Viktor Eduard Prieb - Literatur
- Prosa


Die Gefangenschaft
oder über die Relativität aller KZs und menschlicher Belastungsgrenzen


(Aus meinem Buch
"Der Zug fährt ab"



Der Zielort war unbekannt. Die Reise mit mehreren langen Zwischenstopps, mit Hunger, Kälte, Krankheiten und mit ebenfalls vielen Toten dauerte bis in den Spätherbst. Es wurde auf einmal weiß draußen und immer kälter. Hungernde und frierende Menschen starben wie Fliegen im Herbst. Ihre Leichen wurden beim nächsten Halt von den Kameraden-Gefangenen gleich hier, an den Gleisen, auf die schnelle begraben.

Ende Oktober kam der Zug in Molotow[10] am Ural an. Der eisige Wind und Frost machten den erschöpften Aussteigenden sehr zu schaffen. Der Vater hatte immer noch seinen wirklich bis zu Lumpen abgetragenen kurzen Anzug vom Förster an, aber den Körper darunter wickelte er mit altem Papier um, das er noch vor der Abreise vorsorglich in seinen mageren Sack reingestopft hatte. - Seine auf den Kenntnissen über perfekte Wärmeisolierungseigenschaften von Papier basierende Erfindung, die ihm auch später immer nützlich war und sein Leben rettete.

Weiter ging es im Fußmarsch. Der Zug stand auf einem Abstellgleis fern vom Bahnhof. Hier wurden sie in eine Kolonne zusammengetrieben und krochen fort, beiderseitig von den bewaffneten Rotarmisten umzingelt. Außerhalb der Stadt führte der Weg - eine vollverschneite Landstraße - in den Wald. Im Walde war es nicht so windig, und es schien dadurch, etwas wärmer zu werden.

Auch die Bewegung erwärmte die Sträflinge. Nur kostete diese Bewegung die kaum noch gebliebene, kostbare Energie und die Energie kostete das Leben. Ab und zu hörte man am Ende der Kolonne kurze trockene Schüsse - noch ein Entkräfteter fiel in den Schnee und wurde von der Wache erlöst. Erst zum Abend hin, schon in der Dunkelheit, erreichte ihre Kolonne das mit Stacheldraht und Wachtürmen an jeder Ecke umzäunte Konzentrationslager. Ihr Endziel.

Der Vater schaffte es wieder, seine nächste Lebensstation erschöpft, aber immer noch lebend zu erreichen. Wieder ein Grund, sich selbst mehr als jemand anderem oder sogar dem Schicksal zu danken. An Gott glaubte er schon lange nicht mehr, seit sein tief evangelischer Vater im evangelischen Prischib gestorben war und er, noch ein kleines und ebenfalls evangelisches Kind, hatte von Vaters Haus in die gottlose Welt fortgehen müssen.

Am Anfang sehnte er sich nach Gott und versuchte, die auf ihn auferlegte Gottesstrafe zu verstehen. Aber für seine kleinen Kindersünden wurde diese Strafe immer größer, immer schwerer und immer unverständlicher, bis er es aufgab, Gottes Vorhaben mit ihm zu rechtfertigen und nach Gottes unergründlichen Wegen zu suchen.

Er allein war für sein Schicksal und sein Leben zuständig und verantwortlich. Er lächelte nur verbittert, als er sich mit dem Gürtel "Gott mit uns!" umschnallen musste. Die meisten damit beschmückten Kameraden wurden gemetzelt und gelangten mit ihrem Glauben an Gott und mit seiner Hilfe bestimmt ins Paradies unter Gottes Wache. Der Vater bevorzugte diese dreckige irdische Hölle und diese dreckige menschliche Wache.

Er freute sich nicht. Er überlegte nur, ob er jetzt und hier, von kleinwüchsigen, zum Militärdienst aus welchen Gründen auch immer nicht geeigneten oder nicht zugelassenen Rotarmisten bewacht, unter denen die meisten - welch schwarze, in alle Geschehnisse tausendmal hineinschleichende Ironie des Lebens! - sowjetische Juden waren, den Höhepunkt dieser Hölle erreichte. Und doch ist das Leben - mit oder ohne Gott - viel zu ironisch und immer für Überraschungen viel zu gut, um es gegen Paradies mit Gott umzutauschen. Schließlich kann man das echte Paradies auch nicht zu schätzen wissen, ohne mal durch die echte Hölle gegangen zu sein.

