenschaftsurlauber und Multikulti-Gesellschaften   57

Die Klauenpolitik oder über den Idealismus des Kommunismus und den Pragmatismus der Menschen   61

Die Männerwürde oder über die Saufkunst und das Halten des gegebenen Wortes   63

Wie man Menschen fürs Kommunenleben auswählt oder über die Eroberung von Moskau   66

Die Perestrojka und das Ende des Sowjetreiches oder über Demokratie, Schizophrenie und andere Freiheitsformen   69

Die neue Finanzpolitik oder über den Eifer von oben und die Kühle von unten   69

Die sowjetische Gesellschaft, wie sie war, oder darüber, warum es nichts Schlechtes gibt und woran der Kommunismus ersoff 71

Das Maß der Arbeitsleistungen oder über die Effektivität der scharfsinnigen Perestrojkaideen vor Ort 76

Die Demokratie, wie sie ist, oder über unser täglich Brot und darüber, wie man Funktionäre besucht und Doktorarbeiten macht 78

Worin besteht die Freiheit oder über eingebildete Ängste und Leidenschaften   86

Das Infantilwerden der Gesellschaft oder über die erste Liebe, Freuds Theorie und darüber, wen man heiratet, und warum man sich scheiden lassen soll 90

Woher kommt Demokratie oder über die Rolle der Polizei dabei und über die Liebe zur Menschheit 95

Wer verantwortet das Gute und das Böse oder über die Engeljagd und den Moralkodex des Erbauers des Kommunismus   100

Wie man zu einem anständigen Menschen aufwächst oder über die Reize von großen Gesellschaften und die Angst vor Einsamkeit 111

Die Männerkameradschaft oder über die Volksmund-Weisheiten und den Preis eines Haufens Salz und eines Freundes   114

Die verlorenen Wahlen oder darüber, wozu vier Demokratiearten gut sind   115

"Die Beichte eines kranken Menschen oder darüber, wodurch Schizophrenie kommt 116

"Wahlen-nicht-Wahlen" oder über die "Politik der ruhigen Hand", die "Futtertrognutzer", den "Viehbestand" und die "Mechanisatoren vom Radweg"   119

Die Fortsetzung der Beichte eines kranken Menschen oder über die Massenmedien und die Hauswartschaft 125

Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann abhauen oder über die Bürgerpflicht und die Dramatik der Blutlosigkeit 134

Ein schicksalsträchtiger Ratschlag oder darüber, wozu ein Deutscher in Russland Geld braucht 136

Die deutsche Nabelschnur oder über das verlorene Paradies und den Weg aus dem Dreck   137

Die Familie und der Erste deutsch-russische Krieg oder über das Ende zwei glorioser Reiche   139

Die Vorfahren aus deutschen Kolonien im Zarenreich oder über den Anfang vom Ende und über den Patriotismus und Nationalismus   139

Jede Macht braucht Brot oder über die Bauernlogik und darüber, warum es besser ist, Beine zu machen als Wurzeln zu schlagen   141

Die Integration zweier Parallelgesellschaften oder darüber, wie die Russen zu Deutschen werden und umgekehrt 142

Das Ende vom Zweiten Deutschen Reich oder über politische Regenbogen, rot-grüne Koalitionen und darüber, wer nun Vaters Brot braucht 144

Die erste Abfahrt oder darüber, wohin eine erfolgreiche Verteidigung führt 146

Die letzte Bastion oder wiederum über große Gesellschaften und kleine Freuden   147

Das Ende des russischen Zarenreiches und der Tod des Vaters oder darüber, wer für was kämpft und wie Bauern gefeuert werden   148

Die zweite Abfahrt oder über die rote Plage, schwache Menschen und starke Entscheidungen   149

Der Beginn vom "brotlosen Paradies auf Erden" und der Weg ins Nirgendwo oder darüber, was es bedeutet nackt zu sein und wonach der Humor riecht 150

Die neue Art von sowjetischen Funktionären oder darüber, wie schön es sein kann, ein armer Pole zu sein, und wer im Hause der Herr ist 152

Die Eltern und der Zweite deutsch-russische Krieg oder über den Höhepunkt und die Agonie des Dritten Deutschen Reiches   154

Das kommunistische und das faschistische Reiche oder darüber, wie man wieder zum Bauern wird und wie man in die Heimat zurückkehrt 154

Das Nachgrübeln über die Heimat und das Vaterland oder darüber, wohin und warum man fliehen soll 155

Die Brüder-Gegner oder darüber, warum man Geschichte lernen soll, bevor man in den Krieg zieht 157

Die dritte Abfahrt oder über die Zeit zum Philosophieren, zum Siegen und zum Verlieren   158

Der Partisanenkrieg und die ersten Verletzungen oder über die Schädlichkeit und Nützlichkeit des Selbstgebrannten   160

Die Folgen von Panzerschlachten oder darüber, wie rettend das Unpassendste sein kann   162

Die zweite Front und die Selektion von Flüchtlingen oder darüber, was es kostet ein Arier zu sein, und was es bringt zu preußischen adligen Offizieren zu gehören   163

Die Mutter und das frühzeitige Ende ihres Krieges oder über die Natur von internationalen Verhältnissen   166

An zwei Fronten oder darüber, wann es ungünstig ist gleichzeitig zu zwei Völkern zu gehören   166

Die menschlichen Instinkte oder über die Impfungen gegen Bomben und über die Vernunft des Überlebens   167

Der Ausflug zur Kommandantur oder darüber, wann es günstig ist, gleichzeitig zu zwei Völkern zu gehören  169

Die Reise nach Sibirien oder darüber, wie es für die Menschen ungünstig ist, auf die Wege von großen historischen Ereignissen und unter die Räder der Weltpolitik und der Weltgeschichte zu geraten   172

Der Vater, das verzügerte Ende seines Krieges und sein "Drang nach Osten" oder über den Kollaps des letzten Deutschen Reiches   174

Zwischen Scylla und Charybdis oder über die letzte Aufgabe eines Deutschen   174

Die Bajonettattacke oder über die deutsch-deutschen Verhältnisse   174

Die Kriegshandlungen des Vaters oder über seine vergeblichen Versuche, Deutschland zu retten   176

Die Beendigung des Krieges oder darüber, welche der Weltrichtungen am sichersten ist und warum die Lehrer schmutzige Hände haben   178

Der Militärdienst auf der anderen Seite oder darüber, wie ein Mensch zu einem real existierenden Menschen wird   182

Die Filtrierung und Repatriierung oder darüber, was die Kriegszeit kostet 185

Die Gefangenschaft oder über die Relativität aller KZs und menschlicher Belastungsgrenzen   186

Die Rückkehr oder über den neuen Anfang und das Ende von allem    189

Was man unter "Heimkehr" versteht oder über die Unergründlichkeit der menschlichen Existenz und Vermehrung   189

Die Pflege des Deutschtums oder darüber, woher ein Mensch seine Kenntnisse und seine Weisheiten nimmt 192

Gespräche "unter drei Augen" oder noch einmal über die Liebe, Kindererziehung und Bekämpfung von Psychokomplexen   196

Die Pflege des Familientums oder über die Familienforen und über andere Dinge   198

Die Besinnung auf die Wurzeln oder darüber, wodurch man kränken und womit man trösten kann   201

Der Generationenkrieg oder darüber, wie man Kriege stiftet und den Frieden schafft 203

Der Kalymunterricht oder über die großen Sünden des kleinen Meisters   205

Die Genügsamkeit oder darüber, was und wieviel einem Menschen reicht, um reich zu sein   207

Wer hat Schwein und wer den Vater im Leben gehabt oder über den Professor-Kuckuck und den Maurer-Professor 209

Der Tod des Vaters oder darüber, wie alles sein Ende nimmt 212

Das Gespräch "unter einem Auge" oder darüber, wozu Wodka noch gut ist 213

Der Trauerzug führt ab oder über die Rückkehr an den Rand der Welt und über die Schließbarkeit des Kreises   214

Die Erbschaft oder wieder über den Wert des Geldes, über den Preis der Zukunft und über die Verantwortung für den Nächsten   217

Die End- und Bodenlosigkeit oder über den Abschied vom Osten und den Drang nach Westen   219

"Das deutsche Lotto" oder darüber, was es einem Deutschen und was es einem anderen kostet, Deutscher zu sein   219

Das Grinsen des Schicksals oder über die Jäger und die Gejagten   220

"Das Schlangenglück" oder darüber, wie unpassend Feiertage manchmal sind   221

Der Tag des Sieges über Deutschland oder über die Feierlichkeit mancher Feierlichkeiten   222

Der Weg ist frei oder darüber, wer in einer Warteschlange der Erste ist, wenn es dafür keinen festen Bezugspunkt gibt 223

Das Wissenschaftskalym oder darüber, wie man Geld anschafft, welches Deutschland beschafft 224

Nützliche Ratschläge und Instruktionen des KGBs oder darüber, wie nützlich es manchmal doch ist, ein offener Mensch zu sein   226

Die letzte Abfahrt, das letzte Adieu oder über die letzten Anweisungen zu den letzten Lebensmittelkarten für Wodka und die letzte Dienstleistung des Kommunismus   231

Die letzten Stunden oder darüber, wie man Probleme in der Hosentasche verschwinden lässt 234

Der Begriff "Grenze" oder darüber, wo die Macht von Tyrannen endet und wo schwarze Löcher beginnen   235

Woher stammen treue Frauen und Mütter oder über den Nachtigallenschlag und über die anderen Zug- und Nicht-Zugwesen   235

Die Grenzkontrolle menschlicher Würde oder noch einmal über die Macht des KGBs und der polnischen Grenzwache   237

Zwischen den Grenzen oder darüber, wozu Windmühlen den Wind brauchen, wenn kein Korn da ist 239

Das flüchtige Lächeln des Westens oder über die Breite und "das Taschengeld" der russischen Seele und darüber, wo der Bahnhof in Deutschland ist 240

Die nächste Abfahrt oder darüber, was ein Platz unter der Sonne kostet 247

Auf der Fährte des Vaters oder darüber, wie man zu viert auf einer Bank bei einem nachtragenden Schaffner und bei sonstigen Ungewohnheiten der Nacht ausschlafen soll 250

Das Ende des Ersten Deutschen Reiches oder die Erinnerung an das Unbekannte und über das Alter von Menschen und Staaten   251

Der Flugzustand beim Sprung ins Bodenlose oder etwas über den Surrealismus und sonstige Realismusarten   252



Der Kleine (als Prolog)

An Rändern der Welt

Die Sonne schlich um die Ecke der Holzhütte, schaute in ein kleines Fensterchen über die um die Hüttenaußl;enwände herum hoch geschüttete und verdichtete Erde, schnüffelte etwas über das aufgewühlte Bett, fand das weiße K?pfchen des Kleinen und blieb auf ihm stehen. Der Kleine wachte mit einem Glücksgefühl auf, und ein grundloses Lächeln regte Sommersprossen auf seinem verschlafenen Gesicht.

Eine Milchkanne aus Ton mit frischer Milch erwartete ihn auf dem Tisch. Der Kleine stürzte aus der Hütte hinaus, pflückte heftig gleich hier auf der Hügellehne, auf der die Hütte stand, eine Handvoll wilder Erdbeeren und lief wieder in die Hütte zurück. Er schüttete die gepflückten Erdbeeren in eine Schüssel hinein, gab Milch aus der Tonkanne dazu und löffelte dann schnell und schmackhaft sein Frühstück aus. Den Kleinen wirbelte in die Luft der Wunsch nach Leben und Aktion! Heute musste er unbedingt den Rand der Welt erforschen.

Der Kleine und seine ganze Familie lebten auf einem "Landgut". Kein anderer wusste etwas davon, denn nur der Vater sagte es so, welcher dieses Wort aus seiner Kindheit mitgebracht hatte, die er auf dem Landgut seines Vaters in einer der deutschen Kolonien in Südrussland - irgendwo weit weg vom "Gut" des Kleinen in Sibirien - verbracht hatte.

Dieses Wort bildete unter mehreren anderen die spezifische Familiensprache. Diese Sprache stellte ein Kauderwelsch dar: Diesem lag Russisch zugrunde, aber mit vielen Wörtern, Sprüchen und Redewendungen aus dem Deutschen, Ukrainischen und Polnischen gemischt - die Spracen, welche der Vater sprach, und mit Smolensker von der Mutter herbeigeführtem, volkstümlichem Dialekt gewürzt.

Das Ganze wurde noch obendrein durch geflügelte Wörter und Redewendungen bereichert, die aus den gelesenen Büchern stammten und in der Familie - meistens durch Vaters leichte Hand - eine Gattungsbedeutung gewannen. Dieses Kauderwelsch hatte die ganze geographische und ethnische Geschichte der Familie eingesaugt und spiegelte diese wider.

Das "Gut" war einst eine kleine Siedlung gewesen, zwei Kilometer von einem größeren Dorf entfernt, und hatte mit der Zeit bis auf diese letzte Hütte geschrumpft, in welcher die siebenköpfige Familie des Kleinen hauste. Das große Dorf selbst hatte nicht einmal einen vernünftigen Namen. Es hieß "Zentralabteilung des Tschebulinsker sowjetischen Landwirtschafts- und Schweinebetriebs", während das "Gut" mit der mittlerweile ausgedienten Rinderfarm und dieser verlorenen Hütte als "Die 2. Abteilung" dieses Betriebes bezeichnet wurde.

Dieser Schweinebetrieb mit allen seinen Abteilungen war ein kleines Babylon, welcher durch vertriebenen, verurteilten und diesem Betrieb zugeteilten Deutschen, Tschetschenen, Kalmyken und sonstigen "Verbrechernationen" des sowjetischen Staates nebst Russen selbst besiedelt worden war und von denen bedient wurde.

Die Hütte bestand aus einem einzelnen Raum mit dem russischen Ofen in der Mitte, auf dessen warmen Rücken viel Platz zum Spielen und zum Schlafen war. Sie stand auf einer breiten und offenen, nicht besonders steilen Hügellehne, die durch das starre Steppengras bewachsen und am oberen Rande durch weißes Federgras umrahmt wurde. Dieses Grasfeld begann direkt vor der Hüttentür des Kleinen. Eben dieses Feld lieferte ihm die Erdbeeren zum Frühstück.

Der Hütte gegenüber, so etwa fünfzig Meter nach oben von ihr entfernt, stand eine Gruppe alter, unberührter Birken, zwischen denen man einen Haufen Kreuze sehen konnte. Das war der Friedhof. An dem vorbei und weiter über das Ackerfeld, welches in verschiedenen Jahren mal mit Weizen, mal mit Roggen besät wurde, führte ein Pfad, den der Vater immer benutzte, wenn er zur Arbeit im großen Dorf ging.

Von der Hütte nach unten führte der Pfad zu einem Ziehbrunnen und weiter hinunter - schon kaum noch zu sehen - zu einem kleinen, im Frühling zum See werdenden und im Sommer völlig austrocknenden Torfmoor, welches kleine Grashügel, Weiden und Johannisbeersträucher reichlich bedeckten.

Links vom "Gut", einen halben Kilometer von ihm entfernt, dort, wo die Sonne aufging, öffnete sich dem Auge ein Stück Landstraße, welche auf die gegenüberliegende Lehne hoch und nach links kletterte. Und rechts von der Hütte ging die Sonne hinter einem kleinen und hellen Birkenwald unter. Der Wald lief links mit dem Moor und rechts oben mit dem Ackerfeld zusammen. In diesem Wald versteckte sich eine alte, neben dem Friedhof an der Hütte vorbei führende und sich an der Hütte mit dem Pfad kreuzende, durch Pferdekarren befahrene und mit Wegerich bewachsene Feldstraße.

Dieser ganze Raum vereinte sich im Bewusstsein und in der Seele des Kleinen sowohl in seinen Hof als auch in die ganze Welt. Das war auch sein persönlicher Besitz. Er hatte ihn gut erforscht und wusste genau, was sich dort - an den Rändern dieser Welt - befindet.

An einem Rande hinter dem Wald, wohin der Feldweg führte, war der Wochenmarkt, auf welchen der Vater und die Mutter eines Sonnabends im Frühling hinter der Sonne her weggingen. Aber die Sonne haben sie nie eingeholt, denn als sie, morgens zurückkehrend, auf dem Waldrand erschienen, ging die Sonne bereits ihnen entgegen an dem anderen Rande auf.

Dafür hing aber hinter Vaters Schultern ein lebendiger und schrecklich quiekender Sack. Zu Hause wurden aus diesem zwei kleine und rosige Ferkel mit kleinen in Ringe zusammengerollten Schwänzchen ausgeschüttet. Das Letztere, mit den in Ringe zusammengerollten Schwänzchen, war besonders wichtig, denn wenn der Schwanz auseinander rollte und wie ein Schnürchen zum Boden herunter hing, machte sich der Vater Sorgen. So ein Ferkel fraß nichts oder, wenn doch, schlürfte es nur die Brühe, und den Satz ließ dieses auf dem Schüsselboden liegen. Der verärgerte Vater nannte so ein Ferkel dann "räudiges Ferkel", was übrigens zu Vaters Gattungsbegriffen in der Familiensprache gehörte und den Kleinen selbst sehr wohl mal treffen konnte.

Und im Herbst gingen der Vater und die Mutter auf demselben Feldweg wieder fort. Manchmal fuhren sie auch mit einem kleinen Pferdekarren, wenn einer aus dem Betrieb zu leihen war. Sie nahmen Speck oder Kartoffeln, oder sonst noch etwas mit, was eben Gott gab, und kehrten ebenso beim Sonnenaufgang mit den Neuanschaffungen für alle - auch für den Kleinen - zurück. Dies war ein Fest für ihn. Wenn der Kleine zum Beispiel ein neues, nach frischem Maschinenöl riechendes Hemd bekam und es anprobierte, konnte ihn keiner aus diesem herausholen, er schlief so auch ein in diesem Hemd in dieser Nacht.

Von demselben Rand kam manchmal auch ein Trödler mit einem Pferdekastenwagen zum "Gut". Im Tausch gegen Knochen, verrostete Eisenstücke, alte Lumpen und sonstiges Gerümpel gab er dann dem Kleinen so ein wunderbares Spielzeug - in der Regel war dies ein Tontierchen, welches der Kleine vorher noch nie gesehen hatte. Dann, nachdem er sein Tauschgeschäft mit dem Kleinen abgewickelt hatte, fuhr der Trödler weiter zu dem anderen Rand hinweg, wo ein Stück Landstraße zu sehen war.

Der Kleine bereitete sich immer auf die Besuche des Trödlers vor. Um die Hütte herum, an den Stellen von anderen ehemaligen Hütten, gab es einige abgerutschte und durch Gras bewachsene Gruben. Diese dienten dem Kleinen als die Lagerstellen, an denen er die Tauschwaren sammelte. So eine Grube, in welcher altes, gerostetes Eisen aufbewahrt wurde, nannte er auch so schlicht und einfach "die Schmiede".

Aber am teuersten wurden Knochen geschätzt. Sie kamen zum Teil vom Esstisch her nach deren sorgfältigem "Polieren". - Noch ein Wörtchen vom Vater, durch welches er die gierige Sorgfalt bezeichnete, mit welcher die Kinder manchmal in der Reihe nacheinander diese Knochen abnagten. Ein Teil davon, die kürzeren abgerundeten Knöchelchen, ließ der Kleine allerdings für sich. Denn diese waren Spielknöchel, und er spielte eben gerne mit denen und bewahrte solche auf.

Mehr als anderswo gab es Knochen gleich hinter dem Torfmoor, auf der gegenüberliegenden Hügellehne, wo einmal die Rinderfarm gestanden hatte. Dort, zwischen den alten Gruben im ausgetrockneten und durch Unkraut bewachsenen Humus, konnte man sogar einen ganzen Kuhschädel finden.

Manchmal fand der Kleine Knochen, während er auf dem Friedhof spielte. Der Friedhof war alt, und manchmal, bei Neubeerdigungen, waren entweder ein Schädel oder auch andere menschliche Gebeine ausgegraben worden, die danach einfach so im Gras liegenblieben, vom Regen gespült und vom Winde getrocknet.

Der Kleine hatte nie Angst vor dem Friedhof. Dies war seinetwegen sogar der interessanteste Ort in seiner Welt. Hier - auf einem alten, kaum noch zu erkennenden Grabhügel - wuchs solch ein riesiger Johannisbeerstrauch, welchen es nirgendwo sonst mehr gab. Die Johannesbeeren auf diesem Strauch waren immer gro? und reif.

Auch hier, am Rande dieses Haines, auf einem anderen alten und ebenfalls kaum noch erkennbaren Grab stand ein riesiges Kreuz aus zwei grob behauenen Balken. Dieses Kreuz hatten den umlaufenden Erzählungen nach die irgendeinmal daran vorbei wandernden Kalmyken über ihren entschlafenen Mitmenschen errichtet. Es gab keine Inschriften auf diesem Kreuz. Dem auf seine Querbalken kletternden Kleinen diente dieses mal einfach als Motorrad, mal auch als der wilde und kecke Hengst "Bukephalos", je nach Laune des Kleinen eben.

Und im Frühling bauten Elstern ihre Nester in Birkenkronen des Friedhofs. Der Kleine wusste genau, wann die kleinen getüpfelten Eierchen in diesen Nestern erschienen. Er kletterte dann auf einige Birken hinauf, holte behutsam ein paar Eierchen aus verschiedenen Nestern - man durfte nie ein Nest leer plündern, sonst merkten es die im übrigen dem Zählen nicht so mächtigen Vögel und verließen das Nest! - und kochte diese Eierchen gleich hier auf dem Lagerfeuer in einer verrosteten Konservenblechdose, diese mit dem noch herumliegenden Schnee vollgestopft.

Aber die Sachen, die am leckersten waren, fand er auf einem gepflegten Grab hinter dem blaugestrichenen Lattenzaun. Auf diesem Grab stand ein kleines Kreuz mit einem daran befestigten und verglasten Schachtelrahmen, in dem ein ausgebleichtes Foto eines Jungen zu sehen war, welches auch mit Wachsblumen eingefasst wurde.

