Viktor Eduard Prieb - Literatur
- Prosa

Nützliche Ratschläge und Instruktionen des KGBs
oder darüber, wie nützlich es manchmal doch ist,


(Aus meinem Buch
"Der Zug fährt ab"



Am Freitag - an dem letzten Arbeitstag vor ihrem Urlaub und an dem Abreisetag nach Moskau - kamen der Vater und die Mutter, die in einem und demselben Institut arbeiteten, mit drei Arbeitskollegen und Freunden zum Mittagessen nach Hause. Deren Frauen und noch ein auswärtiger Freund mit seiner Familie kamen auch dazu. Die fünf Familien bildeten den engsten und vertrautesten Freundeskreis. Sie feierten immer zusammen und trafen sich immer zu den gemeinsamen Wochenendausflügen zusammen.

Im Institut wusste wahrscheinlich jeder, dass die Familie in den Urlaub nach Deutschland fährt. So etwas passierte ja hier auch nicht jeden Tag. Die Einreisevisum-Einkleber mit wunderschönen und nie gesehenen Hologrammen sowie die DM-Geldscheine wurden von Arbeitskollegen von allen Seiten betrachtet und bewundert und so Ähnliches mehr.

In die wirklichen Pläne des Vaters wurde aber nach seinem Willen keiner außerhalb dieses Freundeskreises eingeweiht. Und das war auch gut so! Denn eines Tages, kurz vor dem Abreisetermin, rief der Chef der 1. Abteilung den Vater an und verkündete:

- Sie sollen zu mir 'runterkommen. Ein Mann von unseren Staatssicherheitsorganen mÖchte gerne Sie persönlich sprechen.

Die 1. Abteilung war in jedem einigermaßen großen sowjetischen Betrieb in jeder Stadt für Staatsgeheimnisse zuständig. Diese war der KGB-Zentrale direkt untergeordnet und wurde meistens von pensionierten KGB-Leuten besetzt.

- Komme sofort! - rapportierte der Vater sehr hilfsbereit. Er ging beunruhigt hinunter. Der Alte, der ihn angerufen hatte, verließ sein Zimmer, gleich als der Vater hineinkam, und der Vater blieb vis-a-vis mit einem jungen, zivil gekleideten, sehr sympathischen und netten Mann.

Der Mann lächelte den Vater ständig an, war Herz Jesu an sich und strahlte buchstäblich außergewöhnliche Nächstenliebe, Gutmütigkeit und Einfalt aus. Einem ihm Gegenüberstehenden fiel nicht so leicht sich davon abzuhalten, dem Mann auf der Stelle in die Arme zu fallen und all seine Sorgen und Probleme an seiner Brust auszuweinen.

Der Vater hielt sich doch davon ab, und der Mann war gezwungen selbst anzufangen:

- Sie ahnen bestimmt schon, warum ich mit Ihnen reden müchte?

- Na ja-a... - meinte dazu der Vater.

- Richtig! - schrie fast der junge KGB-Mann begeistert und vertrauensvoll - Weil ich gehört habe, dass Sie nach Deutschland in den Urlaub fahren! Wie kamen Sie zu der Ehre?

- Ach, das ist eine lange Geschichte...

- Macht nichts! Erzählen Sie nur! Nehmen Sie sich Zeit. Ich habe sie mir auch genommen.

- Mein Vater hatte nach dem Krieg seine Schwester in Deutschland gefunden. Meine Tante, also. Aber das wissen Sie ja bereits aus meinen Papieren. Die Tante habe ich nie gesehen und jetzt, nachdem der Vater gestorben ist und es dank der Perestrojka möglich geworden ist, sie zu besuchen, habe ich sie angeschrieben und von ihr die Einladung für meine ganze Familie erhalten. So war es und so ist es dazu gekommen.

- Das ist eine rührende Geschichte! Ich finde es toll und freue mich von ganzem Herzen für Sie und für ihre Tante! Die nie gesehene Tante endlich sehen zu dürfen! - der Kerl war so begeistert und überglücklich, als ob es um sein Treffen mit seiner eigenen nie gesehenen Mutter und nicht um Vaters Tante ging - Trotzdem muss ich Sie über mögliche Unannehmlichkeiten in der Bundesrepublik Deutschland instruieren, die zu vermeiden sind.

