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Der Trauerzug fährt ab
oder
über
die Rückkehr an den Rand der Welt
(Aus dem Buch
"Der Zug fährt ab“
www.literatur-viktor-prieb.de)
Der Vater konnte aber nichts
mehr hören. Er starb im vorigen Winter beim tiefsten sibirischen Frost, ein
paar Monate vor Gorbatschows „Tauwetter“.
Er starb an dem durch eine
Grippe erschwerten Asthma.
Er starb schnell und
unbeschwert, wie sein Vater vor sechsundsechzig Jahren.
Am Vorabend besuchte ihn
eine Krankenschwester aus der Dorfklinik und gab ihm eine Beruhigungsspritze.
Er schlief ein und wachte
nie mehr auf.
Es passierte gute zwei
Monate vor seinem siebenundsiebzigsten Geburtstag.
Er wurde nicht durch einen
Kopfschlag mit einer Brechstange erledigt, wie er über die überlebenden
Kolonisten zu scherzen pflegte.
Er wurde durch eine
stinknormale Grippe und eine stinkverdächtige Spritze einer stinkblöden
Krankenschwester umgebracht.
Vielleicht aber auch noch
durch sein ganzes stinkverdammtes Leben.
Den Schlag mit der
Brechstange erlebte eher der Kleine, als er das Telegramm mit der Nachricht
über Vaters Tod erhielt.
Er kam zum Vater am nächsten
Tag nach seinem Tod.
Die anderen Brüder waren
schon zur Stelle.
Diesmal hatten sie alle einander
noch weniger zu sagen, aber nun verging ihnen auch das Lachen – zu groß waren
der Schock, die Bestürzung und die Ratlosigkeit. Zu groß war der Verlust.
Das gemeinsame Gefühl
erfasste sie, als ob ihnen der Boden unter den Füßen entzogen würde und nichts
mehr so sein wird wie es immer war.
Der Vater war die
Anziehungskraft, die sie immer zusammenhielt, und der Anziehungspunkt, an dem
sie immer wieder zusammenkamen.
Ihre geschlossene Zelle,
ihre Familie, zerfiel auf einen Schlag und somit zerfiel ihre intellegible
Welt.
Der vierunddreißigjährige,
abgehärtete und lebensschlagstarke Kleine fühlte sich plötzlich wieder klein,
verloren und verlassen – allein auf der ganzen Welt.
Das Gefühl, das ihn vor über
zwanzig Jahren so krank machte, war wieder da.
Nur war es diesmal die
Realität und nicht mehr seine kranken Phantasien.
*
Der Kleine saß die ganze
Nacht mit den anderen Brüdern in der Küche und betäubte sich mit Wodka.
Der offene Sarg stand im
Wohnzimmer.
Die Wohnung wurde nicht
beheizt und es war bitterkalt drin.
Hin und wieder stand der
Kleine auf und ging zum Vater ins Zimmer rüber.
Er lag im Sarg mit so einem
entspannten und zufriedenen Gesicht, das der Kleine bei ihm nie im Leben gesehen
hatte.
Und auf einmal wurde er
sauer und sprach zu seinem Vater, zu seinem Kindheitskameraden und Arbeitskollegen:
„Abgehauen, was? Jetzt bist
du zufrieden. Natürlich.“
„...“
„Und was soll ich jetzt? Was
hast du dir dabei gedacht?“
„...“
„Du hattest endlich diese
von uns allen verdammte Scheiße satt – das ist klar. Aber mich hast du in diese
Scheiße hineingeboren, ohne mich allerdings zu fragen, ob ich das nötig hatte.“
„...“
„Jetzt lässt du mich auch
noch im Stich, allein mittendrin in dieser Scheiße. Ist das deine Kameradschaft?“
„...“
„Jetzt schweigst du. Endlich
hast du nichts mehr zu sagen. Sonst wusstest du doch immer und über alles
Bescheid.“
Dabei heulte der Kleine
verbittert und verzweifelt.
Dann kam der ältere Bruder,
packte ihn an die Schultern und fuhr hinaus:
„Komm. Lass ihn im Frieden
ruhen. Die Ruhe hat er nun wirklich verdient. Und er ist uns nun wirklich keine
Erklärung schuldig geblieben.“
Und sie gingen wieder in die
Küche und trösteten sich und erwärmten sich innig wieder mit Wodka.