Zu diesem Grab kamen an bestimmten Tagen, die der Kleine natürlich auch gut kannte, zwei hagere Schwester-Greisinnen. Nach ihrem Weggehen fand der Kleine Bonbons oder Plätzchen auf dem Schachtelrahmen, auf dem Kreuz oder auf den Querlatten des Zauns. Der Kleine verstand es auch so, dass diese eben für ihn hier hingelegt worden waren, denn nur er alleine lebte auf diesem Friedhof. Zu diesem Grab hatte der Kleine ein besonders behutsames Verhältnis und bemühte sich dieses zu pflegen, wenn die Greisinnen lange nicht kamen.

Abseits vom Friedhof, hinter dem Ackerfeld, war noch ein Birkenwäldchen zu sehen, zu welchem der Pfad führte. Dort befand sich der andere Rand der Welt, wohin der Vater immer frühmorgens wegging. Der Kleine hatte es irgendwie nie hingekriegt, den Moment zu erwischen, als der Vater fortging, nur es vielleicht ab und zu im morgigen Schlaf gehört. Dafür holte er ihn abends immer am Friedhof ab, wenn der Vater heimkehrte, sei es im Winter oder im Sommer.

Im Winter wurde alles drum herum durch riesige Schneeverwehungen bedeckt und der Vater musste den Pfad im Schnee durch Birkenäste abstecken. In seinem Beutel, in dem er sein Mittagessen von zu Hause mitnahm, blieb immer etwas Leckeres für den Kleinen - "etwas Kleinerlei vom Häselein", wie der Vater ihm lächelnd sagte.

Am liebsten mochte der Kleine gelbliche, durch Brotkrümelchen und Vaters Machorka bedeckte Schwarte vom alten Salzspeck. Nichts, was besser als der Geruch und Geschmack dieser Schwarte gewesen wäre, kannte der Kleine. Der müde Vater nahm die Hand des diese Schwarte heftig kauenden Kleinen oder setzte ihn auf seine breiten Schultern, und sie gingen zusammen nach Hause.

Den dritten Rand der Welt mochte der Kleine gar nicht, und er zeigte sogar kein großes Interesse daran. Dahin fuhr der Trödler weg, mit seinem "Reichtum" und mit den umgetauschten Vorräten des Kleinen. Von dort, von der Seite der Landstraße, wurden immer wieder Särge mit Leichen auf einer Pferdefuhre oder auf einem Pferdeschlitten herangefahren.

Der Friedhof füllte sich dann mit weinenden Menschen, welche zuerst den herbeigefahrenen Sarg vergruben und sich dann paarweise oder einzeln durch den Friedhof verstreuten. Sie knieten auf alten Erdhügelchen nieder oder ließen sich auf die Bänke, dort wo es welche gab, nieder. Der Friedhof wurde dann still und doch lebendig, mit schweigenden, dunklen und gebückten Silhouetten gefüllt.

In solchen Momenten hatte der Kleine gelitten, dies alles vom Rande des Friedhofs aus beobachtend und von keinem bemerkt. Nachdem der Friedhof wieder leer wurde, betrat der Kleine diesen etwas ängstlich und befremdet. Denn wie eine widersinnige Wunde ragte aus dem grünen Gras oder aus dem weißen Schnee hervor ein braunes Lehmhügelchen mit einem blendend weißen Holzkreuz darauf. Und noch lange danach hatte sich der Kleine an den Fremden auf dem Friedhof gewöhnen müssen, bis Schnee oder Gras das braune Hügelchen bedeckt hatten, und das Kreuz grau vom Regen und Winde wurde. Alles vergeht... das Leid des Kleinen verging auch.

Nichts wusste der Kleine über den vierten Rand der Welt, wohin auch kein Weg führte und sich nur der Pfad von der Hütte bis zum Ziehbrunnen und weiter schon kaum merklich bis zum Torfmoor hinunter schlängelte. Hinter dem Torfmoor, wo sich irgendwann die Rinderfarm mit den Knochen befunden hatte, weiter links von dieser, stiegen bis zum Horizont breite mit etwas Grünem bestellte Ackerfelder auf. Der Kleine wusste aber, dass der echteste Rand der Welt nicht dort, sondern etwas seitlich zwischen diesen Feldern mit der Ex-Farm und dem Torfmoor lag.

Dort, hinter einer kleinen Schlucht, stieg bis zum Himmel empor eine im Gegensatz zu der heimischen Hügellehne mit grünem und saftigem Gras bewachsene Weide. Und ganz an ihrem höchsten Rande wuchsen drei Birken mit den Wurzeln in den Horizont, mit den Gipfeln gen die hellgrauen Federwolken, mit den weißen Stämmen vor dem blauen Himmelhintergrund - zwei eng beisammen und eine etwas weiter beiseite.

Hinter diesen Birken endete alles, einschließlich der Vorstellungskraft des Kleinen! Hinter den Birken rollte bis zu der Hütte - entweder vom Himmel herunter oder von irgendwo unten wie aus der Hölle herauf! - das entfernte und dumpfe Dröhnen der Stille hervor. Es dröhnte tags- und nachtsüber die ein paar Kilometer entfernt verlaufende Transsibirische Eisenbahnmagistrale[1], welche der Kleine noch nie gesehen hatte und von der er in seiner Welt nichts wissen konnte.

Alles, was der Kleine nicht kannte, aber etwas Unbegreifliches darüber vom Vater gehört hatte: über Vaters anderes Leben in der Ukraine, über den Krieg und Deutschland und über vieles mehr - alles war für ihn hinter diesem Rand. Und es schien dem Kleinen auszureichen nur ein einziges Mal hinter diesen Rand zu schauen, und schon würde dies alles gleich sichtbar und begreiflich, als ob sich dies alles wie ein umfangreiches, von einem hohen Steilhang hinab beobachtetes Panorama darstellen würde.

Dieser Rand machte dem Kleinen zwar tiefe Angst, zog ihn aber auch an. Es überlief ihn kalt und regte seine Seele auf - irgendwo in der Magengrube und weiter oben in der Brust -, nur wenn er an diesen Rand dachte. Der Kleine wollte schon lange seinen Mut zusammenkratzen, um den Weg bis zu diesen drei Birken - zwei eng beisammen und eine etwas beiseite - zu bewältigen und über diesen Rand hinaus zu schauen.

Heute wachte er mit dem Gefühl auf, dass der Tag gekommen sei. Für alle Fälle entschied er, den treuen Arap natürlich mitzunehmen.........



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Historische Ungereimtheiten des 20. Jahrhunderts oder darüber, welche Lebenswege Menschen zum Bahnhof führen

Die letzte Abfahrt oder über den Begriff "Zuhause"

"Der Personenzug 'Moskau-Berlin' fährt ab" - hustete plötzlich eine blecherne Frauenstimme aus dem Bahnsteiglautsprecher.

Der Zug zuckte wie angebellt, donnerte mit allen seinen Verkupplungen wie eine Maschinengewehrsalve und rollte langsam aus dem Bahnhof hinaus.

"Machen wir's uns gemütlich hier." - sagte der Vater, nachdem er ihr Gepäck unter den unteren Liegen in einem Abteil für vier Personen des Schlafwagens verteilt hatte.

"Wenigstens das ist günstig für uns, wenn auch in einem falschen Zuge." - fügte die Mutter hinzu. Sie meinte dabei die für das Abteil passende Größe der Familie. Die Familie bestand aus vier Personen: der Vater, die Mutter und zwei Töchter von zwölf und vierzehn Jahren.

"Siehst du! Ich sagte euch doch, dass alles gut gehen wird" - versuchte der Vater seine Familie etwas zu ermuntern.

"Nun haben wir hier für die nächste Zeit unser vorübergehend letztes Zuhause." - machte er ungewollt seinen Versuch wieder zunichte, indem er ihnen seine innersten Gefühle und Sorgen gerade gezeigt hatte.

"Wie Zuhause?" - wunderten sich auch gleich die beiden Töchter.

"Ich meine nur, für uns soll ein Zuhause überall dort sein, wo wir alle Vier zusammen sind, sei es ein Bahnhof oder dieses Abteil." - versuchte der Vater sich auszureden, aber auch seine Familie darauf vorzubereiten, was auf sie womöglich noch zukommen werden könnte. - "Was Menschen unter ihrem Zuhause verstehen, liegt doch nicht an Wänden und am Dach einer Wohnung oder eines Hauses! Es ist unser Familiengefühl. Es ist unser Familiengemüt, welches uns einen Raum gemütlich macht. Es ist in uns drin und immer mit uns, egal wo wir sind. Wie unser Gepäck eben."

Als Gepäck hatten sie zwei Koffer, zwei Aktentaschen vom Typ "Diplomat" und eine große Tüte mit Essen und Trinken für unterwegs mit dabei.

Fürs Kofferpacken war der Vater zuständig gewesen. In die zwei Aktentaschen und zum Teil in einen der beiden Koffer war alles hinein gekommen, was man als Archiv bezeichnet: Dokumente, Fotos und wichtige oder auch nicht - wer sollte es schon bei so einer Reise im Voraus wissen! - Papiere.

Der Rest des Gepäcks bestand aus ein paar Bekleidungsstücken für jeden sowie, was dem Vater besonders wichtig erschienen war, aus warmen Pullovern für alle, wenn der Herbst kommt und die Kälte einbricht.

Es war der 19. Juni 1990. Das Unternehmen war vom Vater nur als eine Hinreise geplant worden, und es sollte kein Zurück mehr geben. Ob der Plan am Ende aufgeht, stand allerdings in den Sternen. Dies war nicht mehr Vaters Entscheidungsbereich.

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Die Gerechtigkeitsarithmetik oder darüber, wie man vierzig Jahre seines Lebens in einen Koffer packt

Das Schwierigste beim Packen war eben dieses Archiv wegen des Platzmangels auf eine harte Weise einzuschränken. Jedes Foto und jedes Papierchen wurden mehrmals umgedreht und mit jedem ausdiskutiert, ob es eher zum Andenken an irgendetwas und zur Familiengeschichte gehöre. Alle Fotoalben und Ordner wurden geplündert und im Endeffekt hätte das Ausgewählte vielleicht nur noch ein einziges Album und einen einzigen Ordner füllen können.

Was aber fast ohne jede Revision eingepackt wurde, waren Vaters nie veröffentlichte Gedichte, Erzählungen, politische Zeitungsartikel und verschiedene Notizen sowie seine veröffentlichten wissenschaftlichen Artikel, Vorträge, noch nicht veröffentlichten Forschungsergebnisse und sonstiger "Kram" aus diesem Bereich. Das alles nahm auch einen großen Teil des zur Verfügung stehenden Platzes weg.

Dies gab auch dem Vater einen Grund über die Gerechtigkeit nachzudenken. Aber auch diese Frage wurde von ihm in einer Diskussion mit der Familie zufriedenstellend gelöst:

"Schließlich müssen fast vierzig Jahre meines Lebens, zwar so wie bei dir," - wendete er sich an die Mutter - "aber doch mehr als die bei euch beiden zusammen" - sprach er zu den Töchtern - "in diese zwei Koffer eingepackt werden!?

Die kleinere der beiden Töchter hatte vorhin versucht ihren großen Spielball in einen Koffer hineinzuschmuggeln. Der Vater hatte aber dem Ball den Weg in jedes Gepäckstück unnachgiebig versperrt. Diese kurze und heftige Auseinandersetzung mit der Tochter hatte auch den Anstoß zu diesem Aufklärungsgespräch und zu einer derartigen Gerechtigkeitsberechnung gegeben.

"Dann sollte man noch diese Jahre mit einem, sagen wir, Aktivitätskoeffizienten multiplizieren." - setzte der Vater seine Argumentation für die Mutter fort, nachdem er merkte, dass die einfache Arithmetik die Größe seines Anteils nicht deutlich gerechtfertigt hatte ? "Ihr wollt doch nicht bestreiten, dass so ein Koeffizient bei mir größer gewesen wäre. Oder?".

Dieses "Oder?" überzeugte seine Familie meistens, denn die drei Weiblichen hielten es schon immer für sinnlos einer derartigen Einladung zur offenen Diskussion zu folgen.

"Du lässt dich sowieso nie erwischen." - sagte ihm mal die ältere Tochter nach einem ihrer Versuche dem Vater etwas abzustreiten - "Egal was ich dir sage, du findest immer eine Ausrede!"

"Das ist doch Quatsch!" - wehrte sich der dadurch ehrlich gekränkte Vater - "Ich finde Argumente, die du nicht widerlegen kannst, und das ärgert dich. Finde du solche Argumente, und ich werde diese im Gegensatz zu dir bestimmt akzeptieren. Und ausreden muss ich mich auch nicht, denn ich bin immer für jede Meinung offen, falls man eine hat und sie auch überzeugend vertreten kann."

Wo die Tochter vielleicht doch recht hatte, dass der Vater - ein professioneller, in Diskussionen abgehärteter Wissenschaftler - mit der Zeit immer mehr zum Sophisten wurde und nicht immer eine naive Wahrheit wie manchmal die von seiner Tochter, welche auch keiner logischen Beweise bedurfte, a priori akzeptieren konnte.

Bei dieser von ihm vorgeschlagenen genaueren Berechnung sollte es mit der Gerechtigkeit - meinte der Vater - sogar für seine am Anfang der Pubertät stehenden Töchter irgendwie stimmen.

Der Vater war am Ende sogar froh, seine Überlegungen zu diesem Thema gleich der Familie vorgetragen zu haben, damit keine offenen, wenn auch nicht ausgesprochenen Fragen blieben.

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Die Familiendemokratie oder über die Wechselwirkung zwischen den Erziehungsfragen, der Natur und der Gesellschaft

Über alles gleich und offen zu reden, war seine Art, mehr Demokratie und Gerechtigkeit zu wagen. Es brachte dem Vater wahrhaftig nur Probleme und schließlich sein ganzes Leben durcheinander.

In der Familie führte es immer zu Auseinandersetzungen mit der Mutter, wenn er seine Gedanken zu wirtschaftlichen und politischen Problemen oder ethischen Fragen in seinem Institut oder auch im ganzen Staat zu Hause zur Diskussion zu bringen versuchte.

"Belästige unsere Töchter nicht mit diesem Mist!" - meinte die Mutter dazu - "Sie sind noch kleine Kinder und dürfen noch nicht mit Fragen und Problemen von Erwachsenen belastet werden."

"Ach ja! Kannst du mir vielleicht gleich auch die genaue Altersgrenze zwischen Kindern und Erwachsenen nennen, ab welcher man sie dann doch damit 'belästigen' darf?" - ärgerte sich der Vater - "Du kannst die Kinder vor dieser schmutzigen und problematischen Welt, in welcher sie schließlich auch leben müssen, nicht unter deinem Rock verstecken und dort aufbewahren."

"Wieso denn nicht? Ich dachte immer, dass der Schutz ihrer Kinder sei gerade die Aufgabe aller Eltern, geschweige denn von so einem starken Vater, wie du es bist." - provozierte die Mutter ihn weiter.

"Gerade solchen 'zu liebevollen' und 'schutzsicheren' Eltern haben wir zu verdanken, dass es so viele Schmarotzen auf der Welt gibt." - ließ sich der Vater auch sofort wie immer provozieren - "Ich kannte schon fünfzig- und sechzigjährige 'Kinder', welche alles immer noch ganz infantil nur für sich beanspruchen und sonst von nichts etwas wissen wollten. Nur die Lösung von Problemen, sogar von ihren eigenen, überließen sie gerne den Anderen. Parasiten sind das! Und ich will keine Parasiten großziehen! Meine Töchter sollen wissen, wo sie hineinwachsen, dann erleben sie auch keinen Schock, wenn sie mal von zu Hause fortgehen!"

Wenn es aber kein konkreter Erziehungsfall von denen war, die gleich zu Streitigkeiten mit der ihn provozierenden Mutter führten, konnte es bei ihm auch anders klingen:

"Weißt du was, Mutti? Manchmal kriege ich richtig Angst, wenn ich mir vorstelle, dass unsere Töchter so werden, wie ich es mir eigentlich wünsche: aufrecht, ehrlich, neugierig, selbständig und aktiv denkend.- Na du weißt ja schon!"

"Warum? Schließlich wünsche ich es mir auch. Wir streiten uns meistens nur über Erziehungsmethoden."

"Darum, weil solche Menschen bei uns nicht gefragt sind! Sie werden nur Probleme und keine Erfolge haben. Du siehst ja, was mit mir passiert."

"Bei dir klappt es doch. Du lebst noch."

"Was heißt 'klappt es'? Ich lebe eben gerade noch! Dabei bin ich ein in Kämpfen um meine Existenz aufgewachsener und abgehärteter Mann. Und sie sind kleine Mädchen und künftige zärtliche Frauen und Mütter. Sie sollen leben und nicht kämpfen! Aber wie sollen sie denn leben?"

"Es hilft dir nicht, daran den Kopf zu zerbrechen. Wir können sie nicht zu anderen Menschen als wir selbst erziehen." - belehrte ihn die von Dr. Spock begeisterte und all seine Erziehungsbücher verschlingende Mutter - "Die Kinder lernen nicht aus Vortr?gen und Moralpredigten der Eltern. Sie gucken ihre Verhaltensweisen und Lebenseinstellungen einfach bei den Eltern ab, so wie die Tierkinder in der wilden Natur ihre Jagdmethoden und Überlebenskünste bei ihren Eltern abgucken." - erwies die Mutter wie sehr oft in konkreten Situationen auch ihre eigene intuitiv-weibliche Naturweisheit, welche dem Sophisten-Vater total fehlte.

"Hier hast du vielleicht recht." - gab der dadurch vorübergehend erleichterte Vater zu - "Andererseits bereiten Tiere ihre Kinder zu nichts Anderem als zum Überleben in ihrem eigenen, sich in Jahrtausenden kaum verändernden Areal vor!"

"Ja, die Natur ist vernünftig." - bestätigte die Mutter.

"Gerade das ist aber mein Problem!" - versuchte der Vater seine Gedanken zu erklären - "Menschen sind nicht mehr naturell! Wir existieren auf zwei Ebenen: Eine sozial-politische als reale und die Andere ethisch-humanistische oder geistliche als eine abstrakte Ebene, welche nur von Menschen und nur für sich selbst künstlich geschaffen worden ist. Und die beiden Ebenen passen selten - wenn überhaupt! - zusammen."

"Bei uns zu Lande wohl kaum."

"Eben! Bei der Ersten handelt es sich wie bei Tieren auch um das Überleben und um die Jagdmethoden, wenn auch um ebenso menschenspezifische, systembezogene Methoden. Diese kann sich im Unterschied zu tierischen Arealen von heute auf morgen ändern. Bringen wir unseren Kindern die Erfolgsjagdmethoden von heute bei, stehen sie morgen ganz blöd da, wenn das System anders wird. Die Zweite ändert sich - wenigstens als ein von Menschheit angestrebtes und in ihren Religionen festgesetztes Ziel - seit Jahrtausenden kaum. Es liegt nahe, die Erziehung darauf, auf den ewigen Wertvorstellungen von besten Vertretern der Menschheit, zu bauen. Aber dann sind die so erzogenen Kinder dem heutigen System ausgeliefert, welches von diesen Werten nichts hält und sie sogar bekämpft."

"Na toll! Dann wählen wir lieber doch das Ewige für unsere Kinder!" - umarmte die Mutter lächelnd den Sophisten - "Umso mehr, dass wir gerade in der Perestrojka sind, wo wir heute weder neue Erziehungsanhaltspunkte noch neue Wertvorstellungen erkennen können."

Kurzum alle vier Gepäckstücke wurden so oder so, mit viel Nerven, Aufregung und seelischer Zerrissenheit gepackt. - Ein Koffer zu viel, wie es sich später herausstellen wird, nämlich der mit den warmen Sachen für den kommenden Herbst.

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Die ersten Überraschungen oder über Zolldeklarationen und die Verantwortung fürs Schmuggeln

Der Zug schaffte endlich aus Moskau hinauszukriechen und ratterte jetzt über das dicht besiedelte und bunte Moskauer Umland. Der Schaffner begann die Deklarationsformulare für die in der Morgenfrühe in Brest bevorstehende Zollkontrolle zu verteilen. Und schon fingen die Ungewissheit und die damit verbundene Aufregung an. Zum ersten Mal im Leben überquerte die Familie die Grenze der Sowjetunion und wurde somit zum ersten Mal den dazugehörenden Strapazen ausgesetzt.

Es verbreitete sich sogar etwas Panik beim Studieren der Deklarationsformulare.

"Haben wir Waffen und Drogen im Gepäck?" - fragte die besorgte Mutter, diese auszufüllende Deklaration studierend, ohne dabei die leiseste Spur von Humor aufzuweisen.

"Spinnst du! Mich so etwas zu fragen!" - sprang der Vater fast auf, selbst durch diesen merkwürdigen Fragebogen ungewöhnlich verunsichert.

"Ich frage es nicht! Hier wird es gefragt! Und du warst schließlich fürs Kofferpacken zuständig." - wehrte sich ebenso heftig die Mutter.

"Rede keinen Quatsch und schreib überall 'nein' oder 'keine'!"

So wurden die Fragen über Drogen, Waffen, elektronische Geräte und einiges mehr zur allgemeinen Zufriedenheit schnell verneint. Obwohl bei elektronischen Geräten doch durch die Ernsthaftigkeit der Situation sogar bei dem Vater das Bedürfnis aufkam, alle Taschen für alle Fälle nochmals durchzuwühlen. Die Töchter hatten nämlich zu Hause zwei elektronische Spiele gehabt, welche viel kleiner als der abgewehrte Ball gewesen waren:

"Habt ihr eure elektronischen Spiele, irgendwo versteckt, mitgenommen?" - fragte er die Beiden, die auf den oberen Liegen hockten und sich immer noch über den letzten Elternstreit über Drogen und Waffen lustig machten.

"Ne!" - versicherten sie ihm sofort, und sie wurden gleich ernst - "Wir haben sie an unsere Freunde verschenkt."

"Ganz sicher?"

"Natürlich! Wir haben es ja mit dem Ball versucht."