Ich verstehe. - ermutigte ihn der Vater - Außerdem weiß ich ja über die Bundesrepublik Deutschland überhaupt nichts, und ich freue mich vor der Abreise über jede Information und jeden Tip.

- Was Sie aber wissen sollen, die Bundesrepublik war und bleibt eins der uns kapitalistisch-feindlich gegenüberstehenden Länder. Und Sie arbeiten in einem Institut, in dem es mehrere Forschungsthemen gibt, die als Staatsgeheimnisse gelten.

- Aber Sie wissen doch, dass ich persönlich mit solchen Themen nichts zu tun habe. Mir ist jeder Zugang zu solchen Forschungen und den dazu gehörenden Informationen von Ihnen untersagt worden - erwiderte der Vater im Klartext, immer wieder betonend, dass er sich im klaren ist, wer und von welcher Behörde vor ihm sitzt.

- Man muss auch nicht direkt daran arbeiten. Sie verkehren in diesem Institut, unterhalten sich mit Ihren Kollegen, die an diesen Themen arbeiten, und haben bestimmt von ihnen schon etwas gehört.

- Gott bewahre! Ich bin doch noch nicht lebensmüde! Sollte mir sogar einer dieser Kollegen, die allerdings auch ihre Schweigepflicht bei Ihnen unterschrieben hatten, bevor sie zugelassen wurden, und dies ist das Einzige, was ich von ihnen gehört habe, etwas ganz blöd und freiwillig erzählen wollen, wäre ich mit zugestopften Ohren weggelaufen. Ich habe schließlich die für meine Zulassungsstufe vorgesehenen Pflichten, sich von allen Geheimdokumenten und Informationen fernzuhalten, auch bei Ihnen unterschrieben.

- Wie dem auch sei, es wäre trotzdem schon ein Anlass für die Kollegen von feindlichen Nachrichtendiensten, Sie danach zu fragen. - gab der nette, aber sture Junge nicht auf.

- Können sie ruhig machen! Ich erzähle denen das Gleiche, was ich Ihnen gerade erzählt habe, dass ich kein Geheimnisträger bin und mich nur mit meinen Freunden unterhalte, die ebenfalls keine Geheimnisträger sind, und auch das nur beim Wodkatrinken außerhalb des Instituts. Die anderen Kollegen stehen mir außerdem wegen meiner Perestrojkaaktivitäten ziemlich feindlich gegenüber, wie Sie es auch vielleicht schon gehört haben. Also wie gesagt, ich verfüge in keinster Weise über die auch noch so winzigen Staatsgeheimnisse und bin im Moment sogar sehr froh darüber. Sonst hätte ich jetzt Schwierigkeiten mit der Ausreisegenehmigung, wie ich es auch von Geheimnisträgern gehört habe.

In Wirklichkeit aber freute sich der Vater in diesem Moment darüber nicht. Der KGB-Mann hatte ihn gerade auf eine neue Bleibemöglichkeit hingewiesen.

"Wenn seine Kollegen dort drüben wirklich auf hiesige Geheimnisse so scharf sind, wie der Kerl behauptet," - dachte der Vater - "wäre es noch eine Chance für mich dort, Fuß gleich beim Eintritt fester zu fassen."

Nun verfügte der Vater tatsächlich über keine Geheimnisse. Er selbst glaubte eigentlich nie, dass diese Geheimnisspielereien noch jemanden ernsthaft interessieren könnten. Er wusste zu genau, was für ein wissenschaftlicher Blödsinn von seinen zugelassenen Kollegen zum Geheimnis erklärt wurde. Deswegen eben, weil es ein Blödsinn war, und so eine Erklärung machte diesen wichtig und schwer überprüfbar. Dadurch sicherte sich der Erklärer eine jahrelange, sorgenfreie Finanzierung seines Projektes.

