Viktor Eduard Prieb - Literatur
- Prosa



Der Kleine





Ein Kinderbuch

von Viktor Eduard Prieb

(alias Deda)




geschrieben für meinen Enkelsohn Konsti
und ihm gewidmet







Berlin 2004

An Rändern der Welt

Die Sonne schlich um die Ecke der Holzhütte, schaute in ein kleines Fensterchen über die um die Hüttenaußenwände herum hoch geschüttete und verdichtete Erde, schnüffelte etwas über das aufgewühlte Bett, fand das weiße Köpfchen des Kleinen und blieb auf ihm stehen. Der Kleine wachte mit einem Glücksgefühl auf und ein grundloses Lächeln regte Sommersprossen auf seinem verschlafenen Gesicht.

Eine Tonmilchkanne mit frischer Milch erwartete ihn auf dem Tisch. Der Kleine stürzte aus der Hütte hinaus, pflückte heftig, gleich hier, auf der Hügellehne, auf der die Hütte stand, eine Handvoll wilder Erdbeeren und lief wieder in die Hütte zurück. Er schüttete die gepflückten Erdbeeren in eine Schüssel hinein, gab Milch aus der Tonkanne hinzu und löffelte dann schnell und schmackhaft sein Frühstück aus. Den Kleinen wirbelte in die Luft der Wunsch nach Leben und Aktion. Heute musste er unbedingt den Rand der Welt erforschen.

Der Kleine und seine ganze Familie lebten auf einem "Landgut". Kein anderer wusste davon, denn nur der Vater sagte es so, der dieses Wort aus seiner Kindheit mitgebracht hatte, die er auf dem Landgut seines Vaters, in einer der deutschen Kolonien in Südrussland - irgendwo weit weg vom "Gut" des Kleinen in Sibirien - verbrachte.

Dieses Wort bildete - unter mehreren anderen - die spezifische Familiensprache. Diese Sprache stellte ein Kauderwelsch aus dem Russischen dar, mit einzelnen Wörtern und Redewendungen aus der deutschen, ukrainischen, polnischen gemischt, die der Vater sprach, und mit Smolensker, von der Mutter herbeigeführtem, volkstümlichem Dialekt gewürzt.

Das Ganze wurde noch obendrein durch geflügelte Wörter und Redewendungen bereichert, die aus den gelesenen Büchern stammten und in der Familie - meistens durch Vaters leichte Hand - eine Gattungsbedeutung gewannen. Dieses Kauderwelsch saugte die ganze geographische und ethnische Geschichte der Familie ein und spiegelte sie wider.

Das "Gut" war einst eine kleine Siedlung, zwei Kilometer von einem größeren Dorf entfernt, und schrumpfte mit der Zeit bis auf diese letzte Hütte, in der die siebenköpfige Familie des Kleinen hauste. Das große Dorf selbst hatte nicht einmal einen vernünftigen Namen. Es hieß "Zentralabteilung Tschebulinsker sowjetischen Landwirtschafts- und Schweinebetriebs", während das "Gut" mit der mittlerweile ausgedienten Rinderfarm und dieser verlorenen Hütte als "Abteilung Nr. 2" dieses Betriebes bezeichnet wurde.

Dieser Schweinebetrieb mit allen seinen Abteilungen war ein kleines Babylon, von vertriebenen, verurteilten und diesem Betrieb zugeteilten Deutschen, Tschetschenen, Kalmyken und sonstigen "Verbrechernationen" des sowjetischen Staates nebst Russen selbst besiedelt und bedient.

Die Hütte bestand aus einem einzelnen Raum mit dem russischen Ofen in der Mitte, auf dessen warmen Rücken viel Platz zum Spielen und zum Schlafen war. Sie stand auf einer breiten und offenen, nicht besonders steilen Hügellehne, die durch das starre Steppengras bewachsen und am oberen Rande durch weißes Federgras umrahmt wurde. Dieses Grasfeld begann direkt vor der Hüttentür des Kleinen. Eben dieses Feld lieferte ihm die Erdbeeren zum Frühstück.

Der Hütte gegenüber, so etwa fünfzig Meter nach oben von ihr, stand eine Gruppe alter, unberührter Birken, zwischen denen man einen Haufen Kreuze sehen konnte. Das war der Friedhof. An ihm vorbei und weiter über das Ackerfeld, das in verschiedenen Jahren mal mit Weizen - mal mit Roggen besät wurde, führte ein Pfad, den der Vater immer benutzte, wenn er zur Arbeit im großen Dorf ging.