*
Zwei Tage warteten sie auf
ihre Schwester, die von weitem her zum Begräbnis anfliegen sollte.
Sie nahmen Abschied von
ihrem Vater und machten kein Auge zu.
Währenddessen wurden schon
alle Vorbereitungen getroffen.
Die Schwester kam mit ihrem
Mann an.
Der Thermometer draußen fror
unter minus fünfundvierzig Grad ein.
Ihre Strasse war bis zum Dach verschneit. –
So war es immer in ihrer Kindheit.
Der Weg zu dem für den Kleinen heimischen Friedhofe
Wurde im Schnee mit einem Bulldozer freigestoßen.
Der Weg außerhalb des Dorfes – etwa zwei Kilometer lang –
Dorthin, wo früher ihr "Landgut“ lag.
Der Sarg wurde auf einen Pferdeschlitten gestellt.
Die letzte Flucht des Vaters vor dieser Welt,
Die ihn sein ganzes Leben lang versuchte zu killen.
Diesmal fluchtete er aus seiner eigenen Familie,
Für die es ihn schon immer gab...
Der Trauerzug fuhr nunmehr ab.
Am Rande des Dorfes nahmen vier Söhne den Sarg vom Schlitten
Und trugen ihn weiter auf ihren Schultern.
Sie begriffen jetzt endlich und plötzlich alle,
Warum sie gerade zuviert vom Vater geboren waren.
Und es war unerträglich zu sehen,
wie der Vater so ganz alleine und so ganz unten auf dem Schlitten
Über die todverschneite und todgefrorene Strasse glitt.
Nun schwebte und glitt er auf ihren Schultern
So ganz oben über den Köpfen von allen Leuten.
Sie trugen ihn zwei Kilometer lang
Und kein Fremder kam mehr an ihn heran.
Der Kleine - auf einmal - verstand:
Dies wäre das Einzige, was er für ihn noch tun kann.
Mit ihm auf den Schultern durch Schneewehen
Und durch die Menschen zusammenzugehen:
Wie er es früher so kindisch mochte,
Was ihn auch so stolz auf die Söhne machte.
Nun trugen sie ihn zu ihrem alten Friedhof.
An ihm hat der Vater auf den Kleinen gehofft.
An dem war der Kleine von ihm geboren.
Der war mal zu Kleiners Spielplatz geworden.
Hier hatte er seinen Horizont ausgewählt.
Dieser Friedhof war mal seine ganze Welt,
Wo der Vater ihn auf den Schultern trug.
Nun kehrte der Vater auf auf seinen Schultern zurück -
Auf das von ihm ausgedachte Landgut.
Weil sich alles auf der Welt in endlosen Kreisen dreht.
Und nichts – außer menschlicher Aufrichtigkeit – so gerade zält.
Weil jede Gerade, die man sieht,
Schließlich ein Kreis mit endlosem Radius ist.
Und alles, sogar was verloren zu sein schien,
Kommt irgendwann wieder auf seine Kreise hin.
Und alles, was geschah, geschieht nun wieder.
Und wird wieder geschehen, und kommt mit den anderen nieder.
Aber der Kreis schloss damit ab,
Als ob es nichts dazwischen gab.
Der Kleine verstand an diesem Tag-X
Zwischen Anfang und Ende war alles nichts.
Und nichts wird mehr wie früher sein,
So wie der Kleine wird nie wieder klein...
und nichts wird mehr werden...
*
Auf dem Friedhof hatten vier
fremde, mit Wodka gut versorgte Männer während des ganzen vorigen Tages das
Grab für den Vater in der eiserngefrorenen Erde mit Mühe, Feuer und Brecheisen
ausgescharrt.
Nach einem kurzen Abschied
nagelten die Söhne die Sargdecke zu und versenkten den Sarg an Leinen in die
Grabtiefe.
Erst dann durften die
Fremden wieder heran, das Grab mit gefrorenen Erdklumpen zuschütten.
Es hörte sich so an, als ob
sich der Vater aus dem Sarg hinauf auszuschlagen versuchte.
So als ob er sich plötzlich
daran erinnerte, ihnen etwas Allerletztes und Allerwichtigstes zu sagen vergessen
zu haben.
