oder
über den Nachtigallenschlag und über die anderen
Zug- und Nichtzugwesen
(Aus dem Buch
"Der Zug fährt ab“
www.literatur-viktor-prieb.de )
Der
Zug hielt in Smolensk. Als der Zug aus der Stadt hinausfuhr, ging der Vater in
den Korridor, machte das Fenster auf und rauchte.
Hier
in dieser Gegend war seine Mutter geboren und fuhr von hier noch als junges
Mädchen in die Kohlengruben von Donbass, um dort in Stalino seinen Vater kennen
zu lernen. Und jetzt fuhr er an dem Ort vorbei, wo er noch nie gewesen war. Und
somit schloss sich noch ein Kreis des ewigen Drehens.
Und
ein anderer fing an, denn hier – gleich hinter der weißrussischen Grenze und
vielleicht nur fünfzig Kilometer vom Geburtsort seiner Mutter entfernt – war
die Mutter seiner Töchter und seine Frau geboren.
Seinetwegen
dürften ruhig alle Mütter und Frauen der Welt zu Gunsten ihrer Kinder und ihrer
Ehemänner auch hier geboren werden.
Seine
Frau schlief jetzt sorglos nebenan, weil er ihre Sorgen nahm und in seine
Hosentasche steckte. Ob es ihm dort drüben mit der gleichen Leichtigkeit gelingt?
Hinter
dem Fenster des Zuges wurde etwas heller – der Morgen ergraute nach der kürzesten
Nacht des Jahres. Die vom an die Gräser gefallenen Tau feuchten Felder und
Wiesen schimmerten im Lichte des Morgenrots.
Und
gleich wurde es immer lauter in den vorbei schwebenden und immer noch dunklen
Wäldern – die Nachtigallen. Das gehörte auch mal zum Repertoire seines Vaters
zum Thema, wie schön es in der Ukraine war, wo der Nachtigallenschlag – wie der
Duft von Veilchen in der Nacht – einen ebenfalls verrückt machen konnte.
In
Sibirien gab es keine Nachtigallen und überhaupt keine Singvögel. In Sibirien
war es sogar den Vögeln nicht nach Singen zumute. Und mit Menschen dort zu überwintern,
wagten es nur kleine – unscheinbare wie Nachtigallen auch – graue Spatzen.
Sie
zahlten aber auch ihren Tribut für ihre Treue den Sibiriern. Wenn die Lufttemperatur
draußen unter minus vierzig Grad sank, saßen sie regungslos auf den Stromleitungen
und nackten Ästen, zerzausten ihr Gefieder so weit es ging, um etwas länger
ihre Körperwärme durch das dickere Luftpolster aufzubewahren, und fielen hin
und wieder – wie kleine Steinchen – todgefroren auf die verschneite Erde nieder.
Die
Überlebenden fühlten sich aber dann im Sommer dort in Sibirien zurecht zu
Hause, legten sich für jedes Körnchen oder Brotkrümelchen mit jedem der
Zugvögel an und sahen dabei von ihrer Größe ganz ab.
In
Sibirien nannte man Menschen, die ihren Wohnsitz öfter wechselten – freiwillig
wohlgemerkt – abwertend auch „Zugvögel“...
Der
Vater traf danach Spatzen auf seinen Reisen überall – wie im Norden, so auch im
Süden. Und überall betrachtete er diese Spatzen wie seine Lands..., was soll
man da sagen: Landsvögel oder besser – wie seine treuen Landskumpels, und
freute sich auf ein Wiedersehen mit ihnen in der Fremde.
Zu
diesem Treubild gehörten bei dem Vater auch die Wölfe – die klugen, familientreuen,
alle gegen sie organisierten Jagden überstandenen, durch die sibirischen Winter
ebenso abgehärteten und ebenso grauen Geschöpfe der wilden Natur.
Die
Nachtigallen sangen das Abschiedslied und machten den Vater, wenn nicht ganz
verrückt, dann mächtig sentimental.
Er
lief ins Abteil und weckte die Mutter. Sie standen dann lange vor dem geöffneten
Wagenfenster, einander umarmend, hörten sich diese Liebeslieder an, fühlten
sich ganz wie ein junges Pärchen und verspürten dadurch neue Hoffnung und einen
Schimmer Freude auf ihr neues, künftiges Leben. Dann kehrten sie wieder ins
Abteil zurück, um doch auszuschlafen.
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