"Moment mal! Nicht überall 'nein' eintragen." - stoppte er plötzlich die Mutter - "Was machen wir mit Rubeln und fremder Währung?"

"Ich habe schon 'keine' eingetragen." - erschreckte sich die zu tüchtige Mutter.

"Na gut, wenn du keinen Rubel hast." - beruhigte sie der Vater und schrieb in seine Deklaration hinein: "Keine Rubel und 1057, - DM fremder Währung."

Diese Summe war dem Vater ganz genau bekannt, und sie war auch ganz offiziell.

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Die Ausreiseentscheidung oder über "die Kuhprobleme" von schweigsamen Menschen

Die Entscheidung nach Deutschland in den Urlaub zu fahren und dort für immer zu bleiben hat der Vater wie immer nach einer ausführlichen Begründung und Besprechung mit der ganzen Familie getroffen.

"Bevor ich entscheide, sollen wir darüber diskutieren!" - war seine Art einer demokratischen Familienführung, welche etwas widersprüchlich erscheinen mag, war allerdings mit der entsprechend eindeutigen Verantwortungszuteilung verbunden und dadurch legitimiert.

Die Familie bestand wie schon gesagt aus zwei klugen Mädchen und einer Frau, die als Frau und Mutter in ihrer Vorgehensweise vor allem auf die Töchter und auf das nicht so einfache Einrichten des alltäglichen Lebens fixiert war, woran sich aber auch jeder in der Familie mit seinen Pflichten und Aufgaben beteiligte.

Die Verantwortung für die strategischen Fragen des Familienlebens, wie zum Beispiel die mit der Mutter ausdiskutierten Erziehungsfragen, war dem Vater zugeteilt. Es hatte sich so nach den geeigneten Charakterzügen der beiden Eltern ergeben und wurde niemals bestritten. Die Mutter hatte es dabei gut, denn sie sah ihre genügsame Rolle darin, den Vater zu kritisieren und zu pieken, wenn etwas von ihm Veranstaltetes schief ging. Aber beim Vater ging kaum etwas schief! Jedenfalls in dem Sinne nicht, in dem er eine Schieflage bzw. ein Erfolg verstand und definierte.

Ein Kompromiss bei der Ausreiseentscheidung wurde von der Mutter in der Zweideutigkeit der Frage gefunden. Nach Deutschland zu den nie gesehenen Verwandten zu fahren, darauf freuten sich natürlich alle. Was das vom Vater ausgedachte Bleiben betraf, wurde von drei weiblichen Familienmitgliedern erst gar nicht wahrgenommen. Und mit ihrem weiblichen, von Natur aus vorhandenen Pragmatismus hatten sie wahrscheinlich sogar recht.

"Es gehört schon wieder zu Vaters Spezialitäten alles so zu verkomplizieren!" - stand ihnen dabei ins Gesicht geschrieben.

"Wenn ich eure verschwiegenen Gesichter sehe, fühle ich mich wie jemand, der durch das Urteil eines Konsiliums zum Irren erklärt wird und dabei keine Möglichkeit bekommt, das Gegenteil in einer offenen Diskussion zu beweisen!" - beschwerte sich der durch so etwas immer zutiefst gekränkte und verärgerte Vater bei der Mutter.

Er konnte auch sonst keinen schweigsamen Menschen leiden, welcher etwas Eigenes tut, ohne darüber wenigstens unter seinen Nächsten, die auf demselben Tunfeld weiden und von seinem Tun betroffen sein können, ein Wort zu verlieren.

Dieses Gefühl entwickelte sich bei ihm noch seit seiner Kindheit, als es zu seinen Pflichten gehört hatte, die Familienkuh abends nach deren Weiden nach Hause zum Melken zu treiben. Er bekam es jedes Mal zu spüren, falls es der blöden Kuh manchmal nicht passte nach Hause zu gehen. Er hätte dann mit ihr auch noch so vernünftig und überzeugend reden, vor ihr klagend weinen und zu ihr kniend beten, sie höflich bitten oder verärgert peitschen können: Sie stellte ihren Schwanz hoch, machte ihre gutmütigen und traurigen Augen zu - diese vor alldem schützend - und flüchtete in die entgegengesetzte Richtung: In einem leichten und unbeschreiblich schnellen Kuhgalopp, während er sich in einem schweren Trab hinter ihr her die Lunge aus dem Halse rannte; in einem leichten Trab, während er - weinend und schnaufend und eher von seiner Kränkung, Wut und Verzweifelung erschöpft - schwer hinter ihr her schlenderte; in einem leichten Schritt, unterwegs auch noch weiter weidend, wenn er nun völlig entkräftet hinter ihr schwer ins Gras niederfiel. Und das Ganze spielte sich jedes dieser Male in absolutem Schweigen - kuhseits jedenfalls! - ab!

"Warum sollen wir das heute und hier mit dir ausdiskutieren, wenn sich gar keinen Anlass dazu dann dort vielleicht ergibt?" - waren die abschließenden Worte der Mutter zu diesem Thema - "Belassen wir es einfach dabei! Lass uns weiter auf diese seltene Möglichkeit freuen, unsere Verwandten wie auch Deutschland an sich im Urlaub zu erleben. Über das Andere reden wir vor Ort, wenn es soweit ist und wenn es überhaupt dazu kommt."

Sie hatte zweifelsohne recht! Der Vater hatte ein festes Ziel gesetzt, ohne richtig zu wissen, wie es zu verwirklichen wäre. Das Einzige, was ihm eingefallen war, sich als Wissenschaftler bei den deutschen Firmen zu bewerben, welche ihren Fachveröffentlichungen nach mit seinem ziemlich engen Forschungsbereich zu tun hatten, und deren Namen und Anschriften er diesen Veröffentlichungen entnommen hatte.

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Diskussionsgrundlagen, Selbstständigkeitsmerkmale und Entscheidungsmethoden oder darüber, was das ist, erwachsen zu sein

Mutters Antwort war für den Vater auch zufriedenstellend, weil das keine grundsätzliche Absage war, welche er nie akzeptiert hätte. Außerdem war dies schließlich genau seine Art, die Entscheidungen zu treffen und Probleme zu lösen. Er nannte diese Art "Einwurfsmethode", fand sie einzig richtig und propagierte sie auch bei seinen Töchtern:

"Weißt du, warum du bei mir verlierst?" - tröstete er einst seine ältere Tochter, die immer häufiger seine Meinungen in Frage stellte, diese zu widerlegen versuchte, dabei ihn "zu erwischen" (wie sie es nannte) nicht schaffte und sich dadurch gekränkt fühlte.

"Nein! Aber ich weiß, dass du es mir gleich erzählst!" - reagierte die Tochter immer noch bockig.

"Weil du in unseren Streitereien nach Akzeptanz suchst und dafür gegen meine beliebigen Aussagen zu argumentieren versuchst, statt deine eigene Meinung vorzuweisen und diese durch deine eigenen Argumente zu belegen."

"Nicht gegen beliebige! Nur gegen deine Meinungen, die ich falsch finde!"

"Es gibt keine falschen Meinungen! Denn es gibt keine absoluten Wahrheiten, mit denen du eine Meinung vergleichen kannst, um sie auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Es gibt nur verschiedene Meinungen, aber auch nur dann, wenn mindestens zwei davon zum Vergleich stehen."

"Also, ich habe keine eigene Meinung! Dabei, wenn ich sogar eine hätte, hörst du ja sowieso nie zu Ende! Du machst Gespräche mit dir dadurch so ärgerlich und fast unmöglich!"

"Deine eigene Meinung zu einem Thema ist nur eine Äußerung deiner Weltanschauung, deiner Positionen, deiner Prinzipien - deines Etwas, was dir zugrunde liegt und dich zu dir selbst macht! Und danach suche ich bei jedem Menschen, mit dem ich rede. Und erst wenn ich es finde, finde ich auch seine Meinung interessant. Bei dieser Suche muss ich nicht lange und langweilige Ausführungen bis zu deren Ende hören."

"Da sind wir wieder! Egal was ich dir sage, zum Schluss stehe ich ohne Positionen und ohne Prinzipien da!"

"Ich wollte dir nur sagen, welche Menschen ich akzeptiere! Und zwar nicht nur bei irgendwelchen Diskussionen, sondern auch im Allgemeinen."

"Na eben! Die mit Grundsätzen, zu denen ich nicht gehöre!"

"Mit Grundsätzen werden Menschen nicht geboren. Sie werden, wenn sie wie du das Glück haben, mit der dazu notwendigen Intelligenz geboren. Mit dieser Intelligenz suchen sie dann in ihrem Leben nach ihren Grundsätzen oder sie bilden diese und schöpfen daraus ihre Meinungen."

"Sehr großzügig von dir, mir noch eine Chance zu geben, zu einem Menschen zu werden!"

"Du hast noch alle Chancen und Zeit dafür! Und meine Aufgabe als deines Vaters, dir zu diesem Menschen zu verhelfen und die Werdezeit zu verkürzen."

"Indem du mich zu dir selbst zu machen versuchst?"

"Indem ich dich bei unseren Auseinandersetzungen nicht schone, sondern zum selbstständigen Denken und zu deinen eigenen Meinungen provoziere. Denn deine Streitsucht, die ich als Diskussionssucht betrachte, ist nichts Anderes als deine Sucht nach Selbstständigkeit! Und diese weist lange nicht jeder auf, und ebenso wenige suchen danach."

"Ich dachte, dass jeder Jugendliche streitsüchtig ist und sich irgendwann von Eltern selbstständig macht! Ein Naturgesetz, wie du es oft zu sagen pflegst."

"Jedes Kind sucht vielleicht nach einem Streit, aber nicht jedes nach einer Diskussion. Und jedes Kind trennt sich irgendwann von seinen Eltern - das wäre ein Naturgesetz. Allein dadurch wird das abtrünnige Kind aber noch lange nicht selbstständig!"

"Selbst zu leben bedeutet meinetwegen schon die Selbständigkeit!"

"Kommt darauf an, was du unter 'selbst zu leben' verstehst. Wenn du dabei nur deine Freiheiten meinst, im Sinne keine Elternverbote mehr erteilt zu bekommen, liegst du ganz daneben! Du wirst schnell merken, dass du bald dir selbst vielleicht noch mehr Verbote erteilen musst."

"Und wenn schon! Egal was, Hauptsache selbst!"

"Es ist nicht egal! Deine Selbstständigkeit erkennt man daran, ob du deine eigenen Entscheidungen treffen kannst. Jeder, der das kann, hat auch seine eigene Methode entwickelt eine Entscheidung zu treffen. Die Einfachste und damit die Vernünftigste, die auch bei mehreren sogenannten vernünftigen Menschen vorkommt, alles von Anfang an durchzukalkulieren, alle Pro und Kontra gegeneinander aufzurechnen und zu einem einfachen summe-summarischen Pro oder Kontra kommen. Daher kann diese Methode als 'Arithmetikmethode' bezeichnet werden."

"Na siehst du, es ist doch nicht so kompliziert! In der Mathe bin ich die Beste!"

"Das stimmt! Das Blöde bleibt dabei nur, dass du all diese Pro und Kontra meistens, besonders wenn es um große, langfristige und somit gerade schicksalsträchtige Entscheidungen geht, gar nicht kennst und die meisten davon herbeizaubern musst. So kalkulieren viele Menschen jede auch noch so gute Idee von vornherein kaputt. Und so verspielen sie oft ihre wahrscheinlich einzige ihnen jeweils gegebene Chance!"

"Und welche Methode ist deine?"

"Meine nenne ich 'Einwurfsmethode', auf die Sportspiele bezogen, bei denen ein Spiel mit allen niemandem vorher bekannten Folgen mit dem ersten Balleinwurf oder -anstoß beginnt. Die psychologische Seite des Spieles besteht darin, dass ich nur entscheiden muss, ob mich das Spiel überhaupt interessiert und ob ich es beginne. Die eine Entscheidung erfordernden Situationen ergeben sich dann nur durch das Spiel selbst. Und solche Entscheidungen als sofortige Reaktionen auf entstehende Spielsituationen bestimmen das Ergebnis!"

"Ich finde diese Methode etwas primitiv und draufgängerisch im Vergleich zu der Ersten."

"Du kannst diese Methode auch als mutige bezeichnen. Bei der ersten Methode, wie ich schon sagte, verliert man oft in diesen Spielbegriffen ausgedrückt gleich, ohne den Versuch das Spiel überhaupt zu beginnen, ohne den Mut aufzuweisen, das Risiko einzugehen. Bei meiner gehst du nicht ins Detail, und dadurch handelst du schneller und effektiver."

"Das sind doch die sogenannten Entscheidungen 'aus dem Bauch', was du gerade erzählst!"

"Vielleicht sind sie das, wenn Intuition im Bauch liegt. Denn sonnst nennt man das auch 'intuitive Handlung'. Man braucht eben viel Intuition, um das Spiel zu beginnen, und scharfe Reaktion, um das begonnene Spiel zu gewinnen. Nur ist die Intuition auch keine Gottesgabe, und außerdem erklärt ein passender Begriff an sich noch gar nichts! Die Intuition kommt durch deine Lebenserfahrung. Etwas Intelligenz ist dabei wie auch bei vielen Sachen mehr wiederum vorausgesetzt. Die Intuition, ebenso wie die scharfe Reaktion, kannst du dann eintrainieren. Dies hilft aber auch nur dabei eine Situation, in welcher du deine Entscheidung zu treffen hast, schnell zu erkennen sowie prompt und möglichst richtig auf sie zu reagieren."

"Ich verliere allmählich den Faden. Wir haben über Selbständigkeit gesprochen und reden jetzt doch über irgendwelche Spiele."

"Der Kreis von diesen verschieden erscheinenden Dingen, über die wir sprechen: Selbstständigkeit, Entscheidungsfähigkeit, Weltanschauung und Grundeinstellungen oder Prinzipien, hat sich bereits geschlossen. Wenn du entscheidungsfähig bist, bist du selbstständig, und du kannst eine schnelle und schlüssige Entscheidung treffen, welche du auch zu verantworten hast. Wenn du deine Prinzipien und deine eigene Weltanschauung hast, ist deine Entscheidung richtig für dich, und du kannst sie jederzeit begründet erklären, verteidigen sowie ruhig und selbstbewusst all ihre Folgen tragen!"

"Alles klar! Ich bin unfähig Entscheidungen zu treffen, denn ich besitze weder Intuition noch alles Andere. Dabei hatte ich immer das Gefühl jeden Tag etwas zu entscheiden!"

"Du sagst immer, dass ich alles verkompliziere. Aber das tue ich nicht! Oder wenigstens nicht mit der Absicht, dir oder den Anderen das Verständnis zu erschweren."

"Deine Ausführungen tun das aber mächtig!"

"Vielleicht. Aber ich mag einfach nicht mein Pulver für primitive Dinge, für Diskussionen über nichts, für Salongespräche verschießen! Wenn ich schon eine Analyse mache, nehme ich dafür am besten gleich einen der komplizierteren Fälle, zum Beispiel wie jetzt auch. Wir hätten über die Entscheidungsfähigkeit eines Menschen reden können, welcher sich entschieden hat, zwischen zwei vor ihm stehenden und in denselben Raum hineinführenden Türen zu entscheiden. Dann steht er wie vor zwei gleichen Heuhaufen verhungernder Buridans Esel da, unfähig zu einem logischen Ergebnis zu kommen. Stattdessen gehe ich lieber mit dem Kopf durch die Wand zwischen den Türen, statt mich mit solchen Rechenentscheidungen zu beschäftigen oder über sie zu diskutieren!"

"Jetzt weiß ich endlich, warum du es so oft auch tust! Wann muss denn man dann entscheiden?"

"Na darüber musst du dir keinen Kopf zerbrechen. Dann eben, wenn man es muss! Meinetwegen, wenn ich nichts zu entscheiden aufgezwungen bekomme, habe ich selbst genug Phantasie auf die verrückteste Lebensideen zu kommen. Dann habe ich wieder eine Entscheidung zu treffen, ob ich sie verwirklichen will und kann."

"Soll dies auch ein Spiel sein, einfach so zum Spaß, wenn du gerade keine Wand zwischen zwei Türen vor dir hast?"

"Nein! Das ist bloß ein Versuch den dich jeden Tag einholenden Problemen einen Schritt voraus zu sein, um die Erfolgschancen zu erhöhen. Sonst verbrauchst du dein Entscheidungsvermögen bei der Lösung von allerlei alltäglichen 'Esel-Tür-Problemen'."

"Aber du sagst ja immer, dass jeder seine Probleme lösen muss und nicht mit ihnen dauernd leben oder vor ihnen weglaufen."

"Dem widerspreche ich auch nicht! Ich unterstreiche sogar damit den dahinter stehenden Gedanken, dass man sich nicht von Problemen begraben lassen darf. Wenn du die zwei oben genannten Türen auch noch zu einem Problem machst - und das tun viele Menschen! - bist du sehr bald von derartigen Problemen begraben."

"Und Amen! Dann sind wir alle begraben!"

"Sei nicht so höhnisch! Wenn ich meine Prioritäten richtig setze, dann verschaffe ich mir so ein Visier zwischen einer Schwelle unten und einer Latte oben, durch welches ich meine auf mich tagtäglich stürzenden Probleme sehe und erkenne. Die untere Schwelle hält von mir jeden türartigen Problemmist fern. Die obere Latte schneidet mir allerlei unlösbare Probleme ab. So erkenne ich am besten, ob irgendein Problem meins ist. Denn ich will keine illusorischen oder künstlichen Probleme als meine ansehen, um die Zeit und die Kraft für wirklich meine Probleme zu sparen. Und meine sind eben diejenigen, die in dieses Visier passen, dessen Breite nach oben ich nach meinen Fähigkeiten und Möglichkeiten definiere. Wenn ich nicht imstande bin ein Problem persönlich und allein zu lösen, ist es für mich entweder kein Problem oder wenigstens nicht mein Problem!"

"Ich weiß nicht. Mit diesem 'Meins-nicht-Meins'-Gerede stellst du dich genauso, wie ein krasser Pragmatiker, während ich dich als einen manchmal bis zu Blödheit naiven Idealisten kenne, wessen Verhalten von realen Verhältnissen weit weg liegt. Du verbrennst zum Beispiel deine Kräfte und Nerven in den Perestrojka-Schlachten in deinem Institut, was dir und folglich auch uns zu Hause zuschaffen macht, wo wir dir immer tüchtig zuhören müssen, ohne leiseste Ahnung von der Substanz zu haben! Ist das dein Problem, was jetzt im Lande passiert?"

"Ich will ja nicht diese Perestrojka im ganzen verdammten Lande verantworten! Ich will nur in meinem Institut, wo ich arbeite, was mein Leben bestimmt und damit die untere Schwelle meines Visiers weit übersteigt und meins ist, meine Kollegen - denen es an Intelligenz eigentlich nichts mangeln sollte! - überzeugen, dass eine Menge in unseren Arbeitsverhältnissen falsch ist und unsere Arbeit stört. Und ich weiß, dass ich das schaffen kann! Also, es passt in mein Visier auch unter die obere Latte, sonst täte ich es natürlich nicht."

"Und was ist mit draußen? Du versuchst ständig, ganz naiv jedem Vorbeilaufenden zu helfen, der dich um Hilfe bittet und manchmal ganz offensichtlich auszunutzen beabsichtigt. Warum versuchst du jetzt plötzlich mir deinen coolen Pragmatismus aufzutischen?"

"Jemandem zu helfen, heißt ja, an der Lösung seiner Probleme teilzunehmen. Und so passt mein Verhalten wieder ins Bild meines pragmatischen Prioritätenvisiers. Bei dieser Frage sollst du dir noch die Seitenbreite des Visiers vorstellen: Wessen Probleme darein passen und somit zu meinen werden, die sind normalerweise meine Nächsten. übrigens, wenn ich manchmal auch Fremden helfe, welche mit ihren Problemen in mein Visier geraten, gibt es auch mir dann die für die Lösung meiner eigenen Probleme benötigte Kraft. Siehst du, das ist wiederum Pragmatismus schlechthin!"

"Machst du dich lustig über mich oder was?"

Der Vater machte es nicht. Diese widersprüchliche Mischung aus einem Idealisten und einem Realisten, geradezu einem Pragmatiker, welchen er selber nicht anerkennen wollte, war dem Vater doch aus ganz logischen und konsequenten Gründen eigen.

Sein ganzes Leben war er mit konkreten und realen, ans Überleben grenzenden Problemen konfrontiert worden. Er hatte selbst zunächst sein knappes Essen, dann später einigermaßen würdige Lebensbedingungen für sich und seine Familie schaffen müssen, so wie Wildtiere dies auch tun.

"Tja, meine Schlaumaus! Tierische Überlebenskämpfe machen Menschen zu Pragmatikern, denn die Natur an sich ist nur pragmatisch! Das einzige Naturgeschöpf, der sich selbst schöpfende 'homo sapiens' [2], welcher als 'homo' derartige Kämpfe bis heute noch nicht weniger als ein Tier zu führen gezwungen ist, erlaubt es sich in seinen Anstrengungen als 'sapiens' dieses pragmatische Naturverhalten seinem selbst doch nicht würdig zu finden. Er träumt von einem naturgesetzwidrigen Dasein und wird dadurch bei allem von der Natur noch verbleibenden Realitätssinn zu einem Idealisten." - schloss der Vater die Diskussion mit der Tochter ab.

So ein Idealist war der Vater, der seine Träume auch noch mit aller in realen Kämpfen gewonnenen Kraft in seiner idealen Welt zu verwirklichen versuchte. In seiner Welt und bei dieser Mischung mochten Probleme der Menschheit den Vater allemal interessieren, so dass der Idealist in ihm darüber philosophieren konnte und über eine ideale Menschenwelt weiter träumen durfte. - Nur der Pragmatiker in ihm ließ nie den Luxus zu, sich um alle, wenn auch leidenden Kinder überall in der Welt zu kümmern, während seine eigenen verhungern oder einfach vernachlässigt bleiben. Die Visierblickmethode eben!