Schon mehrmals in seinem Leben dachte der Vater:

"Na, wenn ich das überlebe, kann mir nichts mehr passieren!"

Er unterschätzte die Steigerungsfähigkeit der teuflischen Schicksalsrückschläge. Schlimmer ging es immer. Nun wusste er, die richtig echte Hölle bisher noch nicht erlebt zu haben. Die Sträflinge fällten Holz im Walde. Vom Werkzeug gab es nur Zweihandsägen und Äxte. Die gefallenen Holzstämme schleppten sie, an Leinen ziehend, ans Ufer eines Flusses und stapelten sie dort hoch. Im Frühling, als das Eis brach und den Fluss befreite, wurden die Holzstämme ins Wasser heruntergelassen und zur Eisenbahn hin abgeflößt.

Die an Flussbögen ans Ufer angetriebenen oder im Fluss verstauten Holzstämme mussten im Herbst von den bis zu den Hüften im eiskalten Wasser stehenden Männern mit Hackstöcken weiterbefördert werden. Zu dieser aus den stärksten und noch einigermaßen gesunden Sträflingen ausgewählten "Elitetruppe" gehörte auch der Vater. In ein paar Wochen waren sie erledigt. Vaters durch Hunger, Kälte und Nässe erschöpfter Körper fing an, bläulich anzuschwellen. Dieser, sich noch vor zwei Tagen einem Skelett ähnelnde Körper wurde allmählich zu einer Wasserblase mit Elefantenbeinen.

"Das war es..." - dachte der Vater mit einem kaum noch menschlichen Gefühl.

Sein Organismus war jedoch immer noch nicht bereit aufzugeben und klammerte am Leben mit einer über alle menschlichen Überlebensfähigkeiten gehenden Sturheit. Diese Resistenz überzeugte sogar die Lagerverwaltung und der Vater wurde ins Lazarett eingeliefert. Ein paar Tage Erholung und etwas besseres Essen machten ein Wunder möglich und schafften den Rest: Die Anschwellung verschwand und etwas Kraft kehrte zurück. In zwei Wochen wurde er aus dem Lazarett entlassen und wieder für die Bullenarbeit eingesetzt.

Der wieder auf die Art "Wenn ich schon das überlebt habe,..." gerstärkte Wille brachte es doch fertig, das Arbeitslager bis zum Ende durchzustehen. Der Vater verlor nur eine Menge Haare, fast alle Zähne und konnte bis zu seinem Lebensende nur noch mühsam und elend Wasser ablassen.

Zum Schluss bestimmten sie dem Vater seinen Verbannungsort und waren dabei sogar großzügig: Sibirien ist ja sehr gro? und fast gleichmäßig dem normalen Menschenleben fremd, daher war es den Vollstreckern schließlich egal, wohin mit dem Vater und sie fragten ihn, ob er irgendwelche Sonderwünsche hätte, beziehungsweise irgendwelche von ihm bevorzugten Orte in Sibirien wüsste.

Er wusste überraschenderweise einen, nämlich dort in der Nähe von Nowosibirsk, wo seine Familie, bereits seit mehr als zwei Jahren auf ihn wartend, in so einer Sondersiedlung krepierte. Seine drei Jahre andauernde Kriegsodyssee ging endlich zu Ende und der Vater stand - dank seines fast unerwartet geglückten Plans - unmittelbar davor, seine Familie wieder zu sehen.

Es wurde ihm mit seinem "Sonderwunsch" entsprochen, und im Herbst oder, nach sibirischen Verhältnissen, schon im Frühwinter 1947 kehrte er - wie versprochen - zu seiner in diese sibirische Sondersiedlung gesteckten Familie - "nach Hause" - zurück.

* * *



[1] heutige Stadt Permj am Ural in Russland


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