Internetbesucher, denen mein Roman, meine Prosa, Publizistik und Poesie gefallen sowie die anderen Seiten: Stammbaum-Familie-Prieb und Materialforschungsservice informativ und von Nutzen sind, dürfen einen freiwilligen Betrag auf mein Konto überweisen. Ich würde mich auch für Ihre an meine Emailadresse geschickten Meinungen sowie für eine Kontaktaufnahme mit mir sehr freuen. Danke für Ihren Besuch! Die Familie und der Erste deutsch-russische Krieg oder über das Ende zwei glorioser Reiche
Die Vorfahren aus den deutschen Kolonien und der Anfang des Endes oder über Patriotismus und NationalismusDen Anfang des Endes der
fast hundertfünfzigjährigen erfolgreichen Kolonistengeschichte von Deutschen in
Russland machte der Erste Weltkrieg. Für alle in der Welt war er nur einer der
nächsten unzähligen Kriege. Für die deutschen Kolonisten war es ein
Bruderkrieg. Der Krieg des Gewissens, trotz ihres eindeutigen Bekennens zu
ihrer neuen Heimat und ihrem neuen Land. Trotz ihrer Loyalität –
trotz dem, dass bis zu zwanzig Prozent des russischen Generalstabs und über
eine Drittelmillion Soldaten und Offiziere des russischen Heeres deutschstämmig
waren; trotz dem, dass das Geschick dieser befehlshaberischen Generäle und die
Tapferkeit dieser Soldaten und Offiziere durch glänzende Siege und durch viele
höchste militärische Auszeichnungen gekrönt und anerkannt wurden, war die
öffentliche allgemein antideutsche Meinung im Lande im Laufe des Krieges immer
mehr speziell gegen deutsche Kolonisten gerichtet und wurde immer geheizter. Deutsche Kolonisten wurden
zum Sündenbock für die realen und offensichtlichen Missstände in der russischen
Armee und im russischen Reiche gemacht – für die daraus resultierende
Kriegsführungsunfähigkeit der Zarenregierung und für die immer häufiger vorkommenden
Niederlagen an der Front. Sie wurden der Untreue und des Verrats bezichtigt.
Den Kolonisten ging es schließlich nicht um die Liebe des russischen Volkes
oder um die öffentliche Anerkennung. Es ging allmählich und immer mehr um ihre
eigene Existenz. Die Vertreter dieser öffentlichen
Meinung – russische Nationalisten, die noch vor dem Krieg diese Meinung gegen übermäßigen
Landbesitz von deutschen Kolonisten hetzten – gewannen im Krieg die Oberhand
und die Zustimmung des Zaren. Bereits im Jahre 1915 wurde in der Kriegsgesetzgebung
über die Zwangsevakuierung der deutschen Kolonisten aus der hundertfünfzig
Kilometer breiten Westgrenzenzone verfügt. Die deutschen Landgutsbesitzer
durften noch ihr Land innerhalb einer kurzen Frist verkaufen. Nach dem Ablauf
der Frist wurde das Land zwangsversteigert. Diese Verfügung betraf auch
die Schwarzmeerkolonien, denn die Türkei gehörte auch zu den feindlichen, auf
der Seite von Deutschland kriegführenden Staaten. Somit galt die
Schwarzmeerküste als das Grenzgebiet. Die Breite dieses Gebietes wurde
aber etwas großzügiger nur auf
einhundert Kilometer bestimmt, so dass die Prischiber Kolonie direkt nicht
betroffen war. Als die Niederlage Russlands im Krieg allmählich zu einer realen
Gefahr wurde, sollten jedoch alle deutschen Kolonisten einen vernichtenden
Vergeltungsschlag erleiden. Anfangs 1917 erklärte die
russische Regierung die totale und entschädigungsfreie Enteignung von Grund und
Boden der deutschen Kolonisten im gesamten russischen Reich. – Ein purer
Verzweifelungsracheakt an der Grenze des Selbstmordes, denn die deutschen
Kolonisten lieferten den kämpfenden russischen Truppen nicht nur die
landwirtschaftliche Verpflegung, sondern sogar das Militärgerät, das sie in
mehreren umgestellten Landwirtschaftsmaschinenfabriken herstellten. Zum Glück im totalen Unglück
blieb der Zarenregierung keine Zeit mehr zur Vollstreckung dieses Todesurteils
für die deutschen Kolonisten. Der Zerfall des russischen Reiches vollendete
sich 1917 durch die Februarrevolution, das Abdanken der rachsüchtigen halbdeutschen
Majestät und die Bildung der Provisorischen Regierung. Russland wurde auf einmal
demokratisch – so eine Art russischer „Weimarer Republik“. Unter den ersten Schritten
der neuen Regierung war die Aufhebung der antideutschen Kriegsgesetze, aber –
fatalerweise für diese Regierung – nicht des Krieges selbst. Eine Verschnaufpause
für die deutschen Kolonisten und ein Hoffnungsschimmer trotz des weitergeführten
Krieges. Diese demokratische Pause
zwischen zweien Diktaturen war in Russland durch den Krieg und durch die
Kriegsermüdung verkürzt und viel kürzer als die der Weimarer Republik in
Deutschland gegönnte Zeit – nur sieben Monate zwischen Februar und Oktober
1917. Nach dem Oktoberputsch kam
der alles vorherige übertreffende bolschewistische Terror, vor dem der Fallbeil
