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gleichzeitig zu zweien Völkern zu gehören
Nachdem ihre Männer
in den Krieg einberufen worden waren, blieben die Frauen, die Kinder und die
Alten nun alleine im Flüchtlingslager in Polen. Sie warteten nun auf ihr Los.
Sie waren zwar immer noch auf dem Territorium des Dritten Deutschen Reiches,
welches sich aber tagtäglich zu seinem Untergang beschleunigte. Die Amerikaner rückten
im Westen auf den Vater zu, bekamen aber unerwartet die von ihnen sehr geschätzten
und nach dem Krieg in ihre eigene Armee schnellst eingeführten Kampfqualitäten
der Waffen-SS in Ardennen zu spüren. Diese mächtige Bremse verschaffte dem
Vater etwas mehr Zeit für seine Einsatzvorbereitung. Daraufhin
verpflichteten sich die Russen im Osten, dem Hilferuf der Amerikaner
entsprechend, ihre noch nicht ganz vorbereitete und dadurch Tausende ihrer
Soldatenleben gekostete Offensive in Polen frühzeitig zu starten und den
Amerikanern somit aus der Patsche zu helfen sowie Mutters Ungewissheit zu
beenden und ihr Schicksal zu besiegeln. Bald war ihre
Westodyssee für die von Deutschen scheinbar vergessenen deutschen Flüchtlinge
vorbei. Ohne einen Schritt machen zu müssen, gelangten sie aus dem Dritten
Deutschen Reich nach neu entstandenes und zunächst unter sowjetischer Militärverwaltung
stehendes Polen. – Für die deutschen Flüchtlinge aus Russland eine prekäre
und verhängnisvolle Lage. Die Polen mit
ihrem übertriebenen Nationalstolz vergaßen
und vergaben nie die mehrmalige Aufteilung ihres Landes zwischen Russen und
Deutschen in den letzten knapp zweihundert Jahren. „Sie brachten während
dieses Krieges meuchlings und mit gleicher Genugtuung sowohl deutsche als auch
russische Soldaten, wenn einer der Soldaten das Pech hatte, irgendwo alleine
unter ihnen aufzutauchen.“ – erzählte mal später der Polen danach nie
besonders leidende Vater, er fügte aber gerechtigkeitshalber gleich hinzu:
„Man darf es eigentlich den Polen nach der viermaligen Aufteilung ihres Landes
zwischen Deutschen und Russen nicht übel nehmen. Jedes Volk hat seine aus der
Geschichte entstandenen Bitterkeiten auf seine eigene Art und Weise zu
pflegen.“ Nun gab es auch
ein Volk, welches aus der europäischen Geschichte ausgefallen war, nämlich die
nach Russland ausgewanderten Deutschen. Sie waren vom russischen Militärdienst
und von den Steuern für mehrere Jahre befreit und somit kaum in die politischen
Attentaten sowohl Deutschlands als auch Russlands verwickelt worden. Sie hatten
genug zu tun gehabt, um dort in schönen, aber wilden Steppen Südrusslands zu
überleben und ihre Existenz und Kultur aufzubauen. Dieses fein- und
tiefhistorische Detail interessierte jedoch damals – wie auch heute noch –
kein nationalistisches Schwein sowohl in Russland als auch in Deutschland und in
Polen sowie sonst irgendwo auf der Welt. Besonders dann nicht, wenn es sich um
irgendwelche Rachefeldzüge oder Entschädigungsforderungen handelt. Rein technisch
oder arithmetisch gesehen waren die aus Frauen, Kindern und Alten, also aus schwächsten
Vertretern, bestehenden Familien der Deutschen aus Russland, die jetzt den
Hitler-Stalin- bzw. Molotow-Ribbentrop-Pakt[1]
verantworten mussten, eine doppelte und dabei leicht zu kriegende Beute für die
Polen. Einen Deutschen aus Russland zu erledigen, kam dem Erschlagen eines
Russen und eines Deutschen gleich: Zwei Fliegen mit einer Klappe eben zu
schlagen. * Die
menschlichen Instinkte oder über die Impfungen gegen Bomben und über die
Vernunft des Überlebens
Die Flüchtlinge
bekamen es sofort zu spüren. Ihr Lager wurde mit Stacheldraht umzäunt und von
bewaffneten Polen überwacht. Es gab kaum Verpflegung mehr. Jedes Jammern wurde
mit makaberen Sprüchen erwidert: „Wozu braucht
ihr Verpflegung? Wir werden euch, Faschistenweiber, sowieso bald erschießen.“
– scherzten polnische Wachmänner, als sich die Mutter mal bei denen über