So etwas wäre ja auch pervers für jeden einfach normalen Menschenverstand. Der Vater verfügte über einen normalen, gesunden und analysestarken Verstand.

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Die Nationalfrage über die Bewegungsfreiheit oder über den Weltchauvinismus und seine Folgen

Die Sache mit der Fluchtreise war also in Vaters Visier geraten und von ihm mit seinem vollen Verstand und auf seine abstrakte Weise entschieden worden. So hatte das Spiel begonnen, welches sie jetzt samt zweier Koffer, zweier Aktentaschen vom Typ "Diplomat" und einer großen Tüte mit Essen und Trinken für unterwegs in diesen Zug geführt hatte. Und dies trotz aller Verwirrungen der Zeit, dank aller Vorzüge und trotz aller Nachteile der Perestrojka, welche sich fast tagtäglich für sie ergaben.

Bereits bei den Reisevorbereitungen stellte es sich fest, dass sich alles in der UdSSR, was immer so verkrustet steinfest und verrostet eisern gewesen war, während der sich seit vier Jahren quälenden Perestrojka immer mehr als etwas verschwommen, unsicher und brüchig erwies und manches sogar durch dieselbe dazu wurde.

Am Anfang wirkte es sich auf Vaters Plan positiv aus. Er wusste immer in seinem Leben, dass er nie über die Grenze des Sowjetreiches hinaus durfte. Dafür sorgte allein seine deutsche Nationalität, welche in die im Lande berühmte fünfte Zeile seines Innenpasses fest eingetragen worden war.

Durch diesen von seinem Vater geerbten "Umstand" war er zunächst, gleich bei seiner Geburt, sogar in eine Fünfkilometerzone des sibirischen Teils des Reiches eingewiesen worden. Eigentlich nicht er persönlich, sondern seine Eltern waren zusammen mit allen anderen deutschen Kolonistenfamilien in solche Zonen hinter dem Ural unter die Kommandanturaufsicht gesteckt worden.

Es passierte infolge des russischen, zuerst im Zarenreich panslawischen und dann im Sowjetischen Stalinreich revolutionär-leninistisch-jüdisch-weltkommunistischen Chauvinismus im Zusammenspiel mit dem deutschen zuerst im preußischen Kaiserreich pangermanischen und dann im Dritten Hitlerreich national-sozialistisch-rassistisch-faschistischen Chauvinismus. Oder so.

Jedenfalls führte das teuflische Zusammenspiel letztendlich und unausweichlich zum Ersten deutsch-russischen Krieg zwischen dem Kaiserreich und dem Zarenreich und dann später zum Zweiten deutsch-russischen Krieg zwischen dem Deutsch- und dem Sowjetland, beziehungsweise, wie manche behaupten[3], zwischen dem Sowjet- und dem Deutschland.

Der Erste Krieg führte zum noch seitens des Zaren vorbereiteten und dann seitens der Bolschewiken und Kommunisten vollzogenen Ende von der Existenz der reichen und starken deutschen Kolonien in Russland. Und der Zweite Krieg führte dann zum seitens des kommunistischen Sowjetregimes entfesselten Beginn von der Vernichtung der verarmten und harmlosen Reste der deutschen Kolonisten ausschließlich wegen ihrer Nationalität, welche diese Volksgruppe verdächtigt machte auf irgendwelche Weise zum feindlichen, schon wieder gegen Russland kriegführenden Deutschland zu gehören.

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Die Philologie des Genozids und die Politologie des Siegers oder über das Schicksal Deutschlands und Deutschen sowie über das linguistische Durcheinander im Demokratieunterricht und im Internationalrecht

Viele Menschennationen auf der Welt mögen bestimmte, manche ihrer verbrecherischen und schmutzigen Taten direkt und indiskret definierende Begriffe veredeln, indem sie diese ins Griechisch-Lateinische übersetzen. Wenn jemand das, was mit den deutschen Kolonisten in der UdSSR nach ihrem vom sowjetischen Politbüro am 28. August 1941 gesprochenen Ermordungsurteil geschehen war, hätte auf diese Weise veredeln wollen, sollte dieser Jemand dies "Genozid" nennen. Dann hätte auch kein anderer, sich womöglich dafür interessierender Mensch in dicken Geschichtebänden mühsam nach dieser Geschichte suchen müssen - darin steht ja sowieso gar nichts über diese Geschichte geschrieben.

Der Interessent hätte dann einfach diesen Begriff in jedem Lexikon nachschlagen können. Im deutschen Lexikon "Wahrig"[4] zum Beispiel findet man eine sehr knappe und sehr zurückhaltende Zurückübersetzung dieses veredelten Begriffs ins Deutsche:

"Genozid = Völkermord [zu lat. genus 'Geschlecht, Stamm' + caedere 'töten']".

Sonst gar nicht! Schlicht und knapp! Die Deutschen zeigen ihre "Political Correctness" und wollen in dem Begriff nicht besonders herumstöbern, weil sie sich nach ihrer Nazi-Vergangenheit eingebildet hatten oder viel mehr in der langen Nachkriegszeit dazu umgebildet worden waren, dass "Genozid" eine Bezeichnung für die spezifisch deutsche, nur ihnen zu eigen gemachte und auch noch erbliche Nationalkrankheit sei.

Die Nationalkrankheit, für die alle deutschen Kinder und Enkelkinder seit dem Kriegsende geschändet, psychoterrorisiert und getreten worden waren, worden sind. Aber auch alle ihren Nachkommen werden für ewige Zeiten geschändet, psychoterrorisiert und getreten werden, wie dies der drogenabhängige und die Vorliebe zu illegalen slawischen Prostituierten aufweisende Vertreter des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Deutschland mal ohne jede Vorliebe zu deutschen Kindern versprochen hatte.

Diese Knappheit führt aber irre, weil man fälschlicherweise denken könnte, dass Genozid ein anderer Begriff für "Krieg" wäre, denn in jedem Krieg morden sich die kriegführenden Völker gegenseitig. Ein oberflächlicher Leser, falls dieser daraus hätte doch mehr erfahren wollen, hätte außerdem aus dem Inhalt der eckigen Klammern auf etwas Sinnloses wie "Genussmord", "Stammcidre" oder sogar "Geschlechtsverkehr" kommen können. Das Letztere wäre auch nicht so verkehrt, wenn man daran denkt, was für ein mörderischer Verkehraufwand von Viehwaggons die Sowjetmetzger benötigten, um Hunderttausende vom deutschen Geschlecht in Russland zu ihren "Schlachthöfen" zu verkehren.

Da es im Russischen kein gängiges und wie im Deutsch so dreisilbig einfaches Word dafür gibt, findet man zum Beispiel in dem im Jahre 1955, als der diesem Genozid ausgesetzte Vater-Kleine gerade mal vier Jahre alt war, herausgegebenen und sich auf die Situation des Kleinen gar nicht beziehenden Lexikon "Fremdwörterbuch"[5] eine etwas breitere und nicht so zurückhaltende - die Sowjets haben es nicht nötig, weil sie so etwas wie Genozid nie offiziell begangen haben - Zurückübersetzung, wenn auch nicht gerade ins Russische, sondern ins Sowjetische:

"Genozid [gr. genos 'Geschlecht' + lat. caedere 'töten'] - Vernichtung einzelner Völkergruppen aus den auf ihre Nationalität (Religion) bezogenen Beweggründen - das schwerste von Imperialisten begehende Verbrechen gegen die Menschheit. Genozid ist organisch mit faschistischen und rassistischen 'Theorien' verbunden, die National- und Rassenhass - Herrschaft von sogenannten 'höheren' Rassen und Vernichtung von sogenannten 'niedrigeren' Rassen - propagieren."

Ziemlich verwirrend sind die beiden Zurückübersetzungen. Dem deutschen Lexikon nach ist weder die von sowjetischen Kommunisten begangene Ermordung von deutschen Kolonisten in Russland, noch die von deutschen Nazis begangene Ermordung von Juden als Genozid zu bezeichnen. Erstens, wenn man die deutschen Kolonisten nur als ein Teil des deutschen Volkes betrachtet, dann war es eben ein Krieg, in dem sich die Völker Russlands und Deutschlands gegenseitig, ohne erkennbare, auf ihre Nationalität bezogene Beweggründe mordeten. Zweitens, was die Juden betrifft, definiert der Begriff "Judentum" keine Nationalität, sondern eine Religion. Somit sind die Juden kein Volk im Sinne einer durch gemeinsame Sprache und Kultur verbundenen Gemeinschaft von Menschen, welches man aus den im deutschen Lexikon nicht näher definierten Beweggründen morden kann, sondern eine durch die ganze vielsprachige und multikulturelle Welt zerstreute Religionsgemeinschaft.

Dem sowjetischen Lexikon nach, wenn man nur aus dem Inhalt der eckigen Klammern so etwas wie "Genossenmord" zusammenbastelt, sollte man eigentlich die von Stalin und seiner Vernichtungsmaschinerie begangene Ermordung von seinen eigenen Parteigenossen als Genozid betrachten. Es träfe besonders dann zu, wenn man auch den Kommunismusglauben - auf den Inhalt der runden Klammern bezogen - auch als eine Religion verstehen würde.

Bei einer weiteren Analyse der sowjetischen Definition von Genozid hätte man die Ermordung von deutschen Kolonisten als einer nationalen Volksgruppe in Russland schon als Genozid betrachten können. Jedoch nur dann, wenn man gleichzeitig die diese Ermordung im Sowjetimperium begangenen Kommunisten als Imperialisten betrachten dürfte, was historisch bekanntlich nie der Fall war.

Der Bevölkerungsteil jüdischen Glaubens im Dritten Deutschen Reich und auf den von ihm besetzten Territorien als ein Teil der weltweiten Religionsgemeinschaft steht in dem sowjetischen Lexikon - wenn auch nur in runden Klammern - doch besser da, als der deutsche Bevölkerungsteil im Sowjetreich und auf den von ihm im Jahre 1939 besetzten Territorien als ein Teil des deutschen Volkes. Dem Inhalt der runden Klammern im sowjetischen Lexikon folgend kann die Ermordung des Bevölkerungsteils jüdischen Glaubens seitens des Bevölkerungsteils christlichen Glaubens in demselben Reiche als Genozid anerkannt werden. Dies war auch nach dem Krieg als solches anerkannt worden.

Also, im politischen Sinne ist diese Lexikonlogik genauso verwirrend wie im linguistischen auch. So verwirrend, dass die Weltpolitiker immer noch nicht genau wissen, was das Wort "Genozid" bedeutet, beziehungsweise nicht immer Genozid erkennen können, um es dann auch gleich anzuerkennen, gegebenenfalls nicht immer genau wissen, nach welchem Lexikon sie handeln sollen.

Die Amerikaner handelten nach dem Zweiten Weltkrieg offensichtlich nach dem sowjetischen Lexikon und erkannten das im Dritten Reich begangene Genozid an Juden an. Dabei alliierten sie gerne mit Sowjets, und währenddessen mussten sie ihre beiden Augen ganz toll zudrücken, um die Genozidanfälle des ersten Sowjetreiches zu übersehen. Vielleicht alliierten sie mit Sowjets auch nicht so gern, aber beim Teilen Deutschlands und Verurteilen der Deutschen in Nürnberg arbeiteten die Alliierten doch harmonisch zusammen.

Die Sache mit all diesen auf den ersten Blick sinnlosen lexikon-politisch-linguistischen Übungen ist die: Genozid ist zu Recht von der Völkergemeinschaft in internationalen Gesetzen zu einem rechtlich zu verfolgenden Verbrechen gegen die Menschlichkeit erklärt worden. An der Stelle muss noch ein linguistisches Durcheinander aufgeklärt werden: Es ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit und nicht gegen die Menschheit, wie es irrtümlich in dem sowjetischen Lexikon behauptet wird, obwohl vorhin richtig behauptet wurde, dass es ein Verbrechen gegen manche kleine national-religiösen Teile der Menschheit sei. Wird dieses Verbrechen nachgewiesen, gibt es ein Opfer, welches zu entschädigen ist, und einen Täter, der nicht nur zur internationalen Verachtung, sondern auch zur Geldstrafe in Höhe dieser Entschädigung zu verurteilen wäre. Und gerade hier liegt der Hund begraben!

Zur Verachtung kann man auch Geister verurteilen, ein verbrecherisches, aber bereits vernichtetes Regime zum Beispiel. Doch zu einer Geldstrafe kann nur eine real existierende juristische Person beziehungsweise ein juristisches Subjekt, ein Staat zum Beispiel, verurteilt werden. Das dieses Genozid begangene, das Dritte Reich proklamierte und geführte Nazi-Regime war zur Verachtung verurteilt worden, und seine noch übrig gebliebenen Vertreter in Personen waren hingerichtet worden. Alles zu Recht! Nur entstanden somit gewaltige Schwierigkeiten und ein totales Durcheinander mit dem besagten juristischen Täter-Subjekt!

Nachdem die letzten Vertreter der Nazi-Regierung Deutschlands ihre letzten Regierungsformalitäten mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht (nicht Deutschlands!) erledigt hatten und dann verurteilt und hingerichtet worden waren, wurde Deutschland als Staat und somit als das juristische Subjekt von vier alliierten Besatzungsmächten aberkannt! Und nicht um die Deutschen von Entschädigungsansprüchen zu retten, sondern um auf dem besetzten Territorium Deutschland eine den Alliierten freie Hand gewährende rechtfreie Zone zu verschaffen.

Von den Großen Vieren brauchte die Sowjetmacht am wenigsten - nie davor und schon gar nicht nach dem Großen Sieg! - , sich und ihre Willkür in Deutschland mit irgendwelchen juristischen Tricks zu rechtfertigen. Den zwei anderen Mächten, den Engländern des Vereinigten Königtums und den durch ihre Provisorische Regierung der Französischen Republik vertretenen Franzosen, war jedes seine Rechtfertigung ebenso wenig benötigte Mittel noch seit der Versailler Hinrichtung Deutschlands im Jahre 1919 recht, Deutschland erneut hinzurichten. Nicht so der Macht der US-Amerikaner!

Das war eine ausgezeichnete und beispiellose Leistung von amerikanischen Juristen[6] die internationalen Gesetzte sowie den Status Deutschlands so zu interpretieren und auszulegen, dass das deutsche Volk auf dem Territorium Deutschlands zu einem Obdachlosen, ohne sein staatliches Dach über den Kopf, und Gesetzlosen, ohne irgendwelche das Volk und seine Interessen und Rechte schützende Gesetze, wurde und alles nach dem Kriegsende mit ihm Geschehene und bis heute noch Andauernde über sich ergehen lassen musste. Es bleibe einstweilen dahingestellt, dass das meiste davon - natürlich! - zum Wohle desselben deutschen Volkes geschah, welches zunächst eindeutig umgeschult und demokratisiert werden musste, bevor dieses sein eigenes und souveränes Obdach erlangt und irgendwelche demokratischen, diese Souveränität schützenden Rechte bekommt.

Das internationale Gesetz untersagt nämlich ausdrücklich die Staatsordnung auf dem besetzten Territorium eines kriegführenden Staates zu ändern, das besetzte Territorium in neue Administrationsgebiete zu teilen sowie ein Teil des besetzten Territoriums zu einem anderen Staat zu transferieren, beziehungsweise das besetzte Territorium zum Vorteil von Nachbarn zu reduzieren! Also, all das und vieles mehr, was über das Nachkriegsschicksal der Deutschen noch in Teheran beschlossen, in Jalta bestätigt, in Potsdam deklariert und in Berlin durchgeführt wurde.

Das internationale, noch im Jahre 1907 in Haag ausgehandelte Gesetz definiert und reglementiert damit den Status "kriegführender Besatzung". So war noch im Jahre 1944 nach der Konferenz in Teheran den USA-Rechtswissenschaftlern die Aufgabe von ihrer Regierung gestellt worden, die Rechtsgrundlagen für die bereits beschlossene Nachkriegsbehandlung Deutschlands unter der rechtskräftigen Umgehung des internationalen Rechtes zu verschaffen. Und dies noch vor der Eröffnung der Zweiten Front in Europa und vor dem noch lange nicht errungenen, wenn auch sich bereits andeutenden Sieg über Deutschland!

Die brillante Lösung-Erfindung der amerikanischen Wissenschaftler an der Universität von Kalifornien[7] bestand darin, dass der legale Status Deutschlands keineswegs als der Status der im Gesetz gemeinten "kriegführenden Besatzung" annerkant werden dürfe! Deutschland habe nämlich nach der bedingungslosen Kapitulation seiner Wehrmacht aufgehört als ein souveräner Staat zu existieren! Bereits in dieser Formulierung "Wehrmacht", statt "Deutschland" und zu diesem Zeitpunkt wurde Deutschland seine rechtliche Existenz als eines besiegten Staates verwehrt. Dies wurde auch mit wissenschaftlicher Gründlichkeit begründet: Da keine legitime Regierung vorhanden sei, gäbe es keinen Staat namens "Deutschland" mehr. Eine legitime Regierung sei nämlich eine fortdauernde und von der Besatzungsmacht - nicht vom Volk des Landes! - anerkannte Regierung.

Also, nachdem Deutschland mit seinem nazifizierten deutschen Volk die Bande von einem Haufen großer und kleiner Nazi-Führer endlich losgeworden war, hörte es auf der Stelle auf, als ein Staat und ein juristisches Subjekt zu existieren! Eine legitime Regierung, nämlich die von Oberadmiral Dönitz, war zwar vorhanden und sogar, wenn auch nur vorübergehend, von den Alliierten durch die Annahme der von dieser unterschriebenen bedingungslosen Kapitulation anerkannt worden. Aber nachdem diese von denselben abgeschafft und verhaftet worden war, sahen sich die Siegesmächte selbstverständlich menschlich verpflichtet, die Sorgen um das staatlose deutsche Volk und um die Ordnung in dem nicht mehr existierenden Staate zu übernehmen.

Somit war der Status weg, die "kriegführende Besatzung" dennoch rechtskräftig geblieben. Da wäre zwar noch etwas: Diese Besatzung setzt demselben internationalen Recht nach den fortdauernden Kriegszustand voraus. Sei der Zustand vorbei, seien die Besatzung nicht mehr legitim, das besetzte Territorium zurückzugeben, die Besatzungstruppen abzuziehen und die Kriegsgefangenen zu ihrer Rückkehr in ihre Heimat freizulassen.

Nichts leichter als das! Da brauchten Politiker nicht einmal ihre Wissenschaftler zu bitten, einen Aus- und Umweg zu finden. Der Krieg war zwar de facto vorbei, nachdem die Militärkräfte Deutschlands unfähig gemacht worden waren diesen weiterzuführen und kapituliert hatten. Der Kriegszustand mit dem nicht mehr existierenden Deutschland blieb dennoch de jure - aufgrund fehlenden Friedenabkommens - noch lange bestehen. Dieser Zustand wurde sogar nach der endgültigen, offiziell anerkannten Zerstückelung Deutschlands im Jahre 1948 in der Bundesrepublik von Westalliierten bis zum Pariser Vertrag vom Juli 1951 und von den Sowjets bis zum Moskauer Vertrag vom August 1970 beibehalten[8]!

Dies sollte der erste den Deutschen von dem einzig demokratischen Rechtsstaat gegebene Unterricht in der Demokratiekunst und Rechtsstaatlichkeit sein. Diese rechtswissenschaftliche Methode wurde dann von den Demokratielehrern immer weiter entwickelt und wird heutzutage bei den von diesen durch Kriege unternommenen territorialen und Regimeänderungen bereits weltweit erfolgreich unterrichtet.

Also, auch diese juristisch-politischen Übungen ergeben keinen Sinn und führen einen menschlichen Verstand keinen Schritt weiter. Beziehungsweise liegen dabei der Sinn und der Verstand woanders, wo sie nur Politiker oder Rechtswissenschaftler und kein logisch denkender Mensch finden können. Diese Feststellung allein hätte aber weder damals noch heute dem zerrissenen Gewissen der Deutschen helfen können. Besonders dann nicht, wenn viele anderen auf der Welt den Deutschen gegenüber kaum Gewissen zeigen, als ob das gewissenlose Nazi-Regime auch sie von ihrem Gewissen befreit hätte.

Die 1948 gegründete "souveräne" Bundesrepublik Deutschland musste den von amerikanischen Wissenschaftlern so gut und begründet aberkannten Besatzungsstatus de jure noch bis zum Mai 1955 und de facto bis zum heute noch andauernden Abzug der alliierten Truppen und derer Stützpunkte hinnehmen. Mit der von den Westalliierten bei den Ministerpräsidenten der westdeutschen Länder verlangten - ja fast erpressten! - Gründung der BRD ging für Deutschland zwar die DDR verloren, wurde nun aber der Widerspruch der brillanten juristischen Lösung ebenfalls brillant gelöst. Die günstige Gültigkeit eines nicht mehr existierenden deutschen Staates machte ja jeweilige Ansprüche aller Genozidopfer auf ihre Entschädigung ungünstig ungültig. Durch diese Lösung wurde der dringend benötigte Rechtserbe des Dritten Reiches endlich erschaffen, welcher nun die festgelegten Kriegsschulden und die unbestimmten, aber nach jeder Aufforderung sofort zu zahlenden Geldentschädigungen an die Genozidopfer alleinig zahlen durfte.

Diesen Unterricht im Recht mit allen wissenschaftlich-politischen Erfindungen verstanden damals am besten die Sowjets, für welche dieser gar nicht gemeint worden war. Demzufolge mussten sich die kriegsgefangenen Deutschen gegen alle bisher geltenden und nun von Amerikanern abgeschaffenen internationalen Kriegsrechte und Gesetze noch zehn Jahre nach dem Kriegsende zwangsmä?ig am Aufbau des Kommunismus in der UdSSR beteiligen. Währenddessen durften die deutschen Kolonisten Russlands bereits fünfzehn Jahre nach ihrer Verurteilung als Spionen und Diversanten der Nazis in ihren Konzentrationslagern und Verbannungszonen ebenfalls weiter verrecken.