der Französischen Revolution verblasst und fast harmlos erscheinen mag. – Der
sogar den in sechszehn Jahren danach das Deutschland und alle Deutschen
degradierende Greuel der Nazis als seine mit der deutschen Gründlichkeit und
Pedanterie durchgeführte Fortsetzung und seine methodisch perfektionierte
Weiterentwicklung betrachten lässt. * Jede Macht braucht Brot oder über die Bauernlogik und darüber, warum Beine zu machen besser ist als Wurzeln zu schlagenNoch während dieser
Sommeratempause im Jahre 1917 kam der älteste Sohn, der bereits an einer
Kommerzhochschule in Charkow studierte, nach Hause und versuchte mit seinem
alten Vater – dem Landgutbesitzer – über die trüben Aussichten und die
explosive politische Atmosphäre im Lande zu reden, über die der Student in
seinen Kreisen bestens informiert wurde: „Die Provisorische Regierung
wird immer schwächer und unsicherer. Die Bolschewiken lasten ihr die sinnlose
Fortsetzung des Krieges an und spielen die Kriegsmüdigkeit der Soldaten und die
Not des Volkes gegen diese Regierung aus. Daran bekommen auch sie immer mehr
Unterstützung der Soldaten und des Volkes. Und wenn die Bolschewiken an die
Macht kommen, dann behüte uns Gott! Sie versprechen einen Vernichtungskampf
gegen ihre Klassenfeinde, nämlich gegen alle Kapitalisten und Exploiteure – wie
sie es nennen – zu führen; sie werden ihr Hab und Gut rauben und sie selbst
vernichten. Wir müssen alles hier schnellstens und zu jedem Preis zu Geld
machen und nach Deutschland zurückkehren, bis es noch nicht zu spät ist.“ Der alte – aus den Zeitungen
und aus den überall stattfindenden politischen Kolonistenversammlungen zu der
Lage im Lande nicht weniger informierte – Weise hörte seinem Sohn aufmerksam zu
und erwiderte, nachdem dieser fertig war: „Ich bin kein Kapitalist und
Exploiteur. Ich bin Bauer, baue das Getreide fürs Brot an, beschäftige und
ernähre dadurch eine Menge Leute. Es ist mir ziemlich egal, wer in St. Petersburg
an der Macht ist. – Mein Brot braucht jede Macht. Die Provisorische
Regierung hat dies bestätigt, indem sie die Gesetze des irre gewordenen Zaren
aufgehoben hat. Also, ich sehe keinen Grund zur Panik und denke nicht daran,
meinen in mehr als hundert Jahren erworbenen Boden und mein Gut zu verscherbeln
und abzuhauen.“ Die Bauernpanzerlogik! Mit
fatalen Folgen, wie es sich sehr bald herausstellte. Dabei war sein Vater kein
in der Peripherie verwilderter Lederhoseneinfaltspinsel vom Lande. Er war
intelligent und gebildet, führte eine moderne Landwirtschaft, zu deren Erfolg
perfekte Russischkenntnisse nicht in kleinem Maße beitrugen. * Integration zweier Parallelgesellschaften oder darüber, wie die Russen zu Deutschen werden und umgekehrtDas mit dem Russisch war in
der Familie von Beginn an klar verstanden und durchgesetzt worden, während mehrere
andere, weniger erfolgreiche – wenn auch nicht gerade arme – Kolonisten in mehr
als hundert Jahren in Russland immer noch kein Wort Russisch sprachen und mit
ihrem Deutsch – konservierten schwäbischen Dialekt – seelenruhig und bequem in
Russland weiterlebten. Das mit dem Russisch war
nicht so einfach auch, denn diese Kolonien waren viel zu deutsch – ein sorgfältig
aufgebautes Stück ihrer deutschen Heimat. Die kleinen Siedlungen und
Ortschaften um das Zentrum herum trugen sogar die Namen von deutschen Groß- und
Kleinstädten, welche – wie auch in Kolonien von Amerika – das anfängliche
Heimweh von denen zum Ausdruck brachte, die diese Ortschaften anlegten. Einige trugen Namen[1]
wie „Heidelberg“, „Karlsruhe“, „Neu-Nassau“, „Tiefbrunnen“. Die anderen hießen
schlicht und einfach „Hoffental“, „Roseneck“, „Blumenort“ und so ähnlich – je
nachdem, wie der Ort aussah, als die ersten Erdhütten von hoffnungserfüllten
Kolonisten aus dem deutschen Mutterland in der mit verschiedensten Wildblumen
reich bedeckten Steppe ausgegraben wurden. In jeder einigermaßen großen
Siedlung stand eine – meistens evangelische, in manchen Siedlungen auch
katholische – Kirche mit anliegendem Friedhof, eine Realschule und sonst auch
alles, was zum gesellschaftlichen Leben einer Gemeinde gehört. Alles war aus
Natursteinen oder Ziegelsteinen erbaut und mit Dachziegeln bedeckt. In Prischib – dem Zentrum
der Prischiber Kolonie, wo Vaters Stadthaus stand – gab es noch eine
Fachschule; das Rathaus, wo die Selbstverwaltung, zu der auch Vaters Vater –
der Urgroßvater des Kleinen – gehörte, ihre Machtaufgaben ausführte; ein
Gasthaus mit einem Weinkeller, das Vaters Bruder gehörte. Dieser Bruder besaß
auch einige Weinberge auf der Krim und stellte eigenen Sekt her, der sogar beim
Zarenhof gefragt und beliebt war. Diese zu einer Stadt und zum
Zentrum der Kolonie aufgestiegene Siedlung wurde von zwölf schwäbischen aus