mangelnde Verpflegung beklagte. Nach einigen
Tagen solcher Schikanen kamen die Lagerfrauen zusammen, um sich zu beraten: „Die russische
Militärverwaltung scheint uns in diesem Durcheinander total vergessen zu haben,
und wir haben nur noch eine Chance: Eine von uns muss hinauslaufen und unsere
Lage beim russischen Kommandanten melden.“ – beschlossen sie, und sie begründeten
es auch: „Wir leben
deswegen nur noch, weil die Polen vor der russischen Militärmacht Angst haben
und ihrer Sache nicht so sicher sind. Das kann uns aber auf Dauer nicht
retten.“ Diese
Feststellung teilte jede der Versammelten. Entscheidungsbedürftig war es nur,
wer von ihnen als Gesandte gehen soll, obwohl auch diese Frage von Anfang an
klar war. Kaum eine dieser deutschen Frauen sprach richtig Russisch. Die Mutter
war die Einzige, deren Smolensker Russisch den besten Passierschein bei jedem
russischen Soldaten ersetzen konnte. Sie hatte ihre Dienste als Dolmetscherin
und Vermittlerin zwischen den russischen Offizieren und Soldaten und den
Lagereinwohnern bereits erwiesen, als das Flüchtlingslager von der Roten Armee
„befreit“ worden war. Nur gab es ein
Problem: Die Mutter war eher bereit, mit ihren drei kleinen Kindern
zusammenzusterben, als sie – wenn auch nur für einen kleinen Moment – aus
den Augen zu lassen. Ihr Mutterinstinkt überwiegte alle anderen Gefühle und
jede Vernunft. Es gab auch seit langem schon keine Vernunft mehr in dieser
gerade zusammenbrechenden Welt mit Millionen und Abermillionen von Toten, Verkrüppelten,
Verwundeten, Verbannten, Vertriebenen und Flüchtigen. Allein die
Tatsache, dass diese entwurzelten, entkräfteten und vergessenen Frauen und
Kinder – diese Staubkörnchen mittendrin in einem gewaltigen Sturm – noch am
Leben blieben, ging über jede Vernunft hinaus. Das ist ein
Wunder des Menschenlebens: In Situationen, wo jede menschliche Intelligenz und
jede nur von Menschen geschaffene und nur für Menschen geltende Vernunft
versagen und keine Hilfe mehr bieten, greifen Menschen auf ihre tierischen Ursprünge
zurück: Auf die stärksten Naturinstinkte, wie der Selbsterhaltungstrieb oder
der noch stärkere Mutterinstinkt, der die Mütter treibt, ihre Kinder tierisch
zu beschützen. Und die Menschen überleben oft nur dadurch auf einem meistens
so menschenunwürdigen tierischen Niveau. Auf so einem Niveau, dass sie danach
selbst daran nicht glauben wollen, wie es überhaupt möglich war zu überleben,
ohne mal daran zu denken, ob das Überleben in so einer Situation überhaupt
noch einen Sinn ergäbe und vernünftig wäre. Noch bevor die
Russen kamen, aber ihre Bomben und Geschosse bereits um die Ohren flogen, hatte
es sich in der Praktik gezeigt. Die deutsche Ordnung herrschte noch einigermaßen
im Flüchtlingslager und die Kinder mussten den Vorschriften nach in einem Wagen
des Deutschen Roten Kreuzes noch geimpft, gewaschen und mit Milch verpflegt
werden. Die Mutter kämpfte
wie ein Panther gegen drei Krankenschwestern, welche ihre Kinder zu diesem Zweck
in den DRK-Wagen für einige Zeit mitnehmen wollten. Sie wollte nichts von den
noch so vernünftigen Argumenten der drei Damen wissen, dass dies alles ihren
Kindern zugute gedacht sei. Sie wusste nur eins: Es gibt keine Impfungen gegen
Bomben und, sollten diese Bomben kommen, muss sie bei ihren Kindern sein. Die
Krankenschwestern waren gezwungen Hilfe zu holen, um die Mutter zu überwältigen
und die Kinder doch zu entführen. Die Kinder kriegten ihre Impfung, Milch und
Pflege und blieben über Nacht in dem Wagen. Aber auch danach irrte die Mutter
kreischend die ganze Nacht um diesen Wagen herum, bis sie am nächsten Tag die
Kinder gesund und munter zurückerhielt. * Der
Ausflug zur Kommandantur oder darüber, wann es günstig ist, gleichzeitig zu
zwei Völkern zu gehören
Diesmal benötigten
die Frauen nicht weniger Zeit, um die Mutter zu überzeugen, dass sie auf ihre
Kinder besser als auf die eigenen aufpassen würden, solange sie weg wäre.