Erst nach Verhandlungen zwischen den deutschen und sowjetischen politischen Kollegen im Herbst 1955 in Moskau[9] und nur dank der historisch bekannten "Saufkraft" von Kanzler Adenauer und seiner Suite bei der ebenso bekannten ausgiebigen Abschiedsparty im Kreml erlangten die deutschen Kriegsgefangenen das Recht heimzukehren. Nebenbei wurden auch die den Repressalien und dem Genozid ausgesetzten deutschen Kolonistenfamilien den deutschen kriegsgefangenen Heimkehrern rechtmäßig gleichgestellt.

Das Letztere wurde allerdings nur von der Seite der Bundesrepublik wahrgenommen. Die Fünfkilometerzone und wöchentliche Meldepflicht wurden zwar von der Sowjetseite abgeschafft, die Einsperrung in die Hinteruralzone blieb aber weiter erhalten. So durften die wenigen Überlebenden aus diesen deutschen Kolonistenfamilien - trotz des bei der Saufparty ausgehandelten Abkommens und im Unterschied zu den ebenso wenigen Überlebenden von den kriegsgefangenen Deutschen - noch weitere zehn Jahre und nach dem Kriegsausbruch bereits fünfundzwanzig Jahre weder nach Deutschland, um sich wenigstens bei Herrn Kanzler durch einen Handkuss bedanken zu können, noch in ihre früheren Koloniegebiete heimkehren.

Aber auch nach diesen Jahren und bis an den Perestrojkaausbruch wurde das ebenso in weiteren politischen Verträgen seit langem offiziell verankerte Recht von Deutschen in der UdSSR auf ihre Heimkehr nach Deutschland inoffiziell durch das Ausreisegenehmigungsverfahren so erschwert, dass selbst ein Versuch dieses Recht in Anspruch zu nehmen für einige Tausende besonders hartnäckiger Draufgänger vom KGB durch Ausreisegenehmigungsverfahren zu jahrelangen Abenteuern und zur Folter gemacht wurde.

Dennoch dehnte sich schließlich die Einsperrzone des vierzehnj&aauml;hrigen Vaters von fünf Kilometer bis auf die Endlosigkeit des sowjetischen Reiches hin. An den Grenzen dieser Endlosigkeit war dann aber doch Schluss!

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Sonstige Umstände aus der Bundesrepublik Deutschland oder über die Bedeutung von Fragebögen

Für die Ausreisesperre des Vaters sorgte zusätzlich noch ein "Umstand", der auch sein späteres Berufsleben erschwerte, nämlich die Existenz einer Tante in der feind-kapitalistischen Bundesrepublik Deutschland. Er hatte sie immer in verschiedenste Fragebögen bei der Frage "Verwandte im Ausland" einzutragen.

Der russische Name "Anketten" für diese Fragebögen macht ihre Zweckmäßigkeit ungewöhnlich deutlich, allerdings nur aus der Sicht der deutschen Sprache, welcher die in ihren Konzentrationslagern und in ihren sibirischen Zonen mächtig assimilierten Deutschen-Kolonisten immer weniger mächtig wurden.

Die unbekannte Tante war die älteste Schwester seines Vaters. Er fand sie durch Internationales Rotes Kreuz ungefähr im Jahre 1959 wieder, nachdem sich Sowjetisches und Deutsches Rotes Kreuz infolge desselben Treffens in Moskau im Herbst 1955 endlich zusammenzuarbeiten geeinigt hatten. Dieses Treffen hatte ja ursprünglich nur der Aufnahme von diplomatischen Beziehungen sowie solcher humanitären Zusammenarbeit zwischen der Sowjetunion und der BRD dienen sollen. Dadurch wurde es auf einmal möglich nach den vor dem Krieg, während des Krieges und nach dem Krieg vermissten Verwandten zu suchen und einige wenige am Leben gebliebene sogar zu finden.

Seitdem hatten der Vater und die Tante einen Briefwechsel, so etwa einmal im Jahr. Seitdem trugen aber auch alle Söhne nach Ratschlag des Vaters diese Tante in ihre Anketten-Fragebögen ein, welche sie hin und wieder hier und dort auszufüllen hatten. Der Ratschlag des Vaters bestand darin, dass es keinen Sinn mache, diesen Umstand zu verheimlichen. Der Vater meinte, dass das KGB sowieso Bescheid wusste, und so eine Verheimlichung einen bei dieser ernstzunehmenden Behörde nur noch mehr verdächtig und die Sache somit noch schlimmer machen würde.

Es wäre schwer so gleich zu sagen, ob diese Eintragungen direkte Folgen bedeutet hatten. Einer der älteren Brüder hatte zum Beispiel am Ende seiner Hochschulausbildung durch seine guten Leistungen das Militär auf sich aufmerksam gemacht. Ihm war angeboten worden, als Offizier-Bauingenieur beim Militär zu dienen.

Das Angebot wurde wie immer zu Hause mit dem Vater beraten. Der Vater kam nach langem hin und her dazu, dass es sich lohnt das Angebot anzunehmen. Man bekommt bei der Armee immerhin die Vollverpflegung und noch ein für den sowjetischen Durchschnitt sehr respektables Gehalt obendrauf.

Die Entscheidung war gefallen. Der Sohn meldete sich zum angebotenen Militärdienst. Er musste dabei solch einen Fragebogen ausfüllen und sich einer medizinischen Untersuchung unterziehen lassen. Nach mehreren Monaten, währenddessen brachte er seine Diplomarbeit fertig, kam von irgendwo oben aus Moskau die Entscheidung, dass der Bewerber aus gesundheitlichen Gründen für Militärdienst nicht geeignet sei.

Was die gesundheitlichen Probleme in der Familie betraf, pflegte der Vater mit etwas bitterem Sarkasmus immer zu sagen:

"Na ja, die Schwächsten unter uns waren schon längst noch in schweren Anfangsjahren der Kolonisierung von südrussischen Steppen ausgestorben. Diejenigen, die noch irgendwelche, auch noch so kleine Schwächen aufwiesen, kamen nach der Revolution während des Bürgerkriegs, der Kollektivierung und der darauffolgenden Hungersnüte durch Lenins und Stalins 'Roten Terror', durch die Deportation, durch m?rderische Arbeit in der Trudarmee sowie auch im Krieg und durch den Krieg um. Die Hälfte von Übriggebliebenen darf wohl nicht einmal wissen, wo das Herz oder die Leber, oder die Lunge, oder sonst noch was in ihrem Inneren liegen. Sie können nun nur noch an einem Kopfschlag mit einer Brechstange frühzeitig sterben."

Damit meinte der Vater nicht nur seine Familie, sondern auch alle Familien der deutschen Kolonisten in Russland und dies nicht zu Unrecht. In seiner Familie bewahrheitete es sich allemal. Der aus gesundheitlichen Gründen abgewiesene Bewerber besaß eine prächtige, 185 cm große und 85 kg schwere Gestalt. Er war im Februar 1944 im Dritten Reich geboren worden, als die Pferdezüge mit deutschen Flüchtlingen aus den ehemaligen deutschen Kolonien in Südrussland unterwegs nach Mutterland Deutschland gewesen waren. Als er noch sechs Monate alt gewesen war und sich die Zweite Front in Europa geöffnet hatte, war der Vater als Soldat in die Waffen-SS mit der Aufgabe einberufen worden, den längst verlorenen Krieg zu gewinnen und somit das Dritte Deutsche Reich zu retten..

Er sah den Vater erst nach dreieinhalb Jahren wieder. Diesmal in einer sibirischen Sondersiedlung, wohin die Rote Armee zwischenzeitlich seine Mutter mit ihm und noch zwei älteren Kindern nebst der anderen deutschen, ebenfalls aus frommen Kindern, Frauen und manchen Alten bestehenden Familien verschleppt und eingesperrt hatte.

In Sibirien wurde er, von den anderen ungemerkt, mangels Vitamine von Rachitis angegriffen und dadurch für einige Jahre in seinem Wachstum zurückgeblieben, holte aber diesen Rückstand mit neunzehn Jahren auf, aber hatte danach ziemliche O-Beine. Einmal erkrankten er und sein älterer Bruder an Trachoma - einer Augeninfektion -, aber auch diese ging letztendlich spurlos vorbei, und seine erste Lesebrille setzte er erst nach seinem fünfzigjährigen Jubiläum auf. Wie dem auch sei, die Befunde einer medizinischen Kommission wurden vom KGB in Moskau nach einer mehrmonatigen "Schwerstarbeit" als negativ gewertet.

Etwas Ähnliches war auch seinem nächstjüngeren Bruder passiert. Er hatte aus den vom Vater bereits vorgetragenen Gründen an einer Militärhochschule studieren wollen und nach dem Abschluss der Mittelschule seine Bewerbungsunterlagen für die bevorstehenden Aufnahmeprüfungen dort eingereicht. Er hatte ebenfalls einen Fragebogen ausfüllen müssen und war ebenfalls einer medizinischen Untersuchung durch eine Ärztekommission unterzogen worden, welche sich über seine Gesundheit nur gewundert hatte.

Nach dem gleichen Verfahren in Moskau wurde auch er als "zum Militärdienst gesundheitlich untauglich" gefunden. Das hinderte dennoch zwei Jahre später keineswegs seine Einberufung zum Pflichtwehrdienst in den Panzerwaffen der Sowjetarmee, welcher auch seine nun doch zivile, schließlich zum Historiker ausgewichene Hochschulausbildung auf weitere Jahre verschob.

Der jüngste von allen Söhnen - der Kleine, der sechs Jahre nach dem Kriegsende beziehungsweise kurz vor dem Friedensabkommen und Beendigung des Kriegszustandes zwischen Westalliierten und Westdeutschland in dieser sibirischen Siedlung geboren worden war - wollte trotz aller Verlockungen nichts mehr mit dem Militär zu tun haben. Umso mehr, dass auch er O-Beine hatte und obendrein sein rechtes Auge in "kriegerischen Auseinandersetzungen" mit russischen Nachbarskindern verloren hatte, als er noch elf Jahre jung gewesen war.

Diese "augenberaubenden" Auseinandersetzungen zwischen den deutschen und russischen Kindern der Sondersiedlung fanden meistens nach einem der in Russland so beliebten Kriegsfilme statt. Die Kriegsfilme über die deutschen "Schlechten" und die russischen "Guten" wurden fast tagtäglich den diese Sondersiedlung besiedelten deutschen und russischen Zuschauern in einer Kinobaracke vorgeführt. In diesen Kriegsfilmen wurden die Deutschen standardmäßig immer als blöd, feige und etwas pervers dargestellt. Die Russen dagegen waren sehr schlau, mutig und heldenhaft.

Diese Propaganda war so primitiv, dass die Frage sogar bei vielen Russen aufkam, wie sie auch heute noch aufkommt: Wer war eigentlich der Blödere, wenn uns diese Blöden durch ihren Blitzmarsch bis an die Wolga überrascht, sowie auch viele Sonstige in Bedrängnis gebracht hatten. Die Sonstigen wie Engländer, welche sich bis heute noch in ihrer propagandistischen Kriegsfilmkunst nicht weit weg von den sowjetischen Darstellungen entwickelt haben?

Ohne eine Antwort auf diese Frage in der Kinobaracke gefunden zu haben, suchten eher russische Kinder in solchen nach den Filmvorführungen stattfindenden Auseinandersetzungen mit deutschen Kindern nach einer Antwort.

Der Kleine hatte Physik studieren wollen und die auch dafür notwendige medizinische Bescheinigung bei dem ihn gut kennenden Dorfmediziner geholt, ohne sich den verheerenden Moskauer Auswertungen auszusetzen. Die Probleme durch die Tante aus Deutschland bekam er erst später zu spüren, als er nach dem Studiumsabschluss als junger Wissenschaftler bei einem Forschungsinstitut anfangen sollte. Dort kam dieser heimtückische Fragebogen hervor.

Die Auswertungsbehörden wussten am Ende der Sechzigen nach Chruschtschows politischem Tauwetter und nach Breschnews indifferentem Machtanlauf nicht mehr so richtig, wie es überhaupt zu diesem Abschluss kommen konnte, und was sie jetzt tun sollen.

Schließlich erteilten sie ihm die niedrigstmögliche Zulassungsstufe. Er durfte damit die Eingangswache im Institut passieren und sein Labor betreten. Das war aber auch schon alles. Er durfte an keinem der mit einem Sonderzeichen als geheim bezeichneten Themen und an keinem der durch verschiedenste, auch "zivile" Ministerien ausgesprochen gut finanzierten Rüstungsprojekte arbeiten sowie keins der mit einem ähnlichen Geheimnisvermerk markierten Dokumente und Schriftstücke berühren.

Bei der in diesem Lande herrschenden Rechtslage, wo es nur bedurfte von einem häuslichen Projektleiter sein sogar mit Rüstung nichts am Hut habendes Thema beim gewissen "Ersten Abteil" als geheim anzumelden, um dies gleich bestätigt und mit diesem Vermerk vorgesehen zu bekommen, waren es schon recht wenige "unvermerkte" Themen und Projekte.

Die Auslandsreisen sogar in die brüderlichen Länder aus dem Ostblock waren für den Kleinen nach wie vor sowohl beruflich als auch privat undenkbar. Das kümmerte ihn nach der Erlaubnis vom Jahre 1956 die Fünfkilometergrenze seiner Sondersiedlung zu überschreiten eigentlich wenig - das Gefängnisreich war ja lang und breit genug.

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Das Wirtschaftswunder oder darüber, was eine Hose bzw. die Verbindung zur kapitalistischen Heimat kostet

Diese durch die Nationalität ohnehin vorhandenen und durch die Existenz der Tante in der BRD noch verschärften Unannehmlichkeiten wurden jedoch von derselben Tante gelindert und entschädigt. Sie schickte der Familie nach Sibirien ab und zu - ungefähr ein Mal in ein paar Jahren - aus ihrem zu damaliger Zeit bereits zustande gekommenen Wirtschaftswunderland seltene und für die sowjetisch-sibirischen Dorfverhältnisse nun wirklich exotische und "merkwürdige" Pakete.

In diesen Paketen gab es einmal eine kleine, entzückende "Nescafe"-Dose, welche dann mehrere Jahre ungeöffnet einen Glasschrank der Familie beschmückte, weil diese so märchenhaft schön aussah, dass alles Andere in der kleinen und bescheidenen Wohnung im Vergleich zu dieser Dose einfach verblich.

Manche Schokoladentafeln, welche nicht weniger schön aussahen, wurden jedoch - wenn auch nicht sofort auf der Stelle, sondern im Laufe der Zeit - von der siebenköpfigen Familie unaufhaltsam vernascht.

Der Rest von Paketen bestand gewöhnlicherweise aus einigen Kleidungsstücken, welche auf eine unerklärliche Weise immer ein paar Nummern größer waren als die Größe des Größten in der Familie, nämlich des Vaters mit seiner immer noch bleibenden Waffen-SS-Soldaten-Gestalt. Ihm half angesichts der Hosenbreite auch die Tatsache nichts, dass er mittlerweile ein Altersbäuchlein aufwies. So mussten die meisten dieser Sachen ebenfalls als entzückende Raritäten die Schränke der Familie beschmücken.

Eine Hose von solcher Größe erwarb einst vom Vater der Kleine, als er noch Physik an der Uni studierte. Er sollte die Hose für sich umschneidern lassen. Als der Auftrag, für den er ein Drittel seines Stipendiums opfern musste, erfüllt wurde, war die Hose nunmehr sogar für seine magere Figur mindestens zwei Nummern zu klein. Vielleicht war der Stoff so verlockend schön und seine Menge ausreichend genug, um daraus zwei Hosen zu kreieren und damit ein gutes Geschäft zu machen. Dies blieb jedoch bis heute unbewiesen, um es zu behaupten, aber aus der Sache mit der importierten Hose wurde doch nichts außer Verlusten.

Diese tragikomische Hosengeschichte unterstreicht nur, dass die Familie durch die Verbindung mit dem fremd-kapitalistischen deutschen Mutterland doch mehr Leid als Freud erleben musste.

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Vorzüge der Perestrojka oder darüber, wie man zwecks Familienzusammenführung zu seiner Tante abhauen kann

Aber die Gunst der Zeit kam! Nachdem der Kleine - jetzt selber Vater von zwei Töchtern - nach vier Jahren Perestrojka die Einladung bei seiner Tante hatte erbeten und von ihr auch erhalten dürfen, ging er zur OVIR - so eine Art "Abteilung des Einwohnermeldeamtes für Visenerteilungen und Ausreisegenehmigungen" bei der sowjetischen Miliz - und fragte dort sehr höflich und vorsichtig nach:

"Entschuldigen Sie mir bitte eine abstrakte Frage?"

"Ja, bitte."

"Dürfte man mit seiner Familie in die Bundesrepublik Deutschland zu einer Tante für immer ausreisen?"

Die Antwort war zwar ungewöhnlich freundlich, aber nicht zufriedenstellend:

"Nein! Man darf nur zu seinen Verwandten ersten Grades wie Eltern oder Geschwister ausreisen, zu denen eine Tante nicht zählt."

"Dürfte man wenigstens auf Besuch zu seiner Tante fahren?" - war die nächste, in bezug auf seinen heimlichen Fluchtplan sehr schlaue Frage des Vaters. Diesem Plan hatte er jedoch durch die vorige im Klartext gestellte Frage der mit dem KGB eng zusammenarbeitenden OVIR gerade eben preisgegeben.

"Oh, das dürfen Sie jetzt auf jeden Fall!" - reagierte nun im Klartext die für die OVIR-Verhältnisse typisch schlaue, aber etwas untypisch zu sehr nette Dame, die bei dieser Antwort auf ihr Amt und auf sich selbst endlich sehr stolz zu sein schien.

"Auch mit meiner Frau und meinen Töchtern?" - entlarvte sich daraufhin der Vater ebenfalls.

"Warum denn nicht?" - war ihre lakonische und optimistische Antwort.

Durch diese Antwort und dank der Perestrojka lag Vaters Vorhaben, nach Deutschland abzuhauen, nichts mehr im Wege. Er durfte seinen und den der Mutter Reisepässe zusammen mit Ausreisegenehmigungen bei der netten OVIR-Dame beantragen und diese auch sogar kurzfristig erhalten.

Dabei wurden die Töchter jedoch getrennt in die Reisepässe der Eltern eingetragen: die kleinere zum Vater, die größere zur Mutter.

"Dies haben sie extra gemacht," - behauptete danach immer die Mutter - "damit es erschwert bleibt uns voneinander zu trennen, so dass nur ein Teil der Familie zurückkehrt."

Ob sie recht hatte, blieb ebenfalls unbewiesen und ungewiss, da die Einheit der Familie bei allen Entscheidungen und in allen späteren Situationen nie von den Eltern in Frage gestellt wurde. Der Vater schaffte es immer dazu eine alternative Lösung zu finden und ließ sich dabei von keinem unter Druck setzen und erpressen.

Nach dem Erfolg bei OVIR bestellte der Vater eine Platzreservierung für vier Personen im Zug "Moskau-Aachen" bis nach Duisburg. Er schickte auch ein Telegramm an die Tante mit der Ankunftszeit dieses Zuges. Nun musste er nach Moskau fahren, um das Einreisevisum bei der BRD-Botschaft zu ersuchen und die BRD-Währung bei der einzigen dazu berechtigten sowjetischen Zentralstaatsbank zu erwerben.

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"Die Schlangenkunst" oder darüber, was Geld kostet und wie man zu rauchen aufhört

Dieses Einreisevisum zu ersuchen und diese Währung zu erwerben, war es leichter gesagt als getan! Die deutsche Botschaft wurde von einer unübersichtlichen Menschenschlange umzingelt. Aber man wuchs - Gott sei Dank! - mit solchen Warteschlangen an jeder Stelle in der UdSSR auf und zusammen und wusste mit denen umzugehen.

Es bildeten sich Selbsthilfegruppen, welche eine Liste der Visenbedürftigen aufstellten. Jeder bekam seine laufende und nur für einen Tag aktuelle Nummer auf der Liste. Jeden Morgen, bevor die Botschaft aufmachte, waren alle auf der Liste namentlich aufgerufen worden, und sie bekamen nach der Bestätigung ihrer Anwesenheit eine neue Nummer für diesen neuen Tag.

Die aktualisierte Nummer war auf die Anzahl von den gestern Durchgekommenen kleiner. Falls sich keiner nach einem dreimaligen Aufruf meldete, galten seine Nummer und somit sein Platz in der Warteschlange als verloren, was die neuerhaltenen Nummern von den Übriggebliebenen noch einmal reduzierte.

So konnte man gleich am ersten Tag ungefähr ausrechnen, wie viele Tage es überhaupt dauern sollte, bis man an der Reihe wäre. Jeden Tag wurden auch diejenigen aus der Selbsthilfegruppe, die bereits durchgekommen waren, durch die am Ende der erneuten Liste stehenden Neuankömmlinge ersetzt, sodass die Prozedur - genauso wie die Warteschlange selbst - kein Ende fand.

Dieses System war sehr günstig, weil es allen die Möglichkeit bot, sich für ein paar Stunden freizumachen und woanders auf eine andere Schlangenliste eintragen zu lassen. Am selben Tag stellte sich der Vater auf die gleiche Weise an die kaum kürzere Warteschlange zu dieser in ganzem Lande einzigen Staatsbank mitten in Moskau an, welche fremde Währung für Rubel verkaufte. Die gleichgemachte Berechnung aus den erhaltenen Listennummern und der Schlangengeschwindigkeiten ergab für den Vater ungefähr eine Woche in jeder Warteschlange, aber die Wochen in parallel laufenden Schlangen waren zum Glück nicht zu addieren.

Der Ball wurde also eingeworfen: Dies alles gehörte zum Spiel, welches der Verwirklichung Vaters Idee diente. Die auf seine Familie jenseits wartenden Probleme waren noch ganz fern, unbekannt und angesichts der scheinbaren Unüberwindlichkeit von hiesigen Problemen vorübergehend nicht von der höchsten Priorität. - Wer die häuslichen Hürden zu überwinden schafft, darf schon optimistisch werden und nicht mehr aufgeben.