Württemberg ausgewanderten Familien – einschließlich der Familie des Vaters –
gegründet und bestand zum großen Teil aus sich stark vermehrten Mitgliedern
dieser Familien, wenn sie nun auch durch weibliche Abzweigungen andere Namen trugen. In der Realschule wurde
Russisch als Fremdsprache zwar unterrichtet, aber was bringt schon so ein noch
dazu halbherzig wahrgenommener Unterricht, wenn es weit und breit keine
russische Seele anzusprechen gab. Wenn ein dazu gerufener Russe als Lehrer nach
Prischib kam, sprach er in einem Jahr schon eher Deutsch. Ihm blieb ja auch
nichts anderes übrig, als sich in diese mononationale und monokulturelle Gesellschaft
zu integrieren. Die Integration der
deutschen Kolonisten in die russische Gesellschaft wurde nie vorausgesetzt und
niemand hat sie von ihnen erwartet oder gar verlangt. Eher umgekehrt – sie
wurden ja als Deutsche mit ihrer Kultur, einschließlich ihrer Ackerbau- und
Wirtschaftskultur nach Russland eingeladen, um diese Kultur den russischen
Bauern beizubringen und nicht, um diese durch die Übernahme der Mentalität und
Kulturlosigkeit der russischen Bauern zu verlieren, was eben ihre Integration
bedeutet hätte. Der Vater fuhr regelmäßig zu
Landwirtschaftsmessen nach Leipzig, stellte eigene Produkte aus und kaufte
einige moderne Landwirtschaftsmaschinen. In seinem etwa hundert Kilometer von
Prischib entlegenen Landgut besaß er – mit zwei anderen Brüdern – eintausendzweihundert
Hektar Ackerland; eine Ziegelei, die alle umliegenden Dörfer und Siedlungen mit
Backsteinen und Dachziegeln belieferte; eine Wassermühle; eine Melkerei; Kuh-
und Pferdezuchtbetriebe sowie einen großen Obst- und Gemüsegarten. Das einzige, wovon er nicht
viel hielt, war die Politik, besonders nach dem Ausbruch des Ersten
Weltkrieges. So war Vaters Entscheidung zur aktuellen politischen Situation in
Russland getroffen. Sein Sohn hatte ihm nichts mehr zu sagen. * Das Ende des Zweiten Deutschen Reiches oder über politischen Regenbogen, rot-grüne Koalitionen und darüber, wer nun Vaters Brot brauchtWas zu erwarten war –
geschah auch. Gleich nach der mit Hilfe und Mitwirkung des Deutschen Reiches
erputschten Machtübernahme von Bolschewiken im Oktober 1917 erfasste der große
Führer des Proletariats seine drei Dekrete. Im ersten – über die Macht –
ernannte Lenin den „Rat der Volkskommissare“ zur einzigen und alleinigen Regierungsmacht im Lande und sich selbst zum
einzigen und alleinigen „Führer“ dieses Rates und somit des Landes. Im zweiten – über den
Frieden – erklärte er die Bereitschaft des nun von ihm geführten, bolschewistischen
Russlands zu einem zuerst dem deutschen Generalstab als Abzahlung für die Hilfe
beim Machtergreifen und erst dann den russischen Soldaten und Matrosen versprochenen
sofortigen Frieden. Dieser Frieden wurde im März 1918 im Brest-Litowsker Friedensabkommen
zwischen dem bolschewistischen Russland und dem Deutschen Kaiserreich geschlossen. Das dritte – über den Boden
– verfügte über totale, entschädigungsfreie Enteignung von Grund und Boden
aller Grundbesitzer und bereitete damit den deutschen Kolonisten ihr endgültiges,
noch vom Zaren geplantes Ende. Die Schwarzmeerkolonien
blieben zunächst auch diesmal davon verschont. Die Ukraine machte im November
1917 von Lenins Deklaration über freie nationale Selbstbestimmung Gebrauch: Sie
erklärte sich im Januar 1918 zu der selbständigen Ukrainischen Volksrepublik
und beanspruchte ihre Unabhängigkeit von Russland. Diese Unabhängigkeitserklärung
der ukrainischen nationalistischen Regierung von Hetman Petljura führte zu
sofortigen militärischen Auseinandersetzungen mit dem dadurch wirtschaftlich
unfähig gemachten und zornig gewordenen Russland und zu bürgerkriegsähnlichen
Verhältnissen im Lande. Der neue Staat und seine nationalistische Armee sowie
die eingedrungene Rote Armee brauchten Vaters Brot. Um sich aus der Affäre zu
ziehen, schließ die neue souveräne Ukraine kurzerhand im Februar 1918 – noch
vor Russland und ebenfalls in Brest-Litowsk – ihr eigenes Friedensabkommen mit
dem Deutschen Reich. Nach diesem Abkommen kamen bald deutsche Soldaten aus
Deutschland sogar selbst zum Bauern-Vater nach Südrussland, der zu ihnen nach
Deutschland nicht wollte. Sie kamen als Schutztruppen für die deutschen
Kolonisten. Die Deutschen in Kolonien empfingen sie mit brüderlicher Liebe und
nannten sie „Deutschländer“, um sich von Reichsdeutschen zu unterscheiden. Die
Deutschländer – wie auch das Zweite Deutsche Reich selbst – brauchten Vaters
Brot auch. Die deutschen Kolonisten
bedankten sich bei der deutschen Militärmacht für diesen Schutz mit einer
Kriegsleihe von sechzig Millionen Goldmark[2].