Von der Hütte nach unten führte der Pfad zu einem Ziehbrunnen und weiter hinunter - schon kaum zu sehen - zu einem kleinen, im Frühling zum See werdenden und im Sommer völlig austrocknenden Torfmoor, welches kleine Grashügel, Weiden und Johannisbeersträucher reichlich bedeckten.

Links vom "Gut", einen halben Kilometer von ihm entfernt, - dort, wo die Sonne aufging - öffnete sich dem Auge ein Stück Landstraße, die auf die gegenüberliegende Lehne hoch und nach links kletterte. Und rechts von der Hütte ging die Sonne hinter einem kleinen und hellen Birkenwald unter, der links mit dem Moor und rechts oben mit dem Ackerfeld zusammenlief. In diesem Wald versteckte sich eine alte, neben dem Friedhof an der Hütte vorbei laufende und sich an ihr mit dem Pfad kreuzende, durch Pferdekarren befahrene und mit Wegerich bewachsene Feldstraße.

Dieser ganze Raum vereinte sich im Bewusstsein und in der Seele des Kleinen sowohl in seinen Hof, als auch in die ganze Welt. Das war auch sein persönlicher Besitz. Er hatte ihn gut erforscht und wusste genau, was sich dort - an den Rändern dieser Welt - befindet.

An einem Rande - hinter dem Wald, wo der Feldweg hinführte - war der Wochenmarkt, auf den der Vater und die Mutter eines Sonnabends im Frühling hinter der Sonne her weggingen. Aber die Sonne hatten sie nie eingeholt, denn als sie morgens zurückkehrend auf dem Waldrand erschienen - ging die Sonne bereits ihnen entgegen an dem anderen Rande auf.

Dafür hing aber hinter Vaters Schultern ein lebendiger und schrecklich quiekender Sack. Zu Hause wurden aus ihm zwei kleine und rosige Ferkel mit kleinen in Ringe zusammengerollten Schwänzchen ausgeschüttelt. Das letztere war besonders wichtig, denn, wenn der Schwanz auseinander rollte und wie ein Schnürchen zum Boden herunter hing, machte sich der Vater Sorgen. So ein Ferkel aß nichts oder, wenn doch, schlürfte es nur die Brühe und ließ den Satz auf dem Schüsselboden liegen. Der verärgerte Vater nannte dieses dann "räudiges Ferkel" was übrigens zu Vaters Gattungsbegriffen in der Familiensprache gehörte und den Kleinen selbst sehr wohl mal treffen konnte.

Und im Herbst gingen der Vater und die Mutter auf demselben Feldweg wieder fort. Manchmal fuhren sie auch mit einem kleinen Pferdekarren, wenn dieser aus dem Betrieb zu leihen war. Sie nahmen Speck oder Kartoffeln, oder sonst noch etwas mit - was eben Gott gab - und kehrten, ebenso mit dem Sonnenaufgang, mit "Neuanschaffungen" für alle - auch für den Kleinen - zurück. Dies war ein Fest für ihn. Wenn der Kleine zum Beispiel ein neues, nach frischem Maschinenöl riechendes Hemd bekam und es anprobierte, konnte keiner mehr ihn aus diesem herausholen - er schlief so auch ein in diesem Hemd in dieser Nacht.

Von demselben Rande kam manchmal auch ein Trödler mit einem Pferdekastenwagen zum "Gut". Im Tausch gegen Knochen, verrostete Eisenstücke, alte Lumpen und sonstiges Gerümpel gab er dann dem Kleinen so ein wunderbares Spielzeug - in der Regel war dies ein Tontierchen -, das der Kleine vorher noch nie gesehen hatte. Dann - nach dem er sein Tauschgeschäft mit dem Kleinen abwickelte - fuhr der Trödler weiter zu dem anderen Rand hinweg, wo ein Stück Landstrasse zu sehen war.

Der Kleine bereitete sich immer auf die Besuche des Trödlers vor. Um die Hütte herum, an den Stellen von anderen ehemaligen Hütten, gab es einige abgerutschte und durch Gras bewachsene Gruben. Sie dienten dem Kleinen als Lagerstellen, an denen er die Tauschwaren sammelte. So eine Grube, in der altes gerostetes Eisen aufbewahrt wurde, nannte er auch so schlicht und einfach "die Schmiede".

Aber am teuersten wurden Knochen geschätzt. Sie kamen zum Teil vom Esstisch her nach ihrem sorgfältigen "Polieren": Noch ein Würtchen vom Vater, durch das er die gierige Sorgfalt bezeichnete, mit der die Kinder - manchmal in der Reihe nacheinander - diese Knochen benagten. Ein Teil davon, die kürzeren, abgerundeten Knöchelchen, ließ der Kleine für sich; denn dies waren Spielknöchel und er spielte eben gerne mit ihnen und bewahrte sie auf.