Mit der Währung bedeutete es letztlich eine Menge Rubel entsprechend dem vom Staat ausgedachten Umtauschkurs gegen eine erlaubte und begrenzte Menge von Deutschen Mark umzutauschen.

Hier ließ sich nun eine der mehreren für den Vater negativen Seiten der Perestrojka spüren, die ihn jetzt wieder direkt traf. Der sowjetische Rubel - der einen eisernfestgelegten Umtauschkurs gegenüber jeder ausländischen Währung in allen Zeiten gehabt hatte, auch wenn der Kurs nur in Grenzen des Ostblocks galt, - bekam plötzlich eine offizielle, mehr als zehnfache Abwertung. Ab nun musste man für eine Deutsche Mark glatte vier Rubel aufbringen, statt früherer dreißig Kopeken.

Dieses Ereignis erwischte den Vater kalt, als er sich bereits seit zwei Tagen hatte auf die Warteschlangenliste vor der Staatsbank eintragen lassen. Es bedeutete jetzt, dass er gar nicht genug Geld bei sich hatte, um den ganzen maximal erlaubten Betrag von eintausend DM zu kaufen.

Wie es oft bei globalen Vorhaben so vorkommt, schien es plötzlich auch dem Vater sehr wichtig, diese maximal erlaubte Summe von DM zu erwerben und mit nach Deutschland zu nehmen. Damit waren für ihn gewisse Unabhängigkeit und Freiheit bei ihren ersten Schritten in Deutschland verbunden.

Wie bescheiden diese Summe für die Unabhängigkeit und Freiheit in Deutschland war, konnte er zum Glück in seiner Naivität und damaligen Ungewissheit noch nicht ahnen und verstand es erst später, als er seine erste Schachtel Zigaretten in Deutschland kaufte.

Die als ein Freiheitsgarant erworbene Summe reichte gerade mal für zweihundert Zigarettenschachtel, die wiederum nur hundert Rubel zu Hause gekostet hätten. So gesehen sollte er eigentlich für seinen einen Rubel ganze 10 DM von der Staatsbank erhalten und eine Endsumme von 40000 DM! Andersrum hätten dann seine für die Währung ausgelegten 4000 Rubel nur noch hundert Rubel gekostet. Von solchen Umrechnungen wurde der Vater damals fast verrückt, vergaß den Rubel für immer und hörte auf - leider nicht für immer - zu rauchen.

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Naivität als die Basis zum Wagemut oder darüber, wie man den richtigen Weg in einem Irrenhaus findet

Derartigen Naivität hat man aber eine Menge zu verdanken. Dies galt besonders bei der vom Vater propagierten und praktizierten "Einwurfsentscheidungsmethode":

"Die Naivität beflügelt uns und führt uns aus Situationen hinaus, in denen wir von hartem Pragmatismus und nacktem Realismus festgenagelt und lahm gehalten werden." - rechtfertigte er sich, wenn er seiner Naivität - seitens seiner Töchter vor allem - beschuldigt wurde.

Außerdem galt für den Vater ein Prinzip schon immer:

"Der ausgewählte Weg führt mit Sicherheit zum gewünschten Ziel nur dann, wenn man sich auf diesem Wege ständig mit Entscheidungen und Problemlösungen beschäftigen muss. Ein geschmierter Weg ohne Hindernisse kann nur in eine Falle oder direkt in die Hölle führen." - Kurzum: "Je steiniger der Weg ist, umso richtiger ist dieser."

Beim Vater führte dieses Prinzip hauptsächlich zu einem: Er wurde immer - trotz seines Definitionsvisiers - mit allerlei ernsthaften Problemen konfrontiert. Gerechtigkeitshalber muss man dazu sagen, dass er nach diesen Problemen nicht unbedingt suchte, - sie suchten ihn mit solchen Prinzipien und auf seinen steinigen Wegen schon von alleine auf.

Dabei wusste er im Voraus den "richtigen? Weg nie, wie es auch seine der Mutter gegenüber ausgesprochenen Zweifel in Sachen der "richtigen" Töchtererziehung gezeigt hatte, denn es käme immer wieder auf die Definition der Richtigkeit an. Für den Vater war alles richtig, was sein seelisches Gleichgewicht oder seinen Frieden mit sich selbst bewahrte. Dies waren die Dinge, die seiner Ethik und seinen Prinzipien entsprachen. Sie beeinträchtigten sein Verhalten und seine steinigen Wege. Der Weg - oder eher die Art den Weg zu gehen - war für den Vater das Ziel. Das Ziel an sich hätte bei ihm dann auch zweitrangig bleiben können.

Auf diesen Wegen war er mit seiner sehr abstrakten Definition von Richtigkeit wieder ein ziemlicher Alleingänger, da Ethik und Prinzipien in der kommunistischen Gesellschaft von Beginn an abgeschafft worden waren und nur als eine kleine, gängige Tauschware verblieben. Schließlich kam er zu der Überzeugung, dass es einen gesellschaftlich gemeinsamen "richtigen" Weg in dem "Sowjetirrenhaus" - seine verbitterte Bezeichnung seines sowjetischen "Zuhauses" - gar nicht gäbe.

Diese Feststellung änderte sein Verhalten aber nicht:

"Mit dem Prinzip, steinige und nicht schmierige Wege zu wählen und zu gehen, versuche ich meine Art zu bewahren, in diesem Irrenhaus noch aufrichtig zu leben" - gab sich der Vater erhaben, wenn irgendjemand ihn für so ein Verhalten zu kritisieren oder gar auszulachen versuchte.

So stand es auch diesmal für den Vater fest, die viertausend Rubel - der Unabhängigkeit und Freiheit wegen - auf der Stelle zusammenzutreiben. Zum Glück hatte er in Moskau einen alten Kollegen und Freund, der auch eine wichtige Rolle in der Ausreisegeschichte gespielt hat.

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Auserwählte Völker, Städte und Menschen oder über Moskau und Moskauer

Der Freund hieß Valerij, war ungefähr zehn Jahre älter als der Vater, lebte in Moskau und arbeitete in einem zentralen Forschungsinstitut auf dem gleichen Fachgebiet. Aus diesem Grunde entschloss sich der Vater, der noch an der Aspirantur war und an seiner Doktorarbeit ackerte, zu ihm nach Moskau zu fahren. Valerij war damals noch kein echter Freund, nur sein Kollege eben. Der Vater wollte mit ihm über die Doktorarbeit diskutieren. Eigene Doktorarbeit noch vor der Promotion nach Moskau präsentieren zu fahren, gehörte es zu den allgemein geltenden Spielregeln - ohne Moskau ging ja gar nichts.

Die Moskauer waren dadurch verwöhnt und haben sich daran gewöhnt. Dadurch entwickelte sich auch bei ihnen seit historischer Zeit so eine Überheblichkeit, welche sich bei den alten Römern zu ihrer Zeit den anderen, von ihnen als Barbaren bezeichneten Völkern gegenüber in ihrem unendlichen Reich auch entwickelt hatte und durch welche schließlich das Römische Reich zugrunde gegangen war. In etlichen späteren, poströmischen Reichen pflegten dann dieselbe Überheblichkeit die germanischen Barbaren selbst den anderen Barbarenarten außerhalb und sogar innerhalb ihrer Reiche gegenüber. Diese trotz der dahinter steckenden Eitelkeit törichte Eigenschaft ist aber selbstverständlich für alle auserwählten oder sich zu auserwählten erklärten Völker, Religionsgemeinschaften, kleineren Menschengruppen oder sogar einzelnen Personen.

Aus Moskau kam das Geld an die anderen in der Peripherie, durch die Moskauer Forschungsinstitute und ihre Mitarbeiter - meistens in großen, aber auch in kleineren führenden Positionen - verteilt. Die Forschungsaufträge wurden durch Verträge an die Peripherieinstitute weitergeleitet und von Moskauer Instituten mit staatlichen Geldern bezahlt.

Die in Berichten verfassten Forschungsergebnisse gingen nach Moskau zurück. Dort wurden diese von einem oder von mehreren Auftragsgebern zu ihren Doktorarbeiten verfasst. Dafür durfte man mit einigen guten Referenzen aus Moskau für eigene Peripheriedoktorarbeiten rechnen. Diese Referenzen kamen bei der Höchsten Attestierungskommission - ebenfalls in Moskau - sehr gut an und begünstigten das Genehmigen des erlangten akademischen Grades nach der Promotion zu Hause sowie das Erteilen des entsprechenden Diploms durch diese zentrale Kommission.

Valerij war nach Moskau aus einem sibirischen Dorf aus den einfachsten Verhältnissen gekommen, von seiner verwitweten Mutter erzogen - sein Vater war im Krieg auf der Sowjetseite gefallen. Er studierte, heiratete eine Moskauerin, hatte mit ihr zwei Töchter, arbeitete und promovierte mit der Zeit, wie es sich also gehört.

Seine Frau als eine echte, eingeborene Moskauerin pflegte immer zu sagen:

"Wir hätten ein noch besseres und noch mehr wohlhabendes Leben in Moskau, wenn es nicht diese Kolchosnicken aus den umliegenden Dörfern und Gebieten mit ihren Hamstereinkäufen gäbe. Sie kommen täglich in Tausenden nach Moskau und plündern unsere Fleischtheken!".

Diese allen bekannten "Wurstzüge" aus Moskau dienten einem kleinen Ausgleich im sowjetischen Verteilungssystem. Dieses war an der Stelle besonders ungerecht und schien eine einigermaßen gerechtere Verteilung diesen "Wurstzügen" zu überlassen. Das ganze Imperium wurde von der Regierung in Moskau ausgeplündert und musste an Moskau die Zeche zahlen. Alle Produkte wurden von Moskau aus verteilt, und das Meiste blieb dabei in Moskau, Kiew, Charkow und Leningrad, die zu kommunistischen Städten erklärt worden waren. Sie sollten den Ausländern den sowjetischen "Wohlstand" präsentieren, während die anderen - von ausländischen Gästen abgeschirmt - unter sich aushungern durften.

Valerijs Gemahlin war in ihrer Moskauer Überheblichkeit offensichtlich überzeugt, dass das ihr von Kolchosnicken geraubte Fleisch auf Bäumen in Moskauer Hinterhöfen wächst und nur die Moskauer dementsprechend das Recht darauf behalten dieses zu fressen. In zwanzig Jahren unter einem Dach mit dieser Frau blieb auch Valerij diese Überheblichkeit nicht gänzlich erspart.

In einem war er jedoch anders. Er forschte selbst für seine Veröffentlichungen und für seine Doktorarbeit. Er war übrigens auch in keiner - weder größeren noch kleineren - führenden Position. Er forschte viel und erfolgreich: Seine Veröffentlichungen waren bekannt, und seine Meinung wurde unter Kollegen geschätzt.

Also entschied sich der Vater damals, zu ihm zu fahren, ihm die Doktorarbeit zu präsentieren, über die in der Arbeit noch nicht geklärten Probleme zu diskutieren, zu deren Lösung der Vater einige faszinierenden Ideen zu haben meinte. Diese Ideen sollten unbedingt Valerijs Interesse erwecken und ihn zu einer Zusammenarbeit mit dem Vater motivieren. Umso mehr, dass einige Problemlösungen auf die bei Valerij in Moskau vorhandene experimentelle Ausrüstung angewiesen waren.

Dies war wieder mal typisch eine von Vaters naiven Vorstellungen, bei denen er nichts von der fremden, die Realität abbildenden Erfahrung wissen wollte. In dieser erfahrungsgemäßen Realität ging es schon in Ordnung die Arbeit in Moskau zu präsentieren. Zu diskutieren war es bereits weniger in Ordnung, aber an eigenen Problemen und Ideen mit den Moskauern zusammenzuarbeiten galt es so gut wie ganz undenkbar.

Der Vater meinte aber eigenwillig und eigenlogisch, dass die Wissenschaft von Natur aus demokratisch sei und alle ihre Diener gleich seien. Dass es gerade hier keine "meinen" oder "deinen" Probleme gäbe und jede Diskussion unter den Gleichen über die in einer Zusammenarbeit zu lösenden Probleme nur der Objektivität von wissenschaftlichen Ergebnissen und somit dem Fortschritt der Wissenschaft und nicht einem einzelnen Wissenschaftler diene. Vorausgesetzt natürlich, dass eine zugrundegelegte Idee alle Beteiligten fasziniert und zur Zusammenarbeit motiviert.

So war für den Vater nur das wahr, was logisch war. Und dies in einem "Irrenhaus", dessen Funktionäre so eine Furcht vor jeglicher Logik und Objektivität wie der Teufel vor dem Weihrauch hatten.

*

Die Rolle vom Bier im gesellschaftlichen Leben oder über den Freund Valerij und die Schwierigkeitsromantik

Der Vater fuhr hin. Es war Spätfrühling. In Moskau blühte alles. Fast jeden Tag, einen Monat lang, stürmte und belagerte der Vater diese Überheblichkeitsfestung, indem er sich immer wieder meldete, Termine vereinbarte, ins Institut ging und dort Tage verbrachte, ohne ein kleinstes Versprechen oder eine Zusage zu der gew?nschten Zusammenarbeit zu erlangen.

Eines mittlerweile heißen Sommerabends saßen die beiden im Institut: der Vater mit fester Entschlossenheit hier bis zum bitteren Ende zu sitzen und Valerij mit dem verzweifelten Gesicht eines Verurteilten, der gerade begriffen hat, dass es kein Entkommen gibt. Alle anderen Mitarbeiter waren schon längst fort.

"Magst du Bier?" - fragte, plötzlich duzend, Valerij - "Wir könnten in einen Biergarten gehen und dort alles besprechen. Ich habe Durst!" - fast stöhnte er zum Schluss.

"Mein Gott!" - dachte der Vater - "Endlich habe ich es! Auf diesem vertrauten Boden, wo sich zwei Männer beim Biertrinken unterhalten, können wir nur gleichstehen und alle albernen Irrtümer vergessen." - und antwortete:

"Natürlich mag ich Bier und ich habe verdammten Durst auch. Nur kenne ich keinen Biergarten in der Nähe. Wenn Sie die Führung übernehmen, können wir gleich losgehen." - er fand es angebracht, zunächst subordinär beim "Sie" zu bleiben.

Gesagt - getan! In fünf Minuten waren sie draußen und marschierten durch Moskauer alte, enge Gassen, ihr ab nun gemeinsames und sie so überraschend vereinigtes Ziel verfolgend. Die Masken waren gefallen! Es gingen miteinander zwei normale Männer mit ihren unterschiedlichen und dadurch einander so interessanten Lebenserfahrungen, über welche sie gleich zu sprechen begannen.

Es gab keine Kollegen mehr - einen jüngeren und einen älteren, welche zueinander in einem subordinären Abstand in ihren Titeln und Positionen standen und einander mit ihrem wissenschaftlichen Gequatsche quälten, dem sie bereits im Alltag allein ihres Berufes wegen überdrüssig waren. Die falschen Lanzen, mit denen sie einander geradezu bekämpft hatten, wurden abgelegt. Die Bierhenkel und Männergespräche wurden zu der Erfolgswaffe, welche sie zum gegenseitigen Verständigung und schließlich zur Freundschaft führte.

Um ein paar Ecken fanden sie ihre "Fata Morgana"[10] - den angesagten und, wie es schien, für Valerij gut bekannten Biergarten. Sie tranken kaltes, erfrischendes Bier in der warmen Luft des sommerlichen Abends in der allmählich untergehenden Sonne und kauten dazu gesalzten, luftgetrockneten Fisch, den man vorher mühsam und dreckig ausnehmen und häuten musste. Schon längst wurden persönliche Fragen vom Typ "Wer ist wer?" geklärt, und das Gespräch floss zwanglos wie das Bier über dies und jenes, was einem gerade einfiel.

Valerij trug zum Thema "Fisch" vor, dass er ab und zu mit seinen Kumpels nach Astrachan fährt und dort unten an der Wolga fischt:

"Den da kannst du vergessen." - meinte er zu ihrem Fisch, welchen sie unterwegs gekauft hatten und jetzt zum Bier vernaschten - "Was wir dort fangen und essen, das ist Fisch!"

"Ich bin zwar kein Fischer," - meinte der Vater - "aber was ich in Nordsibirien für Fisch gegessen habe, von Einheimischen gefangen und vorbereitet, solltest du mal probieren."

Inzwischen sind die letzten Schranken gefallen, und sie duzten sich selig gegenseitig.

"Was hattest du im Norden zu suchen?" - interessierte es plötzlich Valerij.

"Ach, nur so. Ich fahre jeden Sommer noch seit meiner Studentenzeit mit meiner Brigade hin, um Geld zu verdienen, das ich im Winter brauche, um mich mit der Wissenschaft beschäftigen zu können. Meine wissenschaftliche Beschäftigung betrachte ich demzufolge als mein Hobby. Du weißt ja, dass wir von unseren Gehältern in unserer Branche kaum satt leben können."

"Allerdings!" - gab Valerij gerne zu.

"Wir bauen dort in den bis zu zwei Monaten langen Ferien bei einer manchmal sechszehnstündigen Tagesarbeit ohne Wochenenden alles, was es zu bauen gibt, kassieren das Geld und hauen dann wieder ab nach Hause."

"Ich hätte es gerne mal mitgemacht!" - meinte Valerij überraschend.

"Hast du eine Ahnung, wovon du redest..." - dachte der Vater skeptisch, Valerijs kleine und magere Gestalt kritisch betrachtend.

Diese sogenannten Kalyme im Norden waren für den Vater eine heilige, nicht jedermanns Sache. Dort war seinetwegen das einzig echte Leben. Dort brauchte man nicht nur die Muskelkraft, sondern - und sogar vor allem - das höchste Durchhaltevermögen. Dort war man Bedingungen ausgesetzt, die sich kein normaler Mensch in der Stadt - und schon gar nicht so ein Wissenschaftler aus Moskau - vorstellen könnte.

"Soll doch romantisch sein." - verbohrte sich inzwischen Valerij weiter in seine Idee.

"Na ja, Romantik ist eigentlich nicht unser Ziel dabei. Aber wenn du meinst, soll es so sein. In der alles verbrennenden Sonne des kurzen Nordhochsommers tags und manchmal nachts über - in den weißen Nächten vergisst man die Zeit, von allen möglichen Mücken-, Fliegen- und Moskitoarten angefressen, die schwerste Arbeit ohne jegliche großartigen Mechanismen und ohne jegliche Arbeitssicherheit aus- und durchzuhalten, ist es schon irgendwie romantisch."

"Mensch, auch noch weiße Nächte! Und dies alles unter Kumpels..." - ließ sich Valerij durch die von dem Vater ausgemalten Arbeitsbrutalitäten und seine Ironie nicht beeinflussen.

"Ja, unter Kumpels stimmt schon. Jeder von uns ist in der Brigade sowie in seiner Arbeit als auch im Ganzen auf einander angewiesen. Alle ziehen an einem Strang! Wenn einer faulenzt oder aufgibt, müssen das Seine die anderen leisten. Das ganze Unternehmen mit dem abschließenden Erfolg darf gar nicht in Frage gestellt werden, weil das richtige und volle Geld mit allen Prämien nur bei der im Akkordvertrag vorgesehenen Schlüsselfertigstellung eines Bauobjektes gewährleistet ist.?

"Das ist ja wie bei den Bergsteigern, die sich als Vorbild der Zuverlässigkeit und Männerfreundschaft in ihren Liedern hochleben und dadurch beneiden lassen."

"War noch nie in Bergen." - merkte dazu der Vater trocken an - "Hatte auch nie Geld dafür und finde es auch blöd, nach Schwierigkeiten und schweren Belastungen zu suchen, die man auch noch selbst bezahlen muss. Von Insidern allerdings gehört, dass manche Seile von diesen Kumpels schon abgeschnitten wurden, wenn es darauf ankam. Unter meinen Männern im Norden ist so etwas noch nie passiert, obwohl sie sich nie haben hochleben lassen. Dort werden Männer nach ihrer Aufrichtigkeit und Kameradschaft während der kürzesten Zeit ohne jeden psychoanalytischen Aufwand geprüft. Dort gibt es ja auch keinerlei Möglichkeit etwas zu verbergen. Nicht im gemeinsamen Leben in kurzen Arbeitspausen, welches sich nur aufs Essen und Schlafen beschränkt, und schon gar nicht während dieser erschöpfenden Arbeit Schulter an Schulter, wo alle an einem Seil hängen."

"Ich sehe schon: Du magst nicht besonders die Bergsteigerromantik."

"Ich mag es nicht, wenn ernsthafte und gefährliche Dinge künstlich aufgesucht und zur Spielerei gemacht werden. Hatte es nie nötig."

"Ich auch nicht. Aber ich kann bei denen verstehen, dass sie eher nach einer Art von Selbstbefreiung und Selbstbestätigung suchen."

"Kann sein. Nur für mich wäre es keine Selbstbestätigung mich als der Größte zu fühlen, indem ich wie eine Ameise ein paar Tausendmeter über die Köpfe von anderen Menschen hochklettere. Ich fühle mich groß und bestätigt, indem ich unter die Menschen gehe, sich mit ihnen messe und als Erster daraus komme."

"Und was ist mit der Freiheitssuche in dieser erstickend stinkenden Gesellschaft?"

"Sie finde ich in vollem Maße im Norden! Dort gibt es eine totale Handlungsfreiheit, die zu meiner, in der Gesellschaft sonst nicht gewährten und bei vielen dadurch fehlenden, persönlichen Freiheit erheblich beiträgt."

"Ich kann dir nicht folgen: Im Süden, im Norden soll doch egal sein - diese Gesellschaft ist ja überall!"

"Dort ist es anders. Es läuft dort nicht nach den offiziell herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen. So eine Brigade funktioniert wie ein auf ein paar Monate befristetes, selbstständiges Privatunternehmen. Der Brigadier als Geschäftsführer - diese Rolle bleibt irgendwie Jahr für Jahr an mir hängen - fährt noch im Frühling umher, sucht nach geeigneten Bauobjekten und nach Auftraggebern in der Gestalt von Leitern der landwirtschaftlichen Betriebe, welche diese Objekte dringend brauchen und die dafür benötigten Gelder bereithalten. Dadurch ist schon mal das gemeinsame wirtschaftliche Interesse da, das die Verhandlungspartner in ihren Verhältnissen von Anfang an - im Gegensatz zu den üblichen sowjetischen Subordinationen - auf die gleiche Augenhöhe bringen und von jeder leeren Propaganda befreien."