Sie brachte dann, vor dem nächsten – Zweiten – Weltkrieg dem nächsten – Dritten
– Deutschen Reich wiederum ein daraus aufgewertetes Guthaben von weit über eine
Milliarde Reichsmark. – Ein Reichtum in den Zeiten, als die deutschen Kolonien
in Russland längst nicht mehr existierten und die deutschen Kolonisten selbst
in Kolchosen degradierten und verhungerten oder in bolschewistischen
Zwangsarbeitslagern bereits ihrer totalen Vernichtung ausgesetzt waren. Aber auch damals dauerte der
von ihnen großzügig bedankte Schutz der deutschen Kolonisten nicht zu lange.
Schon im November 1918, als der Bumerang – der von deutschen Geheimdiensten in
St. Petersburg, nach dem Ausbruch des ersten Weltkrieges auf Russisch Petrograd
genannt, angestiftete Putsch – in einem knappen Jahr in Berlin zurückschlug und
das Zweite Deutsche Kaiserreich nun selbst traf und zugrunde richtete, zogen
die kaiserlichen Schutztruppen und mit ihnen auch mehrere Kolonisten nach
Deutschland ab. Der Vater blieb. Über das neue souveräne Land
Ukraine tobte nun endgültig ein grausamer Bürgerkrieg. Es gab die Rote Garde
aus hungrigen Matrosen und Arbeitern vom Norden, die Weiße Garde aus den Resten
der alten russischen Zarenarmee – vor allem das Offizierkorps von Kadetten bis
zu Generälen – sowie aus Freiwilligen, wie die von und aus deutschen Kolonisten
formierten Selbstschutztruppen oder die Kosakenformationen und die anderen, die
einiges besaßen und etwas gegen unfaire Tauschangebote von Bolschewiken hatten.
Es gab immer noch die gelb-blaue ukrainisch-nationalistische Armee und dazu
noch unzählige farbige wie auch farblose Banden bis zu einer Armeegröße, wie
die „Grüne Armee“ von Batjko Machno. All diese Banden, Armeen und
Garden mit Regenbogenfarben rollten verheerend über und durch die Ukraine hin
und her, die im Süden überwiegend von deutschen Kolonisten besiedelt war. Sie
alle brauchten Vaters Brot – da hatte er recht –, auch wenn es nicht jeder
bezahlte. Der Ex-Hirt auf Vaters
Landgut und der Ex-Anarchist Nestor Machno – der ehemalige
Praktiker-Bombenleger und Gefährte des Theoretikers Bakunin und somit der
Ex-Gegner jeder Staatlichkeit, der jetzt mit seiner Riesenbande-Armee je nach
der militärischen Konjunktur und Lage mal auf einer, mal auf der anderen Seite
stand und mal die Roten, mal die Weißen schlug – gründete sogar seine eigene
freie Republik mit dem Hauptsitz in einer großen ukrainischen Siedlung namens
„Guljai-Pole“[3]. Das Landgut des Vaters lag
unglücklicherweise nur ein paar Kilometer von Guljai-Pole entfernt und gelangte
somit auf das Territorium der freien Republik von Batjko Machno. Jeder Staat
und jede Macht brauchten – wie der Vater es so treffend und weise seinem Sohn
erklärte – sein Brot. Machnos Gesandter und
Steuerantreiber Löwa Zadow – eine dunkle historische Person – kam zum Vater
immer häufiger. Der freie und kriegführende Staat von Machno brauchte immer
mehr Brot, aber auch Fleisch, Pferde und Geld schon sowieso – alles, versteht
sich, als Steuer, zu der alles auf diesem Territorium Lebende und noch
Wirtschaftende durch Machnos Dekret verpflichtet worden war. Falls Löwa Zadow mit seiner
Truppe zu kommen vergaß, kamen zum Vater hungrige ukrainische Bauern aus
umliegenden Dörfern, die tagsüber Machnos Armee bildeten und sonst mit ihren
Familien zu Hause ausharren und sich ernähren mussten. Sie brauchten kein rechtfertigendes
Dekret, ansonsten brauchten sie aber alles bis zum letzten Huhn und Ei, bis zum
letzten Topf und Knopf. * Die erste Abfahrt oder darüber, wohin eine erfolgreiche Verteidigung führtEiner von Vaters Brüdern