Entscheidend war für die Mutter schließlich ein Hoffnungsschimmer das Leben
ihrer sowie das der anderen Kinder und all dieser Menschen zu retten. Abends, bei
Einbruch der Dunkelheit, setzten die Frauen die Mutter über den Stacheldraht
des Zauns hinaus, und das Warten begann. Die Mutter entkam der polnischen Wache
am Lager und ging zum Bahnhof, wo sich nach ihren Kenntnissen die russische
Kommandantur befand. Den Weg kannte sie: Sie waren schon lange genug in dieser
Stadt, und der Vater hatte sich von ihr und den Kindern ebenfalls an diesem
Bahnhof verabschiedet, bevor er mit anderen Kameraden in einen Zug gesteckt
wurde und der Zug in den Krieg abfuhr. An diesem Bahnhof
versprach sie ihm auf die Kinder aufzupassen und sie heil durch dieses höllisch-kosmische
Unheil hindurchzubringen, auch wenn es noch so eine winzig kleine Chance dazu gäbe.
Und er versprach ihr sie alle – egal wo sie auch sein mögen – zu finden und
zu ihnen aus dem Krieg – egal ganz oder halb, heil oder halbtot – zurückzukehren. Da die Beiden
keine langfristig geltende Adresse hatten, wurde die Adresse von Vaters
Schwester in Bensel in Alt-Deutschland für den Briefwechsel und fürs
Zueinanderfinden vereinbart. Daher musste diese Adresse, dieser schimmernde
Ariadnefaden, wie der größte Schatz aufbewahrt werden. So schickte die
Mutter das am Abschiedstag geschossene Familienfoto an ihre Schwägerin. – Ein
einziges, auf diese glückliche Weise erhaltenes Foto aus dem Krieg, welches die
gar nichts archivalisches aus dieser Zeit aufbewahrte Familie dann nach
Jahrzehnten in Sibirien von der Tante aus Deutschland zurückgeschickt bekam. Auf diesem Foto
wurden sie alle zusammen aufgenommen – alle in ihrer Paradeform. Der Vater in
einem Krawattenanzug, über seiner Familie in voller Größe stehend: Ein Adler
über seinem Nest, welches er allerdings vorübergehend verlassen muss und
deswegen ein Schutzzeichen setzen will. Die Mutter in einem strengen dunklen
Kleid, etwas vorne neben dem Vater sitzend und mit ihrem Kopf gerade mal seine
Brust erreichend. Der kleinste Sohn auf ihrem Schoss, die Tochter und der ältere
Sohn, sich von beiden Seiten an ihre Knie anlehnend. Alle angespannt nach vorne
schauend, als ob sie sich bemühen, ihr Schicksal in diesem fernen Vorne zu
erblicken... In der Nähe des
Bahnhofs verließ das Glück die Mutter, und sie wurde von einer polnischen
Patrouille erwischt. „Psja krev! Wo
sind deine Papiere, und was machst du nach der Sperrstunde in der Stadt? Eine
faschistische Spionin!“ – beschlossen sie, nachdem die Mutter ihnen auf
Deutsch etwas zu erklären versucht hatte, und entsicherten bereits ihre Waffen. „Das ist das
Ende...“ – blitzte durch Mutters Kopf – „Meine armen Waisenkinder!“ Der Gedanke an
die Kinder gab ihr noch etwas Mut weinend auf Russisch, welches die Polen auch
einigermaßen verstanden, zu schreien: „Ich bin Russin
aus dem Flüchtlingslager und gehe zum russischen Kommandanten!“ Es zeigte
Wirkung. Die Männer waren bei den Worten „zum russischen Kommandanten“
sofort nicht mehr so entschlossen abzudrücken. „Willst du dich
bei ihm beklagen?“ – kam die provokative Frage. Die Männer waren
aus derselben Kaserne und gingen zusammen entweder Streife auf der Strasse oder
sie hielten Wache am Lager. Deswegen wussten sie es genau, was daran zu beklagen
wäre. „Oh nein! Meine
Kinder sind so sehr krank, dass ich das Lager vor Verzweiflung verlassen musste
und Herrn Kommandanten um etwas Medizin bitten wollte“ – erfand die Mutter,
vor dieser Sünde zusammenzuckend und innerlich betend: „Oh Gott!