"Wieso? Diese Leiter sind doch dieselben Parteifunktionäre wie überall."

"Nicht ganz. Sie sind vor allem wirtschaftliche Leiter, die mit den unmittelbaren Realitäten direkt vor Ort konfrontiert werden. Um zu diesen Leitern zu werden, mussten sie zwar in die Partei eintreten. Sie sind damit aber die kleinsten, die von den größeren und von ihrer Realität nichts wissen wollenden Parteifunktionären erpresst werden. Dann kommen wir für sie wie eine Rettung. Diese Leiter wissen ganz genau, dass sie das gesehnte Objekt in zwei Monaten - wenn auch für ziemlich großes Geld - fertiggestellt kriegen. Dasselbe Objekt mit eigenen Kräften zu bauen, vorausgesetzt noch, dass sie überhaupt vorhanden sind, wäre es für sie unmöglich oder hätte es so lange gedauert, dass es im Endeffekt - besonders wenn man all diese regionalen Nordaufschlüge für ansässige Arbeiter mitberechnet - noch mehr Geld gekostet hätte. - So sind ihre Realitäten."

"Verstanden! Trinken wir auf dich und auf deine Männer, auf die Herren des Nordens!" - lachte Valerij, der Vaters begeisterten Ausführungen aufmerksam zugehört hatte.

Sie tranken lachend darauf, aber der Vater erklärte dann ernsthaft dazu:

"Es wollen leider mehrere 'die Herren des Nordens' sein, und es gibt dort eine große Konkurrenz. Viele Brigaden sind im Frühling mit ihren Angeboten unterwegs und nicht nur die einheimischen, sondern auch die aus der ganzen Sowjetunion. Vor allem aber aus Mittelasien und Kaukasus, die im Volksmund als 'Saatkrähen' bezeichnet werden. Da helfen nur eigene eiserne, wenn auch ungeschriebene Regeln in diesem harten Geschäft."

"Diese 'Saatkrähen' sehen wir auf den Moskauer Obst- und Gemüsemärkten auch. Sie sind nicht besonders beliebt und nicht nur für ihre kosmischen Preise."

"Dort auch nicht. Und es hat mit ihrer Farbe oder Herkunft nichts zu tun - an der Stelle sind Sibirier sehr tolerant und großzügig wie, übrigens, an vielen anderen Stellen auch. Unter diesen 'Saatkrähen' sind nur selten aufrichtige Brigaden zu finden, die ihr Geld so wie wir selbst erarbeiten. Gegen sie ist eigentlich nichts einzuwenden, und wir pflegen mit denen, wenn wir mit ihnen in einem Dorf arbeiten, neutral freundliche Kollegenverhältnisse. Meine Männer und ich hatten uns sogar schon mal auf der Seite von diesen 'Kollegen' bei Auseinandersetzungen mit Einwohnern geschlagen, was auch immer wieder passieren kann."

"Das klingt schon nach dem 'Wilden Westen'! Oder nach dem 'wilden Osten?"

"Nach dem Wilden Norden, wenn schon, und es ist vielleicht noch schlimmer. Die Auseinandersetzungen mit den Einheimischen gilt es eigentlich zu vermeiden, weil sie an sich gefährlich sind und ein gefährliches Ausmaß annehmen künnen, sodass eine Brigade dann das Kalym abrupt abbrechen und die Siedlung schleunigst verlassen muss. Und diese Scheiße ist schon gar nicht im Sinne unseres Geschäfts."

"Kann ich mir vorstellen. Warum lässt es sich dann nicht immer vermeiden?"

"Eine gute Frage! Du kennst ja die Geschichte von Sibirien und Sibiriern?"

"Ich war zwar in Tschetschenien geboren, bin aber nach dem Krieg in Sibirien, im Altaigebiet, aufgewachsen."

"Dann weißt du Bescheid und kannst es dir vorstellen, in welcher Gesellschaft wir dort verkehren."

Valerij wusste Bescheid und konnte es sich vorstellen.

*

Sibirien und Sibirier oder über die Methoden der Wirtschaftsbelebung und das "hurenlose" Gesicht des Kommunismus

Die Sibirier stellen eine bunte Mischung aus Ur-Ureinwohnern, Ureinwohnern, Einfach-Einwohnern und Neu-Einwohnern dar. Die drei letzteren Einwohnerarten bestehen aus den in fast vier Jahrhunderten dazu gekommenen Vagabunden, Draufgängern, Verurteilten, Deportierten und Verbannten aller Art.

Die Ur-Ureinwohner aus sibirischen, den nordamerikanischen Indianern sehr ähnlichen Volksstämmen sind eingeborene Jäger und Fischer. Sie degradierten aber in ihrer Masse noch seit der Eroberung Sibiriens von Zarenkosaken und seit dem darauf folgenden Handel "Fell gegen Glasperlen und Wodka" zu harmlosen Trinkern und Pennern.

Zu Ureinwohnern gehören dann die noch von den Kosaken und von den ihnen nachziehenden, freiheitssuchenden Bauern stammenden Russen. Zum Teil gehören dazu verschiedene europäische Nationen wie die Polen und manche anderen: Die Nachkömmlinge von diversen Rebellierenden, welche vom Zaren nach Sibirien zu der Zeit verbannt worden waren, als der russische Zar nach Napoleons Niederlage zum "Gendarmen Europas" geworden war. Zu einem anderen Teil sind das auch die Nachkömmlinge von russischen politischen oder religiösen Abtrünnigen sowie Kriminellen, denen der Zar Sibirien ebenfalls zum Knast bestimmt hatte. Es gab allerdings auch deutsche Kolonisten, welche noch im XIX. und anfangs XX. Jahrhunderten freiwillig - von Riesenbodenmengen angelockt - aus den Mutterkolonien in Südrussland nach Sibirien weitergezogen waren und dort manche neuen deutschen Kolonien gegründet hattenen.

Mit Einfach-Einwohnern wurde Sibirien zur sowjetischen Zeit natürlich am meisten beschert: Angefangen von Lenin, am erfolgsreichsten von Stalin und immer noch von gestrigen und heutigen "Führern" des sowjetischen bzw. russischen Landes, obwohl die von den Letzteren dann schon zu Neu-Einwohnern zählen. Die Rede ist dabei nicht von dem inzwischen allen bekannten "Archipel Gulag", welcher eine vierte Dimension in sibirischem "Pelagos" bildet und in Einwohnerstatistiken nicht präsent ist, sondern von Einwohnern Sibiriens, die nicht hinter dem Stacheldraht, sondern in der sibirischen Endlosigkeit eingesperrt worden waren und mit der Zeit ihre Wurzeln hier in der Tundra, in der Taiga, in Sümpfen und Bergen geschlagen haben.

Zu diesen Einwohnern gehören seit der Kriegszeit vor allem eine Menge von Deutschen, Litauern, Letten und Esten, die trotz aller Schikanen und trotz des in ihnen tief sitzenden Misstrauens und der Wut zu harmlosesten zählen und in mehreren Betrieben ihr wirtschaftliches Rückgrat bilden. Sie bilden aber auch zusammen mit den Ureinwohnern den Grundstock von Sibiriern als einer spezifischen Volksgruppe.

All diese Sibirier, deren Dichte kaum einen Menschen pro Quadratkilometer erreicht, charakterisiert eine besondere Natürlichkeit, Schlichtheit und Hilfsbereitschaft. Diese seltenen Eigenschaften sind auf die einfachen, aber sehr rauen und harten Lebensbedingungen zurückzuführen. Unter diesen Bedingungen würden Menschen ohne ihren Zusammenhalt und ihre gegenseitige Hilfe einfach nicht überleben.

Diese Zusammenhaltnotwendigkeit entwickelte wahrscheinlich die besagten Eigenschaften, denen jedoch eine Art innerer Bereinigung vorausgeht. In Sibirien muss man nicht um Hilfe bitten - die Hilfe wird angeboten. Wenn ein Wanderer auf einer Landstra?e zwischen Dörfern von einem Fahrzeug überholt wird, hält der Fahrer an und bietet ihm an einzusteigen. Es ist dabei unwichtig, ob es draußen die Temperaturen von minus vierzig oder plus vierzig Grad Celsius herrschen, und ob das Fahrzeug ein Pferdewagen oder ein tonnenschwerer Laster ist.

Diese sibirische Reinheit war in Breschnews Zeiten durch eine massenhafte Verbannung von "asozialen Elementen" aus denselben mit Fleisch wegen ausländischer Touristen besonders gut verpflegten kommunistischen Hauptstädten nach Sibirien verseucht worden. Diese Asozialen gehören nun zu Neu-Einwohnern. Zu den "Asozialen" wurden von der Partei Huren, Obdachlose, Arbeitslose, Alkoholiker und Ähnliches mehr erklärt. All diejenigen also, welche im Kommunismus hätten gar nicht existieren dürfen und deswegen aus kommunistischen Hauptstädten und damit aus dem ausländischen Auge entfernt worden waren.

Außer diesem politischen Hintergrund gab es dafür auch einen altsibirischen wirtschaftlichen Grund. Diese "Elemente" sollten die in sibirischen Landwirtschaftsbetrieben ewig fehlenden Arbeitskräfte ersetzten. Die Ideologen dieser schlauen Politik hatten sich dabei aber gewaltig verrechnet.

Die Huren aus den Hauptstädten - welche nie im Leben eine Kuh gesehen und vielleicht wie Valerijs Gattin gedacht hatten, dass Fleisch und Milch aus Moskauer Hinterhöfen käme, - sollten nun als Melkerinnen arbeiten. Wenn diese aber am Monatsende ihren Lohn erhielten, vergaßen sie die armen Kühe und feierten ihre liederlichen Bacchanale tagelang, bis ihr Geld weg war. Die Kühe standen währenddessen ungemolken und ungefüttert da, sehnten sich nach ihren Betreuerinnen und träumten wahrscheinlich davon, dass denen das Geld endlich und so schnell wie möglich ausginge. Dementsprechend und naturgemäß waren dann - auch wenn das Geld der Melkerinnen noch so rasch ausgegangen war - auch die Milcherträge der Kühe miserabel.

Diese lustigen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter brachten dünne und ohnehin kaum funktionierende Wirtschaft Sibiriens zum endgültigen Untergang. Aber das juckte die Ideologen wenig! Diese Betriebe wurden sowieso vom sowjetischen Staat subventioniert, die Wirtschaftsberichte wurden sowieso beschönigt und hatten mit realen Kuhproblemen und ihren Milcherträgen schon längst wenig zu tun. Dafür wurden aber die Hauptstädte gesäubert und das "hurenfreie" Gesicht des Kommunismus bewahrt.

Zu diesen Neu-Einwohnern kamen auch die sowjetischen, aus dem Knast auf die Bewährung entlassenen und unter die Milizaufsicht gesetzten Kriminellen, "Chemiker" genannt. Zu einem wirtschaftlichen Effekt kam es doch durch diese Huren, Obdachlosen und Chemikern: Das Geschäft mit dicken Vorhängeschloßen aller Art florierte. Jahrhunderte lang hatten die Türen in Sibirien offen gestanden. Wenn niemand zu Hause gewesen war, war an die Tür höchstens ein Stock als Zeichen der Abwesenheit angelehnt worden. Nun war es damit vorbei: Die Türen und Fenster von Häusern mussten gegen diese herum streunenden Neu-Sibirier abgesperrt, abgeriegelt und am besten zugenagelt werden.

Oben drein war Sibirien in Siebzigen Jahren von Saisonarbeitern aller Art - von an- und abfliegenden Bohrbrigaden auf den neulich entdeckten Erdölfeldern, professionellen Kalymbrigaden, Goldgräbern und anderen Abenteurern und Vagabunden - überschwemmt worden. Sie hatten ihr tolles Nordgeld und keinerlei Chance, es hier - vor Ort - anders als für Wodka auszugeben. Die manchmal blutigen Auseinandersetzungen dienten Männern dieser Subgesellschaft ihrer Entspannung und Lust.

Diese explosive Atmosphäre herrschte eben in den Regionen, wo der Vater mit seiner Brigade jedes Jahr nach seiner Freiheit suchte und seine Selbständigkeit ausübte. Der Vater sah schon manche Male die Mündung sibirischer Jagdschrotflinten oder ein Messer vor der Nase. Er - mit seiner ähnlichen sibirischen Lebenserfahrung - ließ sich aber wenig dadurch beeindrucken.

Er wusste, in welche soziale Umgebung er fuhr, genauso wie er wusste - nach dem er sich in seinem Leben bereits in vielen Sozialschichten aufgehalten und quer durch diese verkehrt hatte, dass es in jeder sozialen Schicht eigene gewöhnliche Vernichtungswaffen gegen den Nächsten gibt. Willst du keine dir ungewöhnlichen Gefahren erleben, bleib am besten immer in deiner Umgebung und bewege dich nicht quer durch die sozial-gesellschaftlichen Schichten, wo du nie gelernt hast, zurecht zu kommen, und dich deswegen unsicher fühlst.

In der wissenschaftlichen oder einer anderen der "höheren" Schichten sieht man vielleicht nie ein Messer vor der Nase. Aber warum soll ein Messer und auch noch vor der Nase, wo dir noch eine Chance gegeben wird, sich zu wehren, schlechter oder brutaler sein als jede andere raffiniertere und in der Regel in den Rücken gesteckte Waffe wie Erpressung oder Mobbing? Und warum soll der Tod durch einen Messerstich oder durch einen Schrottflintenschuss schrecklicher und qualvoller sein als der Tod an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall?

Dabei erkannte der Vater keine der Vernichtungswaffen - egal in welchen Auseinandersetzungen und in welchen Sozialschichten - und verachtete Menschen, welche bei den kleinsten Streitigkeiten gleich zu etwas Handfestem oder Hinterhältigem greifen. Erst dann konnte er selbst diesen Menschen gegenüber gefährlich werden, weil sie dadurch einen Anspruch auf sein Leben erhoben, und er gerade dies am wenigsten dulden konnte.

Diese fast krankhafte Eigenschaft entwickelte sich beim Vater zusammen mit seinem immer schärfer und deutlicher werdenden Verständnis, wie viele Missgeburten und in welchem Maße über sein Leben und sein Schicksal seit seiner Geburt an verfügt hatten und immer noch zu verfügen beanspruchten. "Nie wieder!" - war deshalb sein Motto, nach dem er rücksichtslos in Situationen handelte, in denen er auch nur den kleinsten Verdacht schöpfte eine sein Leben wieder beanspruchende Missgeburt neben sich zu finden. Und es gab immer genug davon!

*

Das Kalymenlied oder über die Wissenschaftsurlauber und Multikulti-Gesellschaften

Die aufrichtigen, an sibirischen Kalymen selbst arbeitenden "Saatkrähen" waren einerseits als Konkurrenten früher auf dem Markt, weil es ihre Hauptbeschäftigung war, in welcher sie nicht auf ihre Ferien oder auf ihren Urlaub, sondern nur auf den Frühlingsbeginn in Sibirien angewiesen waren.

Sie überwinterten in ihren warmen Südländern und warteten auf die Frühlingswärme in Sibirien. Daher hieß es im Volksmund: "Die Saatkrähen kehren zurück" - nach dem bekannten gleichnamigen Bild vom russischen Maler Sawrassow. Die Saatkrähen kehren nämlich auch immer zu dieser Frühlingszeit nach Sibirien zurück.

Diese Brigaden arbeiteten dann bis in den Spätherbst. Andererseits - und dies war für Vaters Brigade vom Vorteil - waren sie aus denselben Gründen nicht so leistungsfähig wie Vaters "Urlauber", welche die gleichen Bauobjekte während ihres Urlaubes fertig stellen mussten und fertig stellten. Kein Mensch hätte auch solche Arbeitsintensität ein halbes Jahr lang aushalten können.

Mit einem Brigadier von denen befreundete sich der Vater, während sie in einem Sommer in demselben Betrieb arbeiteten. Sie sahen sich oft im Büro, wo sie ihren Baubedarf bestellen und gleich hier, vom Lager im Hof, abholen konnten. Einst ging der Vater über den Hof, um seine Sachen abzuholen, und sah, wie dieser nicht allzu große, aber sehr stämmige Brigadier mit dem Gesicht eines Kaukasiers seine Waren - darunter vierzigkilogrammschwere Holzkisten mit Eisennägeln - auf den Laster lud.

"Soll ich dir helfen?" - fragte der Vater aus purer Höflichkeit, an ihm vorbeigehend.

"Was hätte ich noch hier zu suchen, wenn ich auf deine Hilfe angewiesen wäre!" - antwortete der Kerl nicht besonders höflich, aber ruhig und würdevoll, legte auf seine Handfläche eine dieser Kisten mit Nägeln und warf sie mit einem Schwung wie beim Kugelstoßen über den hohen Bord des Lasters.

"Sehr überzeugend" - lachte daraufhin der Vater - "und völlig richtig! Nur trifft man auch hier nicht so oft einen, der es so deutlich wie du versteht." - und ging seine Kisten mit Nägeln über den Bord stoßen.

Die anderen "Saatkrähen" bevorzugten es dagegen, die einheimischen und aus Moskau und Leningrad herverbannten obdachlosen Penner anzuwerben, welche reichlich an jedem Eisenbahnhof oder Flusshafen zu finden waren, und diese für Brot und Wodka als Sklaven auszunutzen. - Eine ebenfalls alte, noch durch Anwerbung von Matrosen in Hafenkneipen bekannte weltgeschichtliche Methode.

Das Kalym - an sich eine Saisonarbeit - stammt allerdings auch aus der Seefahrtgeschichte von Matrosen, die in einzelnen Seefahrten ihr Geld verdient hatten, um es zwischenzeitlich in Hafenkneipen großzügig auszugeben und sich dann nackt und verarmt auf ein anderes Schiff für die nächste Fahrt zu bewerben. Diese Matrosen hießen in Russland "Bitschi", was soviel wie "Peitschen" bedeutet, und so wurden auch die Kalymbrigaden und ihre Mitglieder bezeichnet.

Diese Sklavenbrigaden und ihre "Saatkrähen"-Brigadiere galt es zu bekämpfen. Sie waren auch bei den Einwohnern der Kalymortschaften unbeliebt, denn es traf ihren Stolz als Sibirier. Immerhin gehörten mittlerweile diese Penner-Sklaven auch zu Sibiriern, und die übrigen Einwohner identifizierten sich mit ihnen in diesem Fall. Es war aber schwierig direkte Auseinandersetzungen mit diesen "Saatkrähen" zu finden. Vor Ort waren nur die Sklavenbrigaden und die Brigadiere verkehrten irgendwo in Betriebsbüros oder gar in ihren Heimatländern.

Für den Vater kam noch dazu, dass diese Sklavenbrigaden nun gar nichts leisteten, und die echten Kalymbrigaden - wie die des Vaters - wurden dadurch unter den Betriebsleitern in der Branche in Verruf gebracht. Dies war schon nicht nur eine Frage des Stolzes wegen des Missbrauchs von Sibiriern, sondern auch eine Gefahr fürs Geschäft. Und der Vater wusste sie nicht nur in den ebenfalls manchmal vorkommenden direkten Auseinandersetzungen zu bekämpfen.

Einst arbeitete er mit seiner Brigade bei einem Betriebsleiter, zu dem er schon zum zweiten Mal gefahren war, und mit dem sie mittlerweile zu guten Freunden geworden waren. Eines Tages beklagte sich der Leiter im Gespräch mit dem Vater:

"Ich habe ein beschissenes Problem mit einer Brigade wie eure!"

"Mit unserer Brigade hast du noch nie ein Problem gehabt." - reagierte der Vater scharf - "Erzähle mir schon etwas mehr über dein Problem und über diese Brigade."

"Ich habe diese noch vor euch beauftragt eine provisorische Sommermelkerei draußen, direkt auf einer Weide zu bauen. Die Melkerei sollte schon längst fertig sein, ist es aber nicht. Ich füttere diese verdammten Penner mit Vorzahlungen, beliefere sie mit Fleisch und allem, was sie sonst zum Fressen brauchen, damit sie gut arbeiten können. Stattdessen saufen sie nur und ziehen es meinetwegen sogar extra in die Länge."

"Siehst du! Du hast selbst erkannt, woran dein Problem liegt! Sie haben es zu gut bei dir und, wenn sie fertig sind, haben sie es nicht mehr. Und ich weiß schon, was das für eine Brigade ist!" - kommentierte der Vater - "Und was gedenkst du jetzt zu unternehmen?"

"Ich weiß nicht so recht und rede deswegen auch mit dir. Die Kühe stehen immer noch in ihren Winterställen und können nicht hinaus auf die Weide, obwohl der Sommer bereits voll im Anlauf ist. Ich verbrauche eine Menge Futter und verliere eine Menge Milch - unvorstellbare und unnötige Verluste, für welche ich fast täglich vor Kreisparteifunktionären 'auf den Teppich' muss. Aber ich habe keine Baufachleute, und alle Kalymbrigaden sind zu dieser Jahreszeit schon längst ausgebucht."

"Was wärest du bereit zu zahlen?"

"Ich zahle in dieser Situation alles, was du willst. Es wird auch von oben gleich genehmigt, weil sie selbst von mir sofortige Maßnahmen um jeden Preis verlangen. Wieso fragst du? Ihr seid doch voll mit eurem Auftrag ausgeschöpft und dessen Ausführung ist für mich ebenso wichtig!"

"Lass dies meine Sorge sein. Unsere Bauobjekte sind dir eher für den kommenden Herbst wichtig. Gib mir dreitausend Rubel, schmeiße diese Penner raus, und du hast in ein paar Tagen deine Melkerei. Danach sind auch unsere vertraglichen Objekte fertig, wenn wir dafür auch unsere Urlaubszeit werden verlängern müssen."