hatte auf ihrem Landgut sein eigenes Wohnhaus und zwei erwachsene Söhne in
diesem Haus. Sie kamen vor kurzem aus dem Krieg und zwar so, wie sie ihn
führten – mit allen Waffen und mit der ganzen Munition. Damit versuchten sie
einst, beim nächsten Banditenüberfall, Stellung zu halten. Vaters Familie und
die Familie – Frau und vier Töchter – seines anderen, Vaters Wohnhaus teilenden
Bruders sollten auch zu ihnen hinüber kommen. Die Kampfuntauglichen versteckten
sich im Hause und die anderen bewaffneten und verbarrikadierten sich im Dachraum. Die Banditen kamen in der
Nacht und wurden vom heftigen Feuer der Verteidiger so überrascht, dass sie den
zum Schlachtfeld gemachten Hof fluchtartig, ohne richtigen Kampf und nur mit
ein paar ziellosen Schüssen verließen. Beim Rückzug drohten sie jedoch namentlich
den beiden Söhnen-Soldaten wiederzukommen, sodass die beiden Kameraden dann
schon sehen würden, was sie mit ihnen machen. Diese Kerle wuchsen mit den Landgutskindern
zusammen und kannten einander – auch die beiden Brüder – von klein auf wie ein
geschältes Ei. Die Bedrohung war ernst zu
nehmen. Sie konnten die Brüder – und nicht nur sie – jeden Moment, auch
tagsüber, aus jeder Ecke erwischen. Ganz zu schweigen davon, es zu wagen, die
Stellung gegen die ganze Armee von Batjko Machno zu halten. Diese Armee mit
ihren ungefähr eintausend Tatschankas – moderne Bürgerkriegswaffe aus einem
Dreipferdegespann mit dem nach hinten gerichteten Maschinengewehr – jagte
respektvolle Angst sowohl der Roten als auch der Weißen Garde ein. Die Ratssitzung der Väter
war kurz und die Entscheidung schnell. Die restlichen Ackerpferde, die Löwa
Zadow für seine Reiterei unbrauchbar fand, waren in zwei Pferdefuhren
eingespannt, alles Übriggebliebene, was noch einen Wert hatte, wurde darauf
geladen, die Kinder und Frauen ebenfalls darauf gesetzt, zwei Rinder hinten
dran angebunden. Der Pferdezug fuhr schon am
nächsten Abend ab. * Die letzte Bastion oder wiederum über große Gesellschaften und kleine FreudenDen gefährlichsten, auf dem
Banditenterritorium liegenden Teil ihres Fluchtweges überwunden sie in der
Nacht und kamen am nächsten Abend in Prischib an. Vaters Stadthaus, aus
siebzehn Zimmern bestehend, bot ihnen Zuflucht und Rettung und wurde auf einmal
voll von Flüchtlingen. Das Haus wurde während des
ganzen Jahres von der ältesten Tochter bewohnt, die in Prischib ihre
Mädchenschule bereits absolvierte und wie ihr älterer Bruder weiterstudieren
sollte. Die historischen Ereignisse jedoch überrollten sie und machten diesen
Plänen für immer einen Strich durch die Rechnung, genauso wie denen von ihren jüngeren Geschwistern. Sie blieb in
Prischib, war mit einer von Löwa Zadow dadurch geretteten Milchkuh versorgt und
konnte sich somit noch vernünftig ernähren. Als der Pferdezug ankam,
waren bereits ein paar verwandte Flüchtlingsfamilien aus anderen brennenden
Landgütern im Stadthaus des Vaters angekommen. Auch der Sohn aus Charkow kam
heim. Mit seinem Studium war es nun auch endgültig vorbei. Charkow war von
besoffenen Matrosen der Roten Garde überfüllt. Da alle Studierenden eine
Uniform mit Messingknöpfen zu tragen hatten, gerieten sie allesamt in Lebensgefahr.
Einem seiner Kommilitonen wurde von Matrosen auf offener Strasse ein kurzer
Prozess gemacht. Sie sollten ihn wegen dieser Messingknöpfe für einen der verhassten
Offiziere oder zumindest für einen Kadetten gehalten haben, der seine Schulterklappen
versteckte und sie verarschen wollte, und ermordeten ihn auf der Stelle.