Verzeih mir diese Lüge und behüte meine Kinder vor jeder Krankheit! Ich weiß,
dass ich sündige, aber was soll ich sonst tun, um mich und somit meine Kinder
zu retten?“ Kurz überlegt
sperrten die Polen sie in einen Eisenbahnschuppen ein mit der Absicht den
Zwischenfall mit ihrem Kommandeur zu besprechen und eine für die Polen ungefährliche
Lösung zu finden. Die Mutter blieb
in voller Dunkelheit und Ungewissheit in einem engen, mit Werkzeugen überfüllten
Raum. Sie heulte und jammerte auf Russisch laut und ununterbrochen fast die
ganze Nacht durch: „Mein Gott! Oh
mein Gott! Ich wusste es! Worauf habe ich mich nur eingelassen? Was wird jetzt
aus meinen Kindern? Sie sind nun ganz allein in diesem Schrecken geblieben und
überleben das nie! Ich habe meinen dem Vater angelegten Schwur gebrochen und
sie im Stich gelassen. Ewig sei ich vom Gott verdammt!“ „Hey Weib! Was
heulst du da drin, und wer hat dich darin eingesperrt? – hörte sie auf einmal
eine männliche, russischsprechende Stimme von draußen – „Bist du etwa
Russin?“ „Ja, mein Söhnchen!
Ja, mein Brüderchen! Ich bin Russin aus Smolensk! Eine polnische Patrouille hat
mich hereingesperrt und wollte mich erschießen.“ – sprang die durch diese
neue Hoffnung beflügelte Mutter auf. „Na wartet mal,
ihr Scheißkerle! Ich zeige euch, wie man hier mit russischen Leuten umzugehen
hat!“ – fluchte der russische Soldat draußen, mit dem Kolben seines Gewehrs
auf das Schloss an der Tür donnernd, – „Ihr werdet es nie vergessen! Nicht
dafür hatten wir unser Blut vergossen, bis wir hierher kamen, dass ihr jetzt
unsere Weiber foltert.“ Das Schloss fiel.
Die Mutter lief hinaus und sah vor ihr im Morgenrot einen jungen Leutnant in
russischer Felduniform und mit einem ernsthaft wütenden Gesicht. Die Mutter erzählte
ihm alles, aber ohne über ihre ganze Geschichte besonders ins Detail zu gehen.
Dass die Polen seit Tagen schon die von Deutschen verschleppten und jetzt nach
Hause wollenden Familien aus Russland im Lager festhalten, sie durch ständige
Drohungen schikanieren, sich aber sonst um diese Familien gar nicht kümmern und
verhungern lassen. Der Leutnant führte
sie zum Kommandanten. In der kürzesten Zeit wurden zwei Polen aus der Streife
geschnappt und dem Kommandanten ebenfalls vorgeführt. Sie standen zitternd und
stotternd vor dem Kommandanten, während er seiner Wut freien Lauf ließ, die
Beiden anschrie und selber diese zu erschießen drohte. Es stellte sich
heraus, dass die Flüchtlingsfamilien der polnischen Zivilverwaltung überlassen
worden waren mit dem Befehl diese bis zu ihrer Repatriierung einzuquartieren,
aber nicht gleich hinter den Stacheldraht zu stecken sowie sonst auch wie
sowjetische Bürger zu behandeln, also zu versorgen und zu schützen. In der Hoffnung,
dass die Russen ohnehin viel zu tun hatten und diese Flüchtlinge gleich
vergessen würden, was sich – wie die Geschichte zeigte – auch
bewahrheitete, ignorierten die Polen diesen Befehl einfach, und sie behandelten
die Flüchtlinge so, wie es ihnen danach war. *
Die Reise nach Sibirien oder darüber, wie es für die Menschen ungünstig ist, auf
die Wege von großen historischen Ereignissen und unter die Räder der
Weltpolitik und der Weltgeschichte zu geraten
Durch Mutters
Abenteuer kam diese polnische „Verschwörung“ jetzt ans Tageslicht. Die
Mutter wurde ins Lager zu ihren wohlerhaltenen Kindern gebracht, wo sie dies
alles ihren Komplizen erzählte. Jetzt, wo der russische Kommandant die
Gelegenheit selbst in die Hand nahm, ging alles rasch. In den nächsten
Tagen wurden die Flüchtlinge nun von russischen Soldaten – eher vor