Mehr als anderswo gab es Knochen gleich hinter dem Torfmoor, auf der gegenüberliegenden Hügellehne, wo einmal die Rinderfarm stand. Dort, zwischen alten Gruben in ausgetrocknetem und durch Unkraut bewachsenem Humus, konnte man sogar einen ganzen Kuhschädel finden.

Manchmal fand der Kleine Knochen, während er auf dem Friedhof spielte. Der Friedhof war alt und manchmal, bei Neubeerdigungen, wurden entweder ein Schädel oder auch andere menschliche Gebeine ausgegraben, die danach einfach so im Gras liegen blieben, vom Regen gespült und vom Winde getrocknet.

Der Kleine hatte nie Angst vor dem Friedhof. Dies war seinetwegen sogar der interessanteste Ort in seiner Welt. Hier - auf einem alten, kaum noch zu erkennenden Grabhügel - wuchs solch ein riesiger Johannisbeerstrauch, welchen es anderswo nicht mehr gab. Die Beeren auf diesem Strauch waren immer groß und reif.

Auch hier, am Rande dieses Haines, auf einem anderen - alten und ebenfalls kaum noch erkennbaren Grab - stand ein riesiges Kreuz aus zwei grob behauenen Balken. Den umlaufenden Erzählungen nach errichteten irgendeinmal daran vorbei wandernden Kalmyken dieses Kreuz über ihren entschlafenen Mitmenschen. Es gab keine Inschriften auf diesem Kreuz. Dem auf seine Querbalken gekletterten Kleinen diente es mal einfach als Motorrad, mal als der wilde und kecke Pferd "Bukephalos" - je nach Laune des Kleinen eben.

Und im Frühling bauten Elstern ihre Nester in Birkenkronen des Friedhofs. Der Kleine wusste genau, wann die kleinen getüpfelten Eierchen in diesen Nestern erschienen. Dann kletterte er auf einige Birken hinauf, holte behutsam ein paar Eierchen aus verschiedenen Nestern - man durfte nie ein Nest leer plündern, sonst merkten es die im übrigen dem Zählen nicht mächtigen Vögel und verließen das Nest - und kochte sie gleich hier auf dem Lagerfeuer in einer verrosteten Konservenblechdose, sie mit dem noch herumliegenden Schnee vollgestopft.

Aber die Sachen, die am leckersten waren, fand er auf einem gepflegten Grab hinter dem blaugestrichenen Staketzaun. Auf diesem Grab stand ein kleines Kreuz mit einem daran befestigten und verglasten Schachtelrahmen, in dem ein ausgeblichenes Foto eines Jungen zu sehen war, welches auch mit Wachsblumen eingefasst wurde.

Zu diesem Grab kamen an bestimmten Tagen - die der Kleine natürlich auch gut kannte - zwei hagere Schwester-Alterchen und nach ihrem Weggehen fand der Kleine Bonbons oder Plätzchen auf dem Schachtelrahmen, auf dem Kreuz oder auf den Querlatten des Zauns. Der Kleine verstand es auch so, dass diese eben für ihn hier hingelegt wurden, denn nur er alleine lebte auf diesem Friedhof. Zu diesem Grab hatte der Kleine ein besonders behutsames Verhältnis und bemühte sich es zu pflegen, wenn die Alterchen lange nicht kamen.

Abseits vom Friedhof, hinter dem Ackerfeld, war noch ein Birkenwäldchen zu sehen, zu dem der Pfad führte. Dort befand sich der andere Rand der Welt, wohin der Vater immer frühmorgens wegging. Der Kleine hatte es irgendwie nie hingekriegt, den Moment zu erwischen, als der Vater fortging, nur es vielleicht ab und zu im morgigen Schlaf gehört. Dafür holte er ihn abends immer am Friedhof ab, wenn der Vater heimkehrte - sei es im Winter oder im Sommer.

Im Winter wurde alles drum herum durch riesige Schneewehen bedeckt und der Vater musste den Pfad im Schnee durch Birkenäste abstecken. In seinem Beutel, in dem er sein Mittagessen von zu Hause mitnahm, blieb immer etwas Leckeres für den Kleinen - "etwas Kleinerlei vom Häselein", wie der Vater ihm lächelnd sagte.