Andererseits, die Geheimnisse, welche als Know-hows für die Gegenseite ein wirkliches Interesse dargestellt hatten, wie zum Beispiel der Raketentreibstoff und noch vieles mehr, waren von den Ranghöchsten selbst unter diesen Geheimniswächtern schon längst für die "Grünlappen" [1] verkauft worden.

- Außerdem fahre ich in eine kleine provinzielle Stadt irgendwo in einer ganz entlegenen Ecke im Ruhrgebiet, wo vermutlich gar keine Nachrichtendienste ansässig sind. - setzte der Vater seine laute Ahnungslosigkeit fort - Dort merkt ja gar keiner meine Ankunft!

- Oh, da irren Sie sich! - reagierte der Staatswächter sofort - Wenn Sie ankommen, werden Sie sich sofort bei der Polizei melden müssen, und diese arbeitet mit Geheimdiensten eng zusammen. Bei der Anmeldung werden Ihnen allerlei auf den ersten Blick bedeutungslose, trotzdem aber ganz gezielte Fragen gestellt, und bereits an dieser Stelle müssen Sie gut aufpassen nicht zu viel zu sagen.

"Das ist schon mal eine gute Nachricht, dass jemand sich dort für mich doch interessieren wird!" - dachte der Vater, sagte aber etwas Anderes:

- Ich sag' ja, dass ich nichts zu verplappern habe. Trotzdem danke ich Ihnen für diese Warnung. Jetzt weiß ich Bescheid, und ich werde schon darauf besser aufpassen können.

Dann, nach noch ein paar netten Sätzen über nichts, wurde das Gespräch von dem Jüngling unauffällig auf ein anderes Thema umgeleitet.

- Sie haben bestimmt schon über Geschenke für Ihre geliebte Tante nachgedacht und nehmen irgendwelche wertvollen Sachen mit. - fragte nicht, sondern behauptete es als etwas Selbstverständliches der teilnahmsvolle Plauderer - Es tut doch jeder, um sie dort zu verkaufen und etwas Währung dazu zu holen. Alle wissen ja, dass es kein großes Geld ist, was Sie offiziell umtauschen und mitnehmen dürfen. Stellen Sie sich nur vor, was Sie dort alles kaufen können: Musikanlagen, Videokameras, Videorekorder und vieles mehr.

- Nein, leider habe ich keine Wertsachen und auch kein Geld. Ich habe es nur knapp geschafft, die Umtauschsumme zusammenzukratzen und bin jetzt total pleite. Außerdem habe ich nie daran gedacht, etwas von dort mitzubringen, und ich wusste sogar bis jetzt gar nicht, dass es so etwas dort überhaupt zu kaufen gibt. Mein Reiseziel ist ja meine unbekannte Tante kennenzulernen, besonders jetzt, wo sie nach Vaters Tod für mich die einzige Verbindung zu ihm bleibt. Dieses Ziel ist nun für mich unabdingbar, und ich würde es nie einem Risiko aussetzen, irgendwelche Sachen über die Grenze zu schmuggeln, um dabei erwischt zu werden. - überlegte der Vater laut, wahrhaftig und überzeugend.

- Das ist doch Quatsch! Welches Risiko denn? - der Kerl wurde wieder zur Nächstenliebe an sich und wurde immer vertrauter - Es ist gar kein Risiko! Sie fahren doch mit dem Zug? Da drin gibt es genug Versteckplätze für manche Kleinigkeiten wie Goldschmuck, kleine Bildchen oder Ikonen, wo sie keiner findet.

- Danke für Ihre Tips, aber ich habe nichts zu verstecken! Und wenn ich es sogar hätte, wäre das alles für mich zu kriminell. Das ist nicht mein Ding. - reagierte der Vater ziemlich trocken.

- Wie Sie meinen. Schließlich ist das Ihre Reise und Ihre Tante. - gab der hilfsbereite Kerl seine Überzeugungsarbeit auf einmal auf - Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie viel Spaß bei der Fahrt und im Urlaub. - schloss er ab, sich fast verabschiedend, und fragte plötzlich:

- Wann kommen Sie denn zurück?

- Am 1. September. - reagierte der Vater sofort auf diese überraschende und seinen Geheimplan direkt treffende Frage.