Dieses Verhalten der Söhne
war gegen alle Sitten und Bräuche sogar in diesem Gefängnisdorf, wo es
überhaupt kaum noch Bräuche und Sitten gab.
Aber es war den Söhnen jetzt
auch alles egal.
Und kein Mensch versuchte,
ihnen Vorwürfe zu machen.
Die Menschen schienen das
verstanden zu haben.
*
Nach dem Begräbnis wurden schnell
die anderen Sachen erledigt.
Die Mutter musste nun in die
Familie des ältesten, von ihr in Sibirien nach dem Vater umgenannten Sohnes. Er
wohnte in der nächsten Strasse.
Der Elternhaushalt wurde
aufgelöst, indem fast alles weggeschmissen und die dem Schweinebetrieb
gehörende Mietwohnung für Schweinebedürfnisse freigegeben wurde.
Die Mutter durfte, des
Platzmangels in der Wohnung des Sohnes wegen, nur eine Kommode, ihre uralte
Nähmaschine „Singer“, die mal für die Bekleidung der ganzen Familie sorgte, und
Vaters alte, aber klangvolle Gitarre mitnehmen.
Eine der Schubladen in
dieser Kommode, die dem Vater gehörte und immer – allein wegen der Übergriffe
von „Rebellen“, wie er liebevoll seine Enkelkinder nannte – abgeschlossen war,
wurde aufgemacht.
Darin lagen die drei schön
bemalten und auf Deutsch beschrifteten Blechdosen, zwei nach dem Krieg
angefangene Notizbücher, ein Bündel Briefe von der Tante aus Deutschland und
neunhundert Rubel, die der Vater der Mutter nach seinem Abgang hinterlassen
wollte und alle letzten Jahre zusammenlegte.
Der Betrag summierte sich
aus Gewinnen durch den Tomatenverkauf, die der Vater in den letzten Jahren sehr
erfolgreich anbaute und den Dorfeinwohnern verkaufte, die es selbst nicht
schaffen konnten. Wahrscheinlich waren darunter auch ein paar Rubel, die
manchmal von den Söhnen und von der Tochter zugeschoben wurden.
Diese Sorgfalt und die knapp
Tausendrubel waren zum Heulen. Der Kleine machte in diesem Jahr gerade das
Doppelte in einem Monat im Norden. Nur der Wert seines und Vaters Geldes war
von ganz verschiedenen Maßstäben.
Das war der Sinn und der
Stolz Vaters Lebens in den letzten Jahren, dieses Geld einzusparen – was er
schon immer konnte, sonst wäre die Familie ja schon längst verhungert – und für
die Mutter damit Sorge zu tragen. Keiner durfte ihm diese Pflicht abnehmen.
Was das von den Söhnen
verdiente „große“ Geld betraf, da war er schon froh, dass sie nicht mehr oder
wenigstens nicht so oft zu ihm kamen, um bei ihm Geld zu borgen, und endlich
imstande waren, für sich selbst zu sorgen.
Als Vaters Erbe bekam der
Kleine eine zweifache Lupe, denn er schien Vaters Augenkrankheit geerbt zu
haben, und hatte auch noch sein rechtes Auge verloren; eine der Blechdosen mit
Vaters seit dem Krieg noch dort drin aufbewahrtem Soldatenrasierapparat und das
alte, noch während ihrer Zusammenarbeit in einem der Dachräume gefundene, im
Jahre 1956 herausgegebene und „Genozid“ definierende Fremdwörterlexikon.
Das war das einzige Buch, in
dem der Vater an seinem Lebensende mit seiner Lupe noch etwas nachschlagen
konnte. Der Vater meinte, dass der Kleine als Wissenschaftler unbedingt dieses
Buch erhalten sollte, aber nur nach seinem Tode eben.
Zum Schluss schrieb der
Kleine in sein Notizbuch die Adresse der Tante in der BRD ab – Dinslaken/NR...
Einfach so, für alle Fälle.
Der letzte leicht
schimmernde Ariadnefaden zum Vater, der all diese Jahre allein für den Briefwechsel
mit Deutschland zuständig war.
Das war auch das letzte, was
der Vater noch für ihn tun konnte, um sich vor ihm zu rechtfertigen und seine
Nachtfragen am Sarg zu beantworten.
Und das war nicht wenig.
*
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