"Ihr müsst aber hinaus aus dem Dorf, weit von ihren Bauobjekten weg."

"Wo ist das?"

"Die Penner hausen in einem kleinen, auf die Traktorholzschlitten direkt auf dieser Weide in der Taiga gestellten Blockhäuschen. Sie müssen auch selbst auf einem Gasherd für sich kochen."

"Macht nichts. Wir sind auch an Schlimmeres gewöhnt."

"Na dann! Es wäre mir wirklich eine große Hilfe, wenn du es übernimmst."

"Das habe ich schon. Nur noch eine Bedingung."

"Alles, was du willst!"

"Du schaffst mir diese Penner vom Halse. Ich habe keine Lust und Zeit mich mit ihnen jeden Tag zu unterhalten oder einander die Köpfe einzuschlagen."

"Aber ich kann sie doch nicht auf die Strasse setzen."

"Musst du auch nicht. Schleppe ihren Schlittenwohnwagen mit ihnen drin wohin du willst, Hauptsache weg von der Baustelle, und stelle dort einen anderen für meine Brigade hin."

"Das lässt sich machen."

Das Geschäft wurde somit abgeschlossen, und in fünf Tagen durften die Kühe auf die Weide. Die Brigade musste aber diese fünf Tage fast ununterbrochen arbeiten. Die weißen Nächte des Nordens machten es möglich, weil man bei der Helligkeit dieser Nächte nicht nur arbeiten, sondern sogar lesen konnte. Die unzähligen, für den Bau benötigten Holzstämme mussten direkt im umliegenden Walde mit einer Motorsäge gefällt und auf den Schultern herausgeschleppt werden. Aber es hat sich gelohnt.

Mehrere Prinzipien lagen solchen Entscheidungen zugrunde. Erstens, solche ihren Ruf ruinierenden Brigaden zu bekämpfen und zu bestrafen. Zweitens, dem Betriebsleiter nie eine Hilfe abzusagen. Umso mehr, dass der Leiter dabei in einer Zwangslage war und solche Hilfen dann aus Dankbarkeit sehr großz?gig bezahlte. Drittens, nie auf zusätzliches Geld zu verzichten, wenn es auch durch ein Subkalym innerhalb des regulären Kalyms zu holen war.

*

Die Klauenpolitik oder über den Idealismus des Kommunismus und den Pragmatismus der Menschen

Mit dem Geld war es jedoch nicht so einfach, wie es scheinen mag. Die bei dem Betriebsleiter ausgehandelte Summe musste noch durch die geltenden und in mehreren Bänden verfassten Baunormen und Bautarife belegt werden.

Die ganze Fertigstellung eines Bauobjekts sollte in einzelne Bauverfahrensschritte zerlegt und in einzelnen Zeilen beschrieben und berechnet werden. Jeder Arbeitseinheit eines einzelnen Bauschrittes, zum Beispiel Ausbuddeln eines Kubikmeters Erde mit einem Spaten, wurde in Baunormen ein bestimmter Zeitaufwand sowie ein Entgelt aufgrund dieses Zeitaufwands und der geltenden Tarife festgelegt.

Multipliziert man dann das Arbeitsvolumen mit der Zeit pro Einheit, bekommt man die für das Volumen vorgesehene Soll-Zeit. Multipliziert man dasselbe Volumen mit Entgelt pro Einheit, bekommt man das erarbeitete Entgelt. Wenn die benötigte Ist-Zeit kürzer als die errechnete Soll-Zeit ist, bekommt man eine Akkordprämie bis zu vierzig Prozent des errechneten Lohnes dazu.

Eine arithmetisch ganz einfach zu sein scheinende Sache. Nur galten die Normen und Tarife noch seit Stalins Zeiten, und das Entgelt entsprach den Hungerlöhnen jener Zeit. Diese Zeitnormen waren damals durch die heldenhafte Arbeit von Rekordsmännern - sogenannten Stachanowez - ermittelt worden. Diese "Tarifverbrecher" hatten unter den irreal besten, für sie extra geschaffenen Bedingungen arbeiten dürfen. Diese Stachanowez waren dem Volk von Stalins Propaganda als seine Helden präsentiert und von dem meisten Volk für diese ab sofort als Durchschnitt geltenden Normen verhasst worden.

Dies hatte auch zu manchen namenlosen Arbeiteraufständen wie die von Kumpels in Donbass und Kuzbass geführt, welche genauso wie der Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 in der DDR - als dort ein ähnlicher Trick mit Normen angewandt worden war - von sowjetischen Panzern niedergerollt worden waren.

Wenn man dies alles wie oben gezeigt miteinander multiplizierte und addierte, bekam man ein paar Kopeken zum Verhungern und nicht zur Aufbesserung eines Wissenschaftlergehalts. Deswegen war es vernünftiger für den besagten Kubikmeter Erde einen Bagger für eine Flasche Wodka selbst zu finden, die Arbeit dann aber als das Spatenbuddeln zu berechnen und bezahlen zu lassen.

Zwischenzeitlich schaffte es die Partei, die Arbeitslöhne zu vervierfachen, ohne die Normen und Tarife sowie das Realeinkommen des Volkes zu verändern. Das hieß, alle für den Arbeiterlohn zuständigen Fachleute, wie Baumeister zum Beispiel, waren offiziell, staatlich und parteiisch zur Wirtschaftskriminalität verpflichtet. Sonst wäre es ganz unmöglich die von Parteifunktionären verlangten Arbeiterlöhne anderweitig ohne Manipulationen zu verwirklichen.

Zu Breschnews Zeiten war das Klauen als solches sowieso bereits offiziell anerkannt, nachdem Breschnew - der Generalsekretär der Partei und somit "der Führer" des Landes - einst einen Bericht über Diebstähle in der Wirtschaft mit seinem väterlichen Humor kommentierte:

"Wir dürfen nicht überreagieren. Ihr wisst ja, wie es ist. Ich erinnere mich noch daran, als ich und meine Kommilitonen in unserer Studiumszeit die Güterzüge in Obstlagern entluden, um unser Stipendium, das vorne und hinten nicht reichte, aufzubessern. Als wir fertig waren, nahmen wir immer ein paar Kisten mit Obst ins Studentenheim mit, die wir vorher vorsorglich über den Zaun geworfen und versteckt hatten.?

Es klang fast wie ein Aufruf zur Selbsthilfe durchs Klauen, um den Kommunisten bei der gerechteren Verteilung zu helfen, so ähnlich wie mit Moskauer "Wurstzügen" also. Die Stipendien, Löhne und Gehälter reichten den Bürgern immer noch weder vorne noch hinten. Und wenn es bei manchen reichte, gab es sowieso kaum was zu kaufen.

Es gab keine Baumärkte für die Bevölkerung, und alle Baustoffe waren sogar für staatliche Baubetriebe eine Mangelware. Trotzdem baute jeder irgendetwas: von einer Scheune bis zu einer Datscha, von einer Hütte bis zu einer Stadtvilla. Und es wurde geklaut, wo es nur möglich war, und auf jeder sozialen und politischen Ebene in Mengen, welche der Höhe dieser Ebene entsprachen.

Jeder wusste auch darüber Bescheid. Dieses Wissen wurde aber nur dann gebraucht, wenn es jemanden zu erpressen galt, sei es ein Bauernnachbar oder ein leitender Parteikollege. Es wurde bei sich selbst geklaut, denn der Staat gehörte ja dem Volk. Das Volk schien aber dies entweder vergessen oder falsch interpretiert zu haben.

Die Sache mit der Berechnung und Belegung von höheren Löhnen wurde zu einer Betrugskunst perfektioniert. Diese offizielle Kunst, welche der Vater als Brigadier vollkommen beherrschte, und ohne die jedes Kalym sinnlos gewesen wäre, gehörte zu dem, was er "Irrenhaus" nannte.

Dabei war es für den Vater persönlich kein Verbrechen, sondern fast eine Ehrensache: Beim Staat das zurückzuholen, was ihm als Wissenschaftler im Vergleich zu einem Arbeiter, welcher das zweifache und das dreifache nur aufgrund der irren politischen Grundlagen dieses Staates von Arbeitern und Bauern verdiente, von vorne rein weggenommen worden war. Er sorgte nur dafür, seine Berechnungen rechtens zu machen und sich nicht primitiv erpressen zu lassen. Wenn ein Betriebsleiter ihm zu sagen versuchte, dass er mit seinen eigenen Augen gesehen habe, wie die Arbeit mit dem Bagger gemacht worden sei, war der Vater dreist genug, dem armen und sich selbst gleich als ein Verbrecher fühlenden Leiter eine Rechtsbelehrung zu erteilen:

"Glaube deinen Augen nicht! Glaube deinem Buchhalter. Du willst also behaupten mir einen Bagger für diese Arbeit gegeben zu haben, was du eigentlich machen solltest, wenn du einen hättest. Dann zeige mir den Beleg für die von deinem Betrieb geleistete Bezahlung eines bei jemandem Anderen gemieteten Baggers. Ich weiß, dass du diesen Beleg nicht hast, weil wir das Loch eben mit dem Spaten ausgebuddelt haben. Dies wirst du jetzt bezahlen und nur dies kannst du dann jedem Staatsanwalt belegen. Du willst doch keine Ungereimtheiten in deiner Buchhaltung. Oder?"

Es war also in mehreren Beziehungen - was die Kalyme betrifft - einerseits der Wilde Nordosten mit harten Männern noch krasser als mal im Wilden Westen von Amerika. Andererseits, der Kapitalismus pur und eine freie Marktwirtschaft, welche der Vater mittendrin in der Kommunismuswelt erfand und betrieb. Was soll man da noch zu Vaters Mischung aus einem idealisiert-verschwommenen Realismus und einem philosophisch-pragmatischen Idealismus hinzufügen.

*

Die Männerwürde oder über die Saufkunst und das Halten des gegebenen Wortes

Als der Vater seinem neuen Trinkkameraden kurz oder lang - man guckt ja beim Biertrinken nicht auf die Uhr - dies alles erzählte, fragte Valerij sehr vernünftig:

"Was machst du denn dann noch hier?"

"Das frage ich mich mittlerweile auch." - war Vaters Antwort - "Die Zeit drängt dort, denn die Verträge habe ich schon in der Tasche, und vergeht umsonst hier. Ich habe zwar einen meiner Kumpels beauftragt die Brigade zusammenzutrommeln. Der Betriebsleiter, mein Freund vom Vorjahr - der mit dem Sommermelkereiproblem, vertraut mir zwar, hält seine Bauobjekte für uns zurück und wartet in drei Wochen auf uns. Ich muss aber die Bauobjekte und die Wohnbedingungen noch prüfen, sowie alle Vorbereitungen treffen, damit wir ab dem ersten Tag reibungslos loslegen könnten.?

"Dann machen wir folgendes." - schlug Valerij vor - "Du fliegst gleich morgen nach Hause zurück und machst dort deine Hausaufgaben, während ich mich hier um deine Sachen kümmere. Du hast ja mich schon reichlich in diese eingeführt. In drei Wochen komme ich zu dir mit deinen Forschungsergebnissen in der Tasche und mit meinen Arbeitsklamotten im Rücksack bereit nach Norden zu fahren."

"Gut!" - freute sich der Vater - "Ich danke dir wirklich für diese Erlösung.?

Valerij war inzwischen ziemlich angetrunken und der Vater dachte sich:

"Na ja, werden wir ja sehen, ob es ein besoffenes Gequatsche von dir oder ein Männerwort ist."

Er selbst verlor durch Alkohol nie die Kontrolle über sich, über seine Worte und über die sich dabei ergebenden Situationen. Einerseits war er physisch so veranlagt, dass sein Organismus viel Alkohol ohne sichtbare Wirkung ertragen konnte. Andererseits hatte er psychisch feste Einstellungen zur Trinkerei. Außerdem gehörte sie bei ihm zu der effektivsten Entspannungsmethode gegen die Kopfarbeitsmüdigkeit und viel Stress.

Diese Methode war von ihm noch in seinen Studentenjahren erkannt und verwendet worden. Zwei Mal im Jahr hatten Studierende an der Uni ihre Prüfungszeiten durchzustehen. Das hieß, drei bis fünf Prüfungen mit einem Abstand von vier bis fünf Tagen abzulegen. Nach diesen Tagen und Nächten intensiver Vorbereitung und nach der bestandenen Prüfung war der Kopf nicht mehr imstande, etwas aufzunehmen, aber die nächste Prüfung für ein ganz anderes Fach stand schon bevor.

Es galt und half nur eine Methode, sich mit Kumpels gleich nach der Prüfung mächtig zu besaufen und am nächsten Tag den Katerjammer zu überstehen. Ein Tag ging dadurch zwar verloren, aber am übernächsten Tag war der Kopf wieder glasklar, für den neuen Stoff empfangsfähig und für die weitere intensive Anspannung einsatzbereit.

Damals schon - wie auch später - hatte der Vater für sich eine Gesetzmäßigkeit bemerkt: Je mehr Stress er davor gehabt hatte, umso mehr verzögerte sich bei ihm die Wirkung des Alkohols. Die ersten und erheblichen Portionen Wodka führten nicht zur Betrunkenheit, sondern umgekehrt zur klirrenden Klarheit und Empfangsschärfe im müden Kopf. Erst danach, mit ein paar neuen kräftigen Portionen, kam so etwas wie bleischwere Müdigkeit im allmählich hölzern werdenden Kopf.

Erst nach dem Schlaf erwachte er mit einem lustigen Gefühl der leichten Angetrunkenheit im Kopf, aber mit so einer schweren Vergiftung im Magen, dass ihm allein schon der Gedanke an Alkohol kotzübel war. Sein Organismus schien den Alkohol irgendwo zu speichern und damit seine Wirkung zu verlangsamen oder abzuwehren so wie beim erwähnten Sauftrick des Kanzlers Adenauer mit dem Butteressen auch.

Jede Entspannung - und die Entspannung auf diese Art besonders - macht Menschen hilflos, schutzlos und den anderen ausgeliefert. Angesichts dessen und aufgrund praktischer Erfahrungen mit seinen Kameraden entwickelte der Vater seine sehr hilfreiche Trinkphilosophie:

"Ein Mensch darf sich nur mit seinen nächsten Kumpels besaufen, denen er vertrauen kann, dass sie auf ihn aufpassen, ihm nichts antun und seinen hilfslosen Zustand nicht ausnutzen. Mit Fremden besäuft man sich nicht, und derjenige, der seinen Saufzustand gar nicht kontrollieren kann, soll lieber in einer fremden Umgebung überhaupt nichts trinken."

Der Vater hielt es für eines der wichtigsten Merkmale von Anständigkeit eines Menschen, wenn derjenige sich am nächsten Tag an sein Wort erinnert und dieses auch hält! Unabhängig davon, in welchem Zustand und unter welchen Umständen das Wort gesprochen worden, oder auch nur herausgerutscht war. Denn das gegebene Wort sei dasselbe wie eine unbezahlte Schuld, wie es Shakespeare soll gesagt haben. Und jeder Mensch der Ehre tilgt seine Schulden, wenn er sie schon macht, statt vor ihnen weg zu laufen. Das Gegenteil war seinen Vorstellungen nach den Politikern, Alkoholikern und sonstigen eigen. Und er wollte über seinen gerade neu gewonnenen Freund Bescheid wissen, wo der hingehörte.

Für den Vater selbst war es ein eisernes Gesetz sein ausgesprochenes oder sogar ausgerutschtes Wort zu halten, um einfach gewisse Achtung vor sich selber nicht zu verlieren. Zu seinen Problemen gehörte aber, dass ihm die Kontrolle doch manchmal fehlte auf seine Worte - besonders angesichts solcher Prinzipien - höllisch aufzupassen. Und manchmal fiel es ihm verdammt schwer sein gestern meistens sogar wegen seiner übertriebenen Hilfsbereitschaft und nicht wegen Betrunkenheit ausgerutschtes Wort zu halten.

Dies trat besonders dann ein, wenn das von ihm Versprochene nicht in seinen Händen lag, sondern er selbst darum bei seinen Freunden bitten musste. Und jemanden um etwas bitten mochte er schon gar nicht, denn es wäre für ihn dem Betteln gleich. Eine Ausrede nach dem Motto "Was interessiert mich mein Gequatsche von gestern" oder einen Umweg gab es für ihn nicht, was bei so einer harten Einstellung wiederum zu seiner Naivität gehörte.

*

Wie man Menschen fürs Kommunenleben auswählt oder über die Eroberung von Moskau

Nach drei Wochen erhielt der Vater ein Telegramm von Valerij über seine Ankunft am nächst folgenden Tag mit der Fluglinie sowieso. Der Vater holte ihn am nächsten Tag vom Flughafen ab. Valerij kam wie versprochen mit Arbeitsklamotten für sich in seinem Rücksack, jedoch nicht mit den versprochenen Forschungsergebnissen für den Vater in der Tasche. In diesem Sinne hat Valerij sein "besoffenes" Wort nur zu Hälfte gehalten. Nämlich zu der Hälfte, die ihm zugunsten kam. Aber der Stein, beziehungsweise der eingeworfene Ball, rollte bereits, und der Vater hielt sein Wort trotzdem ganz und nahm seinen neuen Freund mit.

Diesmal brach der Vater all seine Rekorde und holte als Brigadier für jeden - auch für Valerij - nach einem Monat intensiver Arbeit ein umgerechnet sechsmonatiges Doktorgehalt von Valerij oder ein umgerechnet eineinhalbjähriges Gehalt von Aspiranten, welches er selbst genoss.

Valerij zeigte sich vor allem ehrlich, indem er bei der Arbeit alles ausgab, was er drauf hatte. Das gehörte auch zu den vom Vater erarbeiteten und nirgendwo geschriebenen Grundlagen eines Kalyms über die Gleichheit bei der Arbeit und Gleichstellung bei der Bezahlung: Es kam nicht darauf an, wer stärker und fähiger war. Es kam darauf an, dass alle - die Starken wie die Schwächeren - mit allen bei jedem vorhandenen Kräften an einem Strang ziehen und nach jedem Feierabend sowie nach dem Kalymabschluss gleichermaßen fix und fertig sind.

Nur das gerechtfertigte dann das heilige Kommunenprinzip des Kalyms - der gleiche Stundenlohn für jeden! Was meistens am Ende soviel wie gleiches Geld für jeden bedeutete, denn es gab normalerweise keine großen Arbeitszeitausfälle - nicht einmal wegen Krankheiten oder Verletzungen, und die wenigen ausgefallenen Arbeitsstunden, wenn es diese doch mal gab, wurden unter Kameraden einfach nicht beachtet.

Auch die meisten nächtlichen Stunden nicht, die der Brigadier nach der mit den anderen gleich schweren Tagesarbeit fürs Planen des nächsten Arbeitstages und fürs bereits geschilderte "Geldschreiben" zum Abschluss des Kalyms verbrauchte. Auch seine als Manager noch im Frühling geleistete Organisationsarbeit sowie die unter allen Finanzpapieren signierte Verantwortung wurden nicht beachtet. Was zählte, war nur die schwere und sichtbare Arbeit. Der Vater war immer stolz darauf, am Ende den Geldhaufen auf dem Tisch wie einen Kuchen - ohne großartige mathematische Bemühungen - einfach mit der Hand in gleiche Stücke teilen zu dürfen. Das war dann für ihn ein gelungenes Kalym.

Derjenige, der seine Kräfte sparte, gehörte nicht in so eine Brigade und wurde nur mit dem Geld für seine Rückreise rausgeschmissen. Egal wie viele Tage er davor bereits gearbeitet hatte. Wenn dies passierte, dann sowieso gleich am Anfang und nur dann, wenn ein Niemand von der Seite in die Brigade reingekommen war, den keiner kannte, den jemand von Freunden empfohlen oder mitgenommen hatte. So bestand am Ende doch das Prinzip des gleichen Geldes für jeden "Überlebenden".

Diese unangenehme Rausschmissentscheidung lag ebenfalls - wie auch vieles mehr - am Brigadier. Manchmal gingen ehrlicherweise diejenigen selbst fort, die den physischen Anstrengungen nicht gewachsen waren. Es gab schon in Vaters Brigaden einen Bodybilder mit dicken Muskeln, aber mit keinerlei Ausdauer, sowie einen stattlichen Jungen gleich nach seinem Militärdienst als Fallschirmjäger in einer Eliteeinheit der Sowjetarmee.

Beide versuchten mitzuhalten, aber es war den beiden nach einer Woche doch zu viel, und sie gingen freiwillig. Als Anerkennung ihrer Anständigkeit berechnete der Vater nach Abschluss des Kalyms das Geld für sie ausnahmsweise für die ganze von ihnen abgearbeitete Woche.

Es gab einen Gymnasten, der seiner Auflage nach hätte mithalten können, war aber einfach nicht ehrlich genug und faul. Er wurde vom Vater kurzerhand rausgeschmissen. Ein richtiger Kalymer war sehnig und zäh, willig und in Alltagssachen anspruchslos. Nur so einer hielt es bis ans Ende durch, egal wie stark er körperlich aussah.

Diejenigen, die so ein Kalym mal mitgemacht hatten - sogar manchmal die, die nicht bis ans Ende durchgehalten hatten, blieben danach für immer die besten Kumpels, zusammengebunden wie Kriegskameraden. Das war dann auch mit Valerij der Fall. Seitdem wurden geschäftliche Reisen des Vaters nach Moskau zu einer Routinesache - kurz und schmerzlos. Sie trafen sich mit Valerij, tranken kräftig und erholend auf das Zusammenerlebte und der Rest erledigte sich dann - ohne den Widerstand der Moskauer Überheblichkeit - fast von alleine.

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Die Perestrojka und das Ende des Sowjetreiches oder über Demokratie, Schizophrenie und andere Freiheitsformen

Die neue Finanzpolitik oder über den Eifer von oben und die Kühle von unten

Als acht Jahre später, schon während der Perestrojka, hörte der Vater, dass staatliche Gelder für die Forschungsprojekte in seinem Bereich durch Valerijs Institut und sogar mit seiner direkten Beteiligung verteilt werden sollten, eilte er nach Moskau.


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