Der Vater konnte nur sehr schlecht und nur in der größten und grundsätzlich begründeten Not lügen. Nach seiner Ethik bedeutete es: Nur derjenige lügt, der etwas Hinterhältiges tut und Angst hat, dabei erwischt zu werden. Sei es eine Frau, ist sie eine Hure, die diese Kunst am meisten braucht, um ihren Mann erfolgreich zu betrügen. Sei es ein Mann, ist er ein Schuft und ein Feigling, welcher keinen Mut hat für seine Taten grade zu stehen.

Bei begründeten Notlügen wie diesmal geriet der diese Kunst nicht beherrschende Vater immer in Verlegenheit, und er war dabei nicht so überzeugend wie sonst in seiner offenen Haltung. Um diese Verlegenheit zu überwinden, erzählte er jetzt pausenlos und detailliert die zu dieser Lüge gehörende Wahrheit:

- Die Reise ist für uns wirklich einmalig und auch sehr kostenspielig. Deswegen nehmen wir unseren regulären bezahlten und dazu noch einen unbezahlten Urlaub auf eigene Kosten, damit sich das Ganze wenigstens lohnt. Deshalb so lange, bis zum 1. September.

- Ist ja auch richtig so! Dann sehen wir uns im Herbst also wieder. Ich melde mich im September bei Ihnen, und Sie erzählen mir, wie es dort alles so gewesen war.

- Sehr gerne! - antwortete der Vater erleichtert, und er dachte höhnisch, die Hand des KGB-Mannes schüttelnd:

"Darauf kannst du lange warten! Das will ich wenigstens sehr hoffen..."

Dieses Gespräch, welches an sich einer belanglosen Quatscherei zwischen zwei Stockbesoffenen in einer Kneipe sehr ähnelte, analysierte der Vater am selben Abend sorgfältig noch einmal durch.

Aus lustigem Lächeln, blödem Witz, merkwürdigen Tips und sonstigem Unsinn kristallisierten sich jetzt drei deutlich gezielte Loyalitätsfragen heraus. Als ob der Mann diese vorher auf einem Zettel aufgelistet hätte und diese gerne klären wollte:

- bezüglich Geheimhaltung

- bezüglich Schmuggeln und Zoll

- bezüglich Heimkehr und Loyalität

"Gott sei Dank!" - dachte der Vater erleichtert - "Bei den ersten zwei Fragen durfte ich so wahrgemäß ehrlich und überzeugend gewesen sein, dass er die dritte, in meinem Fall die wichtigste Frage nur so routinemäßig, weil diese eben auf seiner Liste stand, gestellt hatte. Oder gerade diese unbezahlte Verlängerung unseres Urlaubs, von der er bestimmt noch vor unserem Gespräch erfahren hatte, hat ihn am meisten überzeugt. Wer tut so etwas schon, falls er sowieso nicht beabsichtigt zurückzukehren. Dieser den "Iwanchen das Dümchen" aus russischen Märchen spielende KGB-Junge war gar nicht so blöd, wie er sich gerne verkaufen wollte!"

Jetzt erschien er vor Vaters Augen wieder, aber ohne seine lächelnde Maske - ein hinterhältiger Geheimdienstprofi mit Kalkül und einem eisernen Bulldoggenbiss.

"Umso mehr kann ich stolz darauf sein, dass ich ihn mit meiner Offenheit und Naivität, die gar keine Maske brauchen und mit denen er wahrscheinlich nie zuvor in seinem KGB-Leben zu tun gehabt hatte, überzeugen konnte, mich auf unser Treffen im Herbst zu freuen. Immerhin! Das hätte ich mir vorher nie zugetraut." - freute sich der Vater, wohl verstehend, dass dieses Gespräch für ihn überraschend kam, dass er improvisieren musste und dass es ziemlich knapp war. Vielleicht so knapp, wie bei seinem Vater im Mai 1945, als er mit seiner Legende nach Osten gegangen war.

* * *


[1] Greenback - amerikanische, auch von Russen übernommene Umgangsbezeichnung für die US-Dollar Banknoten



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