polnischen Übergriffen – bewacht. Bald kam ohne große Filtrierung – denn
es wäre ja auch schwierig den Kindern und Frauen etwas Verbrecherisches
zuzuschreiben – die pauschale Repatriierungsentscheidung allesamt nach
Sibirien zu deportieren. Sie marschierten
zu demselben Bahnhof und wurden in Viehwaggons vollgestopft. – Offensichtlich
war es das einzige in dieser Zeit den Verantwortlichen auf allen Frontseiten als
angemessen erscheinende Personenverkehrsmittel für die Verschiebung und
Verschleppung von unermesslich und unpersönlich gewaltigen Menschenmassen. Der
Verschleppungsviehzug fuhr in Richtung Osten ab. Ihr Leben und das
ihrer Kinder waren zunächst gerettet, und der Krieg als solcher – mit Amok
laufenden Bomben und Panzern – war somit für sie vorbei. Der mehrmonatige,
unbeschreibliche Leidensweg führte nach Sibirien zu ihren seit Beginn des
Krieges dorthin deportierten Landsleuten von überall aus deutschen Ex-Kolonien
in Ex-Russland. So gehörten sie zu zweihunderttausend Deutschen aus der UdSSR,
vor allem Frauen, Kinder und Alten ohne ihre zum deutschen Militärdienst
einberufenen Männer, welche auf ihren Fluchtwegen von der Roten Armee überrollt
worden waren und dasselbe Schicksal erlitten hatten. Sie fuhren lange
und beschwerlich mit vielen langen Zwischenstopps, mit Hunger, Kälte,
Krankheiten und vielen – bis zu dreißig Prozent von zweihunderttausend
Verschleppten – unterwegs Gestorbenen. Der Krieg im Westen ging zu Ende. Der
Sieg über Deutschland wurde unter den Alliierten mit der Abmachung besiegelt
den letzten aus der Dreierachse – Japan – nun gemeinsam auf die Knie zu
zwingen. Für die Russen
bedeutete es ein Logistikwunder zu vollbringen: Ihr ungeheueres Truppenaufgebot
von der sich erledigten Westfront über zehntausend Kilometer in den Osten hinüberzubringen.
Alles durch „das Nadelohr“ namens „Transsibirische Eisenbahnmagistrale“,
das zu dieser Zeit durch den irgendwo durch die Endlosigkeit dieser Magistrale
kriechenden Viehzug mit der Mutter und mit den Kindern „verstopft“ war. Ihr Zug wurde
weggefegt und musste auf irgendwelchen Abstellgleisen so lange warten, bis die
Japaner durch diesen gewaltigen Verkehr
von Truppen, Maschinen und neuerdings Atombomben anstatt der bereits als
Siegesmethode veralteten Feuerstürmen in deutschen Städten nach ihrer
Bombardierung von Engländern und Amerikanern ebenfalls erdrückt wurden. So fuhren sie
nach dieser langen Abstellpause direkt in den sibirischen Winter hinein. Der
Viehzug kam im voll verschneiten Nowosibirsk bei Frost unter minus dreißig Grad
an. Hier wurden die Deportierten und Verschleppten noch einmal aussortiert und
getrennt. Einige wurden in der Stadt als Arbeitskraft für Industriewerke und
Fabriken abgeladen, die Anderen – auf die umliegenden Dörfer verteilt. Die Mutter mit
ihren drei Kindern kam zusammen mit den restlichen Familien, mit denen sie seit
zwei Jahren auf diesem langen Bogen von Prischib über Polen nach Sibirien
unterwegs war, in einen etwa hundert Kilometer von Nowosibirsk entlegenen
Schweinebetrieb. Sie wurde den
Schweinen als Bedienstete zugeordnet. Sie wurde in einer Hütte direkt an der
Schweinefarm mit zwei anderen Familien untergebracht. Ein Jahr später wurde die
Familie in die Hütte am Friedhof umgesiedelt, in welcher die Mutter nun
für den Vater weiter beten und auf ihn weiter warten durfte. *** [1] Der am 23 August 1939 im Kreml geschlossene, deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt, zu dem das geheime Zusatzprotokoll über die Aufteilung Polen gehörte | |||||||||||||||||