Vielleicht waren sie dabei einfach zu besoffen. Also, das große Haus war
fürs erste voll. Diese Umstände freuten den kleinsten Sohn wahrscheinlich so,
wie die Größe der in eine enge Hütte gepackten Familie vierzig Jahre später
seinen kleinsten Sohn, den Kleinen, in
Sibirien auch freute. Prischib war von
Weißgardisten besetzt, von denen manche Offiziere auch noch in Vaters Haus
quartierten. Es war eine der hellsten Erinnerungen des Vaters vom Kleinen: Wie
die ganze Flüchtlingsgesellschaft abends im größten Wohnzimmer herumsaß, er
seinen weißen Flügel spielte und die Offiziere-Weißgardisten ihre
melancholischen Romanzen sangen. Zum ersten Mal waren seine – noch kleinen
Kindes – Fähigkeiten gefragt, und er stand dadurch im Mittelpunkt des Abends,
genoss Applaus der anderen und Lob der Weißen Offiziere. * Das Ende des russischen Zarenreiches und der Tod des Vaters oder darüber, wer für was kämpft und wie Bauern gefeuert werdenDie Rote Garde rückte vom
Norden unaufhaltsam immer näher heran. Die Weiße Garde mit diesen Offizieren
musste abziehen und ging nach Krim, um den Roten ihren letzten Kampf zu bieten,
ihn zu verlieren, sich im Ausland in alle Winde zu zerstreuen und sich somit
dort als die Weiße Garde, als die Russische Armee und als das Zarenreich
Russland selbst als nie da gewesen aufzulösen. Mit ihnen gingen die zwei
vom Landgut geflüchteten Söhne-Soldaten, die ihre Pferde sattelten, ihre Waffen
und Munition nahmen und mit den aus mehreren Tausenden Mann bestehenden und gut
bewaffneten Selbstschutztruppen der deutschen Kolonisten ritten. Diese
Selbstschutztruppen blieben zunächst – nach dem Abzug der Deutschländer –
alleine gegen die Übermacht der nächsten vorübergehenden „Rot-Grünen“ Koalition
von Rotgardisten und Machnos Banditen und schlossen sich später den
Weißgardisten fest an. Die deutschen
Kolonistenmänner – die wie die Kosaken auch in der Weißen Garde im Unterschied
zu den Weißen Offizieren nicht für Ehre und Monarchie, sondern für ihr eigenes
Hab und Gut gegen barbarische Rote Horden auftraten – kämpften, verloren und
mussten dann dafür büßen. Die beiden Söhne-Soldaten verschwanden spurlos in
diesem Kampf und keiner der Familienmitglieder hörte irgendwann irgendetwas
mehr über ihr Schicksal. Kurze Zeit später starb der
dreiundsiebzigjährige, für das Brot zuständige Vater-Bauer an Asthma, an dem er
auch schon früher litt und das – verstärkt durch eine Grippe – seinen durch
alle Strapazen der letzten Zeit geschwächten Organismus ganz schnell erledigte.
Besonders niederschmetternd war für ihn der letzte Schlag des Schicksals voller
Ironie. Im Jahre 1917 bezahlte er
die letzte Rate für das vor fünfzig Jahren noch an seinen Vater nach der Abschaffung
der Leibeigenschaft in Russland[4]
verpachtete Land ab, das nun zu seinem eigenen Besitz geworden war. Daran
arbeitete er und darauf freute er sich jahrelang. Er besaß dieses Land gerade
mal ein Jahr, als es ihm jetzt, nach der Niederlage der Ukraine, per Lenins
Dekret weggenommen wurde. Der alte weise Bauer mit
seinen Leistungen und seinem Brot wurde von Kommunisten fristlos,
entschädigungslos und zukunftslos gefeuert und konnte das nicht überleben. Er
wurde von seiner Familie auf dem evangelischen Kirchhof in der
Familiengrabstätte neben seinem Vater zur letzten Ruhe gebettet. * Die zweite Abfahrt oder über die rote Plage, schwache Menschen und starke EntscheidungenDas Kommando über seine
Familie übernahm der älteste Sohn-Student aus Charkow, dessen mit dem Vater
früher ausdiskutierte Entscheidung nun feststand – nur gab es jetzt, im
Unterschied zu damals, nichts mehr zu verscherbeln. Was blieb – Sack und Pack,
Frauen und Kinder – wurde wieder auf einen nunmehr aus einem Pferdewagen und
einer hintendran angebundenen Milchkuh bestehenden Flüchtlingszug aufgeladen. Der nächste Flüchtlingszug
fuhr in Richtung Krim ab – weg von den anrückenden, besoffenen und blutrünstigen
Matrosen und Arbeitern, die sich als die revolutionäre Rote Garde bezeichneten. In einer Woche legten sie
etwa hundert Kilometer Fluchtweg hinter sich. Es begann bereits der Frühling
1919. Der Schnee schmelzte und es fing an, immer häufiger zu regnen. Der fette
ukrainische Mutterboden schwoll vom Wasserüberfluss an und leistete Rädern keinen
Widerstand mehr – sie versanken darin bis auf die Achsen. An einem kleinen,
aber durch Tauwasser unpassierbar gewordenen Fluss blieb der Zug stecken. Der
anführende Sohn traf eine verzweifelte und bittere Entscheidung: „Ihr alle kehrt nach
Prischib zurück, und ich gehe allein mit einem Rucksack weiter. Euch, Frauen
und Kindern, darf nichts passieren, während ich, ein erwachsener Mann, für
einen flüchtigen Weißgardisten gehalten und erschossen werde.“ Die Familie, von der nun die fünfundfünfzigjährige Mutter, die
älteste zwanzigjährige Tochter – die künftige Tante – die nächste
achtzehnjährige Tochter, ein vierzehnjähriger Sohn und ein elfjähriger Sohn –
der künftige Vater des Kleinen – übrig blieben, kehrte nach dem bereits von den
Rotgardisten besetzten Prischib zurück. Sie wurden zwar streng befragt vor
allem danach, wieso sie auf der Flucht waren, wenn sie ihren Beteuerungen nach
unschuldig seien; wieder mal beraubt, indem ihnen nun alles – womit sie
zurückkehrten – weggenommen wurde, aber großzügig am Leben gelassen. Die Roten hatten zu dieser
Zeit noch genug erwachsene Männer hinzurichten, obwohl sie ihre Rachefeldzüge
nach ihren Erfahrungen in erbitterten Kämpfen gegen die Selbstschutztruppen der
deutschen Kolonisten nicht nur gegen Männer führten. Ganze Dörfer und Siedlungen
von deutschen Kolonisten – samt aller Einwohner, samt ihrer Kinder, Frauen und
der Alten – wurden im Frühling und Sommer 1919 von den Bolschewiken verbrannt:
Vier davon auf dem kläglichen Fluchtwege der Familie südlich von Prischib. Der fortgegangene Sohn wurde
auf der Krim von manchen Verwandten gesehen. Nach einigen widersprüchlichen
Aussagen lag er im Typhus, nach den anderen bewarb er sich als Matrose auf ein
ins Ausland auslaufendes Schiff. Jedenfalls galt er seitdem als verschollen und
die Familie hörte außer dieser Gerüchte nie wieder etwas von ihm. Das Leben in Prischib – ohne
Grundlage in dem großen, aber leer beraubten Haus – wurde immer schwieriger.