Am liebsten mochte der Kleine gelbliche Schwarte von altem Salzspeck, die durch Brotkrümelchen und Vaters Machorka bedeckt wurde. Nichts, was besser als der Geruch und Geschmack dieser Schwarte wäre, kannte der Kleine. Der müde Vater nahm die Hand des diese Schwarte heftig kauenden Kleinen oder setzte ihn auf seine breiten Schultern und sie gingen zusammen nach Hause.

Den dritten Rand der Welt mochte der Kleine nicht und zeigte sogar kein großes Interesse an ihm. Dahin fuhr der Trödler weg, mit seinem "Reichtum" und mit den umgetauschten Vorräten des Kleinen. Dort, von der Seite der Landstraße, wurden immer wieder Särge mit Leichen auf einer Pferdefuhre oder auf einem Pferdeschlitten herangefahren.

Der Friedhof füllte sich dann mit weinenden Menschen, die zuerst den herbeigefahrenen Sarg vergruben und dann sich paarweise oder einzeln durch den Friedhof zerstreuten; auf alten Erdhügelchen niederknieten oder sich auf die Bänke, dort wo es diese gab, niederließen. Der Friedhof wurde dann still und doch lebendig - mit schweigenden, dunklen und gebückten Silhouetten angefüllt.

In solchen Momenten litt der Kleine, dies alles von irgendeinem Rande des Friedhofs aus beobachtend und von keinem bemerkt. Nachdem der Friedhof wieder leer wurde, betrat den der Kleine etwas ängstlich und entfremdet. Und wie eine widersinnige Wunde ragte aus dem grünen Gras oder aus dem weißen Schnee hervor ein braunes Lehmhügelchen mit einem blendend weißen Holzkreuz darauf. Und noch lange danach musste sich der Kleine an den Fremden auf dem Friedhof gewöhnen, bis sich das braune Hügelchen durch Schnee oder Gras bedeckte und das Kreuz grau vom Regen und Winde wurde. Alles vergeht - das Leid des Kleinen verging auch.

Nichts wusste der Kleine über den vierten Rand der Welt, wo auch kein Weg hinführte, und sich nur ein Pfad von der Hütte bis zum Ziehbrunnen und weiter - schon kaum merklich - bis zum Torfmoor hinunter schlängelte. Hinter dem Torfmoor, wo sich irgendwann die Rinderfarm mit den Knochen befand, weiter links von ihr stiegen bis zum Horizont breite mit etwas Grünem besäte Ackerfelder auf. Der Kleine wusste aber, dass der echteste Rand der Welt nicht dort, sondern etwas seitlich zwischen diesen Feldern mit der Farm und dem Torfmoor lag.

Dort hinter einer kleinen Schlucht stieg bis zum Himmel empor eine im Gegensatz zur heimischen Hügellehne mit grünem und saftigem Gras bewachsene Weide. Und ganz an ihrem höchsten Rande wuchsen drei Birken - mit Wurzeln in den Horizont, mit Gipfeln gen die hellgrauen Federwolken, mit weißen Stämmen auf dem blauen Himmelhintergrund: zwei eng beisammen und eine etwas beiseits.

Hinter diesen Birken endete alles und endete auch die Vorstellungskraft des Kleinen! Hinter den Birken rollte bis zu der Hütte hervor - entweder vom Himmel herunter oder von irgendwo unten wie aus der Hölle herauf - das entfernte und dumpfe Dröhnen der Stille. Es dröhnte tags und nachts die ein paar Kilometer entfernt vorbeiverlaufende Transsibirische Eisenbahnmagistrale, die der Kleine nie gesehen hatte und von der er in seiner Welt nichts wissen konnte.

Alles, was der Kleine nicht kannte, aber vom Vater über etwas für ihn Unbegreifliches hörte - über Vaters anderes Leben in der Ukraine, über den Krieg und Deutschland und über vieles mehr - alles war für ihn hinter diesem Rand. Und es schien ihm auszureichen, nur ein einziges Mal hinter diesen Rand zu schauen, und dies alles würde schon gleich sichtbar und begreiflich, stellte sich wie ein umfangreiches, von einer hohen Steilwand hinab beobachtetes Panorama dar.

Dieser Rand machte dem Kleinen zwar tiefe Angst, zog ihn aber auch an. Allein an ihm zu denken, regte seine Seele - irgendwo in der Magengrube und weiter oben in der Brust - auf und überlief ihn kalt. Der Kleine wollte schon lange seinen Mut zusammenkratzen, um den Weg bis zu diesen drei Birken - zwei eng beisammen und eine etwas beiseite - zu bewältigen und über diesen Rand hinaus zu schauen.

Heute wachte er mit dem Gefühl auf, dass der Tag gekommen sei. Für alle Fälle entschied er, natürlich, den treuen Arap mitzunehmen...
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