Die Mutter – geborene Stark – beschloss, das Haus den beiden erwachsenen
Töchtern zu überlassen und mit beiden minderjährigen Söhnen fortzugehen. * Der Beginn des "brotlosen Paradieses auf Erden" und der Weg ins Nirgendwo oder darüber, was bedeutet, nackt zu sein, und wonach der Humor riechtEine starke, wenn
auch merkwürdige Entscheidung. Geplant war es, die durch Lenins Bodendekret jedem
Bauern versprochenen fünf Hektar Land pro Kopf für die fünfköpfige Familie in
Anspruch zu nehmen und damit den neuen Anfang zu versuchen, obwohl sie so viel
Kraft gar nicht hatten, dieses Land zu beackern. Ihnen wurde der Obstgarten
auf ihrem eigenen Landgut zugeschnitten. Das Landgut lag in Ruinen und es
schien keinen zu geben, der von ihm Gebrauch zum Wohle des Staates und des
Volkes machen wollte. Die Scheunenreste wurden
auseinander genommen, und aus den gewonnenen Ziegelsteinen wurde eine kleine
Hütte gebastelt. Die übrig gebliebenen Steine wurden teils verkauft, teils
gegen Lebensmittel getauscht. Der Garten wurde gepflegt und allmählich wiederbelebt,
sodass er wieder fruchtete. Die Früchte wurden wiederum umgetauscht und
verkauft. Die Jungs arbeiteten, wurden älter und kräftiger und es schien schon,
wirklich aufwärts zu gehen. Die Hungerjahre nach dem
Bürgerkrieg waren überstanden. In diesen Jahren sahen sie, wie Menschen aus
umliegenden Dörfern, die sie von früher kannten, massenhaft herumstreunten und
verhungerten. Die Menschen, die bei ihnen früher beschäftigt waren, ihr Geld
und Brot verdienten und gut lebten, verfielen in wenigen Jahren nach der
Revolution und Vaters Tod in Not und Hungertod. Einige von ihnen waren bei
der Mutter, beklagten sich darüber und erinnerten sich an die alten guten
Zeiten, als alles noch so schön und wohlergehend war. Die Bolschewiken schienen,
das Brot für das Volk am wenigsten zu brauchen. Sie waren eher an Hungersnöten
interessiert. Dann kam die Ära Stalins,
der den neuen Bauern ihren Grund und Boden wieder auf brutalste Weise wegnahm.
Die ärmsten – die ihre Anteile gleich versoffen oder runtergewirtschaftet
hatten, und damit ihre Unfähigkeit zu wirtschaften bewiesen – wurden in
Kolchosen zusammengetrieben. Die anderen, die in dieser kürzesten Zeit ihr Land
zum Blühen brachten und vermehrten – darunter auch eine Menge von vorher beraubten
deutschen Kolonisten – wurden zu Kulaken und Feinden der Sowjetmacht erklärt,
nach Sibirien in die Arbeitslager verbannt oder – wie bereits gewöhnlich –
erschossen, während ihr Land, Hab und Gut auch in die Kolchosen an die Unfähigen
ging. Dahin ging der nächste große
Teil der Familienverwandtschaft, die kurz vor der Revolution aus knapp hundert
Familien aus allen Kolonienecken bestand. Die Kollektivierung der
Landwirtschaft – als eine Voraussetzung für die Industrialisierung des
bolschewistischen Reiches, als die Vorbereitung der russisch-roten Expansion in
den feindlich-kapitalistischen Westen – nahm somit ihren „erfolgreichen“ und
verheerenden Lauf. Die Erfolge der Mutter mit
den zwei Halbstarken waren – Gott sei Dank! – bescheidend, um sie zu Kulaken zu
machen und zu vernichten. Trotzdem wurde der von Kindern wiederbelebte Garten
enteignet und kollektiviert, die von ihnen erbaute Hütte ebenfalls. Bevor sie aus der Hütte
weggingen, zeichnete der Jüngste auf dem Ofen einen nackten Mann und schrieb
darüber: „Bei dem ist nichts mehr zu holen!“ – der künftige Vater des Kleinen
wusste noch nicht, dass derartige Witze lebensgefährlich sein können. Er war
noch kein fertiger Überlebenskünstler – er lernte es noch und ging seinem
zwanzigsten Jahr entgegen. Sie gingen wieder – diesmal
zu Fuß und diesmal ins Nirgendwo. „Marschieren oder krepieren“ schien
allmählich bei den Kolonisten wie bei den französischen Fremdenlegionären zu
ihrem Motto zu werden. Das Volk auf dem Weg – wie
der Ewige Jude[5],
nur ohne zu wissen, wofür es bestraft und selbst gekreuzigt wird. * Neue Art von sowjetischen Funktionären oder darüber, wie schön es sein kann, ein armer Pole zu sein, und wer im Hause der Herr istDie drei gelangten nach
einer schweren Wanderzeit in einer kleinen Eisenbahnstation am Asowschen Meer,
die in der Nähe von Grunau – einer anderen der deutschen Kolonien in der
Ukraine – lag. Nach Grunau ging damals, noch vor Vaters Tod, aus Prischib sein
Bruder – der Vater zweier Söhne-Soldaten. Er hatte hier ein Rasthaus und sein
Stadthaus. Die drei fanden hier weder
den Vater noch seine Söhne und auch sonst niemanden mehr aus der Verwandtschaft
und mussten woanders nach einem Unterschlupf suchen. Der ältere Sohn fand eine
einigermaßen bezahlte Stelle bei der Eisenbahn und eine kleine Mietwohnung.
Weder die Bezahlung noch die Wohnung reichten für drei. Der jüngste Sohn musste
gehen. Die Mutter war bei dem älteren Sohn geblieben und starb dort kurz vor
dem Zweiten deutsch-russischen Krieg. Der Bruder arbeitete weiter und
verschwand nach dem Ausbruch dieses Krieges spurlos, wahrscheinlich nach
Stalins Erlass vom August 1941 in der „Trudarmee“ – einem der extra für die
deutschen Kolonisten eingerichteten Zwangsarbeitskonzentrationslager. Der jüngste Sohn marschierte
auf die Krim – man hörte, dort gäbe es Arbeit. Auf diesem langen und beschwerlichen
Wege erkrankte er und starb fast an Typhus. Gute Menschen aus einem deutschen
Dorf auf seinem Wege pflegten ihn eine Zeit lang und stellten ihn wieder auf
die Beine. Abgemagert zu einem Skelett erschien er schließlich bei seiner
ältesten Schwester in Prischib. Die Schwester heiratete
mittlerweile einen der vorbei streuenden Obdachlosen – einen bei ihr
obdachsuchenden Polen. – Es wurde bei Stalin erneut immer gefährlicher, die
kapitalistisch–exploiteurischen Wurzeln aufzuweisen, und die kluge Schwester
hoffte, durch ihren neuen durch diese Heirat erworbenen und total
lumpenproletarisch-polnischen Namen diese Wurzel endlich und endgültig
vertuschen zu können. Die jüngere Schwester
heiratete aus denselben Gründen einen
russischen Arzt und zog nach Zitomir in die West-Ukraine, wo sie gleich nach
dem Kriegsausbruch für immer verschollen war – wahrscheinlich ist sie im Juni
1941 unter den ersten deutschen Bomben gefallen. Die gebliebene Schwester und
ihr polnischer Retter hatten zusammen bereits eine Tochter und einen Sohn in
die Welt gesetzt. Der Mann war ein Niemand ohne jede Ausbildung, ohne Beruf und
überhaupt ohne jede Berufung oder Fähigkeit – ein geborener
sowjetisch-kommunistischer Funktionär also. Aus diesen Gründen funktionierte er
auch bei Bolschewiken in verschiedenen Rollen, indem er sich mit einer Aktentasche
unter dem Arm herumtrieb, in der ein paar Butterbrote von zu Hause und eine
Flasche gekauften Wodka für „wichtige Besprechungen“ mit den anderen
Funktionären lagen. Er war aber auch nun der Herr in Vaters Hause. * [1] „Heimatbuch der Deutschen aus Rußland“ (mit der beigelegten Landkarte der deutschen Siedlungen in ehem. Gebieten Taurien und Ekaterinoslaw, bearbeitet von Dr. K. Stumpp), herausgegeben von der Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland, Stuttgart, 1957 [2] Ingeborg Fleischhauer "Die Deutschen im Zarenreich". Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), Stuttgart, 2. Auflage, 1991 [3] "Spazierfeld" beziehungsweise "Sauffeld" (rus.) [4] Die Leibeigenschaft wurde in Russland erst im Jahre 1861 vom Zaren Alexander II. abgeschaft worden – 80 Jahre später als im Deutschen Reich vom Kaiser Joseph II. [5] Der sagenhafte Jude, der zur Strafe für die Kreuzigung Christi ruhelos durch die Welt irren muss | |||||||||||||||||